Zukunftsbild Arbeit

Gute Arbeit schaffen und sichern

Wie sieht unsere Zukunft 2045 aus?

Die treibhausgas-neutrale Gesellschaft ist im Jahr 2045 nach wie vor eine Arbeitsgesellschaft: Wir arbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Arbeit ist und bleibt aber mehr: Sie stiftet Identität und trägt zur gesellschaftlichen Integration bei. Wohlstand und Aufstiegschancen sind für viele Menschen, keine Begriffe einer glorifizierten Vergangenheit, sondern im Arbeitsleben ganz real zu erleben. Gleichwohl hat sich sowohl die Erwerbstätigenstruktur in Deutschland wie auch das Normalarbeits-Verhältnis verändert.

Wie konnte die Zukunft so gestaltet werden?

Gute, tarifgebundene, mitbestimmte Arbeitsplätze bleiben

Insgesamt ist die Zahl der Erwerbstätigen seit den 2020er Jahren zwar zurückgegangen. Dies ist jedoch vor allem dem demografischen Wandel geschuldet. Die Anzahl der Menschen, die arbeiten, trotz Zuwanderung um mehrere Millionen Personen gesunken.

Dennoch ist es gelungen, dass die Transformation der Ökonomie zur Treibhausgas-Neutralität gesamtwirtschaftlich nicht zu einem Stellenabbau geführt hat. Dabei ist nicht nur die Quantität der Stellen erhalten geblieben. Es ist gelungen, gute, tarifgebundene, mitbestimmte Arbeit aufzubauen.

"Meine Vision ist, den Spagat zwischen Klimaschutz, guter Arbeit und sozialem Zusammenhalt gemeinsam geschafft zu haben."

Reiner Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)

Klimaschutz als Wirtschafts- und Jobmotor

Auszubildende arbeitet mit einem Winkelschleifer

Die Märkte für klimaneutrale Technologien und -dienstleistungen sind etwa durch Investitionen in den Ausbau erneuerbarer Energien, Energieeffizienz und klimafreundliche Mobilität nach dem Abkommen von Paris 2015 rasant gewachsen. Immens gewachsen ist der Baubereich – vor allem durch die energetische Sanierung eines Großteils aller 20 Millionen Gebäude. Noch weitgehender sind die Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen im ganzen Land. Sie haben eine Fülle an Jobs – analog und digital – hervorgebracht. Dazu hat der Ausbau, und die Instandhaltung des öffentlichen Personennah- und Fernverkehrs , und des Fahrrad- und Fußwegenetzes in der Stadt und auf dem Land beigetragen. Die Branchen Elektrizität, Kälte- und Wärmeversorgung haben auf diesem Weg einen enormen Beschäftigungsaufwuchs erfahren, und es gab einen regelrechten Andrang auf Ausbildungsberufe und duale Studiengänge. Nach Erreichen des Ausbauziels sorgt die Erneuerbare-Energien-Branche weiterhin für Arbeitsplätze, denn die Anlagen bedürfen der Wartung und nach und nach des Ersatzes durch leistungsfähigere Anlagen. Dabei zeigt sich, dass die neuen Jobs über alle Qualifikationsniveaus hinweg entstanden sind.

Beteiligung der Beschäftigten als Erfolgsmodell

Stahlarbeiter

Der Umbauprozess hat zu einer Verschiebung von Arbeitsplätzen in andere Branchen und Regionen geführt. In Industrieunternehmen, in denen der Umbruch besonders groß war, konnte der Stellenabbau durch starke Betriebsräte und Gewerkschaften sozial gestaltet werden. Zudem wurden branchenübergreifende Wechsel durch die Kultur des lebensbegleitenden Lernens, und durch individuelle Ansprüche auf Weiterbildung erleichtert.

Die Beschäftigten wurden beteiligt und ihre Kenntnisse genutzt. Eine gute Mitbestimmungskultur und starke Betriebsräte waren eine wesentliche Voraussetzung dafür: Die Handlungsmöglichkeiten der Betriebsräte wurden verbessert, um sowohl bei der Personal- und Qualifizierungsplanung als auch der Produkt- und Prozessinnovation die Interessen und das Wissen der Beschäftigten einbringen zu können. Betriebliche Zukunftsvereinbarungen, die Verabredungen für mittel- und langfristige Investitionsentscheidungen, zum Kündigungsschutz und zur Personalentwicklung sowie zum Produktionsstandort beinhalten, sicherten die Akzeptanz der Transformation.

Die teilweise auftretende mangelnde Tarifbindung, die in der sogenannten "Uberisierung der Arbeitsplätze" ihren Höhepunkt fand, wurde um neue Formen der Mitbestimmung und der Tarifvertragsgestaltung ergänzt, und durch ein an die neuen Bedingungen angepasstes Arbeitsrecht unterstützt. Wichtiger Impuls war die Modifizierung des Vergaberechts: Öffentliche Aufträge wurden nur noch an Unternehmen vergeben, die sich an Tarifverträge halten. Damit wurde die Tarifpartnerschaft gestärkt, und so sichern Tarifverträge weiterhin vielen Beschäftigten gute Löhne und gute Arbeitsbedingungen.

Positiv ausgewirkt haben sich zudem ein Standard für Mindestlöhne, und weitere Mindeststandards in der Arbeits- und Sozialpolitik in allen EU-Mitgliedstaaten. Der Begriff der "guten Arbeit" ist für alle Bereiche konkret ausformuliert, und Arbeitgebern zur Auflage gemacht worden. Ein Grundeinkommen für Beschäftigungslose und die Grundrente sind ein sinnvolles Auffangnetz.

Es gab staatlich geförderte Weiterbildungsprogramme in den Unternehmen selbst, Kooperationen mit Universitäten und Fachhochschulen sowie sozialverträgliche Wege in den Ruhestand. Für die Beschäftigten wurden vielschichtige Übergänge in neue Tätigkeiten geschaffen, angetrieben nicht zuletzt durch einen immensen Fachkräftemangel in den 2020er Jahren.

Chancen des Wandels

Technikerin und Techniker an einer Windkraftanlage

Der zu Beginn der 2020er Jahre eingeleitete Strukturwandel in den Kohleregionen hat durch ebendiese Maßnahmen später Früchte getragen. Ehemalige Kohleregionen sind zu Energieregionen geworden, die neben Energieerzeugern eine Vielzahl weiterer Unternehmen in den Regionen binden konnten. Ebenso in der Automobilbranche: Die vollständige Umstellung des Fahrzeugbestandes auf alternative Antriebstechnologien hat Deutschland nach anfänglichen Schwierigkeiten geschafft. Dementsprechend sind Möglichkeiten der Beschäftigung geblieben, und es konnten Übergänge in neue Beschäftigungen geschaffen werden.

Zu einem Beschäftigungs-Aufschwung ist es vor dem Hintergrund des demografischen Wandels im Bereich der sozialen Dienstleistungen gekommen: Im Gesundheits- und Pflegebereich ist die Zahl der Beschäftigten noch einmal gestiegen. Es wurden, insbesondere im Zusammenhang mit der Corona-Krise, faire Arbeitsbedingungen und Löhne durchgesetzt, die die Wertschätzung dieses essenziellen Bereichs tatsächlich widerspiegeln. Dazu zählen tarifliche und gerechte Entgelte. Damit ist es attraktiv geworden, einen Beruf in diesem Bereich zu ergreifen.

Flexibilität für mehr Qualität

Gruppenbesprechung im Büro

Qualitativ hat sich die Arbeit gewandelt: 2045 gibt es neue Arbeitszeitmodelle, die im Vergleich zu 2020 von einer reduzierten durchschnittlichen Arbeitszeit geprägt sind. Die Arbeitszeiten werden von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern stärker selbstbestimmt und flexibel an ihre Lebensphasen angepasst. Die Flexibilisierung der Gesamtarbeitszeit hat gleichzeitig die "Kluft" zu Teilzeitbeschäftigten verringert, was sich ebenfalls positiv auf die vorherigen Unterschiede in der Altersvorsorge ausgewirkt hat.

Die klassischen Bürojobs sind im Jahr 2045 bezüglich Arbeitszeit und -ort sehr viel flexibler. Diesen allgemeinen Trend hatte die Corona-Krise Anfang der 2020er Jahre, in der viele Beschäftigte einen Teil ihrer Arbeit aus dem Homeoffice leisteten, nochmals beschleunigt. Das Argument, dass im Büro die bessere technische Ausstattung vorzufinden sei, ist gänzlich entfallen. Firmensitze dienen neben der Produktion in erster Linie Team-Zusammenkünften – mit offenen Bereichen für teamorientiertes Arbeiten, Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, und speziellen Räumen zur Bildung und Entspannung.

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer passen sich nicht mehr ihrem Arbeitsplatz an, sondern umgekehrt. Video- und Telefonkonferenzen sind immer mehr an die Stelle zeitaufwändiger Dienstreisen getreten. Wenngleich sich die Wahlfreiheit vergrößert hat, gibt es immer noch viele Menschen, die gerne von ihrem angestammten Platz aus arbeiten und ihre Kolleginnen und Kollegen um sich haben. In manchen Branchen ist "Anwesenheit" immer noch notwendig.

Persönliche Arbeitszeitkonten ermöglichen es, Arbeitszeit anzusparen und eine bezahlte Auszeit zu nehmen, wenn man sie braucht. Damit helfen die Zeitkonten bei der individuellen Lebensplanung und tragen, wenn man sie zum Beispiel für persönliche Weiterbildungen nutzt, zur Selbstbestimmtheit des Einzelnen im Wandel der Arbeitswelt bei.

Für viele Menschen, etwa im Bereich der Industrie oder des Handwerks, sind der Betrieb und das Unternehmen somit weiterhin der Ort der Arbeit. In den Dienstleistungsbereichen werden aber auch andere Formen praktiziert: In einer Zeit vollständiger Netzabdeckung, Cloud-Working und keinerlei technischer und kommunikativer Hemmnisse können sich manche Beschäftigte von allen erdenklichen Orten in Kunden- oder Teamgespräche einschalten und Arbeitsprozesse bewerkstelligen. Gleichzeitig sorgen vernünftige Tarifverträge und gesetzliche Rahmenbedingungen dafür, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht durch eine ständige Erreichbarkeit ausgebeutet werden.

Umwelt- und Klimaschutz als selbstverständlicher Teil der Arbeitswelt

Aufgrund der Möglichkeiten des mobilen Arbeitens sind manche Arbeitswege und Dienstreisen überflüssig geworden. Das hat sich auf die Wohn- und Verkehrssituation in den Städten ausgewirkt. Wer in den 2020er Jahren nur noch wegen der guten Jobmöglichkeiten in einer Großstadt gewohnt hat oder hinein gependelt ist, kann heute ohne Probleme auch auf dem Land leben und arbeiten. Das Bild abertausender Berufspendlerinnen und -pendler, die morgens und abends zu den immer gleichen Zeiten in langen Staus oder überfüllten Bahnen stehen, erscheint aus heutiger Sicht unvorstellbar. Den alten "Berufsverkehr" gibt es weitgehend nicht mehr. Der Verkehr zur Arbeit hat sich sowohl zeitlich als auch bezüglich des Verkehrsträgers verbreitert.

Seit den 2020er Jahren haben sich die Berufsbilder, Studiengänge und Arbeitsfelder stark verändert. Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind im gleichen Zeitraum zu bedeutenden Querschnittsthemen und Grundqualifikationen in nahezu allen Branchen und Berufen geworden. Denn jedes Unternehmen hat – inspiriert durch gezielte Steuerungsinstrumente – ein großes Interesse an einer umfassend nachhaltigen Produktion und Dienstleistung. Die weltweite Nachfrage ist entsprechend rasant gewachsen.