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13.01.2020

Rede von Svenja Schulze bei der Veranstaltung "Mode- und Textilbranche umweltverträglicher gestalten"

Porträtfoto von Bundesumweltministerin Svenja Schulze
unterseite icon 13.01.2020 | Produkte und Konsum

Wie die Mode der Zukunft umweltverträglich wird

Auftakt zur Berlin Fashion Week im Bundesumweltministerium

Wie die Mode der Zukunft umweltverträglich wird
Zum Auftakt der Berliner Fashion Week hält Umweltministerin Svenja Schulze auf der Veranstaltung "Mode- und Textilbranche umweltverträglicher gestalten – Was können Politik, Modedesign und Textilindustrie beitragen?" eine Rede.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrte Frau Dr. Antje von Dewitz,
sehr geehrter Herr Hussein Chalayan,
sehr geehrte Damen und Herren,

ob die 20er Jahre dieses Jahrhunderts in Sachen Mode so "Golden" und aufregend werden, wie die des letzten Jahrhunderts, weiß heute noch niemand. Aber zumindest sind diese 20er Jahre noch so jung, dass ich Ihnen noch ein glückliches, gesundes und erfolgreiches neues Jahr und Jahrzehnt wünschen kann.

Mode und Umwelt – dass hier ein enger Zusammenhang besteht, ist heute noch nicht allen bewusst. Umso mehr freue ich mich, dass Sie den Weg ins Bundesumweltministerium gefunden haben in der eng getakteten Berlin Fashion Week.

Mode und Innovation – dieser Zusammenhang ist hingegen den meisten geläufig. Die Mode hat ganze Epochen mitgeprägt und dabei häufig mit gesellschaftlichen Konventionen gebrochen. Röcke und Kleider, die über dem Knie enden. Hosenanzüge für Frauen, überhaupt Frauen in Hosen – das hatte gesellschaftliche Sprengkraft. Namhafte Designerinnen und Designer – Coco Chanel, Christian Dior, Yves Saint Laurent – haben mit revolutionären Entwürfen und Kreationen überzeugt. Ihre Namen stehen stellvertretend für viele, die Mode und Innovation zusammenbringen. Auch Hussein Chalayan gehört dazu, einer der bedeutendsten Modedesigner der Gegenwart. Schön, dass Sie heute bei uns sind. Sie schaffen nicht nur zukunftsweisende Mode, Sie lehren auch an der Hochschule für Wirtschaft und Technik hier in Berlin zu einem zukunftsweisenden Thema: "Gestaltung und Entwurf mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit und Innovation".

Mode kann Veränderungen auslösen, die weit über Design und Stil hinausgehen. Mode ist auch gesellschaftspolitisch relevant. Aus meiner Sicht ist es an der Zeit, die innovative Kraft der Mode stärker für DAS übergreifende Ziel dieser Zeit zu nutzen: für den Schutz unseres Planeten. "Wie die Mode der Zukunft umweltverträglich wird" – das ist der Titel der heutigen Veranstaltung. Das formuliert eine zentrale Herausforderung an die Modebranche für die kommenden Jahrzehnte.

Ich bin überzeugt: Mode und Nachhaltigkeit, das ist kein Widerspruch. Denn Kreativität und künstlerische Relevanz sind auch mit umweltverträglichen Materialien möglich. Vielleicht sogar einfacher möglich. Denn die heutige Entwicklung der so gar nicht nachhaltigen "Fast Fashion" steht für das Gegenteil dessen, was echte Mode als Kunstform ist. "Fast Fashion" ist getrieben von künstlich erzeugten Bedürfnissen, von einem absichtlich schnelllebigen Markt. Qualität und gestalterischer Anspruch rücken dabei in den Hintergrund.

Wenn heute in Deutschland 40 Prozent der gekauften Kleidung nie oder nur selten getragen werden, ist das aus Sicht des Umwelt- und Ressourcenschutzes schlimm. Aber auch dem Ruf Modebranche selber dieses fragwürdige Konsumverhalten nicht gut.

Um das zu ändern, sollten aus meiner Sicht zwei wesentliche Veränderungen angestoßen werden:

  • Zum einen gilt es, für Hersteller und Handel Anreize zu setzen, damit diese sich stärker an Nachhaltigkeit orientieren. Notfalls auch mit gesetzlichen Regeln.
  • Zum anderen müssen wir Konsumentinnen und Konsumenten dazu bewegen, mehr Wert auf qualitativ hochwertige und langlebige Bekleidung zu legen.

Das Bundesumweltministerium hat angefangen, die Weichen dafür zu stellen, wie ich gleich noch erläutern werde. Aber natürlich schaffen wir einen Kurswechsel nicht alleine, wir brauchen dabei vor allem die Unterstützung aus der Modebranche.

Ich freue mich daher ganz besonders, Antje von Dewitz begrüßen zu können. Sie sind Geschäftsführerin des Outdoor-Ausstatters VAUDE und werden uns heute vermutlich noch verraten, wie Sie Kundinnen und Kunden davon überzeugen, eine bewusste Wahl für nachhaltig produzierte Bekleidung zu treffen. Um auf Seiten der Hersteller und Händler Veränderungen anzustoßen, engagiert sich das Bundesumweltministerium – wie auch VAUDE – im Bündnis für nachhaltige Textilien. Das Bündnis hat sich zum Ziel gesetzt, die Bedingungen in der weltweiten Textilproduktion zu verbessern – von der Rohstoffproduktion bis zur Entsorgung.

In diesem Bündnis haben die Betreiber von Altkleider-Containern jüngst Alarm geschlagen. Denn die Container sind übervoll mit Textilien minderwertiger Qualität, die sich nicht weiterverkaufen lassen. Oft bleibt nur noch die Müllverbrennungsanlage, wo die Baumwolle dann "thermisch verwertet" wird, wie man das technisch ausdrückt. Das Problem dabei: Baumwolle hinterlässt einen enormen ökologischen Fußabdruck. Für ein Kilo Baumwollfasern braucht man 200 Badewannen voll Wasser. 15 Prozent des weltweiten Einsatzes von Insektiziden und etwa fünf Prozent der Pestizide werden nur für den Anbau von Baumwolle verwendet.

Das Geschäftsmodell der sogenannten "Fast Fashion" basiert auf billiger Baumwolle. Denn die Kosten der globalen Umweltzerstörung fließen nicht in den Verkaufspreis. Wenn auch noch billige synthetische Fasern auf Erdölbasis beigemischt werden, verhindert das die sortenreine Trennung und das Recycling.

Die Herausforderung ist jedoch noch größer: Insgesamt wird nicht einmal ein Prozent der textilen Fasern weltweit recycelt. Ich halte es für eine der zentralen Herausforderungen der Branche, diesen Anteil signifikant zu steigern.

Dass nicht verkaufte Saisonware verbrannt wird, ist nicht hinnehmbar – aus ökologischer Sicht, aber auch aus ethischen Gründen. Denken Sie nur an die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiterinnen. Um dem entgegenzuwirken, hat das Bundesumweltministerium im Kreislaufwirtschaftsgesetz – man könnte es auch "Mehr-Recycling-Gesetz" nennen – eine so genannte Obhutspflicht für Produkte eingeführt. Diese Regelung verpflichtet Hersteller und Händler, Waren so lange wie möglich gebrauchstauglich zu halten. Das setzt den Anreiz, schon bei der Produktion stärker an die Nachfrage zu denken und Überhänge zu vermeiden.

Ein anderer zentraler Aspekt ist das Design eines Produkts. Die Designphase bestimmt bis zu 80 Prozent der Umweltauswirkungen eines Produkts. Deshalb vergibt das Bundesumweltministerium bereits seit 2012 einen Preis für Ecodesign. Auszeichnet werden Produkte und Dienstleistungen, die Ästhetik und ökologischen Vorteil auf herausragende Weise verbinden. Der Ecodesign-Preis richtet sich auch an Modedesignerinnen und -designer, die mit neuen Materialien und alternativen Fasern experimentieren und arbeiten.

Aber was sind gute, ökologisch vorteilhafte Alternativen zu konventioneller Baumwolle und Polyester? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, wurde ein neues Forschungsvorhaben des Umweltbundesamtes initiiert. Wir folgen damit dem Wunsch der Branche nach Orientierung und glaubwürdigen Ökobilanzen verschiedener Fasern. Die Ergebnisse werden natürlich veröffentlicht.

Es gibt bereits heute eine Reihe von Modedesignerinnen und -designer, die Nachhaltigkeit in ihre kreative Arbeit integrieren. Es freut mich sehr, dass Ihnen gleich drei davon vorgestellt werden: Die jungen Gewinnerinnen und Gewinner des "German Sustain Concepts", einem Förderprogramm des Fashion Council Germany für den Nachwuchs. Das Bundesumweltministerium hat die Schirmherrschaft dieses Förderprogramms sehr gerne übernommen.

Aus ihrem beruflichen und künstlerischen Alltag wissen Sie wahrscheinlich nur zu gut: Es ist ein langer Weg aus der Nische in den Mainstream. Aber nachhaltige Mode ist auf dem Vormarsch. Das zeigt schon alleine der Erfolg der Messe NEONYT im Rahmen der Berlin Fashion Week. Diese Messe hat sich zur weltweit größten für nachhaltige Mode entwickelt.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Woche in der Modestadt Berlin. Und jetzt eine anregende Diskussion mit Antje von Dewitz und Hussein Chalayan; und auch ich werde an der Diskussion teilnehmen.

Vielen Dank.

13.01.2020 | Rede Produkte und Konsum | Berlin