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12.12.2019

COP-TOP: Globaler Kohleausstieg und Just Transition

Braunkohle-Bagger
Die Kohlenutzung verursacht durch die Kohleverstromung und industrielle Nutzung weltweit 30 Prozent der Treibhausgasemissionen (THG). Sie stellt damit weltweit die mit Abstand bedeutsamste Einzelquelle für THG dar.

Die Kohlenutzung verursacht durch die Kohleverstromung und industrielle Nutzung weltweit 30 Prozent der energiebedingten Treibhausgasemissionen (THG). Sie stellt damit weltweit die mit Abstand bedeutsamste Einzelquelle für THG dar. Nach dem World Energy Outlook 2019 werden Investitionsentscheidungen für neue Kohlekraftwerke zwar deutlich zurückgehen. Diese werden jedoch kompensiert durch den großen Bestand an kohlebefeuerten eher jüngeren Kraftwerken (zum Beispiel zwölf Jahre in Asien), zu dem weltweit 170 GW derzeit noch im Bau befindlicher Kapazitäten hinzukommen. Die Nachfrage nach Kohle wird daher ohne weitere Maßnahmen bis 2040 nicht sinken. Rückgänge in China (-9 Prozent), USA (-40 Prozent) und der Europäischen Union (-73 Prozent) werden dabei durch Verbrauchsteigerungen in Indien (+97 Prozent) und Südostasien (+90 Prozent) kompensiert. Zu wenig beachtet wird dabei der steigende Kohleverbrauch in der Industrie – derzeit ein Drittel des globalen Verbrauchs – im Vergleich zur moderat sinkenden Kohleverstromung.

Die Kohleverstromung hat derzeit nur in wenigen Ländern wirkliche Bedeutung, wobei China fast die Hälfte und gemeinsam mit Indien und den USA fast drei viertel der weltweiten Kohleverstromungs-Kapazitäten nutzen. Zukünftig werden allerdings weitere Länder an Bedeutung gewinnen (insbesondere Indien, Türkei, Vietnam und Indonesien).

Besonders schwierige Bedingungen für einen Kohleausstieg sind in den Ländern zu vermuten, in denen – verbunden mit hunderttausenden Arbeitsplätzen und ökonomische und soziale Abhängigkeiten ganzer Regionen – Steinkohle und Braunkohle gefördert wird

Kohleförderung (Steinkohle) *

Zahlen in Millionen Tonnen nach IEA World Energy Outlook 2019:

Land (IKI-Länder kursiv)200020182040**
China101926682481
Indien187415844
Indonesien65416359
Südafrika181209173
Russland184338350
Kolumbien***367758
Zum Vergleich
USA767526302
Australien235416474
Welt insgesamt325553605441

*Braunkohle wird außerhalb Deutschlands nur noch in Türkei nennenswert gefördert.

** Stated Policy Scenarion der IEA (mit eingepreisten NDC)

*** fast ausschließlich Export

Eine besonders große Herausforderung für die Akzeptanz von "Just Transition" ist die Suche nach Alternativen für die im Kohlebergbau arbeitenden Menschen, die sich zudem – wie auch in Deutschland – auf bestimmte Regionen konzentrieren. Erstaunlicherweise ist die Datenlage hierzu schwierig:

  • Global: 7,9 Millionen Menschen (Global Coal Mining Industry - Market Research Report)
  • 3,2 Millionen Menschen allein in der Kohleindustrie Chinas.
  • 550.000 Menschen in der Kohleindustrie Indiens;
  • 50.000 "coal miners" in Südafrika
  • 53.100 Menschen in der amerikanischen US-amerikanischen Kohleindustrie.

2. Wie helfen wir Entwicklungsländern, gar nicht erst in Kohle einzusteigen?

Nach Informationen des "Carbon Brief" (13. August 2019), die vom Coal Tracker bestätigt werden, stehen einige Länder unmittelbar vor dem Einstieg in die Kohleverstromung, zum Teil mit chinesischer Hilfe. Die wichtigsten Länder sind hiernach:

  1. Bangladesch: von 0,5 GW auf 25,5 GW bis 2040, davon sind 23 GW bereits in Entwicklung;
  2. Ägypten: von 0 auf 13,2 GW;
  3. Pakistan: 7,6 GW in Entwicklung (2,3 GW im Bau);
  4. Mongolei: von 0 auf 7,8 GW, davon 6,5 GW bereits in der Entwicklung.

Hier setzt das gerade ausgeschriebene neue Förderprogramm des BMU an zu "Alternativen zum Einstieg in neue, fossile Energieinfrastruktur, insbesondere Kohleverstromung". Das Vorhaben soll ausgewählte Länder bei der Analyse und Abwägung sämtlicher Rahmenbedingungen und Folgen ihrer "fossilen Einstiegspläne" unterstützen und so zur Entwicklung alternativer, klimafreundlicher Energieversorgungsstrategien und deren Umsetzung beitragen.

3. Warum sind erneuerbare Energien für Entwicklungsländer inzwischen auch ökonomisch klüger als Kohle?

Hohe Ausbauraten, technologische Entwicklungen und verbesserte regulatorische und politische Rahmenbedingungen haben dazu geführt, dass die Kosten von erneuerbaren Energien im letzten Jahrzehnt rapide gesunken sind. Während die Kosten von Solarmodulen seit 2009 um mehr als 80 Prozent gesunken sind, verzeichnen Windanlagen eine Kostendegression von 30 bis 40 Prozent.

Laut Berechnungen der International Renewable Energy Agency (IRENA) werden 83 Prozent der für 2020 in Betrieb genommenen großflächigen Photovoltaik-Projekte niedrigere Preise aufweisen als die billigsten Alternativen für fossile Brennstoffe. Es ist davon auszugehen, dass die Kosten von erneuerbaren Energien auch in den kommenden Jahren weiter sinken – wenn auch nicht in dem gleichen Tempo wie im letzten Jahrzehnt. Dennoch werden regenerative Energien in den kommenden Jahren immer wettbewerbsfähiger und so in immer mehr Ländern zur günstigsten Quelle von neu produzierten elektrischem Strom werden.

Dies ist vor allem in den Ländern zu erwarten, die einerseits günstige Solar- und Windbedingungen aufweisen und sich andererseits mit einem zunehmenden Strom- und Energiebedarf konfrontiert sehen. Dies trifft insbesondere auf Entwicklungsländer in Afrika zu, die ihren wachsenden Strombedarf aufgrund des starken Bevölkerungswachstums decken müssen und gleichzeitig über das ganze Jahr hohe Sonneneinstrahlungen aufweisen. So produziert beispielsweise eine baugleiche PV-Anlagen in den Nordafrikanischen Ländern circa 1,3 bis 2,8-mal mehr elektrischen Strom als in Europa . Daher überrascht es nicht, dass laut Projektionen des aktuellen World Energy Outlook (2019) das stärkste Wachstum für Solarenergie neben China vor allem in Afrika und in Mittleren Osten erwartet wird.

Auch Strom aus onshore Windkraftanlagen ist bereits heute an den meisten Standorten weltweit ökonomischer als aus konventionellen Technologien. Die durchschnittlichen Kosten liegen inzwischen bei 30 bis 40 USD/MWh und damit deutlich unter den Kosten selbst für neuere Generationen konventioneller Kraftwerke. Viele der Standorte für besonders günstige Windenergie liegen auch hier in Entwicklungsländern. Am Golf von Suez in Ägypten weht der Wind beispielsweise doppelt so schnell wie an vergleichbaren Standorten der deutschen Nord- und Ostseeküste und kann daher entsprechend günstiger produziert werden.

Während bei der Energieerzeugung aus fossilen Energieträgern hauptsächlich die Brennstoffkosten bedeutend sind, stehen bei erneuerbaren Energien die Kapitalkosten beziehungsweise hohen Anfangsinvestitionen im Vordergrund. Die Finanzierung von Investitionen in regenerativen Technologien ist daher grade in Entwicklungsländern schwierig, wenn keine entsprechenden Förderinstrumente bereitgestellt werden. Konkurrierende Angebote aus China über das riesige Infrastruktur-Investitionsprogramm (Belt and Road Initiative – BRI) zum Bau neuer Kohlekraftwerke wirken auf viele Entscheidungsträger in Entwicklungsländern daher auf den ersten Blick attraktiver als der zunächst mit hohen Anfangsinvestitionen verbundene Bau von erneuerbaren Energien.

4. Warum kann die Energiewende weg von Kohle und hin zu erneuerbaren Energien auch sozial ein Gewinn sein? Wie hilft das BMU seinen Partnern bei diesen Fragen von Just Transition?

Das Bundesumweltministerium unterstützt zahlreiche Partnerländer dabei, die sozialen und wirtschaftlichen Chancen von Klimaschutzmaßnahmen im Energiesektor zu identifizieren. Das geschieht zum Beispiel über das Projekt "Co-Benefits" – denn Klimaschutz bringt auch Ko-Vorteile über den Kampf gegen den Klimawandel hinaus. Das Projekt wird vom Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) durchgeführt.

Beispiel Co-Benefits in Südafrika

Deutschland unterstützt die südafrikanische Regierung dabei, die sozialen und wirtschaftlichen Chancen von Klimaschutzmaßnahmen im Energiesektor zu identifizieren und für die Menschen in Südafrika zu realisieren. Zu diesen Co-Benefits zählen zukunftsfähige Jobs, die Entlastung öffentlicher Gesundheitsbudgets und neuer wirtschaftlicher Einnahmequellen für Haushalte und mittelständige Unternehmen. Das COBENEFITS Projekt hat in enger Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Umweltministerium (Department of Environmental Affairs) und dem Energieministerium (Department of Energy) eine Reihe wichtiger Co-Benefits quantifiziert, die sich aus den aktuellen Anstrengungen der südafrikanischen Regierung ergeben, den Anteil erneuerbarer Energien in der Stromproduktion weiter zu steigern:

  • Mit der Dekarbonisierung des südafrikanischen Stromsektors können bis zum Jahr 2050 umgerechnet 10 Milliarden US-Dollar an Gesundheitsausgaben aufgrund einer deutlichen Verbesserung der Luftqualität eingespart werden.
  • Im selben Zeitraum können über 30.000 Bewohner insbesondere ländlicher Gebiete von sozialen Entwicklungsprogrammen profitieren, die durch erneuerbare Energienprojekte finanziert werden.
  • Südafrika hat, gerade auch im Vergleich zu Deutschland, ein enormes Potenzial für Photovoltaik (PV), das weitgehend unausgeschöpft ist – Mit seinen Partnern hat das IASS Potsdam errechnet, dass private Haushalte durch PV Dachanlagen Energiekosten von jährlich umgerechnet 890 Millionen US-Dollar einsparen können.
  • Zudem lässt die Energiewende in Südafrika 145.000 zukunftsfähige Jobs im Energiesektor erwarten.
12.12.2019 | Meldung COP 25