Folge 4: Wie Landwirtschaft, Nachhaltigkeit und Klimaschutz zusammenhängen

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Svenja Schulze: Ja, hallo, mein Name ist Svenja Schulze, ich bin Bundesumweltministerin und ich heiße Sie ganz herzlich willkommen zur mittlerweile vierten Folge unseres Podcasts: "Wir schafft Wunder". Schön, dass Sie wieder reinhören. Wie gestalten wir unsere Zukunft so, dass unser Land klimafreundlicher und nachhaltiger, aber auch gerechter und lebenswerter wird? Wie können wir den Klimaschutz nicht nur als Notwendigkeit, sondern als große Chance begreifen? Und darum geht es hier in diesem Podcast und einem grundlegenden Umbau unserer Gesellschaft. Und zwar so, dass dabei eben nicht nur CO2 eingespart wird, sondern, dass auch der Wirtschaftsstandort Deutschland profitiert und die Lebensqualität hierzulande steigt. Ich diskutiere in regelmäßigen Abständen mit Expertinnen und Experten aus der Wirtschaft, aus der Wissenschaft, aus der Zivilgesellschaft über dieses Thema und sammle dabei ganz verschiedene Meinungsbilder zu Klimaschutz, zu Nachhaltigkeit ein.

Und ich freue mich sehr, dass heute meine Gesprächspartnerin Petra Bentkämper ist. Frau Bentkämper ist Präsidentin des Deutschen LandfrauenVerbandes. Ein sehr, sehr großer Verband, der eintritt für mehr Gerechtigkeit und Chancengleichheit für Frauen, die im ländlichen Raum zu Hause sind. Und damit verfolgen die Landfrauen gleich zwei ganz wichtige Interessen, die gleiche gesellschaftliche Teilhabe von Männern und Frauen und chancengerechte Lebensbedingungen auf dem Land und in der Stadt. Und der Verband beteiligt sich natürlich auch an der Diskussion um eine nachhaltige Landwirtschaft. Und genau darüber wollen wir heute reden, über eine nachhaltige Landwirtschaft. Das ist nämlich wichtig für den Erhalt der biologischen Vielfalt, für den Erhalt sauberer Gewässer und natürlich auch enorm wichtig für den Klimaschutz. Weil Landwirtschaft, okay, die produziert auch CO2, die produziert auch Methan. Aber Landwirtschaft sind eben auch diejenigen, die als erstes von den Folgen des Klimawandels betroffen sind, von Hitze, von Starkregen, von Dürre. Und deswegen freue ich mich ganz besonders, dass ich heute mit Frau Bentkämper diskutieren darf und dass wir die nächsten 30 Minuten darüber reden, wie Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, Klimaschutz zusammenhängen und welche Maßnahmen Landwirtinnen und Landwirte brauchen, was sie erleben und was eigentlich ihre Erwartungen an den Klimaschutz sind. Und vielleicht können wir damit auch einsteigen? Liebe Frau Bentkämper, was sind denn die Erwartungen an die Politik, um Landwirtinnen und Landwirte eben zu unterstützen? Was ist da der Rahmen, den Sie erwarten?

Petra Bentkämper: Damit wir alle von einer klimafreundlichen Gesellschaft profitieren können, ist es natürlich ganz wichtig, dass wir uns alle bewusst darüber sein müssen, dass jede und jeder dazu einen Beitrag leisten kann und auch muss. Wir sind es gewohnt, aus dem Vollen zu schöpfen. Alles ist ja im Überfluss vorhanden, und selbst zu Zeiten des Lockdowns haben wir ja keine Wünsche offen, solange ich mir das natürlich auch finanziell leisten kann. Und ich glaube, unsere Jugend hat uns in den letzten zwei Jahren ganz deutlich auch unmissverständlich vor Augen geführt, dass da einfach viele Ängste und Zukunftssorgen sind, und haben uns da zu sofortigem Handeln aufgefordert. Und es muss uns gelingen, Ökologie, Ökonomie und Soziales in Einklang zu bringen und da stoßen wir sicherlich an vielen Stellen auch auf Zielkonflikte, aber das darf uns nicht daran hindern, einfach diese Problemstellungen auch intensiv zu bearbeiten. Trotz der vielen Sorgen und Herausforderungen, komm ich einmal auch dazu, wie wir alle davon profitieren können, trotz der vielen Sorgen und Herausforderungen, die uns die Corona-Krise eigentlich auch beschert hat, haben wir, finde ich, sehr wohltuend merken können, wie schön das ist, wenn einfach nicht so viele Autos die Straßen verstopfen. Es war sehr viel ruhiger, und ich hatte auch wirklich das Gefühl, ich atme da gesündere Luft, und ich finde das ganz wichtig. Ich will nicht sagen, dass wir Krisen brauchen, damit wir eine Bewusstseinsveränderung bekommen, aber ich will einfach sagen, es gibt Stellschrauben, die auch sehr schnell zu einem Erfolg führen können. Sicherlich haben auch diese digitalen Möglichkeiten, und wir sitzen hnicht in Berlin nebeneinander, wir schöpfen diese Möglichkeiten auch aus und sparen uns da auch sehr viele Wege. Also ich denke mal, da gibt's eine Menge Gutes, was wir da auch weiter mitnehmen können. Aber ich glaube gerade, und ich sprach ja schon über Autos, da müssen wir wirklich gerade im ländlichen Raum gucken, dass wir da auch mobil bleiben, dass die Verkehrsinfrastruktur auch da passt und als Präsidentin eines Frauenverbandes habe ich die Frauen besonders im Blick, denn das sind immer diejenigen, die diese ganzen Wege für die Familie, meistens sind sie es, erledigen müssen. Ob es zur Schule, zur Kita, die Einkäufe, die Arztbesuche, all das natürlich auch noch der Weg zur Arbeit. Und da ist es wichtig, dass man da nicht an einer Stelle stehen bleibt, wo man unbedingt auch ein Auto braucht, wo man aufgeschmissen ist, wenn man kein eigenes Auto hat. Und ich sehe so viele positive Veränderungen, auch dass immer mehr Menschen gar kein Führerschein mehr machen oder auch ganz bewusst auf dieses Statussymbol Auto verzichten. Aber das muss einfach auch allen möglich sein.

Schulze: Das finde ich einen ganz, ganz wichtigen Punkt, weil ich kann mich noch gut erinnern. Ich war in Sachsen mit Martin Dulig unterwegs, der ein Modell entwickelt hat, wie man im ländlichen Raum andere Mobilität anbieten kann, weil er gesagt hat, da ist man aufs Auto angewiesen. Manche Familien brauchen mindestens zwei Autos, um überhaupt klarzukommen. Und wenn wir wollen, dass wir das Auto mal stehen lassen, dann muss es auch eine verlässliche Alternative geben. Man muss einen Bus haben, mit dem man dann auch wirklich hin und wieder zurückkommt, und zwar am gleichen Tag. Und das, obwohl gar nicht so viele Leute rundherum wohnen. Das ist sicherlich eine Herausforderung.

Ich würde gern noch einmal wissen, wenn ich über Landwirtschaft und Klimaschutz spreche, dann sagen die meisten erst mal, was hat denn Landwirtschaft mit Klima zu tun. Und wenn ich dann erkläre, ja, Moorböden sind ganz wichtig zu erhalten, weil sie CO2 binden. Wir haben Landwirte, die die Forst haben, die die Wälder bewirtschaften, Wälder speichern CO2. Die Frage, wie man den Boden bewirtschaftet und was man damit macht, ist ganz entscheidend dafür, wie viel CO2 man überhaupt aufnehmen kann. Dann gucken mich viele ganz erstaunt an und sagen: Ach so, nee, das wusste ich noch gar nicht. Ich wüsste gerne mal: Wie ist das bei Ihnen? Also Abschalten von Kohlekraftwerken oder über Mobilität reden ja alle. Nun ist die Landwirtschaft nicht ein Riesenverursacher von CO2, aber sie kann ja auch ein wichtiger Teil der Lösung sein. Wie erleben Sie das, wenn man über Klimaschutz und Landwirtschaft spricht?

Bentkämper: Ja, die Erwartungshaltung an die Landwirtschaft ist ja sehr groß. Als mein Verband 1948 gegründet wurde, da war es so, dass jeder Fortschritt in Wissenschaft und Technik der zur Ertragssteigerung führte in der Agrarproduktion, der wurde unglaublich positiv bewertet und die Leistung auch wirklich wertgeschätzt. Und niemand stellte da die Produktionsmethoden oder auch die Nahrungsmittelqualität in Frage. Aber das hat sich nun völlig verändert. Und heute ist es neben der selbstverständlichen Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigen und günstigen Lebensmitteln ein hohes Maß an Klimaschutzmaßnahmen einfach notwendig. Und diese Notwendigkeit wird auch von vielen Landwirtinnen und Landwirten nicht nur gesehen, sondern auch umgesetzt, sei es über freiwillige Projekte oder auch über die vorgegebenen Maßnahmen. Agrar, Umwelt und Klimaschutzmaßnahmen werden umgesetzt in Deutschland, das wissen wir über Blühstreifen, bessere Randstreifen und vielfältige Fruchtfolgen auch. Und ja, ich finde auch ein ganz innovativer Ansatz in Richtung Klimaschutz, das sind die digitalen Verfahrenstechniken. Wo sie denn angewendet werden können und wo man sich sie auch, ich sage auch gleich noch dazu, was ich mir finanziell auch leisten kann. Also Sie bieten uns die Möglichkeit des passgenauen Bewirtschaftens. Neue Pflanzen, Züchtungen sind aber auch notwendig. Wir haben auch in diesem Jahr mit der großen Dürre zu kämpfen. Das ist regional unterschiedlich, aber ein großes Problem. Und wir können nicht alles bewässern. Das funktioniert nicht. Wasser wird immer knapper. In meinem Nachbarkreis war das ganz schwierig in diesem Sommer mit dem Wasser. Ich sehe auch den Punkt der Wende zur Regionalität, wo einfach wirklich kürzere Transportwege sind. Das ist wirklich zu begrüßen und auch zu fördern. Und auch den Landwirten als Energiewirt zu sehen. Auch da tut sich ja einiges auf den Höfen. Ob es jetzt Biogas, Windkraft oder auch Photovoltaik sind, das sind ja auch für Landwirte wichtige Energiepartner.

Schulze: Ja, die Landwirte sind ja auf der einen Seite erst einmal Betroffene. Wenn man sich anguckt, wie haben sie ja gerade beschrieben. Wer leidet unter Dürre, unter Trockenheit? Das sind natürlich diejenigen, die die Felder bewirtschaften. Sie sind diejenigen, die, wenn es Starkregen gibt, massiv betroffen sind, weil Ernten zurückgehen. Ich erlebe das im Moment so, dass es auch so bisschen ein Suchprozess ist. Was kann man eigentlich tun? Man merkt, so wie früher kann man Landwirtschaft nicht mehr betreiben, haben Sie gerade selbst gesagt. Man weiß aber auch nicht, wie es weitergeht, außer dass es wahrscheinlich extremer wird. Die Forschung sagt uns, die Wetterereignisse werden auf der einen Seite trockener, auf der anderen Seite gibt es mehr Starkregen. Landwirtschaft muss sich auch an diese veränderten klimatischen Bedingungen anpassen. Diejenigen, die Wälder bewirtschaften, suchen nach den neuen Bäumen, die diese Veränderungen aushalten. Wie sind denn die Diskussionen eigentlich unter den, oder in der Landwirtschaft generell? Wird da auch nach neuen Dingen gesucht, die man anbauen kann? Gibt‘s jetzt bei uns demnächst, was weiß ich? Was wächst denn da, wo es trocken ist? Artischockenfelder sozusagen in Bielefeld?

Bentkämper: Zumindest kann ich mit großen Lavendelfeldern aufwarten. Also bei uns im Kalletal finden Sie große Lavendelfelder. Landwirte sind immer schon, und gerade die Frauen auf den Höfen, sind da sehr, sehr weit. Ich denke an all die Diversifizierungsmaßnahmen, die auf den Höfen stattgefunden haben. In der Regel sind es die Frauen gewesen, die das immer so auf den Weg gebracht haben. Und natürlich guckt man danach, was können wir machen? Wo können wir zukünftig hingehen? Wo können wir auch unseren Kindern eine Zukunft bieten? Da erlebe ich ja auch viele Landwirtsfamilien, die im Moment ein bisschen hadern und zweifeln und sagen: "Können wir guten Gewissens unsere Kinder in unsere Fußstapfen führen?" Können wir das in dieser Lage, sollen wir nicht lieber sagen, geht lieber und sucht euch einen Arbeitsplatz, wo ihr ein sicheres Einkommen habt, wo ihr die Wertschätzung habt, die notwendig ist im Leben und das, das sind alles Gedankengänge, die natürlich die Landwirtschaft extrem betreffen. Aber ich kann nur betonen, dass die vielen, vielen Möglichkeiten, die es einfach gibt, wirklich gesucht und gefunden werden. Aber trotzdem muss ja auch die normale, ich sag mal, die normale Landwirtschaft, Ackerbau und Viehzucht noch möglich sein. Und nicht jede Region kann auf das Pferd Direktvermarktung satteln. Da sind die Anbindungen dann nicht gut, und da muss ich gucken, dass ich einfach auch mit meiner Viehhaltung oder mit meinem Ackerbau über die Runden komme. Und das ist wirklich schwierig.

Schulze: Nun sehen wir ja, die Landwirtschaft kommt heute schon. Die Landwirtinnen und Landwirte kommen nicht mit dem Geld hin, was sie darüber einnehmen, dass sie Lebensmittel verkaufen, weil die Lebensmittelpreise in Deutschland so unter Druck sind. Man kann ganz normal nicht davon leben, wenn man hier als Landwirt und als Landwirtin unterwegs ist. Man braucht Zuschüsse, damit man gute Lebensmittel produzieren kann. Das meiste passiert da über die europäische Agrarförderung, gemeinsame Agrarpolitik. Und die ist im Moment ja sehr stark in der Diskussion. Wir haben in Deutschland eine neue Kommission, die Zukunftskommission Landwirtschaft, die bei der Bundeskanzlerin ist. Wir haben alle sehr dafür gekämpft, dass da mal endlich auch mehr Frauen reinkommen. Ich bin sehr froh, dass ich hier eine Frau habe, die in dieser Kommission sitzt, die für eine Veränderung in der Landwirtschaft und dann da auch mit die Diskussionen führen wird. Wie sehen Sie eigentlich die Rolle dieser Kommission? Aus meiner Sicht ist das natürlich so: Wir müssen was verändern. Es gibt eine große, große Veränderung über den Klimawandel, und ich möchte, das Landwirtinnen und Landwirte mehr Geld dafür bekommen, dass sie auch etwas für die Umwelt tun, dass sie was für den Insektenschutz tun, das nicht nur, wie heute, die Fläche bezahlt wird, sondern auch das, was sie, ich würde mal sagen, an gesellschaftlicher Leistung bringen. Wir wollen ja alle, dass das weiter Insekten gibt. Wir wollen, dass Landschaften gepflegt werden. Wenn bei mir im Münsterland keine Landwirte da wären, dann wäre das schon lange nicht mehr so eine schöne Landschaft. Dann wären da lauter Büsche, und es würde ganz anders aussehen. Wir wollen diese gesellschaftlichen Leistungen. Die Lebensmittelpreise sollen auf der anderen Seite auch unten bleiben und sollen bezahlbar bleiben. Da muss es eine andere Form der Finanzierung geben. Wie sehen Sie da diese Rolle der Kommission? Warum ist es so wichtig, dass die Landfrauen dabei sind?

Bentkämper: Ja, die Zukunftskommission Landwirtschaft sehe ich als einmalige Chance der Zusammenführung von Landwirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und von Verbrauchern. Wir brauchen diesen wirklich starken Dialog in Richtung Gesellschaftsvertrag. Das Allerwichtigste ist, wenn wir jetzt anfangen mit dem Arbeiten in der Kommission, dann finde ich, ist das Wichtigste wirklich eine Verschwiegenheit und ein ganz vertrauensvolles Verhältnis. Über diesen ganzen Prozess, der ja wirklich bis ins nächste Frühjahr, Sommer geht, und das ist schon sehr ambitioniert, dieser Zeitplan, da muss es wirklich großes Vertrauen geben und eine Verschwiegenheit. Da darf nicht alles immer sofort rausposaunt werden. Sonst bewegt sich niemand von seinen Maximalforderungen weg. Dann bewegen wir uns einfach nicht aufeinander zu, weil ja jeder schon wieder Angst haben muss, dass es morgen in der Presse steht, weil ich dann irgendwo einen Schritt zu weit nach vorne gegangen bin oder entgegen gegangen bin. Also, wir müssen wirklich die Ziele, die wir haben, einfach priorisieren und dann auch über diese ganzen Konflikte, die da sind, auch diskutieren. Und ich meine, die Lage der Landwirtschaft ist außerordentlich ernst. Und es geht um die Existenz vieler Betriebe. Und ich sage mal, ein Ziel sollten wir doch alle haben, dass wir Landwirtschaft hier in Deutschland erhalten, das wir unabhängig sind in der Produktion unserer Lebensmittel. Und von daher hoffe ich sehr auf ein konstruktives Miteinander in dieser Kommission. Wir werden uns treffen Anfang September, und dann schauen wir.

Schulze: Also aus Umweltsicht finde ich, dass es manche Entwicklungen gibt, die so nicht weitergehen können. Im Moment schauen wir alle nach Brasilien, wenn wir uns ansehen, dass wir auf der einen Seite Soja aus Brasilien importieren, hier für die Viehzucht, auf der anderen Seite in Brasilien auch natürlich Rindfleisch hergestellt wird auf den Flächen, die früher mal Wald waren, was dann auch wieder nach Europa kommt. Mit dem Soja, was wir importieren, werden hier Schweine gezüchtet, die dann am Ende nach China gehen und die Gülle, die Reste bleiben in Deutschland. Da finde ich, so kann das auf Dauer nicht weitergehen. Aber die Landwirtinnen und Landwirte machen das ja nicht aus Spaß, sondern weil sie so unter Druck sind, günstig Lebensmittel zu produzieren, günstig Qualität herzustellen. Was sehen Sie da? Wie ist die Rolle der Verbraucherinnen und Verbraucher? Ich appelliere ja immer und sage Ihr könnt selber was tun. Wir könnten Lebensmittel mehr wertschätzen, um Landwirte aus der Region zu unterstützen, auch mal einen Euro mehr fürs Fleisch zahlen, dann aber dafür eben einfach weniger essen. Wie sehen Sie da die Rolle der Verbraucher? Müssen wir nicht selber was machen, jeder?

Bentkämper: Ja, wir haben ja das große Glück, dass wir in unserem Verband Erzeuger und Verbraucherinnen in einem Verband vereinen. Und in den letzten Jahren habe ich wirklich festgestellt, dass ganz viele Menschen den Bezug zur Urproduktion verloren haben. Viele wissen nicht mehr, wann, wo, was angebaut, geerntet und verarbeitet wird. Es gibt eine immer stärkere Entfremdung der ganz natürlichen Zusammenhänge. Und daher nutzen wir in unserem Verband sehr die Chance des Brückenbauens zwischen Erzeugerinnen und Verbraucherinnen. Unsere Bäuerinnen sind als Botschafterin für heimische Produkte unterwegs. Sie laden die Menschen auf ihre Höfe ein. Sie nutzen die Chance mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. In ihrem Hofcafés, in ihren Hofläden und Schulklassen werden eingeladen. Da werden die Einsichten in die Betriebe ermöglicht und ist eine Teilhabe am Leben auf dem Hof möglich. Und dieser Austausch ist ausgesprochen wichtig. Und in der Regel finden wir Frauen auch einen etwas besseren Zugang. Ich drücke das mal etwas vorsichtig aus, einen etwas besseren Zugang zu kritischen Verbraucherinnen und Verbraucher. Und ich glaube, wir sind da ein ganz wichtiges Bindeglied zwischen der Landwirtschaft und der Gesellschaft. Wir müssen aber auch nicht nur erklären, was wir tun, sondern uns auch mit den Sorgen und Nöten der Verbraucherinnen und Verbraucher auseinandersetzen. Mein Appell ist einfach an die Verbraucherinnen und Verbraucher: Sprechen Sie einen Landwirt an. Er wird Ihnen Rede und Antwort stehen und unterstützen Sie natürlich auch die regionalen Anbieter. Kaufen Sie der Saison entsprechend ein. Kaufen Sie nur so viel ein, wie Sie auch verbrauchen. Nicht, dass wir diese Lebensmittelabfälle haben, diese Lebensmittelverschwendung. Ja, das ist etwas, was ich auch ganz persönlich sage: Fleisch muss nicht jeden Tag auf dem Teller sein. Und den Wert eines Essens am Fleisch festzumachen, halte ich auch für etwas schwierig. Aber es geht nicht, dass wir mit dem Zeigefinger, so Ihr bösen Verbraucher, jetzt macht das mal. Ihr könnt nicht immer nur reden, sondern müsst auch mal handeln. Natürlich wünsche ich mir das, aber es muss eben auch von allen zu leisten sein, und alle müssen das auch das "Know-how" haben, das Wissen über ihre Lebensmittel und Ihre Produktion.

Schulze: Die Verbraucherinnen und Verbraucher sind ja auch nicht einheitlich. Ich erlebe, dass wir viele haben, die heute ökologische, hochwertige Lebensmittel wollen. Sie wollen hohe Tierschutzstandards haben. Andererseits soll aber alles auch bezahlbar bleiben. Und dann gibt es auch eine Gruppe, denen in erster Linie wichtig ist, dass das günstig ist und die nicht so stark darauf achten, wo kommt es jetzt her. Und ich glaube, dass aus diesen unterschiedlichen Anforderungen auch eine ganze Menge Emotionen sozusagen erwachsen. Wir können uns hier jetzt ganz normal unterhalten, das machen wir. Aber ich habe auch schon Diskussionen mit Landwirten erlebt, die waren eine einzige Brüllerei, das ging bis hin zu verbalen Attacken. Da ist eine unheimliche Emotionalität dran. Kann man verstehen, wenn man weiß, wie sehr die Höfe unter Druck sind. Aber was mich immer so ein bisschen wundert, ist, warum das so stark gegen Umwelt und Klimaschutz geht. Weil eigentlich haben wir doch die gleichen Interessen. Wir wollen, dass es weiterhin Insekten gibt, die bestäuben. Wir wollen, dass die Landschaften erhalten bleiben. Wir wollen, dass die Umwelt geschont wird, dass wir Lebensmittel produzieren können, wir auf einem hohen Niveau sind, und zwar nicht nur diese Generation, sondern auch noch die nächste und die übernächste Generation. So denken ja eigentlich Landwirte. Trotzdem ist der öffentliche Diskurs unheimlich verbiestert, sag ich jetzt einfach mal. Nun sind Sie ja mittendrin. Sie haben ja auch Diskussionen bei den Landfrauen. Können Sie uns ein bisschen Einblick geben? Warum ist das so eine harte Diskussion?

Bentkämper: Also ich denke, diese harte Diskussion ist einfach, weil einfach ganz viele Existenzen auf dem Spiel stehen und doch alle sagen, wir tun doch so viel, wir machen doch schon so viel. Und da wünsche ich mir auch, dass an der einen oder anderen Stelle, es ein ehrliches Bekenntnis zu unserem Berufsstand gibt. Das ist ganz wichtig, dass man Lob für das bekommt, was einfach schon passiert. Ich glaube, da haben auch viele ein Problem damit, dass einfach immer die Anforderungen, immer, immer mehr werden. Ein Landwirt möchte ja seinen Boden in die nächste Generation auch weiterreichen. Er braucht aber auch Beratung. Ich glaube, das ist auch ein wichtiger Punkt, da die richtige Beratung zu bekommen. Und ja, an vielen Stellen schaukelte sich hoch, und da ist es wichtig, auch immer wieder zu sagen: Leute, es geht nicht anders, als das wir miteinander reden. Und wenn ich auch viele junge Leute höre, die sind wirklich auch bereit, die Umweltziele zu erreichen. Aber wir müssen wahrscheinlich noch mehr miteinander reden, mehr ins Gespräch kommen und einfach mal an der ein oder anderen Stelle durchaus auch mal etwas loben.

Schulze: Uns gegenseitig loben, das ist in der Politik völlig unüblich. Nein, aber vielleicht können wir von den Landfrauen lernen, uns auch gegenseitig mal zu loben, auch wenn man anderer Meinung ist, sondern sich einfach nur dafür zu loben, dass man den Austausch hinkriegt.

Bentkämper: Das ist es. Es ist immer schwierig. Schon gar nicht loben, wenn eine andere Partei was sagt, was ich eigentlich nicht gut finde, aber überhaupt nicht loben, weil es nicht meine Partei ist. Aber da ticken wir Landfrauen in der Tat anders, und wir erleben das doch immer. Ich habe vier Kinder, und ich muss sagen, Lob hat da immer mehr geholfen als Druck. Also ist es vielleicht etwas, was wir dann mal angehen könnten.

Schulze: Sehr schön. Im politischen Raum versuchen wir das durch eine Mischung von Gesetzen, Verboten und Anreizen, aber vielleicht können wir dann auch von den Landfrauen lernen. Sie, Frau Bentkämper, sind ja sehr, sehr optimistisch und sehr ausgleichend. Wie sehen Sie das insgesamt mit dem Klimaschutz, mit dem, was wir an großer Transformation vor uns haben, unser Land klimafreundlicher, gerechter, lebenswerter zu machen. Sind Sie da eher optimistisch, oder sagen Sie eher, oh das wird ganz schwierig?

Bentkämper: Da bin ich grundsätzlich sehr optimistisch. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich von vielen, vielen Menschen umgeben bin, von vielen Frauen, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, in Richtung Umwelt aktiv zu werden. Und das geht auch über die Landwirtschaft hinaus. Wir haben ja auch viele andere Mitglieder, und wir haben Aktionen, die ganz viele Landesverbände in den letzten Jahren gemacht haben. Da ging es um die Vermeidung von Plastikmüll. Wir sind aktiv in der Ernährungsbildung, und wir machen auch Bildungsarbeit rund um Insektenschutz. Und ganz viele Dinge werden da von Landfrauen geleistet. Und ich denke mal, mit den vielen Erfahrungen und den Netzwerken, die wir haben, auch auf nationaler, regionaler, aber auch auf internationaler Ebene, sind wir ja aktiv. Und da sehe ich, da können wir wirklich auch etwas erreichen, und wir haben es uns auf die Fahnen geschrieben, und wir fühlen uns auch in der Verantwortung, da etwas zu tun. Und dieses verantwortliche Denken, das muss auch in die anderen Köpfe rein. In die anderen Köpfe, das bedeutet in Gesellschaft, in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik. Gerade auch da denke ich ein bisschen an den Lebensmittel-Einzelhandel. Von daher, wenn wir das erreichen, und da dürfen wir nicht lockerlassen. Da gucke ich durchaus optimistisch in die Zukunft.

Schulze: Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich glaube, wir sind uns einig, wir müssen noch mehr Frauen in der Politik, den Interessensvertretungen, in den Verbänden haben. Dann kann man vielleicht auch anders miteinander reden. Das ist etwas, was beide eint. Ich sage ganz, ganz herzlich Dankeschön für dieses spannende Gespräch und für den Austausch von Gedanken. Ich bin jetzt mal sehr gespannt auf die Rückmeldungen derjenigen, die uns zuhören. Sie können uns gerne schreiben auf den Social-Media-Kanälen, auch mit Fragen, mit Anregungen, mit Feedback, mit Lob, haben wir ja gerade gehört, ist auch mal erlaubt. Und ich verabschiede mich für heute und sage ganz, ganz herzlich Dankeschön und bis zum nächsten Mal.

Bentkämper: Vielen Dank auch.