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29.06.2020

Rede von Svenja Schulze zu Biodiversität und Pandemie

Svenja Schulze am Pult
unterseite icon 29.06.2020 | Naturschutz/Biologische Vielfalt

Onlinetalk: Biodiversitätsverlust und Wildtierhandel als Pandemieursachen

Internationale Diskussionsrunde beleuchtet Biodiversitätsverlust und Wildtierhandel als Ursachen für Pandemien

Onlinetalk: Biodiversitätsverlust und Wildtierhandel als Pandemieursachen
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Online-Talk "Nature is sending us a message"

Online-Talk "Nature is sending us a message"
Svenja Schulze hat eine Rede bei der Veranstaltung "Nature is sending us a message" gehalten. Dabei ging sie auf die Zusammenhänge zwischen der Biologischen Vielfalt, Wildtierhandel, Naturschutz und Pandemien ein.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Botschafter Dr. Christoph Heusgen,
Sondergesandter John Scanlon,
Prof. Dr. Simone Sommer, Universität Ulm,
Dr. Sue Lieberman,
Damen und Herren,

unsere Welt ist seit einigen Monaten im Ausnahmezustand. Weltweit haben Regierungen umfangreiche Maßnahmenpakete beschlossen: um zu verhindern, dass sich das Virus weiter ausbreitet, aber auch, um die wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie zu überwinden.

Die Coronakrise zeigt uns, dass der Schutz von Natur und Biodiversität sehr wesentlich dafür ist, künftige Pandemien vorzubeugen. Etwa 60 Prozent der Krankheitserreger stammen ursprünglich aus dem Tierreich. HIV, Ebola, Vogelgrippe, MERS, SARS – all diese gefährlichen Infektionskrankheiten wurden ursprünglich von Wildtieren auf den Menschen übertragen.

Es ist noch nicht genau geklärt, welche Rolle welche Tierart bei der Übertragung von Covid-19 gespielt hat. Diskutiert wird etwa über Marderhund, Zibetkatze oder auch die weltweit am häufigsten illegal gehandelte Art, das Schuppentier. Klar ist aber: Ursache ist menschliches Verhalten.

Wenn nämlich unterschiedliche Tierarten und Menschen auf engstem Raum zusammenkommen, steigt das Risiko einer Virenübertragung. Dies ist zum Beispiel auf Wildtiermärkten der Fall, wo verschiedenste wildlebende Arten zusammengepfercht, getötet und unter hygienisch unhaltbaren Zuständen verwahrt werden. Das sind sehr schlechte Bedingungen für die Tiere, aber leider sehr gute für gefährliche Viren. Neben Wildtiermärkten ist der illegale internationale Wildtierhandel Teil des wachsenden Problems. Der illegale Handel mit wildlebenden Tieren und Pflanzen und daraus gewonnenen Produkten gehört inzwischen zu den größten und lukrativsten Formen der grenzüberschreitenden organisierten Kriminalität.

Gerade diese Arten bergen ein erhöhtes Risiko für die Übertragung von Zoonosen. Es muss daher gegen illegalen Artenhandel vorgegangen werden. Ich finde: mit allen verfügbaren Mitteln, auch durch die Stärkung der internationalen Zusammenarbeit zwischen den Vollzugsbehörden.

Den Blick ausschließlich auf diese Probleme zu richten, greift allerdings viel zu kurz. Davor warnt uns auch die Wissenschaft.

Immer weiter dringen Menschen in Urwälder vor, in die natürlichen Lebensräume vieler Arten. Menschen reduzieren oder vernichten so die biologische Vielfalt. Indem bestimmte Arten gezielt verfolgt und gejagt, oder indem Monokulturen angelegt werden. Lebensräume und Ökosysteme werden geschädigt, zerstückelt oder ganz zerstört.

Und die überlebenden Arten teilen sich dann die immer kleineren Lebensräume immer häufiger mit Menschen. Diese unnatürliche Nähe zwischen Menschen und Wildtieren macht ein Überspringen von Viren wahrscheinlicher. Der Erhalt von Ökosystemen ermöglicht es dagegen, widerstandsfähiger mit Pandemien und andere Krisen umzugehen.

Deshalb setze ich mich für ambitionierten internationalen Schutz der biologischen Vielfalt im Sinne des One-Health-Ansatzes ein – zum Schutz der Natur und unserer Gesundheit. Der Bericht des Weltbiodiversitätsrats zum Zustand der Natur und der Ökosysteme zeigt, dass der globale Biodiversitätsverlust dramatisch ist. Natürliche Lebensräume werden verändert und zerstört. Menschen dringen in diese Lebensräume vor, die biologische Vielfalt nimmt weltweit in vielen Regionen dramatisch ab.

Außerdem werden multilaterale Abkommen sowie die internationale Zusammenarbeit immer häufiger in Frage gestellt. Die sind aber notwendig und hilfreich. Gerade die aktuelle Situation zeigt, solche Krisen können nur international koordiniert und gemeinsam mit globalen Partnern eingedämmt oder verhindert werden.

Dies kann in bi- und multilateraler Zusammenarbeit geschehen. Etwa im Rahmen großer Kampagnen wie der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen. Oder völkerrechtlich verbindlich. Die 15. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt im nächsten Jahr ist eine Chance.

Die Weltgemeinschaft kann zeigen, dass sie aus der Coronapandemie lernt. Sie kann eine neue globale Biodiversitätsstrategie beschließen, die notwendige Maßnahmen zum globalen Schutz der biologischen Vielfalt enthält – auch um das Risiko künftiger Pandemien zu verringern.

Im Zentrum geht es darum, naturverträglicher zu wirtschaften, Ökosysteme zu erhalten, Lebensräume zu schützen. Man kann auch sagen: Es geht darum, Wildtieren ausreichend Platz und vielfältige Ökosysteme zu geben, damit Mensch und Tier einen gesunden Abstand zueinander halten können.

Mein besonderer Fokus liegt darauf, den illegalen Artenhandel mit allen verfügbaren Mitteln zu bekämpfen. Ich will den Handel mit geschützten Arten sowie hochriskante Wildtiermärkte international strenger regulieren. Ursprungsländer müssen in diesem Kampf besser unterstützt werden. Die biologische Vielfalt durchlebt eine fundamentale Krise. Die kann nur gemeinsam mit unseren internationalen Partnern bewältigt werden. Auch gemeinsam mit den Zivilgesellschaften und im Sinne eines transformativen Wandels.

Deshalb freue ich mich, dass wir heute zusammengekommen sind – teilweise persönlich, teilweise zugeschaltet – und gemeinsam diskutieren, wie wir in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren bei diesem so wichtigen Thema weiter vorankommen.

Vielen Dank.

29.06.2020 | Rede Naturschutz/Biologische Vielfalt