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05.12.2019

Rede von Rita-Schwarzelühr-Sutter an der Universität Siegen

Rita Schwarzelühr-Sutter an der Universität Siegen
Rita Schwarzelühr-Sutter hielt an der Universität Siegen an der Naturwissenschaftlich-Technischen Fakultät einen Vortrag. Das Thema war "Die Rolle der Digitalisierung für Klimaschutz und Nachhaltigkeit".

Die Rolle der Digitalisierung für Klimaschutz und Nachhaltigkeit

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Professor Carolus,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Studentinnen und Studenten,

die Digitalisierung verändert Wirtschaft und Gesellschaft mit Wucht. Neue Technologien wie KI oder Blockchain stellen ganze Branchen auf den Kopf.

Über welche Geschwindigkeiten der technologischen Entwicklung wir hier reden, lässt sich gut am Prozess zur Verabschiedung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen darstellen. 2015 wurden darin 17 anspruchsvolle Nachhaltigkeitsziele formuliert, die allen Staaten als Richtschnur bis zum Jahr 2030 dienen sollen.

Und im Rückblick stellen wir fest, dass im Hauptdokument globaler Nachhaltigkeitspolitik – den 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Sustainable Development Goals, den sogenannten SDGs das Thema Digitalisierung an keiner Stelle auftaucht.

Der digitale Wandel eröffnet als "vierte industrielle Revolution" auch mit Blick auf Nachhaltigkeit, Ressourcen- und Klimaschutz weitreichende Chancen.

Der Klimawandel ist das drängendste Menschheitsproblem und die Digitalisierung kann dabei helfen, Treibhausemissionen maßgeblich zu verringern. Darin ist sich auch die Mehrheit der Deutschen einig, wie eine aktuelle Befragung des Digitalverbands Bitkom zeigt: Demnach ist mehr als jeder Zweite (56 Prozent) überzeugt, dass die Digitalisierung beim Kampf gegen den Klimawandel helfen kann.

Insbesondere bei intelligenten Stromnetzen, digitaler Heizungstechnik und smarter Mobilität wird digitalen Technologien eine Menge zugetraut.

Beispiele für die Chancen eines nachhaltigen digitalisierten Wirtschaftens gibt es zu Hauf: Durch optimierte Logistik, effizientere Robotik oder durch die Ermöglichung der Energiewende kann kluge Digitalisierung (Industrie 4.0) zu mehr Ressourcen- und Energieeffizienz beitragen. Ebenso zu umweltfreundlicherer Mobilität, nachhaltigerem Konsumverhalten und neuen Impulsen für die Kreislaufwirtschaft.

Und es stimmt: Digitale Technologien sind eine riesige Chance für die sozial-ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft.

Betrachten wir die Greentech-Branche: Das weltweite Marktvolumen für Green-Tech wird sich bis 2025 auf ungefähr sechs Billionen Euro erhöhen. Durch die Digitalisierung erwarten wir ein zusätzliches Potenzial von etwa 20 Milliarden Euro allein in Deutschland, wo bereits über 1,5 Millionen Menschen in diesem Bereich beschäftigt sind – in der Mehrzahl hoch qualifizierte Jobs.

Die Energieeffizienz als größter Leitmarkt weist mit 7,2 Milliarden Euro zusätzlichem Marktvolumen durch die Digitalisierung im Jahr 2025 auch den höchsten Digitalisierungseffekt in absoluten Volumina auf. Ebenfalls große zusätzliche Wachstumspotenziale durch die Digitalisierung ergeben sich mit 4,2 Milliarden Euro im Leitmarkt Umweltfreundliche Erzeugung, Speicherung und Verteilung von Energie.

Für ein Umweltministerium natürlich besonders wichtig: Neben den wirtschaftlichen Chancen eröffnet die Digitalisierung auch ein enormes Entlastungspotenzial für Umwelt und Klima. Ökonomischer und ökologischer Fortschritt sind also kein Widerspruch – sie bedingen sich vielmehr gegenseitig!

Alleine in den fünf Feldern Urban Mobility, Connected Energy, Smart Grid, Building Information Network und Industrie 4.0 sehen wir ein Einsparpotenzial von 32 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2025.

Und wenn wir das ökologische Potenzial der Digitalisierung auf alle digitalen Systeme hochrechnen, ergibt sich sogar eine jährliche Reduktion von 50 Millionen Tonnen.

Ein Blick auf den exponentiell steigenden Energie- und Rohstoffhunger der Digitalisierung zeigt aber auch: Klimaschutz und Digitalisierung – das geht nicht einfach so Hand in Hand.

Was ist nun also unsere Rolle als Bundesumweltministerium? Was können wir tun, um die Entwicklung im Sinne unserer Gesellschaft zu gestalten? Um digitale Innovationen für Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu befördern und gleichzeitig den steigenden Energie- und Ressourcenverbrauch zu begrenzen?

Als wir in die Legislatur gestartet sind, mussten wir feststellen: Digitalisierung und Nachhaltigkeit, das war – wenn überhaupt – eine Nischendebatte.

Gleichzeitig schreitet neben dem Klimawandel auch die Digitalisierung mit Wucht voran. Wir stehen also vor der Herausforderung, Klimawandel und Digitalisierung in Einklang zu bringen. Sie zusammen zu denken und das eine für das andere zu nutzen.

Unser BMU-Hackathon vor einem Jahr war ein erster "Weckruf", dass das BMU sich nun einmischt. Wir haben 65 junge Menschen aus der Umwelt- und Digitalszene zusammengebracht, um mit Umweltdaten an neuen Geschäftsmodellen zu basteln und damit gezeigt: Umweltschutz und Digitalisierung – das passt zusammen.

In den vergangenen Monaten haben wir an ganz vielen Stellen Brücken zwischen der Tech-Szene und der Umweltszene gebaut und den Dialog gestärkt. Mit gemeinsamen Workshops, Dialogformaten und Veranstaltungen haben wir den Diskurs aus der Nische in die Breite geholt. Mit der Wissenschaft, mit der Zivilgesellschaft, mit der Wirtschaft haben wir an Eckpunkten für eine umweltgerechte Digitalisierung gearbeitet, die die Bundesumweltministerin auf der Berliner re:publica im Mai vorgestellt hat.

In den Eckpunkten haben wir unsere Idee einer umweltgerechten und klimafreundlichen Digitalisierung skizziert und zur Diskussion gestellt. Die Eckpunkte entwickeln wir jetzt zur Digitalagenda weiter, dazu aber später mehr. Lassen Sie mich am Beispiel von KI und Green IT kurz darlegen, wie wir an die Herausforderungen der Digitalisierung umweltpolitisch herangehen.

Als Bundesumweltministerium wollen wir Künstliche Intelligenz für den Klima- und Naturschutz arbeiten lassen. Mit einem ganz konkreten innovationspolitischen Förderinstrument haben wir in diesem Sommer gestartet: Der BMU-Förderinitiative "KI-Leuchttürme für Umwelt, Klima, Natur und Ressourcen". Die Nachfrage war immens. In kürzester Zeit sind über 300 Ideen bei uns eingegangen. Das sind 300 Chancen, um KI strategisch für Klima und Umwelt einzusetzen.

Das Interesse zeigt, welches Potenzial in dem Thema steckt und natürlich wird das Bundesumweltministerium alles tun, um diesen Schatz zu heben. Deshalb freue ich mich, dass der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags eine Aufstockung des KI-Leuchtturmprogramms um weitere 20 Millionen Euro auf nunmehr etwa 47 Millionen Euro beschlossen hat.

Mit Musterkennung und selbstlernenden Systemen können neues Wissen und Verständnis über unsere Ökosysteme geschaffen und viele Prozesse optimiert werden. Worum geht es bei KI im Umweltschutz? Lassen Sie mich einige wenige Beispiele geben:

  • Aus Umwelt-, Wetter- und Schädlingsdaten können Empfehlungen und Maßnahmen für den klimagerechten Waldumbau abgeleitet werden, die die Biodiversität schützen helfen.
  • Zur Erreichung der Klimaschutzziele im Wärmesektor kann KI Solaranalagen effizienter machen. Aus Messdaten können Anlagen situationsabhängig und individuell optimiert werden – bis hin zur vollständig autonomen Steuerung und bei sinkenden Kosten für erneuerbaren Strom.
  • Oder nehmen Sie die urbane Mobilität, die vor einem gewaltigen Umbruch steht. Unter dem Stichwort Smart Mobility tauchen neben dem klassischen ÖPNV neue Mobilitätsangebote auf. Das ist als Alternativen zum Autoverkehr eine ökologische Chance. Andererseits gibt es Risiken, weil die Steuerung und Integration alter und neuer Verkehrsmittel mangelhaft ist. Mit KI können jedoch Echtzeitdaten von Sharing-Anbietern und ÖPNV auf einer zentralen Plattform für eine umweltfreundliche Kombination von Verkehrsmitteln genutzt werden.

Unsere Leuchttürme zeigen die großen Chancen von KI für den Klimaschutz: Als konkretes Anwendungsfeld. Aber natürlich gibt es auch negative Aspekte: Nämlich die Frage nach dem Energie- und Ressourcenverbrauch für die Rechenprozesse und Datenströme, die die bei IKT insgesamt aber bei KI-Anwendungen im Speziellen entstehen.

Diese haben wir ebenfalls bei unserem Netzwerkabend "KI x Klima" in der vorletzten Woche in Berlin diskutiert.

Dabei kursieren im Moment haarsträubende Zahlen: Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Massachusetts Institute of Technology (MIT) besagt, dass das Trainieren eines typischen neuronalen Netzes rund 313 Tonnen CO2 verursachen könne – was dem Fünffachen dessen entsprechen würde, was ein durchschnittliches Fahrzeug in seinem gesamten Lebenszyklus (inklusive Kraftstoff) verbraucht.

Zwar hinkt ein solcher Vergleich etwas, da es sich um sehr aufwändige Netze mit großen Trainingsdatensätzen handelt und die mögliche CO2-Reduktion einer fertig-trainierten KI-Anwendung berücksichtigt. Aber dennoch führt er uns zu einem wichtigen Punkt: Wir werden vor der Herausforderung des Klimaschutzes nicht umhinkommen, Algorithmen und die Digitalisierung insgesamt ressourcen- und energieeffizienter zu machen.

Digitalisierung ist per se weder grundsätzlich positiv noch negativ und sollte stets als Werkzeug und nicht als Selbstzweck betrachtet werden. Wir als Mensch entscheiden, wofür wir die Digitalisierung einsetzen.

Die direkten Umweltfolgen der Digitalisierung, zum Beispiel auf den Treibhausgas-Ausstoß, sind in der aktuellen Wachstumsphase jedoch zunächst oftmals negativ.

Produktion, Betrieb und Entsorgung einer immer größeren Anzahl vernetzter Geräte führen zu größeren Energie- und Materialverbräuchen.

Konkret: 2017 lag der Nettostromverbrauch für IKT (Informations- und Kommunikationstechnik) bei rund 10 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland. Und der Energieverbrauch durch IKT wird, aller Voraussicht nach zunächst weiter zunehmen.

Deshalb müssen wir erstens bei der Energiewende schnell vorankommen, um die Digitalisierung mit erneuerbarem Strom zu ermöglichen. Zudem müssen wir insbesondere dafür sorgen, dass Rechenzentren (RZ) und digitale Endgeräte effizienter werden.

Mit dem Umweltkennzeichen "Blauer Engel" – viele von Ihnen kennen das vielleicht für Wandfarben oder Toilettenpapier - zeigen Umweltministerium und Umweltbundesamt schon heute, wie sich die Energie- und Ressourceneffizienz von IKT und Rechenzentren erhöhen lässt. Mit dem Kennzeichen setzen wir Standards für Wirtschaft, private Haushalte und die öffentliche Hand.

Vorbehaltlich der Zustimmung der Jury werden im Dezember 2019 neue Vergabekriterien des Blauen Engel für "Ressourcen- und energieeffiziente Softwareprodukte" veröffentlicht. Die Kriterien werden Vorgaben zu Energieeffizienz, Hardware-Inanspruchnahme, Abwärtskompatibilität, Offlinefähigkeit, Deinstallierbarkeit, Nutzungsautonomie und Plattformunabhängigkeit enthalten.

Software beeinflusst den Energieverbrauch von Hardware maßgeblich. Software steuert zum Beispiel die Aktivierung von Energiesparmodi, die Übertragung und Speicherung hoher Datenmengen sowie Rechenoperationen. Die Obsoleszenz von Produkten wegen fehlender oder begrenzter Software-Updates ist ein ernst zu nehmendes Problem und nicht hinnehmbar.

Die Bundesregierung geht mit gutem Beispiel voran: Im Rahmen des Programms Green-IT sank der Energieverbrauch der Bundes-IT seit 2009 trotz Leistungssteigerung um fast 60 Prozent. Bis 2024 werden wir den Energieverbrauch jedes Jahr um weitere zwei Prozent reduzieren.

Was wir klar benötigen, ist ein erweitertes europäisches Recht auf Reparatur und Verfügbarkeit von Ersatzteilen, insbesondere auch als Grundlage für die Langlebigkeit digitaler Endgeräte.

Jeder Verbraucher sollte als Grundlage für seine Kaufentscheidung direkt erkennen können, wie lange ein Produkt genutzt bzw. wie einfach es sich reparieren lassen könnte.

Für mich kristallisiert sich generell die Frage heraus: finden wir zu einem alternativen Modell jenseits der US-amerikanischen Digitalisierung und dem chinesischen Ansatz? Schaffen wir eine Digitalisierungspolitk am besten auf europäischer Ebene, die Mensch und Umwelt in den Mittelpunkt stellt?!

Ich hatte gesagt, dass ich darauf zurückkomme. Unsere Eckpunkte für eine umweltgerechte Digitalisierung entwickeln wir derzeit zur umweltpolitischen Digitalagenda weiter. Dazu haben wir eine dreiwöchige Umweltwerkstatt ins Leben gerufen, mit der wir einen wirklich außergewöhnlichen Weg beschreiten.

Erstmals arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BMU und seiner vier Bundesämter gemeinsam mit ausgewiesenen Fachleuten aus Wissenschaft und Verbänden, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam an einem Dokument. Nicht im BMU – sondern an neutralem Ort. Bis zum 11. Dezember kommen dafür rund 200 Expertinnen und Experten in Berlin Kreuzberg zusammen.

Mit der Umweltwerkstatt löst das BMU seine Ankündigung auf der re:publica ein, die Eckpunkte für eine umweltgerechte Digitalisierung breit zu diskutieren und gemeinsam mit Expertinnen und Experten weiterzuentwickeln.

Die umweltpolitische Digitalagenda wird die Bundesumweltministerin dann im März 2020 vorstellen. Die Digitalagenda des BMU soll einen wesentlichen Beitrag für eine nachhaltige Digitalisierung in Deutschland leisten und einen Auftakt für den Themenschwerpunkt Digitalisierung und Nachhaltigkeit im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 setzen. Eine nachhaltige Digitalisierung wird nur Erfolg haben, wenn sie mindestens eine Europäische ist.

Die Standards im größten Wirtschaftsraum der Erde können weltweit zum Vorbild werden. Denken Sie nur an die Ökodesign-Richtlinie, die – etwas überspitzt ausgedrückt – derzeit noch bei Kühlschränken Halt macht und nicht fit für das digitale Zeitalter ist. Was früher der Fernseher war, ist heute das Smartphone.

Europa muss definieren, was Nachhaltigkeit in der digitalen Welt bedeutet. Alternativ zu ungeregelten Marktmonopolen und einer totalen staatlichen Datenkontrolle wird ein europäischer Weg dringend gebraucht. Das muss ein soziales und ökologisches, wirtschaftlich kraftvolles und demokratisches Europa sein, das digitale Innovationen voranbringt und uns als Bürgerinnen und Bürger schützt.

Aus diesem Grund wollen wir die deutsche EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2020 dazu nutzen, auch eine europäische Diskussion über die Chancen der Digitalisierung für unseren Planeten anzustoßen.

Vielen Dank!

05.12.2019 | Rede Digitalisierung | Siegen