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25.03.2021

Auenzustandsbericht 2021 zeigt dringenden Handlungsbedarf bei Flussauen in Deutschland

Auenlandschaft der Elbe
unterseite icon 24.03.2021 | Naturschutz/Biologische Vielfalt

O-Ton Svenja Schulze über den Auenzustandsbericht 2021

O-Ton Svenja Schulze über den Auenzustandsbericht 2021
Zwar hat sich der Auenzustand in den letzten zehn Jahren nicht gravierend verschlechtert, aber mehr als die Hälfte der Flussauen in Deutschland sind stark verändert.

Beim Zustand der Auen in Deutschland gibt es nach wie vor dringenden Handlungsbedarf: Zwar hat sich der Auenzustand in den letzten zehn Jahren nicht gravierend verschlechtert, aber mehr als die Hälfte der Flussauen in Deutschland sind durch Flussbegradigungen, Deichbau und intensive Nutzung der Flächen stark verändert. Zwei Drittel der Flussauen stehen bei Hochwasser nicht als Überschwemmungsflächen zur Verfügung. Das ist das Ergebnis des Auenzustandsberichts 2021, den Bundesumweltministerin Svenja Schulze und Prof. Dr. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, heute vorgestellt haben. Dieser zweite Auenzustandsbericht seit 2009 dokumentiert den Zustand der Auen an Deutschlands Flüssen, den Verlust von Überschwemmungsflächen und den Stand der Auenrenaturierung.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze: "Der Auenzustandsbericht zeigt, wie dringend es ist, Auen zu renaturieren und den Flüssen wieder mehr Raum zu geben. Den Paradigmenwechsel haben wir mit dem Bundesprogramm Blaues Band Deutschland bereits eingeleitet, mit dem entlang der Bundeswasserstraßen und ihrer Auen ein Biotopverbund entwickelt werden soll. Hier werden wir zukünftig mit dem Förderprogramm Auen mehr und vor allem großflächige Renaturierungsprojekte an Flüssen und in deren Auen fördern. Auen sind wahre Alleskönner für den Umweltschutz. Insofern ist naturnahe Auenentwicklung Hochwasserschutz, Naturschutz und Klimaschutz zugleich. Damit leisten wir langfristig einen wichtigen Beitrag zum vorsorgenden Hochwasserschutz und zur Anpassung an den Klimawandel."

Prof. Dr. Beate Jessel: "Naturnahe Flussauen sind in ihrer Bedeutung für die biologische Vielfalt so etwas wie eine 'moderne Arche Noah'. Seit dem ersten Auenzustandsbericht konnten rund 4.200 Hektar dieser wertvollen überflutbaren Auenflächen zurückgewonnen werden, allein 600 Hektar bei der deutschlandweit bislang größten Deichrückverlegung an der Elbe im Lödderitzer Forst. Der Bericht zeigt, dass sich verstärkte Anstrengungen zur Renaturierung von Flüssen lohnen: Lokal und regional sind deutliche Erfolge für die Natur und den Hochwasserschutz zu verzeichnen. Aber das bundesweite Potenzial für die Wiederanbindung von Auenflächen ist erst zu einem kleinen Teil ausgeschöpft. Eine Trendwende kann nur mithilfe großflächiger, umfassender Maßnahmen erreicht werden."

Gegenüber dem ersten Bericht von 2009 zeigt sich ein kaum verändertes Bild: Der Großteil der Auen in Deutschland ist so stark verändert, dass er seine ökologischen Funktionen nur unzureichend erfüllen kann. Zu gut einem Drittel werden die überflutbaren Auen heute als Ackerflächen sowie als Siedlungs-, Verkehrs- und Gewerbeflächen genutzt. Artenreiche Wiesen, Feuchtgebiete und Auenwälder sind dagegen selten. Nur noch 9 Prozent der Auen sind ökologisch weitgehend intakt. Viele Flüsse sind heute begradigt und verbaut und kaum noch mit ihren Auen verbunden. An Rhein, Elbe, Oder und Donau sind mehr als zwei Drittel der ehemaligen Auen durch Deiche vom Fluss abgetrennt. Durch den Klimawandel steigt dadurch die Gefahr, dass vermehrte Hochwasser große wirtschaftliche Schäden anrichten können.

Ein Großteil der bisher erfolgten Auenrenaturierungen in Deutschland wurde mit einer Förderung des Bundesumweltministeriums verwirklicht, etwa aus dem Programm chance.natur – Bundesförderung Naturschutz. Seit 2019 werden zudem Projekte an Bundeswasserstraßen im Förderprogramm Auen durch das Bundesumweltministerium und das Bundesamt für Naturschutz gefördert.

Das Ziel der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt, die natürliche Überflutungsfläche an Flüssen um 10 Prozent zu vergrößern, wird bislang noch deutlich verfehlt. Auf Grund langer Planungs- und Umsetzungszeiten ist die Entwicklung naturnaher Auen eine Generationenaufgabe und zugleich eine Investition in die Zukunft: Auenrenaturierungen sind nicht nur für die biologische Vielfalt, sondern auch für die Gesellschaft von hohem Nutzen, etwa durch den verbesserten Hochwasserschutz, sauberes Trinkwasser und den hohen Freizeit- und Erholungswert naturnaher Flusslandschaften. Der Auenzustandsbericht ist eine wertvolle Informationsquelle und eine Entscheidungsgrundlage, den Auenschutz im Bund und in den Ländern voranzubringen.

Hintergrundinformationen

Wie bereits 2009 beziehen sich die Ergebnisse des aktuellen Auenzustandsberichts auf die Auen von 79 großen Flüssen mit einer Gesamtlänge von 10.297 Flusskilometern. Das Untersuchungsgebiet der einzelnen Flüsse beginnt jeweils an der Stelle des Flusses, an dem das Einzugsgebiet 1.000 Quadratkilometern überschreitet. Quellnähere Bereiche sowie Tidebereiche wurden nicht untersucht. Die betrachteten Auen umfassen eine Gesamtfläche von 16.185 Quadratkilometern bzw. 4,5 Prozent der Fläche Deutschlands. Der Untersuchungsraum gliedert sich in die Haupteinzugsgebiete Rhein (inklusive Maas-Zuflüsse), Elbe, Donau, Weser, Ems, Oder sowie die direkten Zuflüsse zur Nord- und Ostsee.

Der Auenzustand bewertet das Ausmaß der Veränderungen vor Ort sowie die Nutzungsintensität und Biotopstruktur der noch überflutbaren Flussauen sowie den Auenverlust. Maßstab der Bewertung ist der potenziell natürliche Auenzustand, der sich in einer nutzungsfreien Flusslandschaft einstellen würde und für die Bearbeitungskulisse (Flussauen >1.000 Quadratkilometer Einzugsgebiet) naturraumtypisch definiert ist (KOENZEN 2005). Das Verfahren orientiert sich damit ebenso wie die Europäische Wasserrahmenrichtlinie an einem von Menschen unbeeinflussten Referenzzustand. Je stärker der Zustand eines Auenabschnittes vom Referenzzustand abweicht, desto geringer ist seine natürliche Funktionsfähigkeit.

Der Zugewinn überflutbarer Auen an den 79 Flüssen beträgt im Betrachtungszeitraum von 1983 bis 2020 insgesamt 7.100 Hektar, davon wurden rund 3.000 Hektar mit einer Förderung des Bundesumweltministeriums realisiert. Das entspricht einer Vergrößerung der überflutbaren Flussauen um rund 1,5 Prozent. Trotz dieser Erfolge ist das bundesweite Potenzial für die Wiederanbindung von Auenflächen in einer Größenordnung von einigen zehntausend Hektar bislang erst zu einem kleinen Teil ausgeschöpft. Aufgrund der großen Verluste in der Vergangenheit können bei großen Hochwasserereignissen nach wie vor nur rund ein Drittel der ehemaligen Überschwemmungsflächen (morphologische Aue) an Flüssen überflutet werden. Den als rezente Aue bezeichneten Flächen stehen zwei Drittel Altauen gegenüber, die bei Hochwasser gegenwärtig nicht mehr als Überschwemmungsflächen zur Verfügung stehen.

Im Gesamtergebnis der bundesweiten Auenzustandsbewertung 2021 sind knapp 1 Prozent der rezenten (überflutbaren) Flussauen sehr gering verändert (Auenzustandsklasse 1) sowie 8 Prozent gering verändert (Auenzustandsklasse 2) und damit noch weitgehend ökologisch funktionsfähig. 33 Prozent der Flussauen werden der Auenzustandsklasse 3 (deutlich verändert) zugeordnet, besitzen aber noch "Auencharakter", das heißt  Überflutungspotenzial ist zwar noch vorhanden, aber durch Gewässerausbau eingeschränkt. Das Vorherrschen der Auenzustandsklassen 4 (stark verändert) und 5 (sehr stark verändert) mit 32 Prozent bzw. 26 Prozent spiegelt die noch immer intensive Nutzung der Flusslandschaften wider. Somit sind weiterhin erhebliche Veränderungen des Auenzustands zu attestieren, die aber aufgrund der historisch gewachsenen Situation der Auen als Zentren der Siedlungs- und Wirtschaftsentwicklung an Flüssen nur teilweise reversibel sind.

Das Bundesamt für Naturschutz hat die Forschungsarbeiten, die dem Auenzustandsbericht zugrunde liegen, beauftragt. Die Bearbeitung erfolgte durch die Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft und das Planungsbüro Koenzen, Hilden.

25.03.2021 | Pressemitteilung Nr. 052/21 | Naturschutz/Biologische Vielfalt
Gemeinsame Pressemitteilung mit dem Bundesamt für Naturschutz