Interview mit Aya Jaff

Illustration Umweltpolitische Digitalagenda

"Wir brauchen Zahlen zum ökologischen Fußabdruck der Digitalisierung"

Frau Jaff, die Digitalisierung ist momentan ein absolutes Megathema in allen Wirtschafts- und Lebensbereichen. Sie weisen jedoch auf die negativen Folgen für die Umwelt hin. Was treibt Sie an?

Spätestens seit "Fridays for Future" kann niemand mehr die Augen vor dem Klimawandel verschließen. Meiner Generation ist klar, dass sich einiges ändern muss. Im Privaten machen das auch schon alle um mich herum – etwa mit Fleischverzicht und dem Vermeiden von Plastikmüll. Im Tech-Bereich müssen wir hingegen noch vieles angehen, zum Beispiel bei der Datenspeicherung. Serverparks fressen enorme Ressourcen. Und der Bedarf wird dynamisch weiterwachsen. Künstliche Intelligenz ist extrem datenhungrig und in diesem Bereich fangen wir gerade erst an.

"Streamen ist das neue Fliegen", heißt es heute. Ist Ihrer Meinung nach Verzicht die richtige Antwort auf die Umweltprobleme der Digitalisierung?

Den Menschen zu sagen, sie sollen weniger Mails und Handynachrichten schreiben oder die Welt nicht mehr bereisen, finde ich schwierig. Zum einen wäre es rückwärtsgewandt und würde auch viele Möglichkeiten verbauen – etwa, sich neuen Input zu holen, sich auszutauschen, an Informationen zu gelangen. Wir müssen vielmehr Kreativität und mehr Ehrgeiz entwickeln, um die Herausforderungen anzupacken und neue Technologien zu entwickeln, die Lösungen für die Klima- und Umweltprobleme finden! Es ist wichtig, dass wir jetzt sofort mit der Entwicklung anfangen. Denn smarte Lösungen brauchen Zeit.

Neue Gesetze und Regeln braucht es also keine?

An manchen Punkten geht es nicht anders. Hersteller sollten beispielsweise dazu verpflichtet werden, Handys und Tablets so zu bauen, dass man Einzelteile wie den Akku austauschen kann – wir benötigen also das sogenannte right to repair. Grundsätzlich befürworte ich aber eher Anreize als Verbote. Es sollten Anreize für Start-ups und Unternehmen geschaffen werden, ihre Technologien ressourcenschonend zu entwickeln. Die Umweltpolitische Digitalagenda ist ein wichtiger und richtiger Schritt, denn sie schafft die notwendige Aufmerksamkeit für das Thema.

Wie schaffen wir Digitalkompetenz und besseres Bewusstsein für die Folgen der neuen Technologien?

Wenn wir eine wahre Veränderung sehen wollen, müssen wir die junge Generation in die Diskussion aktiv miteinbeziehen. Dazu zähle ich Start-ups, aber auch aktuell die jungen Demonstrierenden. Nur durch eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den etablierten Playern der Energiebranche und den jungen Playern entsteht ein wirksames Bewusstsein für das Thema. Wenn jeder und jede nur das eigene Süppchen kocht, kommen wir nicht weit. Hier sehe ich ganz klar die Politik in der Rolle der Weichenstellerin. Ziel ist es ja, die Digitalisierung zum Treiber der Energiewende zu machen und nicht zum Stopper.

Wo sehen Sie die größte Herausforderung, die Digitalisierung umweltfreundlich zu gestalten?

Die breite Masse mit umweltfreundlichen Alternativen zu erreichen. Dazu müssen sie mindestens genauso gut, wie die bisher gebräuchlichen Technologien sein. Also müssen beispielsweise ressourcenschonendere Suchmaschinen wie Ecosia mindestens genauso gute Ergebnisse wie Google liefern. Das bedeutet, in der Tech-Szene müssen wir noch innovativer werden. Nur an das Gewissen zu appellieren, reicht nicht.

Haben Sie ein Beispiel für so eine Innovation?

Das Start-up CATALOG aus Boston hat zum Beispiel ein Verfahren entwickelt, um Daten auf DNA-Molekülen zu speichern. Nur ein Gramm DNA kann 215 Petabyte, also 215 Millionen Gigabyte, an Daten speichern. DNA kann ungefähr eine Million Mal mehr Informationen speichern als die heutigen Flash-Laufwerke. Sie ist außerdem langlebiger, sicherer und verbraucht nur minimal Energie. Ich versuche, Startups und Firmen dafür zu begeistern, sich mit solchen neuen Ideen auseinanderzusetzen.

Was braucht es, damit diese Überzeugungsarbeit gelingt?

Politik und Forschung müssen schnellstmöglich belastbare Zahlen zum ökologischen Fußabdruck der Digitalisierung liefern. Wir wissen bislang zu wenig, wie sich der Ressourcenverbrauch genau aufschlüsselt. Wir benötigen jedoch Zahlen, damit die Menschen eine Vorstellung von den Folgen und Trends bekommen und die Politik auf dieser Datenbasis sinnvolle Regeln formulieren kann.

Wie lässt sich der Megatrend Digitalisierung in solche Bahnen lenken, dass die Umwelt unterm Strich sogar davon profitiert?

Dazu müssen Politik, Industrie und Verbraucher gemeinsam verantwortlich handeln. Dann wird dies auch zu einem wirtschaftlichen Erfolgsfaktor: Unternehmen, die es schaffen, Produkte und Prozesse durch Digitalisierung umweltfreundlicher zu gestalten, werden langfristig profitieren. Das Bewusstsein bei den Menschen ist da. Und sie haben als Verbraucherinnen und Verbraucher die Marktmacht. Das zeigt sich in Bereichen wie Mode oder Stromanbieter schon ganz gut.

Ist diese Erkenntnis schon bei den Unternehmen angekommen?

Es sickert langsam durch. Wobei gerade die Big Player etwas schwerfällig sind, wenn es darum geht, Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammenzudenken. Sie sollten sich Anregungen von kleineren Unternehmen und auch aus anderen Ländern holen. Im April reise ich beispielsweise nach Botswana. Dort gibt es eine sehr agile Start-up-Szene. Und die Menschen spüren die Auswirkungen des Klimawandels schon heute. Ich kann mir vorstellen, dass sie Nachhaltigkeit und Digitalisierung anders denken als wir in Europa. Um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden, dürfen wir den Blick über den Tellerrand nicht verlieren.

Aya Jaff ist Programmiererin, Traderin, Unternehmerin und Autorin. Im April 2020 erscheint ihr erstes Buch "Moneymakers“. Seit Februar schreibt sie für das Digital-Magazin t3n die Kolumne "Tech for Future", in der sie nachhaltige und ressourcenschonende Ansätze für die Zukunft der Technologie beleuchtet.