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10.05.2019

Rede von Rita Schwarzelühr-Sutter im Deutschen Bundestag zum Bericht des Weltbiodiversitätsrates

Rita Schwarzelühr-Sutter, Parlamentarische Staatssekretärin des BMUB
Die Parlamentarische Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter sprach am 10. Mai im Bundestag über den Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) und den erschreckenden Verlust biologischer Vielfalt.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Präsident,
 sehr geehrte Frau Präsidentin,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

es ist gut und richtig, dass der Bundestag sich heute Zeit nimmt, den erschreckenden Verlust biologischer Vielfalt zu debattieren. Wichtig ist der Bericht des Weltbiodiversitätsrates deshalb, weil er dem Kampf gegen den Verlust der biologischen Vielfalt zur der Aufmerksamkeit verhilft, die ihm zusteht. Es wird zur Gewissheit: das Artensterben ist eine ähnlich große Herausforderung wie der Klimawandel.

Am Samstag haben Vertreterinnen und Vertreter aus mehr als 100 Staaten in Paris den globalen Bericht zum Zustand der Natur verabschiedet. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass es ohne Forschung und ohne internationalen Austausch nicht geht. Mein Respekt gilt den 450 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die drei Jahre lang daran gearbeitet haben. Und ich freue mich, dass wir als Bundesregierung den Weltbiodiversitätsrat und die Erstellung des Berichts maßgeblich unterstützen konnten.

Wir haben in den letzten Tagen in der Berichterstattung die erschreckenden Zahlen zum Rückgang der Arten und ihrer Lebensräume gelesen. Aber der Bericht ist nicht nur eine Auflistung oder trockene Statistik. Er ist ein Alarm, dass wir im Begriff sind, unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Der Bericht identifiziert fünf Haupttreiber für den Verlust der biologischen Vielfalt:

An erster Stelle stehen die Nutzungsänderungen an Land und im Meer. Wir verlieren tropischen Regenwald für landwirtschaftliche Flächen. Unsere zunehmend intensive Landwirtschaft führt zwar zu steigender Nahrungsmittelproduktion, das aber zu Lasten von Boden, Wasser, Luft und Artenvielfalt. Unsere Städte werden rapide größer und zahlreicher – und verdrängen natürliche Lebensräume.

Zweitens: Durch Holzeinschlag, Jagd oder Fischerei nutzen wir viele Tier- und Pflanzenarten, und nehmen hin, dass dies zu ihrer Bedrohung führt.

Drittens: die Kosten des Klimawandels für andere Lebewesen und ihre Habitate sind enorm. Nehmen wir nur das Beispiel Korallenriffe: Bei einer Erwärmung um 1,5 Grad Celsius bleiben nur noch 10 bis 30 Prozent der Vorkommen bestehen und bei einer Erwärmung von 2 Grad Celsius wären es unter 1 Prozent.

Viertens: Unsere Abfallprodukte landen in der Natur: Plastikmüll, Schwermetalle, Pestizide und Düngemittel. Hier zeigt sich auch, wie wichtig die Leistungen der Ökosysteme sind: sie filtern Schadstoffe und sorgen unter anderem dafür, dass wir Menschen sauberes Trinkwasser haben. Umso wichtiger, dass wir sie besser schützen.

Fünftens: Globale Transportwege und zunehmender Tourismus zerstören nicht nur Lebensräume, sondern haben einen unerwünschten Nebeneffekt: invasive gebietsfremde Arten breiten sich aus und verdrängen heimische Flora und Fauna.

Aber wie beim Klimaschutz gilt: noch haben wir das Steuer in der Hand. Teilweise können wir ja sogar Synergien gewinnen, wenn wir zum Beispiel Wälder und Moore schützen, können wir biologische Vielfalt und Klimaschutz gleichzeitig fördern.

Der Bericht ist sehr klar darin, dass wir die direkten sowie die indirekten Treiber, die hinter dem Biodiversitätsverlust stecken, adressieren müssen. Im Kern geht es um eine Änderung in unserem Verhalten, individuell und kollektiv. Wir brauchen einen Wandel unserer Konsummuster hin zu nachhaltigen Lieferketten, um die negativen Auswirkungen hier und in den Herkunftsländern unserer Konsumgüter zu reduzieren. Da müssen wir auch bei unserer Umsetzung der 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung noch besser werden. Und wir haben ein nationales Programm für nachhaltigen Konsum und ein Kompetenzzentrum Nachhaltiger Konsum, dessen Arbeit wir noch stärker unterstützen können.

Ich möchte noch auf drei für Deutschland bedeutsame Punkte eingehen:

Wir brauchen ein größeres und effektiv gemanagtes Netz an Schutzgebieten. Zum Beispiel fördert die Bundesregierung schon das "Grüne" und das "Blaue Band Deutschland". Das reicht noch nicht aus. Wir wollen erreichen, dass die Lücken geschlossen und die vorhandenen Schutzgebiete ihren Aufgaben gerecht werden, unter anderem mit einem gemeinsam mit den Ländern getragenen "Aktionsplan Schutzgebiete". Wir wollen die Schutzgebiete noch besser managen und zum Beispiel den Einsatz von Pestiziden in besonders schutzbedürftigen Bereichen, also Naturschutz- oder Wasserschutzgebieten, grundsätzlich beenden.

Insektenschutz: Den Bestäubern, unter anderem den Insekten, geht es besonders schlecht. Das ist auch nicht zuletzt nach der Abstimmung in Bayern im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Diskussion angekommen. Die Vorschläge des Bundesumweltministeriums für das Aktionsprogramm Insektenschutz liegen nun auf dem Tisch. Der IPBES-Bericht kann uns nur bestärken, ambitioniert zu sein.

Und drittens geht es um die Agrarförderung: Im Bericht ist immer wieder von schädlichen Subventionen die Rede – gleichzeitig tragen wir durch die aktuelle EU-Agrarförderung mit Steuermitteln zur Zerstörung der Natur bei. Das müssen wir ändern und dazu beitragen, dass die zukünftige GAP auch eine Antwort auf die Erkenntnisse des Berichts zur Artenvielfalt ist. Ein Erfolg bei den Verhandlungen zur EU-Agrarreform muss ein Erfolg für die Natur sein.

Es ist klar: dem IPBES-Bericht muss politisches Handeln folgen, und zwar schnell. Das müssen wir in Deutschland tun, so wie wir es uns mit ehrgeizigen Zielen im Koalitionsvertrag vorgenommen haben. Wir sind aber auch international gefordert: bei Wilderei und illegaler Artenhandel, beim Schutz der Weltmeere, im Bereich Abfall und beim Chemikalienhandel.

Im Herbst 2020 findet in China die 15. Weltbiodiversitätskonferenz statt. Dort werden wir entscheiden, wohin die Welt beim Schutz der Arten und Lebensräume steuert, und wie der neue globale Rahmen für die biologische Vielfalt nach 2020 aussehen muss. Der globale Sachstandsbericht gibt mir dafür Rückenwind und Zuversicht.

Auf Deutschland sind viele Blicke gerichtet und wir wollen unsere globale Verantwortung mit großem Engagement wahrnehmen, um die Vielfalt des Planeten auch künftigen Generationen zu erhalten.

Vielen Dank.

10.05.2019 | Rede Naturschutz/Biologische Vielfalt