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18.04.2019

Svenja Schulze im Interview mit Studentin Nele Brebeck

Porträtfoto von Bundesumweltministerin Svenja Schulze
interviews icon 10.04.2019 | Klimaschutz

Svenja Schulze zum Klimakabinett

Svenja Schulze zum Klimakabinett
Svenja Schulze beantwortet Fragen zu Klimazielen und wie diese erreicht werden können. Das Interview mit der Bundesumweltministerin führte Nele Brebeck, die sich bei den "Fridays for Future" Protesten engagiert.

Ministerin Svenja Schulze: Liebe Nele, darf ich dich einfach so duzen?

Nele Brebeck: Von mir aus gern! Ich dich dann auch, oder?

Na klar.

Svenja, du sagst, der Streik der Schüler sei ein Weckruf. So weit hätte es aber doch gar nicht kommen müssen: Es ist seit zwanzig Jahren bekannt, dass wir aus der Kohle aussteigen müssen. Warum ist nichts passiert?

Interessant, dass du das so siehst. Viele meiner Kollegen im Ausland sind beeindruckt, was wir in Deutschland schon geschafft haben. Wir haben zum Beispiel die regenerativen Energien ausgebaut und ihnen weltweit zum Durchbruch verholfen. Und wir steigen aus der Kohleverstromung aus.

Ihr sagt, 2038 steigen wir aus. Meiner Generation geht das zu langsam. Warum nicht schon 2030?

Vielleicht schaffen wir es sogar vor 2038. Voraussetzung ist, dass der Anteil von Wind- und Sonnenenergie dann ausreicht, um uns sicher mit Strom zu versorgen. Wir brauchen sicheren Strom, wir sind ein Industrieland. Und wir müssen an die Beschäftigten in den Kohleregionen und ihre Familien denken. Ich stehe dafür, dass wir Klimaschutz in einem vernünftigen, sozial verantwortbaren Tempo machen.

Schaffen wir die Klimaziele 2020, also 40 Prozent weniger Treibhausgase als 1990, so noch?

Wir werden langsam besser, aber nein, das schaffen wir nicht mehr. Mir ist jetzt wichtig, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und verbindlicher werden, damit wir bis 2030 55 Prozent weniger sicher erreichen. Deshalb bin ich froh, dass die Regierung ein extra Klimakabinett gegründet hat. Alle verantwortlichen Minister sitzen jetzt an einem Tisch. Ich kann Klimaschutz nicht alleine machen.

Wir müssen alle an einem Strang ziehen, richtig. Klimaschutz ist ein Generationenprojekt. Aber uns läuft die Zeit weg! Klima muss schon in der Schule ein Thema sein.

Und zwar in allen Fächern! In Mathematik muss ausgerechnet werden, wie viel CO2 ausgestoßen wird und in Geografie muss man darüber reden, was der Anstieg der Meeresspiegel bedeutet. Und wir sollten viel öfter darüber sprechen, wie viel besser unser Leben wird, wenn wir was fürs Klima tun. Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend, damit es auch den Generationen nach mir gut geht. Dir, deinen Kindern und Enkeln.

Klingt gut. Aber wenn jetzt nichts passiert, haben wir am Ende des Jahrhunderts eine Erderwärmung von plus vier Grad. Bei plus fünf Grad sterben die Menschen aus!

Und schon bei plus zwei Grad wird es rund um den Himalaya schwierig mit Trinkwasser. Ich bin froh, dass sogar die Leute in den USA anfangen, umzudenken.

Dort wird freitags jetzt auch gestreikt!

Ich finde es super, dass ihr den Mund aufmacht und auf die Straße geht. Als ich 15 war, habe ich gegen Atomwaffen demonstriert. Was mich beunruhigt, ist, dass ihr daran zweifelt, dass wir Politiker überhaupt noch was hinkriegen. Aber wir können noch was ver­ändern. Die Welt wird nicht untergehen.

Ich habe erst wieder Hoffnung, seitdem so viele auf die Straße gehen.

Ihr seid viele, und ihr macht uns Alten Feuer unterm Hintern. Das ist sehr gut. Und auch wenn ihr kritisiert werdet, gebt nicht auf. Ich weiß aus Erfahrung: Egal was du anpackst, du kriegst immer Gegenwind. Es ist schwer, nicht die Decke über den Kopf zu ziehen und aufzugeben.

Bist du frustriert, wenn du siehst, wie viele Leute noch Strohhalme oder Kaffeebecher benutzen?

Das macht mich sauer. Mein erster Impuls ist: Wir müssen das verbieten. Und bei den Plastikstrohhalmen zum Beispiel haben wir das ja jetzt für ganz Europa auch beschlossen. Aber nur Verbote helfen auch nicht, die Leute finden Auswege. Ich will möglichst alle davon überzeugen, dass es nicht gut ist, jeden Monat so viele Plastikflaschen zu verbrauchen, dass man sie bis zum Mond stapeln könnte. Wenn wir so weitermachen, gibt es bald mehr Plastik als Fische in den Meeren.

Warum setzt du dann keine Plastiksteuer durch?

Ich frage mich zuerst: Wo wollen wir Plastik haben, wo nicht? In Windkraftanlagen brauchen wir Plastik. Im Krankenhaus auch, wir wollen doch keine Glasspritzen mehr, oder? Das alles zu differenzieren, das schafft kein Gesetz. Bei Verpackungen gibt es schon Regeln. Wer Verpackungen in den Verkehr bringt, der muss dafür eine Abgabe zahlen. Das Prinzip ist: Je weniger Verpackungen ich benutze, desto weniger muss ich bezahlen. Und die Verpackungen müssen möglichst recycelbar sein. Wenn nicht, dann wird es teurer. Wir versuchen, die Verpackungsindustrie am Portemonnaie zu packen, denn das ist ihr empfindlichster Körperteil.

Mir ist wichtig, dass die Klimakrise Thema Nummer eins wird – auch in Europa. Im Mai wähle ich zum ersten Mal mit.

Ja, für den Klimaschutz ist Europa enorm wichtig. Emissionshandel, Standards für Autos, Ausbauziele für erneuerbare Energien – da werden wichtige Weichen gestellt. Ich mache mir Sorgen, dass die Leute nicht hingehen zur Wahl und das eher den extrem rechten Parteien hilft. Denn die leugnen, dass es die Klimakrise überhaupt gibt. Es ist wichtig, dass ihr nicht nur auf Straße, sondern auch wählen geht!

Interviewerin: Studentin Nele Brebeck (20) für BILD der FRAU

18.04.2019 | Medienbeitrag Klimaschutz
BILD der FRAU