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10.03.2020

Rede von Svenja Schulze zur Festveranstaltung "30 Jahre Nationale Naturlandschaften"

30 Jahre Nationale Naturlandschaften M-V
Svenja Schulze hielt eine Rede auf der Festveranstaltung "30 Jahre Nationale Naturlandschaften". Dort hob sie hervor, was für ein Erfolg die Sicherung der ehemaligen Truppenübungsplätze für den Naturschutz in Deutschland ist.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Minister Dr. Backhaus,
sehr geehrte Frau Staatssekretärin Dr. Draheim,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind hier ganz in der Nähe des Potsdamer Platzes, der bis vor 31 Jahren Niemandsland war. Niemandsland mit einem Todesstreifen, der die Menschen in Ost und West voneinander getrennt hat. Die Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern steht heute genauso in diesem früheren Niemandsland wie das Bundesumweltministerium. Das Leben ist zurückgekehrt in den früheren Todesstreifen. Der Potsdamer Platz ist wie in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wieder ein lebendiger Platz und Anziehungspunkt in der Mitte Europas.

Zwei Dinge will ich meiner Rede vorwegschicken:

Erstens: Die Mauer ist ein dunkles Stück deutscher Geschichte, die Erinnerung gilt es wach zu halten.

Zweitens: Die Überwindung dieser Mauer gehört zu den glücklichsten Momenten unserer Geschichte. Deshalb kann man gar nicht oft genug davon erzählen.

Das ist der Hintergrund für die großartige Entscheidung von vor 30 Jahren, an die wir heute Abend mit großer Dankbarkeit erinnern: Der dauerhafte Schutz bedeutender Naturlandschaften.

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung werden viele Entwicklungen in unserem Land kritisch diskutiert. Viele Debatten werden wieder zu Ost-West-Debatten gemacht: bei der Rente, beim Kohleausstieg, bei der Energiewende, beim Wahlverhalten und anderem mehr.

Solche Debatten sind wichtig. Aber mindestens genauso wichtig ist es, dass die gelungenen und gemeinsam erreichten Dinge gewürdigt werden.

Die Deutsche Einheit ist ein großes Glück und dazu gehören unwiderruflich die Nationalen Naturlandschaften, von denen Ost und West gleichermaßen profitieren. Es ist höchste Zeit, dass sich das auch außerhalb der umweltbewegten Szene noch stärker herumspricht.

Ein anderer oft beschriebener Konflikt ist der Stadt-Land-Konflikt. Es wäre völlig falsch, Unterschiede und unterschiedliche Entwicklungen zu verschweigen. Aber es gibt eben auch viel Verbindendes: Denken Sie an die Havel, die Berlin durchfließt und mit ihren Flusslandschaften bereichert. Sie entspringt in Mecklenburg-Vorpommern und kommt durch Brandenburg in die Hauptstadt.

Aus gutem Grund ist die Quelle der Havel in den Müritz-Nationalpark mit aufgenommen worden. Berlin hängt damit im Wortsinne "am Tropf" der Nationalen Naturlandschaften in Mecklenburg-Vorpommern.

Dieses Bild macht deutlich: Schutzgebiete verbinden Stadt und Land. Der Umweltschutz verbindet heute Ost und West, Nord und Süd, Länder und Landschaften, Ökosysteme und Menschen – und er stärkt damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dieses Verbindende möchte ich hervorheben und nicht mit den Spaltern immer nur nach Unterschieden suchen.

Die Friedliche Revolution in der DDR folgte nicht nur auf die Forderungen nach Reise- und Meinungsfreiheit und nach einem verlässlichen Rechtsstaat. Daneben waren Umweltzerstörung, Luft- und Gewässerverschmutzung zentrale Themen der politischen Opposition. Aber natürlich gerieten diese Themen in der Umbruchphase 1989/90 für viele in den Hintergrund.

Es war insofern eine wirklich kühne Vision, bedeutende Naturräume – darunter ehemalige Truppenübungsplätze und Staatsjagdgebiete – durch die Einrichtung von Schutzgebieten für die Zukunft zu sichern. Diese Vision ist Wirklichkeit geworden.

Ich möchte Herrn Professor Succow, Herrn Professor Freude, Herrn Dr. Jeschke, Herrn Dr. Knapp und natürlich Herrn Professor Töpfer stellvertretend für alle, die daran beteiligt waren, danken. Außerdem danke ich den Bürgerinnen und Bürgern, die sich in den 1970er und 1980er Jahren in der DDR unter Inkaufnahme von großen persönlichen Risiken für den Naturschutz engagiert haben.

Sie alle haben dafür gesorgt, dass am 12. September 1990 – buchstäblich in letzter Minute vor dem Beitrittstermin – das Nationalparkprogramm im Ministerrat der DDR beschlossen und insgesamt 14 Großschutzgebiete gesichert werden konnten.

Das war eine Situation, wie sie Stefan Zweig in seinen "Sternstunden der Menschheit" beschrieben hat:

"Was ansonsten nacheinander und nebeneinander abläuft, komprimiert sich in einen einzigen Augenblick, der alles bestimmt und alles entscheidet: ein einziges Ja, ein einziges Nein, ein Zufrüh oder ein Zuspät macht diese Stunde unwiderruflich für hundert Geschlechter und bestimmt das Leben eines Einzelnen, eines Volkes oder sogar der ganzen Menschheit."

Es klingt pathetisch, aber es ist wahr: Die Entscheidung vom 12. September 1990 war eine Sternstunde der Nachkriegsgeschichte. Weder davor, noch danach gab es die Chance für eine derart weitreichende Entscheidung. Ohne diesen Beschluss wären viele einzigartige Naturlandschaften wohl für immer verloren gegangen.

30 Jahre nach dem historischen Beschluss ist unübersehbar, wie sehr der Naturschutz in Deutschland von dem enormen Schwung profitiert hat, den das Nationalparkprogramm ausgelöst hat. Nach 1990 wurden im Westen und im Osten weitere Großschutzgebiete ausgewiesen.

Heute gibt es bundesweit 16 Nationalparke, 18 Biosphärenreservate und 104 Naturparke. Mecklenburg-Vorpommern ist hier Vorreiter. Das macht Euch so schnell keiner nach, lieber Till Backhaus! Rund ein Drittel der Landesfläche wird durch streng geschützte Gebiete abgedeckt – fast doppelt so viel wie im bundesdeutschen Durchschnitt. Davon profitieren auch der naturverträgliche Tourismus und andere Bereiche einer nachhaltigen Regionalentwicklung. Schutzgebiete sind Motoren für regionale Wertschöpfung.

Ein Erfolg für den Naturschutz war auch die langfristige Sicherung vieler ehemaliger Truppenübungsplätze als "Nationales Naturerbe". Flächen, die Ländern oder Verbänden übertragen wurden mit der Auflage, diese ausschließlich dem Naturschutz zu widmen.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein, den wir gemeinsam gemeistert haben, war die Errichtung des Netzes Natura 2000 in Deutschland. Das europäische Netz Natura 2000 ist heute das größte Schutzgebietsnetz der Welt. Es ist aus der bundesdeutschen Naturschutzarbeit nicht mehr wegzudenken und lohnt auch zukünftig jede Anstrengung.

Und zuletzt das prominente Erfolgsprojekt des Naturschutzes das Grüne Band, das entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze verläuft. Das Projekt wird vom Bundesumweltministerium seit 1992 verfolgt und unterstützt. Thüringen hat die Flächen entlang des Grünen Bandes zum ersten großflächigen Nationalen Naturmonument erklärt. Pünktlich zum 30-jährigen Mauerfall-Jubiläum ist Sachsen-Anhalt diesem Beispiel gefolgt.

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich alle betroffenen Bundesländer in diesem Jubiläumsjahr dazu entschließen könnten, das Grüne Band als Nationales Naturmonument auszuweisen. Denn das Grüne Band ist ein Zeichen für die Überwindung von Grenzen.

Und das Grüne Band hat eine weitere Dimension: Es ist Teil eines europäischen Naturschutzprojektes. Entlang des ehemaligen "Eisernen Vorhangs" hat sich ein paneuropäischer Biotopverbund entwickelt – von der Barentssee im Norden bis ans Schwarze Meer im Süden mit einem Zweig um Albanien herum. Im Jahr 2003 hat die Bundesregierung zusammen mit dem BUND und EuroNatur das "Grüne Band Europa" ins Leben gerufen und von Anfang an auch finanziell unterstützt. Denn, das Grüne Band Europa steht für Naturschutz, der Grenzen überwindet und Länder verbindet!

Wenn wir uns nur auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen wollten, könnte ich jetzt mit meiner Rede enden. Aber aus meiner Sicht sind diese Erfolge der Vergangenheit zugleich Verpflichtung für die Zukunft.

Leider ist es so, dass kein Mangel an Aufgaben herrscht. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass es nicht gut um den Zustand unserer Natur bestellt ist. Viele Lebensräume und Arten sind in einem schlechten Erhaltungszustand. Geradezu alarmierend sind die Rückgänge der Insekten sogar in den Schutzgebieten selbst.

Dieser negative Trend setzt sich europaweit und international fort: Der Bericht des Weltbiodiversitätsrates zeigt eine rasante Verschlechterung des weltweiten Naturzustandes. Das alles unterstreicht, wie dringend wir uns weiter um den Schutz unseres Naturerbes und um unsere Schutzgebiete kümmern müssen. Ich will gemeinsam mit unseren europäischen und internationalen Partnern die großen Herausforderungen im Naturschutz anpacken.

Die Bedingungen dafür sind nicht schlecht. Das Jubiläumsjahr in Deutschland fällt zusammen mit wichtigen internationalen Terminen für die biologische Vielfalt:

  • Im Oktober soll auf der Weltbiodiversitätskonferenz ein neuer globaler Rahmen für die Zeit nach 2020 verabschiedet werden.
  • Die Kommissionspräsidentin hat angekündigt, dass die EU dabei eine führende Rolle spielen soll.

Diesen Anspruch sollte sie in der angekündigten EU-Biodiversitätsstrategie mit entsprechenden Taten unterlegen.

Ich will die deutsche EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte nutzen, um diese wichtigen Prozesse zu unterstützen.

Mir ist wichtig, dass der neue globale Rahmen und neue europäische Zielsetzungen auch in Deutschland ambitioniert umgesetzt werden. Das bedeutet unter anderem eine Stärkung des Gebietsnetzes und Anpassungen der Schutzgebiete an den Klimawandel.

Dazu beitragen soll auch der Aktionsplan Schutzgebiete, den mein Haus derzeit zusammen mit den Bundesländern erarbeitet. Er wird Antworten auf eine ganze Reihe von Fragen geben, zum Beispiel: Wie die guten Erfahrungen aus den geschützten Kulturlandschaften auf die Normallandschaften übertragen werden können. Oder wie mit attraktiven Schutzgebieten der Landflucht etwas entgegengesetzt werden kann.

Für die Umsetzung des Aktionsplans stehen umfangreiche Fördermöglichkeiten des Bundesumweltministeriums bereit, zum Beispiel die Bundesprogramme für Naturschutz, die ergänzenden Bundesfonds und die Unterstützung von Forschungsvorhaben. Auch die Flächenübertragungen im Rahmen des Nationalen Naturerbes gehören dazu.

Es ist sicher ganz im Sinne der Väter des Nationalparkprogramms, die damit verbundene Erfolgsgeschichte des Naturschutzes weiter zu schreiben. Das ist unsere Verantwortung heute. Der Mut und die Entschlossenheit der vielen Jugendlichen, die freitags für ein Leben und Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen demonstrieren, machen Hoffnung darauf, dass wir generationenübergreifend die Herausforderungen unserer Zeit meistern können.

Die Väter des Nationalparkprogramms sind gute Vorbilder dafür, sich nicht mit dem Status Quo abzufinden. Sie haben einen großen Dienst für den Naturschutz und für das Zusammenwachsen unseres über Jahrzehnte geteilten Landes geleistet. Dafür gebührt Ihnen unser Dank!

Ich wünsche Ihnen und uns allen eine schöne Festveranstaltung und eine anregende Diskussion.

Vielen Dank!

10.03.2020 | Berlin