Renaturierung: Zurück zur Natur, aber wie?

22.04.2021

Fast überall auf der Erde hat der Mensch die Natur stark verändert. Können wir negative Veränderungen rückgängig machen?

Die Veränderungen der Natur durch den Menschen haben ein gefährliches Ausmaß angenommen. Dabei geht es nicht nur um den Klimawandel. Auch die Biodiversität ist bedroht – die Vielfalt der Arten und Lebensräume.

Heute sind mehr Arten vom Aussterben bedroht als jemals zuvor, so ein Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) zum Zustand der Natur, der 2019 veröffentlicht wurde. Demnach ist ein Viertel aller Arten bereits davon betroffen. Seit dem Jahr 1500 sind mindestens 680 Wirbeltierarten ausgestorben.

Auch in Deutschland ist der Zustand der Artenvielfalt alarmierend, heißt es im Artenschutzreport 2015 des Bundesamtes für Naturschutz.

Das Ausmaß der menschengemachten Veränderungen auf unserer Erde ist so groß, dass Wissenschaftler/-innen vorgeschlagen haben, den jetzigen Abschnitt in der Geschichte des Planeten "Anthropozän" zu nennen. Der Begriff bedeutet "Erdzeitalter des Menschen", vergleichbar mit dem Begriff "Eiszeitalter".

Wegen dieser Entwicklungen rufen die Vereinten Nationen dazu auf, mehr für den Schutz der Natur zu tun. Sie haben den Zeitraum von 2021 bis 2030 zur "Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen" erklärt. Dabei soll es nicht nur darum gehen, die Verschlechterung der Situation aufzuhalten, sondern möglichst umzukehren.

Natürliche Lebensräume auf dem Rückzug

Der Mensch nutzt heute große Teile des Planeten. An Land werden Flächen vor allem für die Landwirtschaft und für Siedlungsgebiete genutzt. Die Meere nutzen wir vor allem für den Fischfang. Mittlerweile sind bereits über 70 Prozent der eisfreien Landoberfläche und 66 Prozent der Meeresfläche erheblich durch den Menschen beeinflusst.

Dadurch verschlechtern sich die Lebensbedingungen für viele Tier- und Pflanzenarten. Ihre natürlichen Rückzugsräume werden immer kleiner oder verschwinden ganz. Eine Folge ist das Artensterben. Das bedeutet, dass Tier- und Pflanzenarten ganz verschwinden. Denn sie brauchen intakte Lebensräume. Seit dem Jahr 1500 sind zum Beispiel mindestens 680 Wirbeltierarten ausgestorben und über 85 Prozent der Feuchtgebiete wie Moore verloren gegangen.

Verschärft wird das Problem durch den Klimawandel. Einerseits verstärkt die Zerstörung verschiedener Ökosysteme den Klimawandel. Denn wenn zum Beispiel Moore, Auen oder Wälder zerstört werden, werden klimaschädliche Gase freigesetzt. Andererseits bedroht wiederum der Klimawandel zahlreiche Ökosysteme, zum Beispiel durch steigende Temperaturen und die Zunahme von Dürren oder Starkregen und Überschwemmungen.

Was bedeutet Biodiversität?

Mit "Biodiversität" ist die Vielfalt lebender Organismen auf der Erde gemeint. Das umfasst sowohl die Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten, die Vielfalt der Ökosysteme als auch die genetische Vielfalt innerhalb einzelner Arten.

Teurer Verlust

Die Zerstörung von Ökosystemen ist nicht nur für Tiere und Pflanzen bedrohlich. Insgesamt betrifft die Schädigung von Ökosystemen an Land und in den Ozeanen etwa 3,2 Milliarden Menschen und verursacht Kosten in Höhe von etwa zehn Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts. Das Bruttosozialprodukt beziffert den Wert aller Güter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres erwirtschaftet werden.

Wie können Ökosysteme wiederhergestellt werden?

Die aktive Wiederherstellung eines möglichst natürlichen Zustands von Ökosystemen wird als Renaturierung bezeichnet. Renaturierung bedeutet nicht, eine Fläche einfach sich selbst zu überlassen.

Die Wiederherstellung von Ökosystemen ist eine komplexe Aufgabe. Sie ist meist aufwändig und teuer. Oft ist es nicht einfach, einen naturnahen Zustand wiederherzustellen. Landwirtschaftlich genutzter Boden beispielsweise ist häufig stark verdichtet und mit Schadstoffen belastet. Er muss aufbereitet werden , damit sich wieder ein naturnahes Ökosystem entwickeln kann.

Jedoch lohnt sich der Aufwand langfristig. Ein Beispiel ist die Renaturierung von Mooren. Wenn Moore renaturiert werden, können die Emissionen von Treibhausgasen aus den Moorböden reduziert werden. Durch die Renaturierung kann außerdem der Wasserhaushalt stabilisiert und die biologische Vielfalt gefördert werden.

Die Renaturierung lohnt sich auch wirtschaftlich, das wurde bei Projekten in Schottland nachgewiesen.

Mehr Raum für Flüsse

In Deutschland wurden und werden vielerorts Flüsse und Bäche wieder naturnäher gestaltet. Sie werden zum Beispiel wieder mit früheren Flussarmen verbunden, sogenannten Altarmen. Oder das Gewässer bekommt wieder mehr Raum, um sich natürlich zu bewegen.

Intakte Flüsse und Bäche sind artenreiche Ökosysteme, sie bieten Lebensraum für viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Außerdem sind intakte Fließgewässer deshalb sehr wichtig, weil sie zum Hochwasserschutz beitragen. Denn Auen entlang der Ufer sowie Nebenarme von Flüssen können große Mengen Wasser aufnehmen.

In der Vergangenheit wurden viele Flüsse begradigt. Vor allem, um sie besser zum Warentransport per Schiff oder zur Energieerzeugung durch Wasserkraftanlagen nutzen zu können. Oder auch, um Bauland für Städte, Siedlungen, Straßen und Industriebetriebe zu gewinnen. Das Wasser wird dabei in ein unnatürliches Flussbett gezwungen. Der Fluss bildet keine Flussschlingen mehr, sogenannte Mäander, und verliert an Breite. Dadurch fließt das Wasser schneller. Das hat zur Folge, dass insbesondere in Regionen flussabwärts das Wasser schneller und massiver über die Ufer treten kann. In den angrenzenden Siedlungsgebieten kann es dann zu Hochwasser kommen. Dadurch können Menschenleben gefährdet werden und große wirtschaftliche Schäden entstehen.

Was tut die Politik?

Auf vielen Ebenen gibt es Bemühungen für den Erhalt und die Wiederherstellung von Ökosystemen. Sowohl weltweit als auch auf EU-Ebene als auch in Deutschland. Hier gibt es Bemühungen auf der Bundesebene, bei den Bundesländern sowie auf der Ebene der Kommunen.

In Deutschland gibt es zum Schutz der Biodiversität die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt. Zur Strategie gehören zahlreiche Aktivitäten. Eine davon ist das Bundesprogramm "Blaues Band Deutschland". Dabei geht es um die Renaturierung von Flüssen und Auen.

Was kann ich selbst tun?

Jede und jeder kann täglich einen Beitrag leisten, um natürliche und naturnahe Lebensräume zu schützen. Konsumentinnen und Konsumenten können Lebensmittel aus ökologischer und saisonal-regionaler Landwirtschaft bevorzugen, weniger tierische Produkte konsumieren und Lebensmittelabfälle vermeiden.

Der ökologische Landbau leistet einen wichtigen Beitrag zum Natur-, Umwelt- und Klimaschutz. Denn hier werden vielfältige Nutzpflanzen angebaut, der Boden wird schonend bewirtschaftet, es wird auf Mineraldünger und chemische Pflanzenschutzmittel verzichtet.

Auch in anderen Bereichen des Konsums und im Alltag können Bürgerinnen und Bürger etwas tun. Es gibt eine ganze Reihe von Produkten, die im engen Zusammenhang mit Gefährdungen von Arten und Lebensräumen stehen. Produktsiegel helfen, nachhaltige Produkte zu wählen. Beispiele sind das MSC-Siegel für Fisch und das FSC-Siegel für Holzprodukte. Mehr Informationen bieten die Internetseite "Der nachhaltige Warenkorb" sowie das "Portal Siegelklarheit".

Aktiv vor Ort

Wer ganz konkret etwas für die Artenvielfalt Ökosysteme tun will, kann im eigenen Garten oder auf dem Balkon aktiv werden und zum Beispiel Pflanzen wählen, die Insekten nutzen. Vielerorts kann man auch in Naturschutzprojekten mithelfen. Informationen hierzu findet man zum Beispiel bei großen Naturschutzorganisationen wie BUND und NABU, die in vielen Städten und Gemeinden mit Ortsgruppen vertreten sind . Darüber hinaus gibt es eigenständige Kinder- und Jugendorganisationen für den Naturschutz, die sich über aktive Mitglieder freuen. Im Falle von BUND und NABU sind es die BUNDjugend und die NAJU (Naturschutzjugend).

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