BMU Website

Navigation

Von hier aus koennen Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

https://www.bmu.de/FQ83

Insektenschutz

Was sind Insekten?

Insekten sind die artenreichste Gruppe aller Lebewesen. Sie haben (anders als Spinnen) sechs Beine und einen eingekerbten Körper. Zu den Insekten zählen unter anderem Bienen, Hummeln, Käfer, Schmetterlinge, Libellen, Heuschrecken, Ameisen, Zikaden und Fliegen. In Deutschland sind etwa 48.000 Tierarten nachgewiesen, davon über 33.000 Insektenarten. Insekten machen demnach circa 70 Prozent aller Tierarten in Deutschland aus. Unter der Gruppe der Insekten sind zahlreiche Arten und Artengruppen zu finden, die in unseren Ökosystemen eine wichtige Rolle spielen. Insekten sind als Nahrungsgrundlage für andere Insekten und weitere Tiergruppen wie Vögel, kleine Säugetiere, Reptilien, Amphibien oder Fische ein elementarer Teil des Nahrungsnetzes. Der Verlust an Insekten, sowohl was die Arten selbst als auch die Populationsgrößen innerhalb der Arten anbelangt, hat aber auch weitere unmittelbare Auswirkungen auf die menschliche Umwelt (auf die Bestäubung von Pflanzen, die Erhaltung der biologischen Vielfalt, für den Abbau organischer Masse, die biologische Kontrolle von Schadorganismen, die Gewässerreinigung oder die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit) und damit auch auf die Menschen.

Warum sind Insekten besonders wichtig?

Insekten sind wichtige Bausteine der Nahrungskette, da sie Nahrungsgrundlage für eine ganze Reihe von Arten sind. Dazu zählen viele Vögel, Amphibien, Reptilien und Säugetiere (zum Beispiel Fledermäuse, Spitzmäuse, Igel, Dachs), aber auch andere Insekten. Räuberische Insekten ernähren sich von anderen Insekten, die zum Teil als landwirtschaftliche Schädlinge gelten, sie sind daher für den Menschen auch wirtschaftlich interessant.

Ein weiteres Beispiel, warum Insekten für den Menschen besonders wichtig ist, ist die Bestäubung. Neben Wildbienen bestäuben auch viele Schwebfliegen, Schmetterlingsarten, Fliegen, Käfer und Wespen Pflanzen. Unter den Zweiflüglern gibt es über 70 Familien mit Bestäubern. Die Insekten-Bestäubung der Pflanzen ist essentiell für den Erhalt der Wildpflanzen und damit auch eine Grundlage für die biologische Vielfalt insgesamt. Aber auch für die Ernte von Nutzpflanzen ist die Bestäubung essentiell. In Deutschland wären beim Ausfall der Bestäubungsleistungen insbesondere der Obst- und Gemüseanbau, aber auch großflächig angebaute Ackerkulturpflanzen, wie Raps, Sonnenblumen oder Ackerbohnen, betroffen.

Bodeninsekten spielen außerdem beim Abbau der organischen Substanz sowie als Gestalter des Bodens eine wichtige Rolle. Ohne die von Insekten bestimmten Zersetzungsprozesse wird Pflanzenmaterial wesentlich langsamer abgebaut und Nährstoffe werden langsamer wieder verfügbar gemacht.

Wirtschaftliche Konsequenzen des Insektensterbens

Der Rückgang der Gesamtmenge der Insekten und der Artenvielfalt bei den Insekten hat auch wirtschaftliche Konsequenzen. Die Wissenschaftler des Nationalen Institutes für Agrarforschung (INRA) und des Zentrums für Wissenschaftliche Forschung (CNRS) aus Frankreich sowie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) veröffentlichten im Jahr 2008 eine Schätzung zu Schäden, die durch das Fehlen von bestäubenden Insekten entstehen würden, auf 190 bis 310 Milliarden Euro pro Jahr. Die Forscher berichteten über die ökonomische Verwundbarkeit der Weltagrarproduktion durch den Rückgang von Bestäubern in einer Ausgabe der Fachzeitschrift "Ecological Economics". Andere Zahlen sprechen von 153 Milliarden Euro (Gallai et al, 2008) – das entspricht 9,5 Prozent des ökonomischen Werts der gesamten Landwirtschaft weltweit. Allein in Deutschland wird der volkswirtschaftliche Nutzen durch Bestäubungsdienstleistungen auf 1,13 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt (Leonhardt et al. 2013).

Was sind die Ursachen des Insektenrückgangs?

Die Ursachen des Insektenrückgangs sind vielfältig und insgesamt komplex. Nach aktuellem Forschungsstand liegen die zentralen Ursachen im Verlust und der qualitativen Verschlechterung von Insektenlebensräumen, dem Verlust der Strukturvielfalt mit einer Vielzahl an Wildpflanzen, einem Management von Naturschutzgebieten, das zum Teil die Bedürfnisse von Insekten unzureichend berücksichtigt, der Anwendung von Pestiziden, dem Eintrag von Nähr- und Schadstoffen in Böden und Gewässer sowie der Lichtverschmutzung. Viele weitere Einflussfaktoren tragen darüber hinaus zum Verlust oder der Qualitätsverschlechterung von Insektenlebensräumen bei. Deshalb ist die Erhaltung beziehungsweise Förderung der Wiederherstellung dieser Lebensräume in Qualität und Quantität sowie ihre Vernetzung wichtig.

Die vorliegenden wissenschaftlichen Ergebnisse belegen bereits jetzt, dass der mengen- und flächenmäßig sehr hohe Einsatz von Pflanzenschutzmitteln – zum Beispiel Glyphosat – in der Agrarlandschaft mit zu einem deutlichen Rückgang der Artenvielfalt geführt hat. Pflanzenschutzmittel wirken auf Insekten entweder direkt schädlich oder auch indirekt, indem sie die Nahrungsnetze stören und sich auf Lebensräume auswirken. Es ist geltendes EU-Recht, dass nur solche Pflanzenschutzmittel zugelassen werden dürfen, die nachweislich keine unannehmbaren Auswirkungen auf den Naturhaushalt haben. Gerade in Bezug auf die indirekten Effekte über Nahrungsnetze gibt es aber beim Vollzug des Zulassungsrechts noch Defizite. Daher werden Effekte von Pflanzenschutzmitteln auf die biologische Vielfalt nicht hinreichend angegangen, obwohl das EU-Zulassungsrecht die Möglichkeit dazu gibt. Das müssen wir ändern.

Was ist der Zusammenhang zwischen Glyphosat und Insektensterben?

Effektiver Insektenschutz erfordert einen grundsätzlich restriktiveren Umgang mit Pestiziden, nicht nur mit Glyphosat. Denn die flächendeckende Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und anderen Pestiziden ist eine wesentliche Ursache für das Insektensterben. Dabei tötet der Einsatz von Totalherbiziden wie Glyphosat Insekten nicht direkt, verringert aber die Nahrungsgrundlage für Insekten und trägt so ebenfalls zum Insektensterben bei. Mit dem Aktionsprogramm Insektenschutz sollen unter anderem die negativen Auswirkungen auf Insekten durch Pflanzenschutzmittel und andere Pestizide deutlich verringert werden. Der Koalitionsvertrag sieht vor, mit einer systematischen Minderungsstrategie den Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln deutlich einzuschränken, mit dem Ziel, die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden. Die Bundesregierung wird diesen Auftrag schnellstmöglich umsetzen. Doch dabei darf es nicht bleiben. Generell soll die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln umwelt- und naturverträglich ausgestaltet werden, nicht zuletzt durch eine deutlich stärkere Berücksichtigung der biologischen Vielfalt bei der Zulassungspraxis und den Anwendungsbestimmungen für Pflanzenschutzmittel. Das Aktionsprogramm soll auch dazu beitragen, die Nutzung von Pflanzenschutzmitteln in ökologisch besonders schutzbedürftigen Bereichen, wie Schutzgebieten nach dem Naturschutzgesetz oder in Wasserschutzgebieten, deutlich zu verringern und wo möglich zu verbieten. Die öffentliche Hand soll für ihre Liegenschaften auf den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln verzichten.

Die negativen Auswirkungen von Glyphosat auf die biologische Vielfalt beruhen insbesondere auf sogenannten indirekten Effekten, nämlich solchen auf die Nahrungsnetze: Dort, wo in Äckern, aber auch im Obst- und Weinbau alle Wild- und Beikräuter durch Glyphosat abgetötet werden, gibt es keinen Lebensraum mehr für Insekten. Mit deren Verschwinden fehlt wiederum die Nahrungsgrundlage für weiter oben in der Nahrungskette angesiedelte Tiere, insbesondere die Vögel und die Kleinsäuger der Agrarlandschaft.

Was steht in der "Krefelder Studie"?

Eine im Oktober 2017 in der Online-Zeitschrift "PlosOne" veröffentlichte Studie von C. Hallmann, Universität Nijmwegen, et al. hat die Ergebnisse der von ehrenamtlichen Insektenkundlern des Entomologenvereins Krefeld (Entomologen = Insektenkundler) von 1989 bis 2016 mit Standard-Flugfallen durchgeführten Erhebungen zur Entwicklung der Insektenbestände ausgewertet.

Das Ergebnis: Drastische Bestandseinbrüche lassen sich klar nachweisen. Bei den Erhebungen in 63 deutschen Schutzgebieten zwischen 1989 und 2016 ist ein Rückgang von 76 Prozent (im Hochsommer bis zu 82 Prozent) der Fluginsekten-Biomasse festgestellt worden.

Es gibt aber nicht nur diese sogenannte "Krefelder Studie". Auch weitere wissenschaftliche Untersuchungen in Deutschland an verschiedenen Artengemeinschaften und in verschiedenen Lebensräumen haben einen allgemeinen Rückgang der Anzahl der Insektenarten für alle betrachteten Gruppen und Lebensräume beobachtet. Den Rückgang der Insektenvielfalt belegen nicht zuletzt auch die Roten Listen der gefährdeten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten Deutschlands. Bereits seit den 1970er Jahren wird dort die Gefährdung von Insekten anhand bestimmter Insektenordnungen untersucht und bewertet. Insgesamt stehen von den bisher bewerteten Insektenarten 42 Prozent als bestandsgefährdet, extrem selten oder bereits ausgestorben oder verschollen auf der Roten Liste. Auch europäisch und weltweit ausgerichtete Studien, zum Teil mit Langzeitdaten weit in die Vergangenheit, belegen einen Rückgang bei den Insekten.

Was ist unter dem "Aktionsprogramm Insektenschutz" zu verstehen?

Mit einem "Aktionsprogramm Insektenschutz" sollen die Lebensbedingungen für Insekten in Deutschland insgesamt verbessert werden. Das Aktionsprogramm wird im Koalitionsvertrag zur 19. Legislaturperiode angekündigt und soll auf eine zügige Umsetzung konkreter Maßnahmen abzielen, um den Insektenrückgang effektiv zu verlangsamen bzw. zu stoppen. Der Maßnahmenkatalog soll sich dabei auf die Hauptursachen für den Insektenschwund fokussieren.

Eckpunkte für "Aktionsprogramm Insektenschutz" sind bereits am 20. Juni 2018 vom Kabinett beschlossen worden. Das Eckpunkte-Papier beinhaltet neben wesentlichen Informationen zum Insektenrückgang insbesondere die neun Handlungsbereiche, in deren Rahmen sich die konkreten Maßnahmen des Gesamtprogramms bewegen werden.

Das Bundesumweltministerium hat nun auf der Basis dieser Eckpunkte Vorschläge für konkrete Maßnahmen für das Aktionsprogramm Insektenschutz erarbeitet, die im Rahmen einer Beteiligungsphase mit der Öffentlichkeit diskutiert werden sollen. Dieser Online-Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern ist ein wichtiger Teil davon. Die Ergebnisse aus dem Online-Dialog werden für die Weiterarbeit am Maßnahmenkatalog berücksichtigt und fließen in den Entwurf für das Aktionsprogramm Insektenschutz ein. Anschließend wird das Aktionsprogramm mit den anderen Bundesministerien abgestimmt. Das Gesamtprogramm soll dann bis Sommer 2019 vom Bundeskabinett beschlossen werden.