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07.05.2019

Rede von Rita Schwarzelühr-Sutter zur Inbetriebnahme der Teststrecke ELISA

Porträt der Parlamentarischen Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter
Bei der Inbetriebnahme der Teststrecke ELISA hielt Rita Schwarzelühr-Sutter eine Rede. Dabei standen die Dekarbonisierung des Verkehrssektors sowie die Reduzierung von lokalen Luftschadstoffen und Verkehrslärm im Mittelpunkt.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Riegelhuth,
sehr geehrter Herr Kollege Deutschendorf,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

mit der heutigen Veranstaltung machen wir einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung mehr Klimaschutz im Verkehr. Denn auch im Güterverkehr auf der Straße brauchen wir eine praktikable Lösung, mit der wir klimafreundlichen Strom aus erneuerbaren Energieträgern nutzen können.

Heute geben wir den offiziellen Startschuss für die erste Teststrecke auf einer öffentlichen Straße in Deutschland, die eine solche Lösung einem Praxistest unterzieht: Ein Oberleitungssystem für schwere Lkw.

Deutschland hat sich im Kontext des Abkommens von Paris dazu verpflichtet, den Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 weitgehend auf Null zu senken. Erhebliche Anstrengungen sind in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nötig, um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen.

Im Verkehrssektor und ganz besonders im Güterverkehr stehen wir dabei vor besonderen Herausforderungen: Der Treibhausgas-Ausstoß im Verkehr ist seit 1990 nicht weniger geworden. Nun müssen wir aber bis zum Jahr 2030 den Ausstoß des Klimagases Kohlenstoffdioxid (CO2) im Verkehrssektor spürbar senken – um 42 Prozent im Vergleich zu 1990. Unser Ziel bis zur Mitte des Jahrhunderts: die weitgehende Dekarbonisierung der Energieversorgung in Deutschland.

Daher wollen wir als Bundesregierung noch dieses Jahr mit einem Klimaschutzgesetz absichern, dass wir die Ziele erreichen, Verbindlichkeit herstellen und damit für alle Beteiligten Planungssicherheit schaffen. Im Rahmen des Klimakabinetts sollen nun die jeweils zuständigen Fachminister – auch der Bundesverkehrsminister - Vorschläge liefern, wie die Klimaziele 2030 erreicht werden können. Aus den Vorschlägen soll dann ein Gesamtkonzept erarbeitet werden.

Für den Güterverkehr in Deutschland müssen wir ehrlich sein und davon ausgehen, dass er auch in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen wird: Bis zum Jahr 2030 erwarten wir einen Anstieg um 38 Prozent gegenüber 2010. Eine funktionierende Wirtschaft ist auf den Transport ihrer Produkte angewiesen, und wir als Verbraucherinnen und Verbraucher ebenso.

Für die Bundesregierung stehen Maßnahmen an erster Stelle, die den Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagern. Die Bahn fährt ja schon auf den meisten Strecken elektrisch. Aber leider hat diese Strategie Grenzen. Denn nicht für alle Unternehmen, Güterarten und Logistikketten bietet sich die Bahn an.

Wir brauchen also beides: Einen Ausbau der Bahn – und eine klimafreundliche Lösung für den Güterverkehr auf der Straße. Die Elektromobilität hat dabei einen großen Vorteil gegenüber anderen Konzepten: Der durch Wind und Sonne erzeugte Strom kann direkt – also ohne Umwandlungsverluste – und damit sehr effizient im Fahrzeug eingesetzt werden.

Und wenn Sie sich den StreetScooter der Post anschauen, stellen Sie fest: Elektromobilität funktioniert – nicht nur als Pkw, sondern auch als leichtes Nutzfahrzeug.

Auch bei den schwereren Lkws, die im regionalen Liefer- und Verteilverkehr eingesetzt werden, gibt es erste Feldversuche mit batterieeelektrischen Antrieben.

Bei einem 40-Tonner auf der Langstrecke geraten wir allerdings an Grenzen, wenn wir den Strom in Batterien speichern wollen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die jüngsten Ankündigungen von Tesla für einen rein batterieelektrischen 40-Tonner mit bis zu 800 Kilometer Reichweite bewahrheiten werden – und ob dieses für den US-Markt entwickelte Konzept ohne weiteres auf Mitteleuropa übertragbar ist.

Damit wir beim Thema Elektromobilität nicht zurückbleiben, fördert mein Haus, das Bundesumweltministerium, dieses Feld seit 2008 mit inzwischen mehr als 500 Millionen Euro (Zeithorizont bis 2022). Die große Nachfrage nach unserer Förderung für E-Busse im ÖPNV zeigt, wie sehr Kommunen und Städte auf diese Art der Mobilität setzen.

Seit 2010 haben wir außerdem mit inzwischen über 100 Millionen Euro die Entwicklung von elektrisch betriebenen Lkw gefördert, die ihren Strom über eine Oberleitung beziehen. Damit sind sie nicht ausschließlich auf die Batterien an Bord angewiesen.

Nach umfangreichen Tests ist dieses System jetzt reif für einen Praxisversuch. Die Bundesregierung hat im Aktionsprogramm Klimaschutz 2020 beschlossen, Pilotstrecken für Oberleitungs-Lkw zu fördern und ausführliche Feldversuche durchzuführen. Die Technologie soll in den Feldversuchen über mehrere Jahre von Speditionen in ihren alltäglichen Transportabläufen genutzt werden.

Dafür entstehen in Deutschland gerade drei Teststrecken: Hier in Hessen, in Schleswig-Holstein und in Baden-Württemberg.

Heute geht hier an der Autobahn 5 die erste der drei Teststrecken in Betrieb. Seit Anfang 2017, also in nur gut zwei Jahren, wurde die Anlage geplant, die Bauleistungen ausgeschrieben und errichtet, die Arbeiten wissenschaftlich begleitet und Spediteure als Praxispartner für den Feldversuch gewonnen.

Hessen Mobil, die TU Darmstadt, die Siemens Mobility GmbH und die ENTEGA AG haben in diesem kurzen Zeitraum hervorragende Arbeit geleistet: Dass ein so anspruchsvolles und völlig neuartiges Infrastrukturprojekt erfolgreich abgeschlossen wird und noch dazu im Zeit- und Kostenrahmen bleibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich möchte daher dem ELISA-Projektteam für seinen außerordentlichen Einsatz ausdrücklich danken.

Der zentrale Meilenstein des Projekts ist damit erreicht: Die erste Oberleitungsanlage an einer öffentlichen Straße in Deutschland nimmt heute ihren Betrieb auf. Es freut mich sehr, dass das BMU dieses bedeutsame Projekt mit ganzen 34 Millionen Euro finanzieren konnte.

Nun beginnt die zweite Phase des Projekts: Fünf Speditionen werden die Oberleitungstechnik im Realbetrieb über mehrere Jahre auf Herz und Nieren prüfen. Den Anfang macht heute die Spedition Hans Adam Schanz. Ich finde es beachtlich, dass der Oberleitungs-Lkw gerade bei einem mittelständischen Logistik-Unternehmen auf Resonanz stößt. Damit stellen Sie die Innovationsbereitschaft des Mittelstands eindrucksvoll unter Beweis.

Es ist auch richtig, dass der Feldversuch wissenschaftlich begleitet wird. Denn viele wichtige Fragen beim Betrieb einer Oberleitungsstrecke müssen noch geklärt werden: Welche Herausforderungen ergeben sich aus Betrieb und Wartung der Anlage? Welche Auswirkungen entstehen im Stromnetz? Wie kann der Stromverbrauch der Lkw künftig gemessen und abgerechnet werden?

Ich bin mir sicher, dass wir auf diese Fragen überzeugende Antworten finden werden. Klimaschutz kann in der Praxis nur gelingen, wenn wir vielversprechende Ideen ausprobieren und dabei Erfahrungen sammeln.

Einen weiteren Trumpf des Oberleitungs-Lkw möchte ich noch gerne nennen – neben seinem Beitrag zum Klimaschutz. Elektroantrieb statt Dieselmotor heißt nämlich auch: kein Ausstoß von Luftschadstoffen, saubere Luft und weniger Lärm. Ob in der Nähe von Autobahnen oder Logistikzentren: wenn die Oberleitungs-Lkw dank ihrer Batterie elektrisch fahren können, profitieren die Menschen in den umliegenden Städten und Gemeinden.

Zukunftssichere Arbeitsplätze in erfolgreichen Industrieunternehmen einerseits, der Schutz des Klimas, unserer Umwelt und der Lebensqualität der Menschen andererseits – mit der Oberleitungsteststrecke zeigen Sie, dass all dies kein Widerspruch ist. Ich wünsche allen am Projekt Beteiligten viel Erfolg beim Feldversuch mit Deutschlands erster Oberleitungsstrecke auf einer öffentlichen Straße!

Vielen Dank.

07.05.2019 | Rede Verkehr