https://www.bmu.de/RE8787
11.10.2019

Rede von Rita-Schwarzelühr-Sutter zum Thema "Erfolgsgarant im Klimaschutz – 100 Jahre Schornsteinfegerinnung"

Porträt der Parlamentarischen Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter
Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger spielen seit Jahrhunderten eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Dazu hielt die Parlamentarische Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter beim Bodenseeforum Konstanz eine Festrede.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Stefan Eisele,
sehr geehrter Herr Oswald Wilhelm,
sehr geehrter Herr Jürgen Braun,
sehr geehrte Damen und Herren,

100 Jahre Schornsteinfegerinnung Freiburg – dazu zunächst erstmal herzlichen Glückwunsch!

Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger spielen seit Jahrhunderten eine wichtige gesellschaftliche Rolle – besonders beim Brand- und Gesundheitsschutz. Nicht umsonst freuen wir uns bis heute über den Schornsteinfeger als Glückssymbol.

Dabei ist ihr Handwerk stetig mit der Zeit und den technischen Innovationen gegangen. Von der klassischen Feuerstelle über Kohle-, Öl- und Gasöfen bis hin zum modernen Kamin oder der Pelletheizung – immer wurden Vertreterinnen und Vertreter Ihrer Branche gebraucht.

Mit der althergebrachten Vorstellung vom Mann mit dem Besen und dem rußgeschwärzten Gesicht hat ihr Berufsbild heute allerdings nicht mehr viel zu tun. Es ist breiter und vielfältiger geworden. Sie sind Expertinnen und Experten für Heiz- und Lüftungstechnik, sie kümmern sich um Sicherheit, Umweltschutz und Energieeinsparung.

Ich freue mich besonders, dass Sie diese Veranstaltung unter den Titel "Erfolgsgarant im Klimaschutz – 100 Jahre Schornsteinfegerinnung" gestellt haben. Schon der Titel zeigt: Sie als Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger sind auch beim Klimaschutz bereit, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Viele von Ihnen sind bereits als Energieberater und -beraterinnen tätig. Und in der Tat kommt Ihnen beim Klimaschutz in Gebäuden ja eine Schlüsselrolle zu – wer sonst kommt jährlich in fast jedes Haus und kennt unseren Gebäudebestand wie die eigene Westentasche?

Die wichtige Rolle der Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger für den Umweltschutz zeigt sich schon lange am Immissionsschutz. Dass sich die Überwachung der Öl- und Gasfeuerungen doppelt auszahlt, beweist die Statistik: so ist die Zahl der zu beanstandenden Öl- und Gasfeuerungen im Laufe der Zeit stetig zurückgegangen. Und die wiederkehrenden Überprüfungen sind ein Anreiz für Anlagenbauer, ihre Geräte emissionsarm weiterzuentwickeln.

Ich hoffe, dieser Effekt wird dank der Überprüfung auch bei den Holzfeuerungsanlagen eintreten – und die Gefahren durch Feinstaub und andere Schadstoffe für die Nutzerinnen und Nutzer deutlich reduzieren.

Das Bundesumweltministerium, das Umweltbundesamt und natürlich die Landesbehörden bemühen sich um Aufklärung der Öffentlichkeit, damit Holzöfen verantwortungsbewusst betrieben werden. Dies unterstützen Sie, liebe Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger, mit Ihrer Beratung in direktem Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern maßgeblich.

Kommen wir nun zum Klimaschutz – der ja derzeit in aller Munde ist. Die Jugendlichen feuern uns an, ehrgeizig zu bleiben und dieser Forderung haben wir nun entsprochen.

Die Bundesregierung hat mit dem am Mittwoch beschlossenen Klimaschutzprogramm 2030 und dem Klimaschutzgesetz das bislang umfassendste Klimaschutzpaket auf den Weg gebracht, dass es in Deutschland je gab:

Erstens: Klimaschutz wird jetzt Gesetz. Das Klimaschutzgesetz, das das Kabinett beschlossen hat, ist eine Antwort auf die Versäumnisse der Vergangenheit. Für das Bundesumweltministerium ist dieser Tag eine Wegmarke. Denn in der Vergangenheit waren wir oft die einzigen, die gehandelt haben, wenn unser Land beim Klimaschutz nicht auf Kurs war.

Das neue Klimaschutzgesetz wird die Art, wie die Bundesregierung beim Klimaschutz zusammenarbeitet, nun fundamental verbessern.

Es sieht erstmals gesetzlich verbindliche Klimaziele für jedes Jahr und jeden einzelnen klimarelevanten Sektor vor – also für die Sektoren Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft und Abfallwirtschaft. Sollte ein Sektor vom Kurs abkommen, greift ein verbindlicher Nachsteuerungsmechanismus als Sicherheitsnetz. Die jeweiligen Ministerien sind für ihre Bereiche zuständig. Darüber hinaus schreibt das Gesetz erstmals das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050 für Deutschland gesetzlich fest. Das Gesetz geht nun in die parlamentarischen Beratungen.

Zweitens: Wir haben auch das Klimaschutzprogramm 2030 verabschiedet. Es legt konkrete Maßnahmen dar, wie wir unser Klimaschutzziel 2030 erreichen und langfristig in Richtung Treibhausgasneutralität gehen wollen. Die Bundesregierung nimmt dafür viel Geld in die Hand – 54 Milliarden Euro in den nächsten drei Jahren – und wir schaffen zusätzliche Anreize und Regeln für Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen: wir investieren in Bahn und ÖPNV, fördern die Anschaffung von Elektroautos, schaffen einen klaren Fahrplan für den Kohleausstieg, bauen Solar- und Windkraft aus, und vieles mehr.

Drittens: Mit dem Klimapaket bekommen CO2-Emissionen ein Preisschild – und zwar auch in den Bereichen Wärme und Verkehr, die bislang nicht Teil des europäischen Emissionshandelssystems waren. Dafür soll ab 2021 ein nationales Emissionshandelssystem eingeführt werden. Es stellt klar, dass die zusätzlichen Einnahmen aus der CO2-Bepreisung für Entlastungen der Bürgerinnen und Bürgern, Entlastungen der Wirtschaft und für Klimaschutzförderung aufgewendet werden.

Klar ist bei alledem: Der Klimaschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können – aber sozial ausgestalten müssen. Wir müssen für diese Aufgabe übrigens auch alle Berufszweige, vor allem in der Technik und im Handwerk, gewinnen. Darum nehme ich solche Gelegenheiten wie heute gerne wahr, um mit den Fachleuten vor Ort zu sprechen.

Wie Sie alle wissen, spielt der Gebäudebereich zum Erreichen der Klimaschutzziele in Deutschland eine zentrale Rolle. Der Klimaschutzplan 2050 und der Entwurf des Klimaschutzgesetzes sehen vor, dass die Treibhausgasemissionen der Gebäude bis 2030 um 67 Prozent gegenüber 1990 sinken sollen. Mehr als die Hälfte dieses Wegs haben wir schon geschafft. Und nach 2030 muss es ja auch weitergehen – denn unser Ziel im Jahr 2050 ist ein nahezu klimaneutraler Gebäudebestand.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir vor allem die Effizienzpotenziale im Bestand heben, sprich, die energetische Sanierung vorantreiben und mehrheitlich noch deutlich energieeffizientere Neubauten schaffen. Gebäude in Deutschland können hundert Jahre und älter werden, daher müssen wir schon heute das treibhausgasneutrale Haus 2050 mitdenken. Andernfalls produzieren wir die Sanierungsfälle von morgen.

Denn "Efficiency first" ist auch im Gebäudesektor zentral! Ein geringer Energieverbrauch ist der beste Schutz vor steigenden Energiekosten und ein Beitrag zur Energiewende. Erneuerbare Energien werden im Rahmen der Transformation aller Sektoren ein knappes Gut bleiben. Auch ist die Einbindung erneuerbarer Energien in effizienten Neubauten und gut sanierten Altbauten deutlich einfacher und flexibler möglich als in Gebäuden mit hohem Energieverbrauch. Hier sehe ich ein zentrales Aufgabenfeld für die Schornsteinfeger mit langfristiger Perspektive.

Allerdings stehen den Erfordernissen einige strukturelle Hemmnisse gegenüber:

  • Die fossilen Energiekosten, die sich einsparen lassen, sind begrenzt, solange Öl und Gas relativ günstig sind. Die Baukosten steigen, auch weil die Kapazitäten des Baugewerbes und Handwerks bereits weitgehend ausgeschöpft sind, obwohl bei Weitem nicht genug energetisch saniert wird.
  • Die in Folge des Wohnraummangels in Ballungsräumen steigenden Mieten lassen Vermietern kaum mehr Spielraum für eine sozialverträgliche Umlage energetischer Sanierungskosten.
  • Hinzu kommt die lange Lebensdauer der meisten Investitionen und damit die Gefahr, Lock-ins zu produzieren. Auch moderne Ölheizungen liefern keinen ausreichenden Beitrag zum Klimaschutz, legen uns aber für Jahre auf ein erhöhtes CO2-Emissionsniveau fest.
  • Schließlich erschwert auch die heterogene Eigentümer-Struktur im Gebäudebestand Entscheidungen für Klimaschutzinvestitionen.

Das vereinbarte Klimaschutzpaket der Bundesregierung setzt an vielen der genannten Hemmnisse an und bietet Unterstützung:

  1. Die energieeinsparrechtlichen Anforderungen wollen wir unter Beachtung der Bezahlbarkeit und im Rahmen des Wirtschaftlichkeitsgebots in 2023 überprüfen und dann umgehend weiterentwickeln.
  2. Die Vorbildfunktion des Bundes wird in Bezug auf seine Neu- und Bestandsbauten auf eine frühzeitige Klimaneutralität ausgerichtet.
  3. Wir führen eine steuerliche Förderung für die Sanierung selbstgenutzten Eigentums ein. Darüber hinaus werden die bestehenden Förderprogramme zugänglicher und die Fördersätze erhöht
  4. Der Ausbau erneuerbarer Energien und Abwärmenutzung wird nun auch für bestehende Wärmenetze gefördert und durch den beschlossenen Kohleausstieg unumgänglich. Damit schaffen wir neue Möglichkeiten auf der Quartiersebene. Voraussetzung ist, dass die Gebäude ihre Effizienzpotenziale heben.
  5. Auch wollen wir Modelle der seriellen, kosteneffizienten Sanierung fördern – also gewissermaßen die standardisierte "Sanierung von der Stange". Gerade in homogenen Wohnsiedlungen lassen sich so Geschwindigkeit und Qualität von Sanierungen erhöhen.
  6. Wir werden die Schnittstellen zur Energieberatung im Rahmen der Förderung verbessern.
  7. Und: Der Austausch von Ölheizungen wird besonders gefördert und der Einbau neuer Ölheizungen wird ab 2026 verboten.

Ölheizungsverbot – was heißt das konkret?

Mit der Kombination aus Austauschprämie und Verbot neuer Ölheizungen ab 2026 schaffen wir vor allem Klarheit über den Kurs. Das bedeutet Klarheit für Investitionen, für Unternehmen, für Beschäftigte. Ölheizungen werden in einem klimaneutralen Gebäudebestand keine Rolle spielen können. Zudem werden synthetische Brennstoffe voraussichtlich zum Heizen viel zu teuer sein.

Öl- und Gasheizungen verursachen hohe spezifische Treibhausgas-Emissionen. Im Gebäudebestand mit mehr als 20 Millionen Wärmeerzeugern im Jahr 2018 waren zudem etwa ein Viertel der Ölkessel und ein Drittel der Gaskessel veraltet.

Das Klimaschutzprogramm sieht eine verstärkte Austauschförderung mit einem Fördersatz von bis zu 40 Prozent vor, um diese Kessel durch klimafreundlichere Alternativen zu ersetzen. Es lohnt sich damit, in den kommenden Jahren von Öl- und Gasheizungen auf klimafreundlichere Alternativen umzusteigen. Dazu zählen dann also Hybridsysteme, die anteilig erneuerbare Energien einbinden, oder der direkte Umstieg auf erneuerbare Wärme.

Zudem wird die Bundesregierung eine gesetzliche Regelung vorlegen, wonach in Gebäuden, in denen eine klimafreundlichere Wärmeerzeugung möglich ist, der Einbau von Ölheizungen ab 2026 nicht mehr gestattet ist. Im Neubau und Bestand sind Hybridlösungen auch künftig möglich.

Ein Punkt ist mir noch wichtig: Das Klimaschutzprogramm 2030 sieht auch vor, die Gebäudeenergieberatung zu verbessern. Zentrales Element ist hier der individuelle Sanierungsfahrplan. Dabei geht es darum, Sanierungen langfristig zu planen und damit Effizienzpotenziale zum individuell günstigsten Zeitpunkt auszuschöpfen. Denn Investitionen sind dann am sinnvollsten, wenn sie mit anstehenden Instandhaltungs- oder Modernisierungsmaßnahmen gekoppelt werden. Zu bestimmten Anlässen, wie zum Beispiel dem Eigentümerwechsel, werden Beratungen obligatorisch. Im Einzelnen soll unter anderem:

  • Die Förderung der Energieberatung für Wohngebäude auf bis zu 80 Prozent erhöht werden
  • Die Energieberatung anknüpfend an Immissionsmessungen durch qualifizierte Schornsteinfeger adressiert werden. Sie sind damit übrigens eine von wenigen Berufsgruppen, die im Klimaschutzprogramm explizit benannt ist.

"Der Schornsteinfeger als Erfolgsgarant für den Klimaschutz – Was bedeutet all dies für die Zukunft Ihres Handwerks?"

Schon jetzt sind sie aktiv für den Klimaschutz tätig: durch die Kontrolle und das Energie-Labelling von Heizgeräten, aber auch durch die Energieberatung. Denn Sie kennen die Gebäude, die Heizungsanlagen und nicht zuletzt die Gebäudeeigentümer aus erster Hand.

Es ist sehr erfreulich, dass nahezu alle Schornsteinfeger sich zu Gebäudeenergieberatern im Handwerk weitergebildet haben und viele darüber hinaus vertiefte Kompetenzen besitzen.

Hier sehe ich große Chancen für Ihren Beruf im freien Wettbewerb mit Ingenieuren, bestellten Sachverständigen, Architekten oder sonstigen Handwerksmeistern des Baugewerbes, den ersten Schritt in Richtung Sanierung gemeinsam mit den Hauseigentümern zu gehen.

Entscheidend ist dabei eine qualitativ hochwertige Beratung, die zu sinnvoll aufeinander aufbauenden Sanierungsschritten in einem Sanierungsfahrplan führt.

Die Anforderungen an die Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger werden also weiterwachsen. Und ich hoffe – auch im Sinne des Klimaschutzes – dass es ihnen gelingt, immer wieder junge Leute für diesen vielfältigen Beruf zu motivieren.

Zugleich bringen sie aus ihrer täglichen Arbeit vielfältige Erfahrungen mit, wie Klimaschutz in der Praxis funktioniert – und auch, wo es Probleme gibt. Deshalb: Teilen sie uns in der Politik mit, wo es hakt – damit wir gemeinsam herausfinden können, was wir besser machen müssen.

Ich will ihnen nichts vormachen – das Zeitalter der fossilen Brennstoffe neigt sich dem Ende entgegen. Schon jetzt gibt es in manchen Neubausiedlungen kein einziges Dach mit Schornstein.

Aber die Geschichte zeigt, wie flexibel das Schornsteinfegerhandwerk sich an neue technologische Herausforderungen und Aufgaben angepasst hat. Und ich kann Sie nur ermutigen, in diese Richtung weiter zu gehen – und den Weg in die treibhausgasneutrale Gesellschaft mit zu gestalten.

Vielen Dank!

11.10.2019 | Rede Klimaschutz | Konstanz