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08.05.2019

Eingangsstatement von Svenja Schulze zur Regierungsbefragung im Deutschen Bundestag

Porträtfoto von Bundesumweltministerin Svenja Schulze
video icon 06.05.2019 | Naturschutz/Biologische Vielfalt

Svenja Schulze zum globalen Naturzustandsbericht

Svenja Schulze zum globalen Naturzustandsbericht
Der Weltbiodiversitätsrat IPBES stellte am 6. Mai den "Globalen Bericht zum Zustand der Natur" vor. Bundesumweltministerin Svenja Schulze gab nun ein Eingangsstatement zur Regierungsbefragung im Deutschen Bundestag ab.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Frau Präsidentin,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

der Weltbiodiversitätsrat IPBES hat am Montag den "Globalen Bericht zum Zustand der Natur" vorgestellt. Ich möchte hier kurz zu diesem überaus wichtigen Bericht Stellung nehmen.

Wichtig ist der Bericht deshalb, weil er dem Kampf gegen das Artensterben endlich zu der Aufmerksamkeit verhelfen kann, die diesem wichtigen Thema zusteht.

Über den Klimaschutz wird inzwischen weit über die Fachöffentlichkeit hinaus intensiv diskutiert. Im Vergleich dazu findet der globale Verlust an Biodiversität eine eher geringe Beachtung. Zu Unrecht – wie ich finde – denn das Artensterben ist eine ähnlich große Herausforderung wie der Klimawandel.

Für den Klimaschutz waren und sind die Berichte des Weltklimarats IPCC von großer Bedeutung. Für den Schutz der Artenvielfalt kann der nun vorliegende Bericht des IPBES einen vergleichbaren Anteil haben; davon bin ich überzeugt. Der Bericht ist die Arbeit von 150 Hauptautorinnen und -autoren und von über 300 weiteren Wissenschaftlern in den letzten drei Jahren. Er gibt den weltweit akzeptierten wissenschaftlichen Sachstand wieder. Das ist ein enorm großer Wert. Nun liegt eine verlässliche und glaubwürdige Grundlage vor – für Diskussionen und erst recht für politisches Handeln.

Und die Ergebnisse sind schlicht alarmierend:

  • Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht, viele davon bereits in den nächsten Jahrzehnten.
  • Das Artensterben ist mindestens Dutzende bis Hunderte Male größer als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre.
  • Die Hälfte der lebenden Korallen ist seit 1870 verschwunden.
  • 75 Prozent der Landoberfläche und 66 Prozent der Meeresfläche sind stark verändert. Über 85 Prozent der Feuchtgebiete sind verloren gegangen.

Kurz gesagt: Die Natur ist weltweit in einem immer schlechteren Zustand. Und verantwortlich dafür sind wir, die Menschen.

Der Bericht zeigt aber auch Auswege aus der Krise. Er hält eine naturverträglichere Wirtschaftsweise für möglich. Allerdings muss sich dafür einiges grundlegend ändern. Ich will für Deutschland drei Punkte beispielhaft herausgreifen:

  • Erstens Schutzgebiete: Der Bericht macht deutlich, dass ein größeres, effektiv gemanagtes Netz an Schutzgebieten helfen würde. In Deutschland sind rund 16 Prozent der Landfläche und 45 Prozent der Meeresflächen streng geschützt. Ich will erreichen, dass die noch bestehenden Lücken geschlossen werden, zum Beispiel mit einem gemeinsam mit den Ländern getragenen Aktionsplan Schutzgebiete. Und ich will, dass wir auch die Schutzgebiete noch besser managen und zum Beispiel den Einsatz von Pestiziden deutlich verringert. Und in ökologisch besonders schutzbedürftigen Bereichen, also Naturschutz- oder Wasserschutzgebieten, müssen sie grundsätzlich verboten werden.
  • Zweitens Insektenschutz: Den Bestäubern, unter anderem den Insekten, geht es besonders schlecht. Darum ist es zentral, dass wir ein wirksames Aktionsprogramm Insektenschutz bekommen. Meine Vorschläge liegen auf dem Tisch und werden zurzeit zwischen den Ressorts abgestimmt. Ich hoffe, dass der IPBES-Bericht hier für Rückenwind sorgt.
  • Und drittens geht es um die Agrarförderung: Im Bericht ist immer wieder von schädlichen Subventionen die Rede. Das heißt, dass die aktuelle EU-Agrarförderung mit Steuermitteln zur Zerstörung der Natur beiträgt. Die Verhandlungen zur EU-Agrarreform, die nach der Europawahl weitergehen, sind also für uns und unsere Natur überlebenswichtig.

Der Bericht ist ein ernster Weckruf. Ich werbe dafür, dass wir die Erkenntnisse ernst nehmen und auf allen politischen Ebenen danach handeln. Wir müssen handeln – das gilt für den Artenschutz genauso wie für den Klimaschutz.

08.05.2019 | Rede Naturschutz/Biologische Vielfalt | Berlin