Stand: Juni 2009
Das Thema Umweltgerechtigkeit ist in Deutschland ein relativ neues Problemfeld, das an der Schnittstelle von Umwelt-, Gesundheits- und Sozialpolitik angesiedelt ist. Es befasst sich mit der sozial ungleichen Verteilung von Umweltbelastungen und ihren Auswirkungen auf die Gesundheit. Menschen mit einem niedrigen Sozialstatus sind zum Teil stärkeren Belastungen durch die Umwelt ausgesetzt als Menschen mit höherem Sozialstatus.
In Deutschland mangelt es allerdings an systematischen Untersuchungen zum Einfluss der Umwelt auf die Lebensqualität der verschiedenen sozialen Bevölkerungsgruppen. Um diese Defizite abzubauen, wurde im Kinder-Umwelt-Survey des Umweltbundesamtes begonnen, in die Auswertung der Umweltbelastungen nicht nur Alter und Geschlecht, sondern systematisch auch den Sozialstatus einzubeziehen. Die von 2003 bis 2006 durchgeführten Erhebungen zum Kinder-Umwelt-Survey erfolgten in enger Anbindung an den Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch-Institutes.
Die Ergebnisse des Kinder-Umwelt-Survey bestätigen, dass Kinder mit niedrigem Sozialstatus eher an viel befahrenen Straßen wohnen, weniger Platz in der Wohnung haben und unter anderem stärker mit Blei belastet sind. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass Kinder aus besser gestellten Elternhäusern dagegen manchen anderen Schadstoffen stärker ausgesetzt sind. Das betrifft beispielsweise langlebige Organochlorverbindungen wie PCB und DDT. Eine Reihe unterschiedlicher Belastungen ergibt sich auch aus sozial unterschiedlichen Verhaltensweisen. So wird in Familien mit niedrigem Sozialstatus mehr geraucht und die Kinder nutzen intensiver tragbare Musikabspielgeräte, die zu den wichtigsten potenziell gesundheitsschädigenden Lärmquellen gehören. Familien mit hohem Sozialstatus wenden in der Wohnung häufiger chemische Schädlingsbekämpfungsmittel (beispielsweise gegen Kleidermotten, Ameisen oder Schaben) an.
Diese und weitere Ergebnisse aus dem Kinder-Umwelt-Survey wurden im Oktober 2008 auf einer Fachtagung zur sozialen Ungleichverteilung gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen vorgestellt. Es wurde unter anderem darüber diskutiert, wie sich soziale Ungleichverteilungen reduzieren oder vermeiden lassen. Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt werden den angestoßenen Prozess weiterführen und Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität aller sozialen Bevölkerungsgruppen entwickeln.
Doch nicht nur zu Hause, auch am Arbeitsplatz sind Umfang und Ausmaß schädlicher Einflüsse unter anderem davon abhängig, welchen Sozialstatus die Betroffenen haben. Das Bundesumweltministerium führte daher im November 2008 gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) die Konferenz "Die soziale Dimension von Umwelt und Gesundheit - Perspektiven für gesunde Arbeits- und Lebenswelten" durch, an der Vertreter aus Industrie, Wissenschaft, Behörden und Gewerkschaften teilnahmen. Bei der Konferenz ging es darum, Schnittstellen zwischen den Bereichen Umwelt, Gesundheit und Soziales zu beleuchten, Schlussfolgerungen für die Umweltpolitik zu ziehen und Anstöße für neue Initiativen im Rahmen des betriebsbezogenen Umweltschutzes zu geben.