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26.11.2019

Rede von Svenja Schulze bei der Konferenz KI x Klima

Bundesumweltministerin Svenja Schulze am Redepult
unterseite icon 26.11.2019 | Digitalisierung

Künstliche Intelligenz für Klima- und Umweltschutz

Künstliche Intelligenz für Klima- und Umweltschutz
Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat bei der Konferenz "Künstliche Intelligenz im Umweltschutz – eine Erfolgsformel?" eine Rede gehalten. Im Zentrum stand die Frage wie man KI für den Umweltschutz nutzen kann.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Herr Prof. Messner,
Herr Bonde,
Frau Prof. Ehrenfreund,
Herr Prof. Wegener,
Damen und Herren,

wir treffen uns heute im Umspannwerk am Alexanderplatz – einem Industriebau, der ab 1960 den östlichen Teil Berlins mit elektrischem Strom versorgt hat.

Für uns ist die Allverfügbarkeit von Elektrizität eine Selbstverständlichkeit. Das war nicht immer so. Elektrizität war und ist eine entscheidende Voraussetzung für die zunehmende Automatisierung. Angefangen bei der Einführung der Fließbandarbeit, über die Verbreitung von Elektronik und IT bis hin zur heutigen, umfassenden Digitalisierung.

Die Industrialisierung hat die Wirtschaft immer leistungsfähiger und effizienter gemacht und den Wohlstand erhöht. Allerdings hat sich dadurch auch gezeigt: Disruptive Veränderungen erfordern einen handlungsfähigen Staat. Einen Staat, der Leitplanken festlegt, der Strukturbrüche abfedert und für den sozialen Ausgleich sorgt. Im Falle der Industrialisierung hat der Staat diese Leitplanken gesetzt: Mit moderner Sozialpolitik wurde die industrielle Entwicklung in Deutschland so gesteuert, dass sie Wohlstand, berufliche Perspektiven und Teilhabe für die breite Bevölkerung ermöglicht hat.

Heute verursacht die zunehmende Digitalisierung disruptive Veränderungen. Gleiches gilt für den Klimawandel. Er macht grundlegende Veränderungen notwendig in der Art und Weise wie wir Energie erzeugen, Landwirtschaft betreiben, bauen, Güter produzieren. Für den Klimawandel haben wir mit dem kürzlich verabschiedeten Klimapaket wichtige Leitplanken festgelegt. Für die Digitalisierung fehlen sie weitestgehend.

  • Leitplanken, damit digitale Technologien ihre Chancen für gesellschaftliche Ziele wie den Klima- und Umweltschutz entfalten.
  • Leitplanken, die verhindern, dass der zunehmende Energie- und Ressourcenverbrauch digitaler Anwendungen den Klimawandel weiter beschleunigt.

Da geht es nicht mehr um Umspannwerke, sondern um Smart Grids, um intelligente Netzsteuerung, dezentrale Energieversorgung, intelligente Verkehrsplanung und nachhaltige digitale Produktion. Das Schlüsselwort hierfür heißt Industrie 4.0. Dafür brauchen wir eine Umweltpolitik 4.0.

Wie diese im Detail aussehen kann, daran arbeiten wir im Bundesumweltministerium. Im März kommenden Jahres werde ich eine umweltpolitische Digitalagenda, vorstellen.

Gut ein Jahr nach dem Start der deutschen KI-Strategie will ich heute mit Ihnen die Frage diskutieren, ob und wie Künstliche Intelligenz eine Erfolgsformel für den Klima- und Umweltschutz werden kann.

  • Kann Künstliche Intelligenz Natürliches schützen?
  • Sind grüne Codes der Schlüssel zu einer Umweltpolitik 4.0?
  • Oder braucht unsere Erde einen "digital Detox"?

Als Bundesumweltministerin habe ich die Vision, digitale Technologien, oder noch konkreter, Künstliche Intelligenz für den Umweltschutz arbeiten zu lassen. Das braucht Anreize. Einen ersten konkreten Anreiz schafft die Förderinitiative meines Ministeriums "KI-Leuchttürme für Umwelt, Klima, Natur und Ressourcen". Die erste Ausschreibung in diesem Sommer war – auf neudeutsch – "challenge-orientiert". Das heißt, es wurde ein Beitrag zur Lösung einer ökologischen Herausforderung gesucht.

Die Nachfrage war immens. In kürzester Zeit sind über 300 Ideen bei uns eingegangen. Das sind für mich 300 Chancen, um KI strategisch für Klima und Umwelt einzusetzen.

Allein dieses Interesse zeigt, welches Potenzial in dem Thema steckt. Diesen Schatz will das Bundesumweltministerium heben. Deshalb freue ich mich, dass der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags eine Aufstockung des KI-Leuchtturmprogramms um weitere 20 Millionen Euro beschlossen hat.

Es gibt zahlreiche konkrete Beispiele dafür, wie die Künstliche Intelligenz für den Umweltschutz nutzbar gemacht werden kann. Mit Musterkennung und selbstlernenden Systemen können neues Wissen und Verständnis über unsere Ökosysteme geschaffen und viele Prozesse optimiert werden.

  • Aus Umwelt-, Wetter- und Schädlingsdaten können Empfehlungen und Maßnahmen für den klimagerechten Waldumbau abgeleitet werden. Das schützt die Biologische Vielfalt.
  • KI kann Solaranalagen effizienter machen. Aus Messdaten können Anlagen situationsabhängig und individuell optimiert werden – bis hin zur vollständig autonomen Steuerung.
  • Oder nehmen Sie die urbane Mobilität, die vor einem gewaltigen Umbruch steht. Unter dem Stichwort Smart Mobility tauchen neben dem klassischen ÖPNV neue Mobilitätsangebote auf. Mit KI können Echtzeitdaten von Sharing-Anbietern und ÖPNV auf einer zentralen Plattform für eine umweltfreundliche Kombination von Verkehrsmitteln genutzt werden.

Auch über die KI hinaus setzt sich das Umweltministerium dafür ein, dass digitale Innovationen für den Klimaschutz entstehen. Ein paar Beispiele:

  • Im Klimaschutz-Maßnahmenprogramm 2030 ist ein "Digital Innovation Hub for the Climate" vorgesehen. Das wird ein Ort zur Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, der Startups mit innovativen Lösungen für den Klimaschutz unterstützt.
  • Im Rahmen des Energiesparprogramms Green-IT wird der Energieverbrauch der Bundes-IT massiv gesenkt. Trotz Leistungssteigerung beträgt die Einsparung gegenüber 2009 fast 60 Prozent.
  • Mit dem Umweltzeichen Blauer Engel wird schon heute sichtbar gemacht, wie sich die Effizienz von Rechenzentren erhöhen lässt und damit ein wichtiger Standard gesetzt. Demnächst wird es den Blauen Engel auch für ressourceneffiziente Software geben.

Das alles sind Beispiele dafür, wie sich das BMU für eine nachhaltige Digitalisierung einsetzt.

Uns ist gleichzeitig bewusst: Nationale Antworten reichen für globale Fragen nicht aus. Der Brexit steht bevor, Protektionismus macht sich breit, Handelsstreitigkeiten und regionale Konflikte lähmen die wirtschaftliche Entwicklung und den Export. Das alles führt uns noch einmal vor Augen: Eine nachhaltige Digitalisierung kann nur Erfolg haben, wenn sie mindestens eine Europäische ist.

Ich mache deshalb die nachhaltige Digitalisierung zu einem Schwerpunkt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020.

Die Standards in Europa können weltweit zum Vorbild werden. Denken Sie nur an die Ökodesign-Richtlinie, die – etwas überspitzt ausgedrückt – derzeit noch bei Kühlschränken Halt macht, die nicht fit für das digitale Zeitalter ist. Was früher der Fernseher war, ist heute das Smartphone. Deshalb werden zum Beispiel neue Standards für langlebige, reparierbare und updatefähige digitale Endgeräte gebraucht.

Ich setze mich dafür ein, dass Europa für sich definiert, was Nachhaltigkeit in der digitalen Welt bedeutet. Alternativ zu den ungeregelten amerikanischen Marktmonopolen und einer totalen staatlichen Datenkontrolle wie in China wird ein europäischer Weg dringend gebraucht. Das muss ein soziales und ökologisches, wirtschaftlich kraftvolles und demokratisches Europa sein, das digitale Innovationen voranbringt und seine Bürgerinnen und Bürger schützt.

Die meisten Debatten über digitale Technologien drehen sich um schnelles Wachstum im internationalen Wettbewerb. Oft hört man, dass Deutschland bei KI ohnehin längst den Anschluss verloren habe. Die Digitalisierung wird dabei vor allem technologisch diskutiert, mit klaren Rollenzuschreibungen: Auf der einen Seite die Treiber der Moderne – die "Techis". Auf der anderen die Bremser, die auf Energieverbräuche und Reboundeffekte verweisen – die "Ökos".

Dieses Schubladendenken wird der Herausforderung nicht gerecht. Ich will mit Ihnen heute Abend die Chancen von KI diskutieren und gleichzeitig die Risiken angehen. "Techis" und "Ökos" vernetzen, damit sie gemeinsam Brücken bauen. Diese sind notwendig, um die Megatrends unserer Zeit – Digitalisierung und Klimawandel – erfolgreich zu gestalten. Dazu ist der heutige Abend ein Auftakt.

Herzlichen Dank.

26.11.2019 | Rede Digitalisierung