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13.04.2018

Rede von Svenja Schulze bei der Veranstaltung "Umweltschutz – Made in Germany"

Rede von Svenja Schulze bei der Veranstaltung "Umweltschutz – Made in Germany"

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Herr Dr. Eric Schweitzer (Präsident DIHK),
Herr Dr. Velibor Marjanovic (Director KfW Bankengruppe),
Herr Dr. Torsten Henzelmann (Senior Partner Roland Berger),
liebe Programmpartnerinnen und -partner,
Damen und Herren,

Ihnen allen ein herzliches Willkommen im Bundesumweltministerium.

Umwelttechnologien und Innovationen – darum soll es heute gehen. Und eine Erkenntnis habe ich schon in meinen Jahren als Wissenschaftsministerin Nordrhein-Westfalen gewonnen: Das beste Erfolgsrezept ist, wenn Technologien und Innovationen beidem dienen: der Mit-Welt und der Um-Welt, also neben dem ökologischen auch einen sozialen Fortschritt bringen.

Umwelttechnologien sind dafür ein Paradebeispiel. Sie geben eine hervorragende Antwort auf die große globale Frage unserer Zeit, die lautet: Wie können die Grundbedürfnisse einer wachsenden Zahl von Menschen erfüllt werden, ohne Lebensräume dabei weiter zu zerstören?

In dem neuen Umwelttechnologie-Atlas prognostiziert Roland Berger ein dynamisches Wachstum von jährlich knapp sieben Prozent für den weltweiten GreenTech-Markt. In keiner anderen Branche findet sich eine solche Steigerung. Und gerade deutsche Unternehmen können und sollen von diesem globalen Markt profitieren. Denn es sind unsere Schlüsselindustrien, die das Fundament der deutschen Umwelttechnik bilden: der Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotechnik oder auch Systemdienstleistungen der Energie-, Wasser- oder Abfallbranche.

Das Gros dieses Wachstums wird übrigens von unserem – häufig hochinnovativen - Mittelstand getragen wird. Etwa 90 Prozent der Akteure in der GreenTech-Branche sind KMU. Auch deshalb freue ich mich, dass Herr Schweitzer vom DIHK heute bei uns ist - auch Ihnen ein ganz herzliches Willkommen.

Ich werde versuchen, mit möglichst wenigen Zahlen auszukommen. Aber lassen sie mich die wichtigsten Trends kurz skizzieren:

  • Das weltweite Marktvolumen der Umwelttechnik und Ressourceneffizienz wird sich von mehr als 3200 Milliarden Euro im Jahr 2016 bis 2025 voraussichtlich auf über 5900 Milliarden Euro erhöhen.
  • Deutsche Unternehmen sind hervorragend aufgestellt: Insgesamt haben sie einen weltweiten Anteil von 14 Prozent auf diesen Märkten.
  • Eineinhalb Millionen Menschen sind bereits heute in diesem Bereich in Deutschland beschäftigt – in der Mehrzahl alles sehr qualifizierte Jobs. Denn es geht hier um gute Arbeit.
  • Außerdem ist absehbar, dass GreenTech für die Wertschöpfung in Deutschland noch wichtiger wird: Der Anteil der Branche am Bruttoinlandsprodukt lag 2016 bereits bei 15 Prozent. Bis 2025 – so die Prognose – wird er auf 19 Prozent steigen.
  • Schon heute wird über ein Zehntel der weltweiten Umwelttechnologien in Deutschland angewendet. Damit ist der Markt hier weiter entwickelt, als in den meisten anderen Regionen.

Schon an diesen wenigen Zahlen kann man ablesen: Umweltpolitik ist Industriepolitik, ist Arbeitsmarktpolitik, ist Zukunft. Und die Zahlen, die Roland Berger für uns ermittelt hat, geben großen Ansporn. Mit Umwelttechnik und Ressourceneffizienz kann es gelingen, unsere Wirtschaft umfassend zu modernisieren. Sie sorgen für nachhaltige Produkte und Wertschöpfungskonzepte – und genau dahin muss die Reise gehen.

Trotz dieser guten Bilanz: Ausruhen ist keine Option! Auch wenn die deutschen Anbieter grundsätzlich gut gerüstet sind. Sie besitzen eine hohe Industrie-Kompetenz und haben die Automatisierung und Robotik vorangetrieben. Sie sind profilierte Anbieter von Systemlösungen. In vielen Technologien – so die Prognosen – können deutsche Unternehmen ihre Weltmarktposition bis 2025 sogar ausbauen. Entscheidend wird auch sein, inwieweit die deutschen Unternehmen die Digitalisierung als Chance nutzen. Digitale Kompetenzen spielen immer mehr die Schlüsselrolle. Hier müssen wir – auch im BMU – noch den Blickwinkel weiten.

So oder so wird der globale Wettbewerb weiter an Fahrt gewinnen. Denn auch andere haben erkannt, wie attraktiv dieser Markt ist. Derzeit beobachten wir, wie sich zum Beispiel China strategisch und entschlossen auf dem Technologiemarkt ausbreitet. Sogenannte State-of-the-Art-Lösungen werden auch schon von Unternehmen aus Schwellenländern angeboten.

Das bedeutet für deutsche Unternehmen, dass sie ihre Spezialisierung weiter ausbauen müssen. Wir müssen noch innovativer werden. Vor allem müssen wir Innovationen schneller zum Marktdurchbruch verhelfen.

Außerdem wollen wir unser Know-how erfolgreich exportieren. Mein Ministerium unterstützt das mit der "Exportinitiative Umwelttechnologien". Wir wollen eine noch bessere Positionierung von "Umweltschutz – Made in Germany".

Insbesondere die großen Unternehmen, die sogenannten Global Player, sind aufgerufen, die Innovationsbremse zu lösen. Umwelttechnologien sollen zum Geschäftsmodell werden. Es ist nämlich schon schräg, wenn sich in der vergangenen Woche der Vorstandsvorsitzende eines DAX-Konzerns dafür entschuldigt, dass das Unternehmen verstärkt in Innovation investieren will. Bei Tesla wird man für eine solche Ankündigung gefeiert.

Die Industrie ist das Rückgrat unserer Volkswirtschaft – und sie wird es bleiben. Die entscheidende Frage ist: Wie bleibt man wettbewerbsfähig, in einer Zeit, in der die ökologischen Grenzen unseres Planeten erreicht werden?

Wir sehen, dass die "klassische" Umweltpolitik häufig an ihre Grenzen stößt, auch an Akzeptanzgrenzen. Die so genannten "low hanging fruits" sind – zumindest in Europa – weitgehend und erfolgreich geerntet. Die umweltpolitischen Herausforderungen heute sind komplex und interdependent, das heißt, sie finden sich überall, in der Sozial-, der Wirtschafts- und der Finanzpolitik.

Lassen Sie mich vor diesem Hintergrund ein paar Antworten auf diese globalen Herausforderungen versuchen – fünf Antworten, um präzise zu sein:

Für mich steht fest: Unsere Umwelt- und Klimapolitik hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Produkte und Dienstleistungen aus Deutschland auf den weltweiten Märkten so stark nachgefragt werden. Daraus folgt erstens: Moderne Industriepolitik muss sich im Kontext des Pariser Klimaschutzabkommens und der Agenda 2030 bewegen.

Zweitens: Moderne Industriepolitik muss nachhaltiges Wirtschaften stärken. Dazu gehören verbindliche Umweltstandards. Umweltgesetzgebung ist weltweit maßgeblich für Investitionen in Wasser- und Abfalltechnologien. Ambitionierte CO2-Grenzwerte im Mobilitätsbereich sind nicht nur für den Klimaschutz wichtig. Sie sind ein Innovationstreiber. Dabei müssen wir politisch sicherstellen, dass Innovationen und Umwelttechnologien das vorfinden, was man ein „level playing field“ nennt.

Das gilt auch für die Handelspolitik: Wir wollen wirksame Nachhaltigkeitsstandards in Freihandelsabkommen. Nicht nur wegen des Klima- und Umweltschutzes, der Menschenrechte, für Arbeitsschutz, Lohn- und Geschlechtergerechtigkeit. Sondern auch, weil man nur so langfristig wirtschaftlich erfolgreich sein kann.

Drittens geht es um die Frage, wie wir Investitionen in nachhaltige Technologien lenken. In der Finanzwirtschaft findet ein Umdenken statt. Und das nicht ohne Grund, denn Rendite und Nachhaltigkeit gehen Hand in Hand. Unternehmen, die sich ökologisch und sozial Auflagen setzen, mindern Investitionsrisiken, auch Reputationsrisiken. Sie sind finanziell erfolgreicher. Deshalb ist es ein sehr gutes Signal, dass die EU-Kommission eine „Strategie zur nachhaltigen Finanzwirtschaft“ vorantreibt, mit dem Ziel, Investitionen in grüne Technologien zu lenken.

Wir müssen viertens Umweltinnovationen bei der Markteinführung unterstützen. Die Forschung hat bei uns einen hohen Stellenwert. Dabei übersehen wir aber viel zu oft, dass für innovative Produkte der Sprung in den Markt oft die eigentliche Hürde darstellt. Ich meine, hier brauchen wir mehr, vielleicht auch mal kreativere Unterstützung durch die öffentliche Hand. Das gilt für Starthilfen bei umweltorientierten Neugründungen, besser ausgestattete Innovations-Fonds und Innovations-Cluster, Reallabore oder auch Sprung-Innovationen. Dazu gehört auch die Förderung von sogenannten „disruptiven Technologien“. Stahl kann zum Beispiel auch mit erneuerbarem Wasserstoff hergestellt werden – statt mit Kohle.

In diesem Kontext müssen auch Auslandsmärkte besser erschlossen werden. Umweltinnovationen und die Exportförderung von Umwelttechnologien müssen zwischen den Ressorts zu einem Schwerpunkt werden. Besser miteinander abgestimmt und verzahnt. Der GreenTech Atlas zeigt, dass sich das lohnt. Last but not least: Unternehmen haben eine Verantwortung. Es liegt im „Trend“, Unternehmen nicht nur an Rendite und Umsatz zu messen. Ökologisches und soziales Handeln werden immer wichtiger. Nicht nur aus Brüssel kommen diese Forderungen, wie bei der eben erwähnten Finanzmarktreform. Auch Präsident Macron schlägt bei seiner Reform des französischen Zivilrechts vor, die soziale und ökologische Verantwortung von Unternehmen zu stärken. Ich bin der festen Überzeugung, dass die EU mit einem solchen wertebasierten Wirtschaftsmodell die richtigen Antworten gibt. Ein weiterer Punkt ist die Transparenz von Geschäftsmodellen.

In Zeiten der Digitalisierung gilt dies noch mehr. Ich würde mir wünschen, dass das Ambitionsniveau der Unternehmensberichterstattung auch in Deutschland noch gesteigert wird. Das ist ganz sicher auch im Interesse der Wirtschaft selbst. Nachhaltiges Wirtschaften bringt Wettbewerbsvorteile, denn Vertragspartner, Kunden und Investoren achten mehr denn je auf die Wertschöpfungsketten. Sie setzen immer stärker ethisch verantwortungsvolles Handeln voraus. Und bei zunehmendem Fachkräftemangel ist es ein Wettbewerbsvorteil, wenn man engagierte Fachkräfte mit verantwortungsvollem unternehmerischem Handeln gewinnen und motivieren kann.

Um die Zukunft in diesem Bereich zu gestalten, brauchen wir Mut, vielleicht sogar mehr Mut als bisher, und wir brauchen ein besseres Investitionsklima.
Wir brauchen Unternehmen, die ihre Industrie-Kompetenz stärken und Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil nutzen.
Und diese Unternehmen brauchen den starken politischen Rückhalt für ihr unternehmerisches Risiko und ihre Innovationsbereitschaft. Und genau das wollen wir uns hier alle gemeinsam vornehmen.
Herzlichen Dank.

13.04.2018 | Berlin