Was brauchen wir für ein gutes Leben?

19.12.2020

Wenn ein Land reich ist, geht es den Menschen gut – so wird oft gedacht. Doch auch Umwelt und Persönliches sind wichtig.

Das Streben nach Glück und Wohlbefinden ist ein grundlegendes Ziel der Menschheit. Das haben die Vereinten Nationen 2012 offiziell anerkannt. Sie haben den 20. März zum internationalen Tag des Glücks erklärt, um daran zu erinnern. 

Die Vereinten Nationen verwenden tatsächlich das Wort "Glück", beziehungsweise das englische Wort "Happiness". Was sie damit meinen, könnte man auch mit Lebensqualität oder Wohlbefinden übersetzen. Denn laut den Vereinten Nationen gehören zum Glück unter anderem ein gesundes Leben, gesunde Lebenserwartung, individuelle Freiheit und wirtschaftlicher Wohlstand. 

Zum guten Leben gehört mehr als Geld

Oft wird Fortschritt zu einseitig an der wirtschaftlichen Entwicklung gemessen. Das kritisieren die Vereinten Nationen in ihrem Beschluss zum "Glück". 

Wenn es in der Politik um Fortschritt geht, wird oft das sogenannte Bruttoinlandsprodukt betrachtet, kurz BIP. Doch im BIP werden wichtige Dinge nicht erfasst, so die Vereinten Nationen. Zum einen werden Probleme nicht berücksichtigt, die durch das Wirtschaftswachstum entstehen. Dazu gehören Umweltschäden oder schlechte Arbeitsbedingungen. Zum anderen fließt in das BIP das Wohlbefinden der Menschen nicht ein – also das, was die Menschen selbst über ihr Leben denken.

Was ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP)?

Das BIP ist das weltweit wichtigste Maß für die Wirtschaftsleistung eines Landes. Es ist eine Zahl, die den Wert aller Waren und Dienstleistungen zusammenfasst, die in einem Jahr in einem Land produziert werden. Oft wird auch die Abkürzung GNP verwendet. Sie steht für den englischen Begriff "gross national product". Häufig wird das BIP pro Kopf beziehungsweise pro Einwohner/-in angegeben. Dadurch kann die Wirtschaftsleistung verschiedener Länder auf der Grundlage der Einwohnerzahlen gemessen werden. So ist es möglich, unterschiedlich große Länder zu vergleichen. 

Warum sind Zahlen wie das BIP wichtig?

Es ist wichtig, dass es Methoden zur Messung von Wohlstand und Zufriedenheit gibt. Denn Zahlen wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) spielen eine wichtige Rolle in der Politik. Sie helfen dabei, zu bewerten, wie sich bestimmte Entscheidungen auswirken.

Das BIP wird häufig als Maßstab genutzt. Wenn eine politische Entscheidung gut für das Wachstum der Wirtschaft ist – wenn das BIP steigt – dann gilt sie oft als gut für die ganze Gesellschaft. 

Wenn man ein anderes Maß als das BIP verwendet, könnten jedoch andere Entscheidungen herauskommen. Die Auswahl des Maßstabs wirkt sich also auf die gesamte Entwicklung einer Gesellschaft aus.

Nicht alles, was zählt, ist zählbar

Bei der Berechnung der Wirtschaftsleistung eines Landes wird das Empfinden der Menschen nicht berücksichtigt. Wenn man aber das persönliche Empfinden in einer Maßzahl einbezieht, zeigen sich beim Vergleich mit wirtschaftlichen Kennzahlen wie dem BIP Unterschiede.

Zum Beispiel liegt Deutschland weltweit auf Platz 18 bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf – es gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Das Land Costa Rica liegt in dieser Rangfolge auf Platz 66.

Im World Happiness Report – deutsch: Weltglücksbericht – der Vereinten Nationen liegt Costa Rica jedoch auf Platz 15. Es ist demnach eines der „glücklichsten“ Länder der Welt. Deutschland liegt dahinter, auf Platz 17.

Beim World Happiness Report spielten Umfragen eine wichtige Rolle. Unter anderem sollten die Befragten angeben, wie frei sie ihr Leben gestalten können, ob sie sich von der Gesellschaft unterstützt fühlen, und wie sie Großzügigkeit und Korruption in ihrem Land wahrnehmen.

In der Ausgabe aus dem Jahr 2020 untersuchte der Weltglücksreport zum ersten Mal auch, ob die Umwelt einen Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen haben kann. Die Untersuchungen zeigten deutlich, dass besonders der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen und Luftschadstoffen das Wohlbefinden beeinflusst.

Wie könnte man Lebensqualität messen?

Es gibt bereits eine Reihe von Ideen, wie gutes Leben und Wohlergehen besser gemessen werden können als mit dem BIP. Vor allem sollen alle Bedingungen berücksichtigt werden, die für das persönliche Empfinden der Menschen wichtig sind. Und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen muss eine Rolle spielen. Denn wenn wir Menschen mit unserer Lebensweise Umwelt und Natur schädigen und das Klima verändern, ist kein gutes Leben mehr möglich. 

Das bekannteste Maß für die Lebensqualität ist der Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen. Er berücksichtigt neben der Wirtschaft unter anderem auch die Lebenserwartung und Bildung der Menschen. An der Spitze der HDI-Rangliste liegen 2019 Norwegen, Schweiz und Irland. Deutschland nimmt Platz 4 ein. Doch im HDI werden die politische Freiheit oder Natur und Umwelt nicht berücksichtigt. Außerdem fließen soziale Ungleichheiten und Einkommensunterschiede innerhalb eines Landes kaum in die Bewertung ein. 

Deutschland denkt über Wohlstand nach

Der Bundestag hat 2010 eine Kommission beauftragt, Vorschläge zu machen, wie Wohlstand bewertet werden kann – die Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität". Sie hat 2013 vorgeschlagen, „Wohlstand“ neu zu definieren und neue Messungen vorzunehmen, die neben der Wirtschaft auch die Ökologie und die Gesellschaft berücksichtigen.  

Was ist der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI)?

Deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben bereits ein neues Maß für Wohlstand entwickelt: den Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI). Er kann auch Umweltschäden erfassen. Soziale Faktoren wie Ehrenamt, die Arbeit im Haushalt sowie Kosten, die durch Kriminalität entstehen, fließen ebenfalls ein.  

Beim Vergleich mit dem BIP zeigen sich deutliche Unterschiede. So gab es von 1991 bis 1999 einen Anstieg sowohl beim BIP als auch beim NWI. Danach stieg zwar das BIP weiter, der NWI sank aber. Ursache war vor allem, dass die Unterschiede bei den Einkommen der Menschen größer wurden. 

Seit 2013 steigt der NWI. Zwar wirkt sich die Ungleichheit bei den Einkommen weiterhin negativ aus, aber es gab eine leichte Verbesserung an anderer Stelle. Vor allem die Umweltbelastungen verringerten sich.

Umfrage: "Die Deutschen sind so glücklich wie noch nie"

Zwar geht es in den Nachrichten oft um Probleme, trotzdem scheint die Zufriedenheit der Menschen in Deutschland insgesamt zu wachsen. Das zeigen Umfragen, zum Beispiel der "Glücksatlas". Seit 2010 wird darin die Stimmung in den einzelnen Bundesländern erfasst. 

Dabei spielen die Themen Wohnen, Familie, Freizeit, Arbeit, Gesundheit und Einkommen eine Rolle. 

Dass die Zufriedenheit in Deutschland insgesamt wächst, liegt laut der Umfragen zum Glücksatlas daran, dass es den Menschen in Ostdeutschland zunehmend besser geht. Die niedrige Arbeitslosigkeit, steigende Löhne und die insgesamt gute Gesundheit der Bevölkerung haben dazu geführt, dass die Menschen in den neuen Bundesländern immer zufriedener werden. 

Die glücklichsten Menschen in Deutschland leben laut Glücksatlas in Schleswig-Holstein.  

Auch die Corona-Pandemie hat die Zufriedenheit der Bürger/-innen bisher nur leicht beeinträchtigt – Viele der Befragten glauben, dass sie schnell wieder genauso zufrieden sein werden wie vor der Pandemie.

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