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29.06.2018

Eröffnungskeynote von Svenja Schulze bei der Konferenz "Biological Transformation of Manufacturing"

bildergalerie icon 29.06.2018 | Forschung

Konferenz "Biological Transformation of Manufacturing"

Konferenz "Biological Transformation of Manufacturing"
Bei der Konferenz hält Bundesumweltministerin Svenja Schulze die Eröffnungsrede.

- Es gilt das gesprochene Wort -

Herr Prof. Neugebauer,
Damen und Herren,

Guten Morgen und herzlichen Dank für Ihre Einladung. Als ehemalige Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW sage ich bei so einem interessanten Kongressthema natürlich doppelt gerne zu.

Und Herr Prof. Neugebauer und ich kennen uns bereits seit vielen Jahren. Schön, dass sich die Wege auf diese Art wieder kreuzen. Ich glaube, dass diese Konferenz dem Namensgeber ihrer Gesellschaft, Joseph von Fraunhofer, großen Spaß gemacht hätte. Er war ja nicht nur Forscher und Erfinder. Er war auch Unternehmer. Und zeichnete sich dadurch aus, dass er exakte wissenschaftliche Arbeit mit praktischen Anwendungen verband. Fraunhofer war ein Autodidakt, der aus der Praxis kam. Als Optiker und Fernrohr-Bauer konnte er seine Arbeitsgeräte tagtäglich fassen und sehen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass ihn die mikroskopisch kleinen Instrumente der heutigen Biotechnologie sicher genauso fasziniert hätten. Ganz zu schweigen von den Dingen, die damit inzwischen hergestellt werden.

Als Wissenschaftsministerin habe ich schon viel mit dem Thema Bioökonomie beschäftigen dürfen. Wie Sie wissen ist Nordrhein-Westfalen eine der größten Energie-, Pharma- und Chemiestandorte in Europa. Das Potenzial der Bioökonomie war und ist also groß. So groß sogar, dass wir eine eigene Bioökonomie-Strategie entwickelt haben.

Ich muss bei dem Thema aber gar nicht in alten Erinnerung schwelgen. Denn die Bundesregierung hat in dieser Frage ja auch einen ambitionierten Anspruch formuliert. Der liest sich im Koalitionsvertrag so: „Der Wandel zu einer auf erneuerbaren Ressourcen beruhenden Wirtschaft soll mit Hilfe der Bioökonomie weiter vorangetrieben werden. Dazu werden wir frühzeitig einen Dialog zwischen der Industrie und den gesellschaftlichen Akteuren über die Anforderungen an eine veränderte Rohstoffbasis (…) initiieren.“ Hier bin ich als Bundesumweltministerin natürlich Feuer und Flamme. Denn es ist ja mein Brot-und-Butter-Geschäft, wie wir unsere Lebensweise erneuerbar und umweltgerecht gestalten können. Sie haben vielleicht davon gehört, dass die EU Vorschläge gemacht hat, wie wir überflüssiges Plastik einsparen können. Bestes Beispiel: Der altbekannte Strohhalm, der entgegen seinem Namen nicht aus Stroh, sondern meistens aus Plastik besteht.

Wir nutzen ihn einmal und werfen ihn dann auf den Müll. Dabei gibt es immer bessere Alternativen: Aus Glas, Metall, aus Bambusrohr oder hergestellt aus Apfelfasern. In jedem Fall aber wiederverwendbar und biologisch abbaubar – in manchen Fällen, wie ich mir habe sagen lassen, sogar essbar. Hier zeigt sich auch einen Trend auf, nämlich: Dass unsere Volkswirtschaft immer weniger erdöl-basierte Produkte verwenden muss. Und stattdessen bio-basierte, nachhaltige Rohstoffe nutzt oder herstellt. Vorbilder gibt es in der Natur ja viele, wir müssen uns nur etwas von ihnen abgucken. Ein paar Beispiele:

  • Mais und Raps ersetzen fossile Energieträger.
  • Aus Gras produzieren wir Kunststoffe.
  • Wir nutzen Pilze statt Styropor.
  • Eine Folie auf Zuckerrohr-Basis wird zur Alternative zu Polyethylen aus Erdöl.
  • Aus Milchproteinen machen wir Folie und aus Seetang werden Verpackungen.
  • Und ganz praktisch in all unseren Haushalten: Moderne Waschmittel sparen Energie, weil sie bei 30 Grad Celsius so effektiv reinigen wie früher bei 90 Grad Celsius.

Die Anwendungsmöglichkeiten der Bioökonomie sind also enorm. Und wir stehen hier erst am Anfang. Die biologische Transformation ist eine große Chance für unsere Volkswirtschaft und unsere Umwelt. GreenTech ist heute schon eine der am stärksten wachsenden Branchen, in der hierzulande 1,5 Millionen Menschen beschäftigt sind. Gleichzeitig haben diese neuen bio-technologischen Verfahren aber auch Rückwirkungen auf unsere Gesellschaft. Sie werfen Fragen auf, die wir diskutieren müssen. Denn so sehr diese Innovationen das Leben verbessern können, so sehr müssen wir bedenken: Es gibt immer auch negative oder unbeabsichtigte Konsequenzen. Wir müssen überlegen: Welche sind das? Und wie gehen wir damit um?

Ich komme heute nicht mit Antworten zu Ihnen. Ich komme mit Fragen. Ich möchte zu dem Thema eine ehrliche Diskussion. Lassen Sie mich drei Fragen zur Diskussion stellen, die mir als Bundesumweltministerin auf dem Herzen liegen:

Die Bioökonomie-Branche braucht immer mehr nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Stärke oder Pflanzenfasern, um damit neue Produkte herzustellen. Ich frage mich: Erstens, wie wirkt sich das auf die Bio-Diversität aus? Zweitens, wie werden dadurch Böden und Gewässer in Anspruch genommen; wie viel Dünger und Pflanzengifte müssen dafür mehr eingesetzt werden? Und drittens, was bedeutet die Bioökonomie für unsere Lebensmittelsicherheit? Ich weiß, ich mache damit jetzt einige Fässer auf. Aber lassen Sie uns das Ganze doch einmal im Kopf durchspielen:

Erstens: Der Schutz der Bio-Diversität ist nicht deckungsgleich mit dem Ziel der Nachhaltigkeit. Ich kann zum Beispiel Mais anbauen, um daraus biobasierte Energieträger zu gewinnen. Positiv ist, dass ich einen fossilen durch einen biobasierten Energieträger ersetze. Und dass ich nachhaltig wirtschafte, weil ich zum Beispiel nicht mehr Mais aus meinem Feld entnehme, als auch wieder nachwächst. Trotzdem habe ich jetzt auf meinem Feld eine Mais-Monokultur, wo vielleicht vorher eine blühende Wiese war. Ohne Pflanzenvielfalt gibt es aber keine Insektenvielfalt. Und ohne Insekten stehen die Menschen in unseren Supermärkten vor leeren Regalen.

Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Honigbienen sind das drittwichtigste Nutztier des Menschen und auf Blüten als Nahrungsquelle angewiesen. Alleine Wild- und Honigbienen sichern durch ihre Bestäubungsleistung jährlich Lebensmittel im Wert von 500 Milliarden Euro weltweit. Weniger Bio-Diversität heißt weniger Insekten heißt weniger Nahrungsmittel. Das wollen wir nicht. Wir sind auf Bio-Diversität angewiesen. Nicht nur zur Nahrungsmittelproduktion übrigens. Hinzu kommt, dass natürliche Vielfalt unsere Ökosysteme widerstandsfähiger macht. Auch das dürfen wir nicht außer Acht lassen. Unser Ziel muss deshalb sein, dass mehr Bioökonomie nicht zu weniger Bio-Diversität führt. Wie das klappen kann, darüber müssen Wissenschaft und Politik reden.

Zweitens: Welche Folgen hat die Bioökonomie auf unsere Böden und Gewässer? Ich finde es natürlich gut, dass sich das fossile Zeitalter absehbar dem Ende zuneigt. Und dass nachwachsende Rohstoffe die Lücke füllen können. Aber „nachwachsende“ Rohstoffe sind eben keine „unbegrenzten“ oder sogar „kostenlosen“ Rohstoffe. Denn wenn wir pflanzliche Rohstoffe produzieren, verbrauchen wir Böden, Wasser, Dünger und Pestizide.

Wir müssen uns sehr genau überlegen, wofür wir fruchtbare Äcker nutzen. Und ob wir wirklich noch mehr Dünger auf oftmals ohnehin überdüngte Felder schütten wollen. Das ist übrigens nicht nur eine nationale oder europäische Frage. Hier müssen wir global denken. Es hilft ja niemandem, wenn die Produktionsflächen der Bioökonomie in Entwicklungsländer verlegt werden, weil es dort keine strengen Umweltgesetzgebungen gibt. Dann leiden die Menschen und die Ökosysteme vor Ort, während die Wertschöpfung in den entwickelten Ländern stattfindet. Unser Ziel muss deshalb sein, dass mehr Bioökonomie nicht zu größeren Belastungen unserer Böden und Gewässer führt. Und dass die positiven wie negativen Effekte nicht zulasten der Ärmsten auf dieser Welt gehen.

Drittens: Gibt es eine Gefahr für unsere Lebensmittelproduktion? Wir können unsere Böden nicht zur gleichen Zeit für alles nutzen. Wir müssen uns also entscheiden, ob wir zum Beispiel Raps oder Getreide anbauen. Diese Entscheidung wird maßgeblich davon abhängen, womit der Landwirt am Ende mehr Geld verdient. So sind die Regeln der Marktwirtschaft. Das Problem ist bekannt, deswegen gibt es folgenden Vorschlag: Damit Nahrungsmittel nicht mit Bio-Rohstoffen konkurrieren, sollte die Biomasse grundsätzlich nur von Abfallprodukten kommen. Hier ein interessantes Beispiel dazu:

Die Universität Hohenheim hat einen Weg gefunden, wie aus den Abfall-Resten der Chicorée-Wurzel Nylonstrümpfe hergestellt werden können. Wie das? Normalerweise wird die Chicorée-Pflanze im Mai gepflanzt. Im Oktober wird dann die Rübe aus dem Boden geholt und in einem kühlen Treibraum gelagert. Dort sprießt über einige Monate hinweg der Salatkopf, der am Ende auf unseren Tellern landet. Die Rübe selbst kommt als Abfall auf den Kompostierhaufen oder wird verfeuert.

Nun hat die Universität Hohenheim herausgefunden, dass diese Rüben den wertvollen Stoff Inulin enthalten, der zu dem noch wertvolleren Stoff Namens HMF verarbeitet werden kann. HMF ist für die Kunststoffindustrie von großem Wert, weil daraus zum Beispiel Nylonstrümpfe produziert werden können. Eine Win-Win-Situation sollte man glauben. Jetzt haben wir nicht nur Chicorée-Salat, sondern aus dem Abfall einen wertvollen Stoff gewinnen können. Hier kommt leider ein großes „Aber“:

HTM ist um ein vielfaches wertvoller als der Chicorée-Salatkopf. Warum sollte ein Bauer Monate mit der Aufzucht einer Chicorée-Pflanze verschwenden, wenn er auch einfach nur die Rübe herstellen und teuer verkaufen kann? Einen Kopf Chicorée gibt es im Supermarkt für 89 Cent. Davon wird man als Bauer nicht reich. Dagegen kann man auf dem gleichen Hektar Land auch drei Tonnen Rüben ernten, die durch ihren wertvollen Inhaltsstoff knapp 6 Millionen Euro wert sind.

Die Konsequenz ist klar: Wenn die Marktgesetze greifen, lohnt es sich nicht, Chicorée-Salat zu produzieren. Und nicht nur das. Es gibt ja noch eine ganze Menge anderer Nahrungsmittelpflanzen, die ebenfalls deutlich weniger Gewinn versprechen, als die Chicorée-Rübe. Mais, Weizen, Karotten und viele andere Kulturpflanzen müssten sich der neuen Konkurrenz stellen. Der Bauer wird am Ende das anbauen, womit er am meisten Geld verdient. Wer weiß, welche wertvollen Inhaltsstoffe noch in anderen Pflanzen zu finden sind. Die Chicorée-Rübe ist vielleicht nur der Anfang. Unser Ziel muss deswegen sein, dass mehr Bioökonomie nicht weniger Nahrungsmittel bedeuten. Darüber, und über viele weitere Fragen, müssen wir offen reden. Denn das Potenzial der Bioökonomie werden wir nur dann ausschöpfen, wenn die gesellschaftliche Akzeptanz dieser neuen Möglichkeiten nicht durch Negativbeispiele untergraben wird.

Ich weiß, dass die SDGs eine wichtige Rolle bei ihren Diskussionen um die Bioökonomie spielen. Das finde ich sehr gut, denn es zeigt: Sie führen diese Diskussion eben nicht nur aus einer rein technischen Perspektive. Am Ende müssen neue Technologien den Menschen nützen. Wenn wir mit ausreichender Vorsicht vorgehen, dann kann und wird die Bioökonomie an dieser Hürde nicht scheitern. Vielen Dank an dieser Stelle auch noch einmal an die Fraunhofer-Gesellschaft, die mit ihrer Konferenzreihe "Futuras in Res" die Wissenschaft mit Politik und Wirtschaft in Verbindung bringt. Ich wünsche Ihnen allen viel Erfolg und einen erfolgreichen zweiten Konferenztag!

Danke.

29.06.2018 | Rede Forschung | Berlin