BMU Website

Navigation

Von hier aus koennen Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

  • Home
  • Presse
  • Reden
  • Eröffnungsrede von Dr. Barbara Hendricks beim Kongress "Grün in der Stadt"
https://www.bmu.de/RE123
18.05.2015

Eröffnungsrede von Dr. Barbara Hendricks beim Kongress "Grün in der Stadt"

Eröffnungsrede von Dr. Barbara Hendricks beim Kongress "Grün in der Stadt"

- Es gilt das gesprochene Wort -

Grün in der Stadt ist mehr als eine Farbe. Es lebt. Es ist bunt. Es duftet. Wenn Sie in diesen Tagen hier in Berlin durch den Tiergarten gehen, dann können Sie es riechen: Die Linden blühen. Nehmen Sie sich ein wenig Zeit, setzen Sie sich auf die Wiese. Vielleicht können Sie einen kleinen Trupp Spatzen beobachten. Vielleicht haben Sie sich mit ein wenig Pech auch auf ein Ameisennest gesetzt. Sie merken: Grün ist Leben. Bäume, Sträucher, und auch der kleinste Fleck Rasen sind ein Stück Natur im Beton- und Asphalt-Dschungel. Es könnte noch viel mehr Grün in unseren Städten geben. Und das Wenige das es gibt, ist noch ungleich verteilt. Das wollen wir ändern, deswegen dieser Kongress.

Stellen wir uns doch für einen Moment eine Stadt ohne Bäume vor. Ohne Wiesen, ohne Parks, keine Gebüsche am Kanalufer, kein Grün. Nur Häuser und Straßen, Asphalt und Stein. In dieser Stadt möchte ich nicht leben und ich bin davon überzeugt: Sie auch nicht. Niemand will das. Zum Glück sehen unsere Städte anders aus. Auch deswegen ziehen sie die Menschen an.

In Deutschland wohnt fast ein Drittel aller Bürgerinnen und Bürger in den Großstädten. Manche sprechen vom Beginn einer neuen Epoche der Stadt. Viele Menschen fühlen sich angezogen von unseren Städten, von ihrer Lebendigkeit, von ihrer Vielfalt, von ihrem großen kulturellen Angebot. Das spüren wir an vielen Orten: In München, Münster oder Jena. Noch vor zwanzig Jahren haben wir von der "Stadtflucht" gesprochen, vom Traum des eigenen Hauses auf der grünen Wiese. Das ist heute anders. Ein Großteil der Menschen sucht die Stadt. Gleichzeitig sehnen sie sich nach einem Ausgleich, nach Ruhe, nach Naturerfahrung.

Nach dem Krieg wurden Städte für Autos gebaut. Bäume wurden abgeholzt um Parkplätze zu schaffen. Grünflächen wurden asphaltiert um neue Fahrspuren zu bauen. Nicht erst seit heute wollen die Menschen, dass das so nicht weitergeht. Sie suchen Grün in der Stadt – und sie suchen es nicht nur, sie schaffen es selbst. Zu Hause in Kleve und hier in Berlin, aber auch an ganz vielen anderen Orten, sehe ich, wie Menschen die Baumscheiben vor ihrer Haustüre pflegen und wie auf Brachflächen gegärtnert wird. Viele Menschen verbringen ihre Freizeit am liebsten im Grünen. Grünflächen haben eine wichtige soziale Funktion. Sie bringen die Menschen zusammen. Die erholen sich dort, treiben Sport und kommen ins Gespräch unter Nachbarn. Das Grün in der Stadt ist allerdings unfair verteilt: Sozial benachteiligte Stadtteile haben häufig weniger Grünflächen. Und die sind oft auch noch schlechter gestaltet. In diesen Vierteln ist der Bedarf aber eher größer, denn es gibt dort weniger Gärten, Terrassen und Balkone als in den „besseren“ Stadtteilen. Eine gute grüne Infrastruktur ist in den benachteiligten Vierteln besonders wichtig: Die Menschen sind dort weniger mobil und nutzen „Ihr“ Grün viel intensiver. Das ist übrigens gar nicht neu. Schon vor 100 Jahren hat Martin Wagner, der spätere Stadtbaurat von Berlin, erstmals Richtwerte aufgestellt, für den Bedarf an Freifläche und für deren Erreichbarkeit. Und er hat betont, dass nicht nur irgendwelche Grünflächen wichtig sind. Erst "ihre Ausgestaltung zu Sport- und Spielplätzen, zu Volksparkanlagen und Stadtwäldern, zu Pacht- und Familiengärten" mache ihren Wert aus.

Aber, die Grüne Infrastruktur leidet unter den leeren Kassen der Städte und Gemeinden. Denn sie braucht Pflege und sie will weiter entwickelt werden. Wie bei der "Grauen Infrastruktur" gibt es auch bei der Grünen Infrastruktur einen Investitionsstau. Wenn man Bäume nicht pflegt, verkümmern sie. Irgendwann kann man sie nur noch absägen. Ich bin davon überzeugt: Es muss uns noch etwas Besseres einfallen, als Parkbänke abzubauen oder Spielplätze zu demontieren. Weil wir meinen, uns die Pflege nicht mehr leisten zu können. Ich denke, Grün in der Stadt ist ein wichtiges Querschnittsthema. Deshalb haben wir in der Städtebauförderung das Handlungsfeld „Grün in der Stadt“ explizit aufgenommen. Die Bundesregierung hat die Bundesmittel für die Städtebauförderung im Jahr 2014 von 455 Millionen Euro auf 700 Millionen Euro aufgestockt. Auch in diesem Jahr wird die Förderung auf diesem Niveau fortgesetzt. Das ist nicht alles fürs Stadtgrün – aber eben auch dafür einsetzbar. Städtebauliche Investitionen können helfen, Nachbarschaften zu beleben: Sei es auf öffentlichen Plätzen oder in Gemeinschaftsgärten.

Auch Zwischennutzungen helfen, Freiräume zu sichern. Wir fördern dies mit den Programmen Stadtumbau Ost und West. Auf Gewerbe- oder Militärbrachen sind auf diesem Weg grüne Oasen entstanden. Sie merken: Wir können auf eine Fülle von Erfahrungen zurückgreifen – und auf Kommunen, die mit schönen Beispielen vorangehen. Geld ist auch in diesem Fall nicht alles. Die Menschen sind oft bereit, sich für ihr Grün zu engagieren. Das wollen wir unterstützen.

Ich bin davon überzeugt: Der Bund muss sich beim Thema Grün in der Stadt mehr engagieren. Das ist für den Bund übrigens keine Selbstverständlichkeit. Tatsächlich ist dies sogar das erste Mal, dass sich eine Bundesregierung dem Thema gründlich widmet. Die Zusammenlegung von Umwelt- und Naturschutz mit der Stadtentwicklung in einem gemeinsamen Ministerium hat es in dieser Form erst möglich gemacht.

Als erstes haben wir uns eine Bestandsaufnahme vorgenommen. Wo haben wir uns umgehört? Zunächst einmal bei den Städten und Kommunen, selbstverständlich. Aber auch bei den Ländern, der Wissenschaft, Verbänden. Bei der Vorbereitung waren insgesamt 7 Bundesministerien einbezogen. Sie sehen: Wir sind umfassend und gründlich vorgegangen. Das Ergebnis legen wir Ihnen heute in gedruckter Form vor. In der Verwaltung nennt man solche Bestandsaufnahmen ein Grünbuch – und das passt ja auch farblich gut zum Thema. Sie finden darin eine breite Palette von "Grün in der Stadt". Ich hoffe, wir können den einen oder anderen von Ihnen überraschen, was alles dazu zählt. Ich sprach schon von den Spatzen. Wussten Sie, dass etwa in Berlin 150 Vogelarten nachgewiesen sind, von insgesamt 243 Vogelarten, die in Deutschland brüten? Das sind fast zwei Drittel. Zwei von drei Vogelarten Deutschlands brüten in einer einzigen Stadt!

Unser Grünbuch reicht von der Lebensmittelproduktion bis zum Naturschutz, vom Sportplatz bis zum Wald. Über die Produktion von Lebensmitteln in der Stadt sagt bestimmt Kollege Schmidt gleich einige Worte. Städte bieten sehr viele verschiedene Lebensräume, sie sind längst zum Rückzugs-Raum für viele bedrohte Tier- und Pflanzen-Arten geworden. Daran zeigt sich die Bedeutung der Städte für die biologische Vielfalt – und es ist gleichzeitig eine Chance, Natur vor der Haustür zu finden. Auch der Naturschutz in der Stadt hat viel mit uns Menschen, mit den Bewohnern der Stadt zu tun. Konrad Lorenz sagte einmal: "Nur was ich kenne, das liebe ich, nur was ich liebe, das schütze ich."

Es lohnt sich, ein Bewusstsein für die Naturschätze in der Stadt zu entwickeln. Kinder und Jugendlichen sollte dort, wo sie wohnen, die Gelegenheit geben werden, die Natur kennenzulernen und mit allen Sinnen zu erleben. Es lohnt sich auch für Erwachsene, wenn wir am Wochenende mit dem Fahrrad in die Natur fahren – und das Auto stehen lassen. Das entlastet die Umwelt – und die Natur draußen vor der Stadt freut sich auch, wenn sie etwas mehr Ruhe hat.

Unsere Bestandsaufnahme ist mit dem heutigen Tag abgeschlossen. Ab heute wollen wir von Ihnen Vorschläge und Anregungen hören. Was kann, was soll gemacht werden? Was können und sollen wir, der Bund, uns vornehmen? Der nächste Schritt ist in der Verwaltungssprache ein so genanntes "Weißbuch". Das ist farblich zwar nicht so passend, aber auf den Inhalt kommt es ja an. Das wollen wir bis zum Frühjahr 2017 fertig stellen und das wird konkrete Handlungsvorschläge enthalten.

Ich möchte Ihren Diskussionen nicht vorgreifen. Aber ich selbst könnte mir vorstellen, dass wir mehr Bürgerbeteiligung brauchen, in neuen und zeitgemäßen Formen. Ich denke auch, wir brauchen einen besseren Wissenstransfer, damit sich gute Ideen schneller verbreiten. Vielleicht lohnt sich auch einmal ein besonderer Blick auf die Dächer. Schon Kurt Tucholsky träumte von einem "Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn". Heute finden Sie gerade auf den Flachdächern in den Großstädten die Asphalt- und Steinwüsten, die wir auf dem Boden nicht haben wollen. Manchmal eine kleine grüne Insel, das war’s dann auch. Interessant ist der Blick über die Grenze: Wer in Frankreich ein gewerblich genutztes Gebäude errichten will, der muss demnächst das Dach mindestens teilweise begrünen oder eine Solaranlage darauf bauen. Das Gesetz dazu ist derzeit im parlamentarischen Verfahren, die Nationalversammlung hat bereits zugestimmt. Sie sehen: Nicht nur in Deutschland wird derzeit über das Grün in der Stadt nachgedacht. Mich interessieren aber vor allem Ihre Erfahrungen – und die Frage: Was können wir von einander lernen? Ich lade Sie herzlich ein: Sagen Sie uns Ihre Meinung! Machen Sie Vorschläge! Vielen Dank!

18.05.2015 | Berlin