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25.09.2018

Keynote von Florian Pronold beim 2. Sustainable Finance Gipfel Deutschland

25.09.2018 | Nachhaltige Entwicklung

2. Sustainable Finance Gipfel Deutschland

Staatssekretär Florian Pronold sprach in seiner Keynote beim 2. Sustainable Finance Gipfel Deutschland über Nachhaltigkeit in der Wirtschaft.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Dr. Kristina Jeromin,
Dr. Joachim Faber,
Prof. Dr. Alexander Bassen,
Tarek Al-Wazir,
Molly Scott Cato,
Bettina Stark-Watzinger,
Martin Koch,
Damen und Herren,

In Vorbereitung auf den Termin ist mir noch einmal ein BrandEins Heft aus dem Sommer in die Hände gefallen – zum Thema Geld. Im Editorial heißt es: "Geld ist der Treibstoff der Wirtschaft, immer noch. Aber die Wirtschaft ändert sich. Und wenn es nicht gelingt, dem Geld zu neuem Wert zu verhelfen, wird es nutzlos."

Aber, zehn Jahre nach dem Lehman-Crash existieren wieder komplexe, hochriskante Produkte, die auch ich nicht verstehe. "Die Menschen werden aufgeweckt durch einen Finanzcrash und merken, dass es ihnen gar nicht so gut geht, wie sie dachten. Die Wohlstandserfahrung wurde herbeigeführt von den Drogen des billigen Geldes und den überhohen Schulden" – so der Rückblick in der ZEIT zu diesem fragwürdigen Jubiläum.

Die entscheidende Frage – etwas schlicht gesagt – lautet also: passt das Geld zu den gesellschaftlichen Herausforderungen unseres Jahrhunderts? Was will ich mit meinem Geld finanzieren? Etwa Kinderarbeit, Waffengeschäfte, Umwelt-, Klimazerstörung? Und, wer haftet eigentlich für die Risiken. Wieder die Bürgerinnen und Bürger? Das können wir so nicht wieder riskieren.

Meine Hauptbotschaft ist: Eine "Wirtschaft mit Zukunft" bewegt sich im Kontext des Pariser Klimaschutzabkommens und der Agenda 2030, denn: Nachhaltigkeit ist eine Chance, neue Wege zur Wertschöpfung zu erschließen.

Wir stehen – in Deutschland und Europa – vor der Frage, unsere Volkswirtschaft grundlegend zu modernisieren, das betrifft nicht nur den Umwelt- und Klimaschutz, sondern insbesondere auch die Herausforderungen der Digitalisierung. Diese Modernisierung lässt sich allerdings nicht mehr durch punktuelle Optimierungen erreichen, vielmehr müssen viele Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten neu gedacht werden.

Im Fall der Stromerzeugung ist dieser Prozess bereits fortgeschritten – in anderen Bereichen, etwa der nachhaltigen Mobilität, wird der Veränderungsdruck immer deutlicher.

Für diesen Weg werden in erheblichem Umfang Investitionen nötig sein – Investitionen in physische Infrastruktur, Anlagen, Technologien, aber auch in die Neuorganisation von Prozessen und in die Schaffung neuen Wissens.

Investitionsbedarf entsteht nicht nur in den Bereichen Energie und Verkehr, sondern auch in den Bereichen Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft, Wasserwirtschaft und Landwirtschaft – und dass in globalem Maßstab.

Zahlen von Roland Berger im GreenTech Atlas 2018 zeigen: Wir haben einen enormen Finanzierungsbedarf für Umwelttechnologien: das weltweite Marktvolumen der Umwelttechnik und Ressourceneffizienz wird sich von mehr als 3.200 Milliarden Euro (2016) bis 2025 voraussichtlich auf über 5.900 Milliarden Euro erhöhen.

Auch die OECD hat in einem Gutachten für die deutsche G20-Präsidentschaft darauf hingewiesen, dass sich Investitionen in Nachhaltigkeit gesamtwirtschaftlich rechnen. Diese Ansicht teilt auch der BDI – eine Studie von Prognos und BCS im Auftrag des BDI kommt zu dem Ergebnis, dass eine ambitionierte Klimaschutzstrategie bis bitte des Jahrhunderts mindestens wachstumsneutral zu haben ist, wenn die Weichen richtig gestellt werden.

Die zentrale Frage also lautet, wie lassen sich finanzielle Ressourcen für nachhaltige Investitionen mobilisieren?

Zum einen: Die Wirtschaft selbst muss Verantwortung übernehmen. Nachhaltigkeitsaspekte müssen zur Grundbedingung unternehmerischen Handels werden. Unternehmen haben eine Verantwortung für das Gemeinwohl - auch wenn das in dieser globalisierten Welt scheinbar aus dem Blick gefallen ist. Wir müssen diese Verantwortung politisch wieder stärker einfordern! Das betrifft konkret

  • ein anspruchsvolles Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement in Unternehmen
  • eine transparente und glaubwürdige Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichterstattung
  • und die Einbeziehung der Liefer- und Wertschöpfungsketten in die nachhaltige Ausrichtung von Unternehmen.

Selbstverständlich gelten diese Anforderungen nicht nur für die "klassischen" Wirtschaftsunternehmen, auch der Finanzmarkt muss mitziehen. Die meisten Finanzanlagen und Kreditvergaben sind nicht mit den international anerkannten Klimazielen oder Kriterien für Umwelt, einer nachhaltigen Gesellschaft und "guter" Unternehmensführung vereinbar.

Gleichzeitig findet in der Finanzwirtschaft langsam ein Umdenken statt. Die Nachfrage nach nachhaltigen Finanzprodukten wächst – wenngleich noch auf niedrigem Niveau. Mehr und mehr Investoren setzen auf nachhaltiges und zukunftsfähiges Wirtschaften, nicht ohne Grund: Rendite und Nachhaltigkeit gehen Hand in Hand. Unternehmen, die sich ökologisch, sozial sowie in der Unternehmensführung Auflagen setzen, mindern Investitionsrisiken (im Übrigen auch Reputationsrisiken) und sind auch finanziell erfolgreicher.

Auch politisch kommt Bewegung in die Diskussion: ausgehend von der Finanzkrise 2008/2009 wurden vermehrt Fragen nach der Rolle des Finanzsektors im Verhältnis zur Realwirtschaft gestellt: Initiativen von UNEP, der G20 sowie der Hochrangigen Expertengruppe Sustainable Finance, eingesetzt von der EU Kommission im letzten Jahr, haben zu der Erkenntnis geführt, dass sich auch der Finanzsektor stärker in den Dienst der Gesellschaft stellen muss. Und, dass dafür die Ziele und Anreize im Finanzmarkt konsistent sein müssen mit anderen umwelt- und sozialpolitischen Zielen.

Europa, die EU-Kommission, hat das Thema "sustainable finance" jetzt auf die politische Agenda gesetzt und es zu einer Priorität in der EU gemacht. Das begrüße ich sehr. Denn mit dem Aktionsplan "Finanzierung nachhaltigen Wachstums" und dem jetzt vorgelegten Legislativpaket hat die Kommission einen Paradigmenwechsel eingeleitet.

Ein transparenter und standardisierter Umgang mit wesentlichen ESG-Aspekten seitens Realindustrie, Finanzbranche und Regulatoren, birgt große Chancen für die internationalen Kapitalmärkte, sowohl im Bereich der Risikobemessung als auch bei der Entwicklung neuer Geschäftsfelder.

Nachhaltigkeitsrisiken, das heißt Fehlinvestitionen aufgrund laxer Umwelt- und Sozialstandards können signifikante Geschäftsrisiken bergen. Der Global Risk Report des World Economic Forum’s 2018 zeigt, dass viele der sogenannte top business risks mit Umwelt-/sozialen Fragen zusammenhängen.

Kurz: Es wird transparent und offengelegt, was die Ziele der Investition sind – das soll in Zukunft jede und jeder direkt sehen und bewerten können.

Transparenz ist deshalb eine zentrale Stellschraube, wenn man mehr nachhaltige Investitionen will. Die Berichterstattung wesentlicher ESG-Risiken sollte – wie wir das bei der CSR ja bereits kennen – in den geprüften Lageberichten der Unternehmen integriert werden und der Anwendungsbereich sollte auch auf die nichtbörsengelisteten Unternehmen ausgeweitet werden.

Eine Klassifizierung von Investitionen (Taxonomie) – wie ebenfalls von der EU-Kommission vorgeschlagen – schafft hier mehr Klarheit. Das ist ein wichtiger Schritt, um Kapitalgebern einen klaren Orientierungsrahmen und damit mehr Sicherheit für die Investitionsentscheidungen zu geben. Dieser Orientierungsrahmen muss belastbar und zugleich auch flexibel ausgestaltet sein. Und ich werbe dafür, dass bei den Arbeiten in Brüssel auf bereits bestehende und erprobte Expertise aufgesetzt wird.

Die Vorschläge der Kommission sind inhaltlich komplex, zum Teil noch unklar, das betrifft insbesondere die Arbeiten zur Taxonomie. Auch da die Verabschiedung des Legislativpakets zeitlich sehr sportlich ist – im Mai nächsten Jahres ist die Europawahl – sollten wir insbesondere die Themen des Pakets forcieren, bei denen eine Einigung zeitlich realistisch ist – etwa bei den Offenlegungspflichten und den CO2-Benchmarks.

Wir müssen daher umso mehr Sorge tragen, dass wir die wichtige Debatte über das Legislativpaket in den nächsten Wochen eng begleiten und national proaktiv angehen. Ich freue mich, dass wir dies gemeinsam mit dem BMF so verabredet haben.

Hilfreich für diesen Meinungsbildungsprozess ist, dass sich seit letztem Jahr auch in Deutschland einiges tut. Mit dem Hub for Sustainable Finance und dem neuen Green and Sustainable Finance Cluster Frankfurt haben sich neue Multistakeholder-Strukturen für das wichtige Thema "sustainable finance" herausgebildet.

Das begrüße ich sehr. Umwelt- und Finanzministerium begleiten diese Initiativen ebenfalls eng. Wir sind dankbar, dass wir hierüber den Dialog zwischen Politik, Unternehmen und Zivilgesellschaft organisieren können.

Die EU ist eine Wertegemeinschaft. Deshalb sind Führungsrolle und Glaubwürdigkeit bei nachhaltigem Wachstum wünschenswert und folgerichtig. Wenn soziale, ökologische und Klimarisiken tatsächlich finanziell angemessen bewertet werden, ist das ein Signal an Finanzmärkte und Investoren.

Unser gemeinsames Ziel ist nichts Geringeres als unsere Lebensgrundlagen zu schützen: ein stabiles Klima, saubere Luft, sauberes Wasser und eine intakte Natur. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies nur gelingen kann, wenn wir auch in der Wirtschaftspolitik, in der Finanz- und in der Haushaltspolitik die Hebel in Richtung Nachhaltigkeit umlegen.

Wir erhoffen uns von diesem Tag wertvolle Inputs für unsere politische Positionierung. Ich danke daher der Deutschen Börse und dem Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) – stellvertretend Frau Jeromin und Prof Bassen – für das Engagement und die Initiative.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

25.09.2018 | Rede Nachhaltige Entwicklung | Frankfurt am Main