Podcast - Folge 1: Klimaschutz und die Zukunft der Arbeit

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Intro: Wir schafft Wunder - Fortschritt sozial und ökologisch gestalten. Ein Podcast des Bundesumweltministeriums.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze: Hallo, mein Name ist Svenja Schulze. Ich bin Bundesumweltministerin und ich heiße Sie ganz herzlich willkommen zur ersten Folge unsere neuen Podcasts zu "Wir schafft Wunder". Schön, dass Sie reinhören. Ich möchte mit diesem Format eine neue Möglichkeit schaffen, über unsere Arbeit im BMU zu informieren und mit Ihnen in den Dialog zu treten. Ich werde ungefähr alle drei Wochen einen Podcast produzieren, immer mit einem Gast und ich hoffe, Ihnen gefällt dieses neue Angebot.

Worum geht es in diesem Podcast? Es geht um die Zukunft und wie wir sie gestalten. Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich, ich habe jedenfalls in den letzten Wochen und Monaten das Gefühl, dass es in der öffentlichen Debatte ganz stark um Sorgen um Ängste ging. Die Corona-Pandemie macht einfach auch Angst, also Angst vor Ansteckung mit dem Virus, vor der wirtschaftlichen Rezession, vor Verlust von Arbeit oder auch vor sozialer Spaltung.

Auch wenn es um das Thema Klimaschutz geht, werde ich ganz oft mit Ängsten, mit Sorgen verschiedener Menschen konfrontiert. Also wie schlimm wird die Erderhitzung noch, wie viel Zeit haben wir eigentlich oder drohen bald Entlassungen bei Autobauern und wie ist das in den Kohlerevieren, wie ist das mit der Strompreisentwicklung, wird der Preis für Sprit steigen?

Das sind alles Fragen, die ich im Podcast thematisieren möchte. Aber ich bin auch der Meinung: in der Debatte um Klimaschutz dürfen wir uns nicht nur von Ängsten, von Sorgen leiten lassen. Nein, wir brauchen auch Bilder der Zukunft. Bilder, die Mut machen. Zum Beispiel das Bild von einem klimaneutralen Deutschland im Jahr 2050, ein Land in dem es gerecht zugeht, in dem die Natur intakt ist, in dem wir alle auch gerne leben möchten und da wollen wir hin. Der Weg dahin, der ist sicher nicht einfach aber ich säße nicht hier, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass dieses Ziel auch erreichbar ist. Und genau darum geht's in diesem Podcast.

In jeder Folge diskutiere ich mit einem Gast aus Wissenschaft, aus Wirtschaft, aus Zivilgesellschaft darüber, wie uns das gesellschaftliche Zusammenleben, wie uns der sozial-ökologische Fortschritt auch gelingen kann. Was da die Stellschrauben sind und wie wir sie denn bewegen müssen. Aber auch jede und jeder Einzelne ist hier eingeladen mitzudiskutieren. Im Laufe der Podcasts werden wir immer wieder Fragen, Anmerkungen von Zuhörerinnen und Zuhörern aufgreifen.

Zunächst einmal möchte ich meinen ersten Gesprächspartner begrüßen. Das ist Reiner Hoffmann, er ist Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes und wir sind beide Gewerkschafter und kennen uns schon ganz lange. Daher duzen wir uns und wir machen das auch hier im Podcast. Wir sitzen beide - leider Corona-bedingt - hier nicht zusammen, sondern wir haben uns über das Internet zusammengeschlossen. Also wenn es technisch mal ein bisschen holpert, dann liegt es daran, dass wir hier nicht live beieinandersitzen. Jetzt aber erstmal Hallo und guten Tag an Reiner.

Vorsitzender DGB Reiner Hoffmann: Liebe Svenja, herzlichen Dank für die Einladung. Ich finde das ist eine ganz tolle Initiative und es freut mich natürlich sehr, dass ich dein erster Gesprächspartner bin und freue mich auf ein lebendiges, unterhaltsames, aber auch zielgerichtetes Gespräch.

Schulze: Ja dann steigen wir doch einfach direkt ein. Reiner, so eine Gewerkschaft, die kümmert sich ja in erster Linie um die Beschäftigten. Was ist eigentlich dein Bezug zu Klimaschutz, was meinst du was eine klimafreundliche Gesellschaft eigentlich für Beschäftigte bedeutet, was ist da deine Meinung?

Hoffmann: Klimaschutz betrifft uns alle und auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben ein existenzielles Interesse an einer gesunden Umwelt. Und die haben auch ein Interesse natürlich an sicheren Arbeitsplätzen in guter Arbeit. Und die Herausforderung für uns ist: wie bekommen wir beides zusammen? Also eine Politik an Produzieren, das nicht nur klimafreundlich ist, sondern das uns in eine Zukunft überführt, in der wir unsere Umwelt schützen, in der wir klimapolitischen Ziele erreichen und zugleich gleichwertige Lebensverhältnisse für alle Menschen schaffen, dass Klimagerechtigkeit mit sozialer Gerechtigkeit Hand in Hand geht. Das ist für Gewerkschaften glaube ich ganz wichtig, dass am Ende gute Arbeit für viele Menschen dabei rauskommt.

Schulze: Man liest immer wieder und das ist auch das, was ich immer wieder sage, dass Klimaschutz ja Innovationstreiber ist, dass damit auch ganz viel nach vorne geht. Ich habe regelmäßig so einen Bericht, den GreenTech Report, wo beschrieben wird, wie eigentlich die Wirtschaft sich in diesem Sektor entwickelt und ich habe immer den Eindruck, wir können da wirklich Vorreiter werden. Wir haben die besten Ingenieurinnen und Ingenieure, wir haben wirklich fantastische Unternehmen in dem Bereich, so dass das auch ein Feld ist, in dem neue Arbeitsplätze entstehen. Also Klimaschutz ist auch noch Treiber für Arbeitsplätze. Wie ist das aus Sicht der Gewerkschaften?

Hoffmann: Diese Einschätzung teile ich zu 100 Prozent! Klimaschutz kann ein Innovationstreiber sein und auch neue Beschäftigungsperspektiven eröffnen. Ganz richtig ist, dass wir in Deutschland über eine noch intakte industrielle Wertschöpfung verfügen und unsere Industrien, häufig zu Unrecht finde ich, immer nur als Verursacher von Klimaproblemen dargestellt wird, sondern unsere Industrie hat alle Potentialen alle Potentiale, um als sogenannte Enabling Industry, also eine Industrie, die ermöglicht, dass wir auch die technischen, die technologischen Voraussetzung für Klimaschutz schaffen.

Schulze: Wie siehst du denn da das für die Gewerkschaften? Ich war in der Diskussion mit Roman Zitzelsberger und Olaf Bandt und hatte da den wirklichen bemerkenswerten Moment, dass der Olaf Bandt von BUND sagte, er würde sich wünschen, dass gerade in dem Bereich der erneuerbaren Energien mehr Leute Gewerkschaftsmitglied werden, weil nur dann würden die Jobs auch zukunftsweisend sein, die da sind. Das müsste doch dein Herz höherschlagen lassen, wenn du sowas von den Umweltverbänden hörst, oder?

Hoffmann: Da sag ich mal ein bisschen überspitzt: es hilft uns nichts, wenn wir die eine oder andere Ausstiegsdiskussion forcieren. Wir müssen raus aus der fossilen Energieerzeugung, das ist ja richtig, aber ich möchte auch mehr Einstiegsdiskussionen führen. Wie kommen wir dahin, dass wir unsere Industrie so umbauen, dass sie zukunftsfest ist und zugleich im ökologischen Herausforderungen sich widmet und einen signifikanten Beitrag leistet, den Klimawandel wirklich zu bewältigen und da ist die deutsche Industrie schon ein starker Partner, wenn ich mir anschaue: auch in diesen schwierigen Zeiten, die uns Corona bedingt vor neuen oder anderen Herausforderung stellt, ich zu unternehmen an der Zielsetzung festhalten beispielsweise bis 2030 schon CO2 frei zu produzieren. Das geht doch nur mit den Beschäftigten, mit Innovationen, mit gut qualifizierten Menschen und die Hinweise, die du gegeben hast beispielsweise im Bereich der regenerativen Energie, beispielsweise im Bereich der Solarenergie oder der Windenergie, haben wir in den letzten Jahren die Erfahrung machen müssen, da sind signifikant durchaus neue Arbeitsplätze entstanden. Die waren ökologisch sicherlich außerordentlich fortschrittlich, aber sozial waren sie zum Teil ein Desasters, weil diese Unternehmen sich ein Teufel scheren und Betriebsräte und zum Teil auch Betriebssitze regelrecht verhindert haben, sowie natürlich kein Interesse daran haben ordentliche Tariflöhne zu zahlen, sich in einem Arbeitgeberverband zu organisieren und mit uns gemeinsam nicht nur für eine umweltverträgliche Produktion, eine umweltverträgliche Energieerzeugung zu kämpfen und zu arbeiten, sondern auch um gute Löhne und gute Arbeitsbedingungen sicher zu stellen. Da haben wir massive Widersprüche und ich finde es immer zu einfach, wenn man denen ein schönes, grünes Siegel verpasst aber nicht dahinter schaut was damit an sozialen Verwerfungen zum Teil verbunden ist, wenn Menschen für ihre gute Arbeit nicht ordentliche Löhne bekommen.

Schulze: Und nun hast du das ja beschrieben. Ich kenne das auch vom internationalen Gewerkschaftsbund. Die Sharon Barron hat gesagt: "there are no good jobs on a dead planet". Also: es gibt keine guten Jobs, wenn der Planet tot ist. Also da haben wir einfach alle als Menschen dann ein gemeinsames Interesse. Das Ziel ist klar: zukunftsfähige Jobs mit einer guten gewerkschaftlichen Organisation, die sich auch um die Beschäftigten kümmert. Ich finde wir sollen jetzt noch mal bisschen über den Weg reden. Wie kriegen wir das eigentlich hin. Für mich so ganz nah ist noch die ganze Frage Ausstieg aus der Kohle und ich weiß, dass die SPD sehr dafür gestritten hat, dass wir das gemeinsam machen. Dass wir eine Gruppe zusammensetzen, eine Kommission, dass wir die Beschäftigten, die Industrie, die Organisation von vor Ort, Zivilgesellschaft, Umweltverbände - dass wir die alle an einen Tisch holen und dass wir wirklich darüber reden, wie wir den Ausstieg hinkriegen. Nicht nur, dass wir ihn wollen, sondern so, dass es auch noch Perspektive in den Regionen gibt.

Da waren nicht alle für wir, haben das trotzdem am Ende geschafft. Das waren auch keine einfachen Diskussionen, weil natürlich da auch ganz viele Ängste, da war noch gar nicht sichtbar wurde was kommt denn da neues hin. So und jetzt finde ich sind bei einer Diskussion bisschen weiter dadurch, dass die Bundesregierung natürlich auch Geld in die Hand genommen hat, dass wir ein Paket von 40 Milliarden Euro gepackt haben für die Region für, die Arbeitsplätze dort. Damit eben aus Kohleregion jetzt andere Energieregion werden. Aber diese Auseinandersetzung und dieses wirklich um den Weg streiten: ich fand das ganz wichtig und fand, dass sich daran auch so Demokratie zeigt. Das ist jetzt ja nicht der einzige Bereich, wo wir solche Brüche haben, solche Veränderungen.

Wie siehst du das in den in anderen Branchen? Für Kohle haben wir den Ausstieg jetzt ja miteinander verhandelt. Wo muss man eigentlich noch aufpassen? Wo geht's im Weiteren noch hin aus deiner Sicht?

Hoffmann: Jetzt kommt es drauf an, dass das was in der Strukturwandel Kommission oder im Volksmund der Kohlekommission verabredet wurde auch von der Politik umgesetzt wird. Es ist ja nicht nur, dass die Strukturwandel Kommission über mehrere Monate hart gearbeitet hat, zum Teil durchaus auch gestritten hat. Der schwierigere weg ist ja noch vor uns, wenn es jetzt in die Umsetzung geht, wenn wir den Strukturwandel in den Braunkohle-Revieren organisieren wollen. Das setzt voraus, dass wir sozial partnerschaftliche Beteiligung sicherstellen, dass ihr auch die Akteure vor Ort mit beteiligen, dass wir die entsprechenden Ressourcen haben und dass wir diesen schwierigen Transformationsweg, wo wir ja gute Arbeitsplätze, beispielsweise im Braunkohletagebau aber auch in den Energieversorgerbetrieben, in den Kraftwerken hatten und diese jetzt in neue Beschäftigungsverhältnisse zu überführen. Eine der Voraussetzung ist, dass wir die infrastrukturellen Voraussetzungen schaffen müssen. Es reicht ja nicht, dass wir sagen: wir hören auf mit der Braunkohleförderung, wir Steuern um auf regenerative Energien, wenn ich feststelle zur gleichen Zeit in diesem und im letzten Jahr ist der Ausbau, beispielsweise der Windenergie, mehr oder weniger zum Erliegen gekommen, dann werden wir es nicht schaffen. Also wir müssen Voraussetzung dafür schaffen, dass die erneuerbaren Energien weiterwachsen. Da sind ja auf einem guten Weg aber die Hemmnisse die es dort gibt müssen überwunden werden, müssen abgebaut werden. Das setzt voraus, dass wir in den Investitionen nicht nur erneuerbaren Energien tätigen, sondern auch der Frage um zu wenden, noch stärker als in der Vergangenheit: wie gelingt uns der Ausbau der Netze.

Da muss auch die Kirchturms-Politik mancher Kommunen, mancher Länder überwunden werden. Es kann ja nicht sein, dass wir sagen, wir wollen kein Bodensprung mehr aber Windräder bei uns wollen wir auch nicht haben. Das ist ein Widerspruch, da muss man sich schon mal entscheiden. Das meine ich mit Einstiegsdiskussion. Also Ausstieg den zu diskutieren und zu beschließen ist ja wunderbar, aber den Einstieg in ein regeneratives Zeitalter ist wesentlich anspruchsvoller und da sind alle Kräfte gefragt.

Schulze: Also die Arbeit beginnt ja eigentlich jetzt erst nach der Kohlekommission und nachdem die ganzen Gesetze im Bundestag jetzt auf den letzten Metern sind und wahrscheinlich ja auch entschieden werden; und das finde ich noch mal ganz zentral, weil wir reden im Moment ganz viel über Transformation, aber was finde ich gar nicht so stark beleuchtet wird ist, (was du jetzt aber gerade gemacht hast) dass das ja nun wirklich ein langandauernder Prozess ist.

Wir sehen das bei der Kohle, dass wir über wie viele Jahre aus Kohle aussteigen und in was Neues einsteigen. Wir sehen das aber auch in vielen anderen Branchen. Wir sehen, wie schwierig das für die Automobilindustrie ist. Wir sehen, zum Thema Landwirtschaft: das gibt ja auch totale Veränderung gerade. Also die ganze Art und Weise wie Fleisch produziert wird steht jetzt mal in der Diskussion. Weil das von der Umweltseite so nicht geht, aber weil es auch von den Arbeitsbedingungen ja unmöglich ist. Diese Veränderungsprozesse, das finde ich so zentral, dass wir ein Bild haben wo wir hinwollen, also wie soll es eigentlich anders sein, und dann den Weg dahin wirklich miteinander diskutieren. Man sieht ja auch, es geht auch anders. Also man kann ja einfach auch nicht miteinander reden und einfach nur protestieren.

Damit finde ich, kommt man aber nicht weiter. Also da würde ich dich absolut unterstützen zu sagen: wir müssen diese Auseinandersetzung, diesen - sozusagen wie wir es aushandeln - in der Demokratie auch haben und das muss dann eine Sicherheit geben. Bei Kohle hast du das eben angesprochen, aber ich will das noch mal ganz ausdrücklich machen: da ist das ja nicht nur Geld für die Region, es ist ja Geld für die Beschäftigten. Also wir schaffen die Sicherheit, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sogenanntes „Anpassungsgeld“ bekommen. Das finde ich ganz zentral. Wir haben ein Qualifizierungschancengesetz, also wir sorgen dafür, dass die Qualifikation für die Jobs der Zukunft jetzt auch entstehen, das beschäftigte sich verändern können jetzt auf der Strecke und auch, dass es sowas wie ein "Arbeit-von-morgen-Gesetz" gibt, welches eben hilft diese Veränderungen zu gehen. Da sind jetzt alle bei Kohle ganz stark. Aber wir werden das glaube ich auch noch in anderen Branchen sehen, dass dieses CO2-freier produzieren, anders mobil zu sein, wie wir es jetzt in der Krise auch erlebt haben, dass das noch zu anderen Veränderungen führt. Vielleicht Reiner, können wir die Automobilindustrie ja noch mal streifen. In den letzten paar Minuten, weil da ist es für mich auch sehr deutlich, die Mobilität der Zukunft ist anders als die heute. Wir sind technisch ganz, ganz vorne in Deutschland. Jetzt müssen wir es schaffen, diese neuen Autos, diese neue Art der Mobilität, ist ja gar nicht mehr nur Auto, sondern die Leute nutzen die Bahn ganz anders, sie sind ganz anders mobil als früher. Diese neue Mobilität nach vorne zu bringen und darauf zu achten, dass das sozial fair ist für die Beschäftigten und fair für die die das nutzen wollen und da finde ich haben die Gewerkschaften wirklich eine gute und wichtige Rolle.

Hofmann: Auf jeden Fall und dazu gehören ganz andere Mobilitätskonzepte, die uns in die Zukunft tragen. Wir merken das bei jungen Menschen. Meine beiden Kindern, mein Sohn und meine Tochter haben heute weniger Interesse an einem privat-Pkw als an Interesse wie komme ich gut und günstig von A nach B. Das jedoch wirklich bequem aber auch umweltfreundlich. Dabei wird das Auto, dabei wird der Individualverkehr auch zukünftig eine Rolle spielen. Wir sind auf einem guten Weg, dass wir hin zu emissionsfreien Kraftfahrzeugen kommen. Das ist ein anspruchsvoller Weg, da muss man auch sagen die Debatte in den letzten Tagen und Wochen, da hat die Automobilindustrie auch gepennt und verschlafen. Aber man kann jetzt auch nicht sozusagen das Kind mit dem Bade ausschütten, dass man jetzt der Automobilindustrie nicht mehr unter die Arme greift, weil dahinter stehen mehr als 800.000 direkte Beschäftigte. Wenn ich das ganze Umfeld mir anschaue dann sind das bis zu zwei Millionen Beschäftigte. Wenn man die ganze Wertschöpfungskette sich anschaut in der Zulieferindustrie, im Kfz-Handwerk, die müssen mitgenommen werden und da brauch es ja auch strategisch Unterstützungen bei dieser Transformation für die Beschäftigten aber auch für die Überlebensfähigkeit unserer Industrie. Das ist auch kein Widerspruch, wenn das vernünftig gemanagt wird. Die Beteiligten mit in die Pflicht genommen werden kann es gelingen. Ein Stichwort, was Du genannt hast ist ganz wichtig: diese Verunsicherung der Menschen müssen wir ernst nehmen. Akzeptanz dafür schaffen, wir müssen die Menschen mitnehmen auf diesen Weg des Strukturwandels oder diesem Weg der Transformation und auch Angst nehmen, dass Menschen wieder Mut haben, Perspektiven haben und sagen: Wir wollen nicht aussteigen, nein, wir wollen einsteigen in eine CO2-freie Wirtschaft, in eine sozial gerechte Gesellschaft in der alle Menschen gut leben können. Dort Zukunftsbilder zu skizzieren aber auch im konkreten zu entwickeln Menschen mitzunehmen, zu diskutieren, die Sorgen abzunehmen und das Stichwort "Beteiligung-Demokratie" ist ganz wichtig.

Wenn wir diesen Klimawandel nicht mit großer Akzeptanz der Menschen in ihrer Beteiligung hinbekommen, ist das ein auch ein Risiko für die demokratische Verfasstheit unserer Gesellschaft und das ist doch viel zu wichtig. Ich denke ich habe ein bisschen geschluckt als ich euren Titel gesehen habe "Wir schafft Wunder - Fortschritt sozial-ökologisch gestalten". An Wunder glaub ich ja als Gewerkschafter nicht so richtig, aber ihr sagt immer es hat was mit Politik zu tun, aber was damit verbunden ist, ist die Intention auf Hoffnung, Perspektiven aufzuzeigen. Dass es gehen kann, das finde ich schon wichtig, weil wir brauchen wirklich ein innovationsfreudiges Klima und dafür brauchen wir gute Bildung. Es braucht Beteiligung der Menschen. Das muss man in Zusammenhang sehen, dann kann da ein Schuh draus werden. Das ist Anspruchsvoll, aber da stehen wir als Gewerkschaften dafür. Partizipation und Mitbestimmung ist für uns ganz entscheidend, genauso wie die Bekämpfung des Klimawandels für gute Arbeit zusammengehören – für uns.

Schulze: Ja ich find das gut, dass du noch mal sagst, dass du den Titel irritieren fandst mit "Wir schafft Wunder", das soll auch Irritieren, das soll erstmal zum Nachdenken auch anregen. Das hat ja dann bei Dir schon mal geklappt.

Hoffmann: Bei mir hat es geklappt, ich dachte nur "Was ist denn mit Svenja los?", ich weiß auch, dass Du nicht wirklich an Wunder glaubst, aber: wenn ich mir eure Zielperspektiven anschaue ist es jetzt auch voll ausgearbeitet, dass wir die politischen Rahmenbedingungen brauchen, dass Politik gefordert ist. Dass Ihr Leitbilder formuliert, die man umsetzen kann und das schafft er wirklich Fortschritt und es wäre ein Wunder, wenn es uns nicht gelingt, lass es mich mal so umdrehen, dann wird ein Schuh draus für mich.

Schulze: Aber das ist doch sehr schön, es muss ein Wunder passieren, damit das nicht gelingt und ich glaube eben fest, dass wir das jedenfalls gemeinsam schaffen können und dieses was wir bei Kohle eben diskutiert haben ja: alle zusammen holen, gemeinsam nach Wegen suchen, den Konflikt auch wirklich suchen und dann aber einen verlässlichen Rahmen schaffen und gemeinsam gucken. So wie wir das Wirtschaftswunder geschafft haben können wir auch ein Wunder schaffen für den Klimawandel, für die biologische Vielfalt.

Was wir ja unbedingt biologische Vielfalt erhalten wollen und den Klimawandel unbedingt bekämpfen wollen und deswegen mache jetzt auch diese ganze Diskussionsreihe. Also, Zukunftsbilder entwickelt und wollen jetzt mit ganz vielen verschiedenen darüber diskutieren: wie erreichen wir jetzt eigentlich diese Bilder? Also bei dir würde ich jetzt ganz stark mitnehmen, dieses gemeinsame, richtige Rahmenbedingungen setzen auch diese Verlässlichkeit das finde ich auch noch mal einen Punkt, den ich sehr wichtig finde.

Wir haben ja versucht mit dem Klimaschutzgesetz so einen Rahmen zu schaffen. Ich glaube, dass das auch sehr gut gelungen ist. Also jetzt Verlässlichkeit zu haben: Wie geht denn das mit der CO2-Reduktion? Was kommt da die nächsten Jahre? Das ist jetzt bis 2030 erstmal festgelegt. Jedes Jahr muss es ein Stückchen runtergehen. Jedes Jahr müssen die Maßnahmen weiterentwickelt werden, damit CO2 gespart wird und diese Verlässlichkeit und dieses "das Beteiligen", das habe ich jetzt bei dir auch sehr sehr stark herausgehört. Jetzt haben wir schon fast eine halbe Stunde gesprochen. Deswegen will ich es auch gerne langsam Abbinden. Wir haben eine ganze Menge Facetten beleuchtet: Was sich in der Arbeitswelt verändert, was für Gewerkschaften - aber auch für uns als Umwelt Seite - wichtig ist.

Du hast die Zukunftsbilder angesprochen, also da wo wir hinwollen, da ist vieles auch noch gar nicht da. Das ist Zukunftsmusik. Nun hast Du mich ja als jemanden sehr optimistischen erlebt. Ich glaube, dass wir das hinkriegen können. Du hast eben auch angedeutet, dass das geht.

Was glaubst du: Schaffen wir diesen sozial-ökologischen Umbau? Schafft er, dass unser Land klimafreundlicher, gerechter, lebenswerter zu machen und haben wir genug Potenzial dafür?

Hoffmann: Wir haben genug Potenzial, wenn wir die Menschen mitnehmen. Wenn wir die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Mittelpunkt stellen. Weil "Wunder" geht nur mit hochqualifizierten, motivierten Beschäftigten, die in eine gesunde Zukunft, mit guter Arbeit schauen können. Dann gelingt es uns und wir dürfen nicht vergessen: Deutschland ist und bleibt ein Industrieland. Wir müssen auch die Unternehmen mitnehmen. Wir müssen unsere Wertschöpfung stabilisieren, mit handlungsfähigen, öffentlichen Dienstleistungen. Das ist kein Gegensatz, sondern das greift wie ein Uhrwerk ineinander und das Uhrwerk am Laufen zu halten, das wird uns gelingen da - bin ich durchaus optimistisch. Ich weiß, das wird nicht einfach aber, einfach können auch andere.

Schulze: Einfach können auch andere, okay! Noch mal ganz, ganz herzlichen Dank lieber Reiner Hoffmann für das erste Gespräch. Vielen Dank an alle, die zugehört haben. Vielen Dank für das Interesse. Ich bin sehr gespannt auf die Rückmeldung. Schreiben uns gerne einfach über die ganzen Social-Media-Kanäle mit Fragen, Anregungen oder Feedback. Da sind wir sehr dankbar für. Ich verabschiede mich erstmal für heute und sage: auf zum nächsten Mal. Tschüss.