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Aus der Wissenschaft

Temperaturanstieg in den Alpen: Huftiere wandern in höhere Lagen

Zu den vielfältigen Auswirkungen des Klimawandels gehört auch die Änderung der Verbreitungsgebiete von Tier- und Pflanzenarten. Zahlreiche Arten müssen sich andere Lebensräume suchen, weil sie sich an die neuen Bedingungen nicht ausreichend anpassen können. Manche Arten verbreiten sich auch über größere Gebiete, weil die geänderten klimatischen Bedingungen für sie vorteilhaft sind.

In der jüngeren Vergangenheit belegte eine Reihe von Studien klimabedingte Wanderungen von Tier- und Pflanzenarten in andere Breiten und Höhenlagen. Jedoch existieren kaum Beobachtungen dieser Art über lange Zeiträume und für große Populationen. Überdies sind Wanderungen von Arten oft nicht einfach zu analysieren. Größere Säugetiere und Pflanzenfresser beispielsweise legen häufig große Entfernungen zurück. Dabei spielen neben Klimaänderungen viele weitere Faktoren wie die Verfügbarkeit und der Zugang zu Nahrung, das Vorhandensein von Feinden, Änderungen der Landnutzung oder die Jagdintensität eine Rolle. All diese Faktoren können längerfristige Änderungen der Aufenthaltsorte hervorrufen.

In einer neuen wissenschaftlichen Untersuchung für die Schweizer Alpen wurden nun erstmalig langjährige Daten von bei der Jagd erlegten Huftieren statistisch ausgewertet. Die Daten, die das Schweizer Amt für Jagd und Fischerei Graubünden erhebt, umfassen den Zeitraum von 1991 bis 2013. Sie betreffen die häufigsten Huftiere in den Alpen: Steinbock; Gämse, Rothirsch und Reh.

Der Datensatz enthält über 230.500 Orte im Schweizer Kanton Graubünden, an denen die Huftiere erlegt wurden. Hinzu kommen Datum, Größe, Gewicht und genereller Zustand des jeweiligen Tieres sowie weitere Parameter. Das Jagdgebiet umfasst eine Fläche von rund 7.000 Quadratkilometern und Höhenlagen von 280 bis 3.600 Metern. Die Jagdzeit für Gämse, Rothirsch und Reh ist auf den Monat September beschränkt, während Steinböcke durchweg im Oktober gejagt werden.

Mithilfe statistischer Methoden untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in ihrer Studie, ob sich im Laufe des zugrunde liegenden Zeitraums die Orte, an denen die Huftiere erlegt wurden, im Zusammenhang mit Schwankungen meteorologischer Parameter verändert haben. Dazu nutzten sie unter anderem Zeitreihen der Temperatur für die Monate September und Oktober in der Region Graubünden. Diese Zeitreihen verdeutlichen, dass die Monatsmitteltemperaturen von September und Oktober im Untersuchungsgebiet zwischen 1991 und 2013 um 1,3 Grad Celsius gestiegen sind.

Die statistische Auswertung der Daten ergibt, dass sich die Aufenthaltsorte von Steinbock, Gämse und Rothirsch in diesen zwei Jahrzehnten signifikant in höhere Lagen der Alpen verschoben haben. Beim Steinbock beträgt die Höhenänderung 135, bei der Gämse 95 und beim Rothirsch 79 Meter. Das Reh hat seinen Aufenthaltsort nur geringfügig verändert. Es ist stärker an den Wald als Lebensraum gebunden, während die anderen Spezies Weiden zur Nahrungsaufnahme nutzen und auch offenes Terrain einschließlich von Gebieten oberhalb der Baumgrenze bewohnen.

Die Forscherinnen und Forscher schlussfolgern, dass die langfristige Verlagerung der Aufenthaltsorte von Steinbock, Gämse und Rothirsch in höhere Lagen mit den steigenden Herbsttemperaturen in den Schweizer Alpen zusammenhängt. Die Huftiere passen sich auf diese Weise an die Klimaänderung an. Derartige Verhaltensänderungen könnten die Tiere auch künftig dazu befähigen, sich zumindest an einen Teil der erwarteten Auswirkungen des Klimawandels anzupassen, wie es in der Studie heißt.