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19.04.2018

Keynote beim Parlamentarischen Abend der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern

19.04.2018 | Naturschutz/Biologische Vielfalt

Austausch beim Parlamentarischen Abend

In ihrer Rede machte Bundesministerin Svenja Schulze deutlich, dass es eine der zentralen politischen Herausforderungen unserer Zeit ist, das Insektensterben und den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Minister Dr. Till Backhaus,
sehr geehrter Prof. Dr. Vahrenholt,
sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages
sehr geehrte Damen und Herren, 

seit einigen Monaten wird wieder ein Buch aus den 60er Jahren zitiert: Rachel Carson prophezeite 1962 einen "stummen Frühling", der dem Sterben der Insekten folgen würde. Dieses Buch hat damals wesentlich dazu beigetragen, dass das Insektenvernichtungsmittel DDT verboten worden ist. Und es hat eine große Öffentlichkeit für dieses ökologische Problem sensibilisiert.

Ein stummer Frühling ist auch heute ein noch Horrorszenario. Kein Summen und Brummen, kein Vogelgezwitscher und keine Schmetterlinge.

Leider scheinen wir davon nicht mehr allzu weit entfernt zu sein: Forscher in Krefeld haben gezeigt, dass die Fluginsekten-Biomasse in den vergangenen 27 Jahren um bis zu 82 Prozent zurückgegangen ist. Auch andere Studien haben das bestätigt.

Wir sehen diesen Trend sowohl bei der Gesamtmenge der Insekten wie auch bei der Vielfalt der Insektenarten. Und es trifft nicht nur die ohnehin gefährdeten Arten. Wir verlieren auch die sprichwörtlichen Allerweltsarten.

Mit den Insekten verschwinden dann auch die Vögel – und die gesamte Nahrungskette geht verloren. Wir verlieren damit auch all die wertvollen Leistungen, die Insekten für uns erbringen: Die Bestäubung der Pflanzen, fruchtbare Böden und die Reinigung unserer Gewässer.

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Diese Art zu Wirtschaften bzw. zu Landwirtschaften ist nicht gerade fortschrittlich. Ich glaube, es ist offensichtlich, dass es kein Fortschritt sein kann, wenn wir die wichtigsten Ökosystemdienstleistungen verlieren. Das sind Rückschritte, die wir schnellstmöglich stoppen müssen!

Blütenbestäuber wie die Bienen haben eine Schlüsselfunktion für die Biodiversität. Sie sichern wesentliche Anteile der Welternährung. Spätestens bei dem Begriff "Welternährung" sollte jedem klarwerden, dass wir hier von einer grundsätzlichen Frage sprechen.

Und wenn ich von "Bienen" spreche, dann meine ich vor allem Wildbienen und die vielen anderen bestäubenden Insekten und eben nicht nur Honigbienen, die durch Imkerei gehegt und gepflegt werden. Ohne Bienen müssten die Obstbäume von Menschen bestäubt werden – so wie das bereits teilweise in China praktiziert wird. Dass Menschen die Arbeit der Bienen übernehmen müssen, ist auch kein Fortschritt!

Wir haben es wohl vor allem der Windschutzscheibe zu verdanken, dass der Rückgang bei den Insekten so hohe Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erfahren hat. Denn jeder, der sich daran erinnern kann, wie Windschutzscheiben früher nach einer längeren Fahrt aussahen, kann diese Entwicklung nachvollziehen.

Es ist mir – genauso wie den meisten Menschen in Deutschland – eine Herzensangelegenheit, die Natur in ihrer Vielfalt und damit auch in all ihren Funktionen zu erhalten. Aber nur Herzensangelegenheit reicht nicht. Wir müssen erreichen, dass wieder mehr Lebensräume zur Verfügung stehen.

Natürlich brauchen wir dafür auch noch mehr Erkenntnisse. Wir tun auch bereits einiges, um unser Wissen zu verbreitern. So gibt es zum Beispiel mehrere Projekte beim Bundesamt für Naturschutz und bei weiteren Forschungseinrichtungen. Wir werden das bundesweite Insekten-Monitoring ausbauen und stehen dafür bereits im Austausch mit den Ländern.

Das alles ist richtig und notwendig. Aber der weitere Forschungsbedarf darf kein Grund sein, konkretes Handeln auf die lange Bank zu schieben. Dafür ist die Lage inzwischen zu ernst.

Im Koalitionsvertrag hat sich die Bundesregierung verpflichtet, "das Insektensterben umfassend zu bekämpfen". Das hat keine Regierung vorher so explizit formuliert. Wir werden uns aber auch daran messen lassen müssen. Die Ursachen des Insektenrückgangs sind zwar komplex, aber das, was wir wissen, reicht aus, um jetzt handeln zu können.

Gleich nach Amtsantritt habe ich daher veranlasst, dass bereits in den ersten 100 Tagen die Eckpunkte für ein "Aktionsprogramm Insektenschutz" erarbeitet werden. Durch das Aktionsprogramm soll der Insektenrückgang effektiv verlangsamt, wenn nicht gestoppt werden. Aber wir dürfen auch nicht die Illusionen haben, dass der Naturschutz die Insekten alleine retten kann. Alle betroffenen Ressorts müssen mitziehen, vor allem die für Landwirtschaft und Verkehr. Wir werden aber auch die Unterstützung vieler weiterer Akteure benötigen. Sonst wird es nicht gelingen!

Ich will einige Bereiche nennen, von denen wir heute schon sagen können, dass wir dringend Veränderungen brauchen:

  • Das betrifft zum einen unseren Umgang mit Pestiziden: Wir brauchen den Glyphosat-Ausstieg in dieser Legislaturperiode. Wegen der umfassenden Wirkung, aber auch wegen des großflächigen Einsatzes von Glyphosat, verlieren Insekten ihre Nahrungsgrundlagen und Lebensräume. Aber der Ausstieg aus Glyphosat allein reicht auch noch nicht. Wir brauchen einen grundsätzlich restriktiveren Einsatz bei allen Pflanzenschutzmitteln, insbesondere in Schutzgebieten nach dem Naturschutzgesetz und in Wasserschutzgebieten.
  • Das gilt auch für die sogenannten Neonikotinoide und die mit ihnen verbundenen Risiken, insbesondere für Fluginsekten. Ich finde es gut, dass die Bundeslandwirtschaftsministerin klar gesagt hat: "Was für Bienen schädlich ist, muss weg vom Markt!". Und ich begrüße außerdem, dass die EU-Kommission einen Vorschlag vorgelegt hat, die Freilandanwendung bestimmter Neonikotinoide zukünftig auf EU-Ebene zu verbieten.
  • Ich werde mich auch dafür einsetzen, dass Pflanzenschutzmittel nur noch zugelassen werden dürfen, wenn ihre Auswirkungen auf die biologische Vielfalt in ausreichendem Maß ausgeglichen werden. Derzeit wird daran gearbeitet, wie wir Landwirte, die biodiversitätsgefährdende Pflanzenschutzmittel einsetzen, zukünftig zu Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität verpflichten können.
  • Auch die Überdüngung muss zurückgefahren werden. Zu viel Dünger belastet unsere Gewässer. Die Gewässer sind aber die Kinderstube vieler Insekten. Durch intensive Düngung des Grünlands werden Blütenpflanzen zu Gunsten von reinen Grasbeständen verdrängt. Und ohne Blüten gibt es dann auch keine Insekten mehr. Dabei hilft weniger Dünger nicht nur den Insekten, sondern ist auch gut für saubere Luft, sauberes Wasser und gesunde Böden. Zur Wahrheit gehört allerding auch: Weniger Dünger heißt weniger Gülle und weniger Gülle geht nur durch weniger intensive Tierhaltung.
  • Wir brauchen auch wieder mehr Hecken und blühende Säume in unserer Landschaft statt kilometerweiter Monokulturen. Wenn wir das erreichen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass sich eine solche Vielfalt für Landwirte auch auszahlt. Das geht nur über ein neues System der europäischen Agrarförderung. Diese Debatte steht jetzt an.
  • Es gibt auch weitere Ursachen für das Insektensterben, zum Beispiel die Lichtverschmutzung in und um unsere Städte und Siedlungen. Da gibt es sicher keine einfachen Lösungen. Vor allem kann der Naturschutz nach jahrelangen Kürzungen in den Naturschutzhaushalten der Länder seine Aufgaben beim Insektenschutz nicht so wahrnehmen, wie es nötig wäre. Ich kann den Ländern zwar nichts vorschreiben, aber im Einklang mit dem Koalitionsvertrag kämpfe ich für mehr EU-Mittel für den Naturschutz und werde die Bundesmittel für den Naturschutz deutlich aufstocken.

Sehr geehrter Herr Professor Vahrenholt, sehr geehrte Damen und Herren, das ist heute mein erster Besuch bei Ihnen und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Ich weiß, dass sich Ihr Verband sehr stark für den Erhalt heimischer Arten und der Artenvielfalt engagiert. Wir können nur gemeinsam etwas erreichen.

Vielen Dank.   

19.04.2018 | Rede Naturschutz/Biologische Vielfalt | Berlin