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Stand: Oktober 2010

"Für eine deutsche Rohstoffstrategie"

Namensbeitrag der Parlamentarischen Staatssekretärin Katherina Reiche

Die weltweite Rohstoffextraktion stieg von 1980 bis 2005 von 40 auf 58 Milliarden Tonnen. 2020 wird eine Verdopplung auf 80 Milliarden Tonnen, bis 2050 eine Verfünffachung prognostiziert. 2050 werden neun Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben. Durch den Aufstieg vieler Entwicklungs- und Schwellenländer wird sich die Zahl der in Industriegesellschaften lebenden Menschen verdreifachen. Diese werden nicht nur den elementaren Bedarf an sauberem Wasser, ausreichender Nahrung und Wohnraum einfordern, sondern auch ihren Anteil an Energie, Konsum und Mobilität.

Was bedeutet diese Entwicklung für uns?

Erstens: Ressourcen und Rohstoffe werden knapper und teurer werden. Der Wettlauf um sie hat begonnen. Die Konzentration auf immer weniger Förderunternehmen weltweit und wachsende staatliche Einflussnahme auf Lagerstätten zur Absicherung der Rohstoffversorgung sind Ausdruck dieser Entwicklung. Die internationalen Rohstoffmärkte sind zunehmend durch eine Vielzahl von Wettbewerbsverzerrungen, Handelshemmnissen und direkte politische Einflussnahmen gekennzeichnet.

Rohstoffsicherung ist in erster Linie eine unternehmerische Aufgabe. Der Staat muss dies aber engagiert und vorausschauend flankieren. Wir sind auf den Import vieler Rohstoffe dauerhaft angewiesen: metallische Rohstoffe für die Chemie-, Metall-, Stahl- und Elektroindustrie, Einsatzstoffe für die Herstellung von Batterien in der Automobilindustrie bis hin zu seltenen Rohstoffen in der Chip- und Solarindustrie. Eine zunehmende Verknappung würde unsere gesamte industrielle Basis gefährden. Deutschlands Versorgung mit Rohstoffen zu vernünftigen ökonomischen und ökologischen Bedingungen sicherzustellen, ist ebenso bedeutsam wie die Sicherung der Energieversorgung.

Zweitens: Globale Machtgewichte werden sich verschieben und Auswirkungen auf die Sicherheit haben. So droht eine Geopolitisierung oder "Versicherheitlichung" des Rohstoffthemas. Tatsächlich haben schon einige Staaten begonnen, strategische Reserven zu bilden, eigene Rohstoffexporte zu drosseln und gefragte Rohstoffe auch als geopolitische Waffe zu nutzen. Gerade dort, wo Rohstoffvorkommen in Konfliktregionen liegen, dient dies oft der Finanzierung von Kriegsparteien. Korruption, Instabilität und irreparable Umweltschäden sind in der Regel die Folge.

In der Debatte um Zugänge und die Nutzung von Ressourcen werden manchmal Analogien zur Konkurrenz der Großmächte um die rohstoffreichen Gebiete Afrikas und anderer Kontinente im 19. Jahrhundert bemüht. Dies ist viel mehr falsch als richtig. Wir haben es heute international mit anderen Akteuren zu tun, und die rohstoffreichen Gebiete sind inzwischen unabhängige, machtbewusste Staaten, einige davon auf dem Weg, Weltmachtstellung zu erreichen.

Welche Konsequenzen müssen wir hieraus ziehen?

Unser Wohlstand gründet immer noch auf einem nicht nachhaltigen, verschwenderischen Ressourcenverbrauch. Eine Fortschreibung würde nicht nur die Belastbarkeit unseres Planeten überschreiten, sondern gefährdet auch globales Wachstum, Wohlstand, soziale Entwicklung und die internationale Sicherheit. Das Recht auf Entwicklung wird sich nur realisieren lassen, wenn Industrieländer ihren Ressourcenbedarf senken und Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer ihre Ressourcen und Rohstoffe effizienter verwenden.

Angesichts zunehmender Konzentrationen auf den globalen Rohstoffmärkten und wachsender staatlicher Einflussnahmen müssen Deutschland und die EU ihr internationales Gewicht ins Spiel bringen, um offene, faire und transparente Rohstoffmärkte durchzusetzen. Es geht um globale Regelungen, welche die legitimen Interessen von Rohstoffexporteuren und Rohstoffverbrauchern berücksichtigen. Schwellen- und Entwicklungsländern muss Zugang zu nachhaltigen Entwicklungsstrategien angeboten werden, die eine Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen beinhalten.

Gleichzeitig lässt sich der Verknappung verfügbarer Ressourcen nur durch Innovationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von den Rohstoffkreisläufen über die Produkte selbst bis zum Recycling entgegenwirken. Eine weitere Entkopplung der Wirtschaftsleistung von der Verfügbarkeit und vom Einsatz von Ressourcen ist notwendig. Für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland ist deshalb ein ressourceneffizientes Wirtschaften entscheidend.

Ressourceneffizienz ist ein Leitmarkt der Zukunft mit enormem wirtschaftlichem Potential. Deutlich wird dies bei der Betrachtung der Kostenstruktur im verarbeitenden Gewerbe: Dort machen die Personalkosten etwa 19 Prozent an den gesamten Kosten aus, die Energiekosten rund zwei Prozent. Den größten Anteil haben die Materialkosten mit mehr als 43 Prozent. Insgesamt werden in Deutschland jährlich Materialien im Wert von etwa einer halben Billion Euro verarbeitet. Die Deutsche Materialeffizienzagentur (demea) schätzt, dass davon rund 100 Milliarden Euro durch effizientere Verfahren und Abläufe eingespart werden könnten.

Ressourceneffizienz spielt somit eine entscheidende Rolle für Fortschritte im Klima- und Umweltschutz, bei der Rohstoffversorgung und damit in der Wettbewerbsfähigkeit sowie bei Entwicklung und internationaler Sicherheit. Eine Rohstoffstrategie für ein ressourcenabhängiges Land wie Deutschland muss daher wirtschafts- und entwicklungspolitische Aspekte genauso umfassen wie solche der Sicherheit und der Nachhaltigkeit.

Katherina Reiche ist Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit; Volker Perthes leitet die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Deutsches Institut für internationale Politik und Sicherheit, Berlin.

Serie: Fremde Federn, Autoren: Katherina Reiche und Volker Perthes.

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