Stand: Mai 2011
Der Weltklimarat (IPCC) wird weiter reformiert. Auf der Vollversammlung des Gremiums vom 10. bis 13. Mai 2011 in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate, VAE) einigten sich Regierungsvertreter von fast 200 Staaten auf Fortentwicklungen in der Struktur und Arbeitsweise des Rats.
In Zukunft wird ein ständiger Exekutivausschuss dafür sorgen, dass der Rat auch zwischen den Plenarsitzungen handlungsfähig ist. Die Regeln zur Erstellung der wissenschaftlichen Berichte werden transparenter und einheitlicher. Dies gilt von der Auswahl der Autoren über die Begutachtungsverfahren bis hin zum Umgang mit Fehlern in veröffentlichen Berichten. Eine Kommunikationsstrategie soll die umfassende Information der Öffentlichkeit über die Arbeit und die Erkenntnisse des Weltklimarates gewährleisten. Wissenschaftler legen zukünftig offen, in welchen Bereichen Interessenkonflikte möglich sind.
Die regelmäßigen Berichte des IPCC liefern die wissenschaftliche Grundlage für die internationale Klimapolitik. Durch Auftreten von vereinzelten Fehlern beziehungsweise Ungenauigkeiten in dem mehrere tausend Seiten umfassenden 4. Sachstandsbericht und – inzwischen widerlegte - Manipulationsvorwürfe war der IPCC im Vorfeld des Klimagipfels von Kopenhagen Ende 2009 in die Kritik geratenen. Als Reaktion haben die Vereinten Nationen (UN) und der Weltklimarat im Jahr 2010 den Reformprozess eingeleitet. Auf der Grundlage von Empfehlungen der unabhängigen, internationalen Dachorganisation von Wissenschaftsakademien (InterAcademy Council, IAC) werden die Reformen nun umgesetzt. Der nächste umfassende Sachstandsbericht wird bereits erarbeitet und in den Jahren 2013 und 2014 in drei Teilen veröffentlicht.
Seit Ende letzten Jahres findet in den Medien, auf Internet Blogs und in der Öffentlichkeit eine Debatte über vermeintliche oder tatsächliche Fehler im letzten IPCC-Bericht statt. Analysen in internationalen Wissenschaftskreisen bestätigten die Fehler-Vorwürfe bisher in zwei konkreten Fällen. Eine Vielzahl anderer in den Medien (insbesondere in GRB und USA) erhobener Vorwürfe sind inzwischen widerlegt worden (etwa zum Zusammenhang zwischen Klimaänderung und Zunahme von Naturkatastrophen, zum Rückgang des Amazonas-Regenwaldes, zur Wirkung des Klimawandels auf Ernährung und Wasserversorgung in Afrika).
Als Reaktion auf die öffentliche Diskussion über Vorwürfe zu Ungenauigkeiten in IPCC-Berichten haben der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, und der Vorsitzende des IPCC, Rajendra Pachauri am 10. März die internationale Dachorganisation der Wissenschaftsakademien Inter Academy Council (IAC) mit der Erstellung eines unabhängigen Expertengremiums zur Überprüfung der IPCC-Arbeitsweisen und -Verfahren beauftragt. Dieses Gremium soll bis Ende August einen Bericht abliefern, der bei der nächsten IPCC-Plenarsitzung im Oktober erörtert wird. Mit diesem Vorstoß soll die Qualität der Berichte weiter gesteigert und die Wiederherstellung des Vertrauens der Öffentlichkeit in den IPCC befördert werden.
Das Überprüfungskomitee besteht aus 12 renommierten Experten aus unterschiedlichen Ländern und Disziplinen und wird von Harold T. Shapiro, Ökonom und ehemaliger Präsident der Universität Princeton und Universität Michigan, geleitet. Aus Deutschland ist der Biochemiker Prof. Ernst-Ludwig Winnacker, Generalsekretär der Human Frontier Science Program Organization, vertreten.
Um die neuesten Ergebnisse der weltweiten Klimaforschung auszuwerten, hat die internationale Staatengemeinschaft 1988 den Zwischenstaatlichen Sachverständigenrat für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) eingerichtet. Dieser ist ein wissenschaftliches Gremium, leistet jedoch selbst keine wissenschaftliche Forschungsarbeit. Seine Rolle besteht darin, die neuesten Ergebnisse der weltweiten Klimaforschung zu sammeln und einzuschätzen. Dazu erstellt das IPCC in regelmäßigen Abständen Berichte und Abhandlungen, die als wissenschaftliche Grundlage für die internationalen Klimaverhandlungen dienen. Am wichtigsten davon sind die sogenannten Sachstandsberichte, die mit einem Abstand von 6 bis 7 Jahren produziert und veröffentlicht werden. Sie bestehen aus drei Bänden und bieten umfassende Informationen zum Klimawandel; seinen Ursachen, Folgen sowie den Handlungsoptionen und konkreten Maßnahmen, die notwendig sind um den Klimawandel in seinen Auswirkungen zu begrenzen.
Der IPCC hat zuletzt in seinem 4. Sachstandsbericht aus dem Jahr 2007 den Stand der weltweiten Klimaforschung zusammengefasst: Der Bericht belegt unmissverständlich die fortschreitende globale Erwärmung und bekräftigt den Einfluss des Menschen als Hauptursache für diese klimatische Veränderungen.
Zurzeit wird der Fünfte Sachstandbericht (AR5) des IPCC erarbeitet, dessen Veröffentlichung für 2013/2014 geplant ist. Die Hauptgliederung und inhaltliche Ausrichtung der drei Arbeitsgruppen bleibt im AR5 im Wesentlichen erhalten. Der erste Arbeitsgruppenbericht behandelt die naturwissenschaftlichen Aspekte der Klimaforschung. Der zweite stellt die zukünftige und bereits stattfindende Auswirkungen des Klimawandels dar, sowie die Möglichkeiten, uns an den Klimawandel anzupassen. Der dritte Arbeitsgruppenbericht soll die unterschiedlichen Lösungsstrategien für die Bewältigung des Klimawandels zeigen. Hierbei geht es vor allem um politische und technologische Maßnahmen für die Minderung der Treibhausgasemissionen. Die dritte Arbeitsgruppe wird von dem deutschen Ökonom Prof. Ottmar Edenhofer am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) geleitet. Der Vorsitz einer Arbeitsgruppe umfasst den Zeitraum der Erstellung des fünften IPCC-Sachstandsberichtes (2008-2014). Die Strukturen der drei Arbeitsgruppenberichte sind bereits im Oktober 2009 verabschiedet worden. Mit dem Beschluss der Struktur des Syntheseberichtes bei der nächsten Plenarsitzung des IPCC im Oktober 2010 wird die komplette Struktur des AR5 endgültig feststehen.
Im März 2010 endete der Nominierungsprozess für die Autoren des Sachstandberichtes. Über 3000 Experten wurden von den Nationalen Kontaktstellen der Mitgliedsstaaten und von Beobachterorganisationen nominiert. Alle 194 Mitgliedsstaaten des IPCC haben die Möglichkeit, Wissenschaftler als Autoren und Begutachtungseditoren für den Sachstandbericht zu nominieren. Ihre Auswahl erfolgt im Frühsommer 2010 und soll eine breite Spanne von Sichtweisen und Expertisen repräsentieren. Zusätzlich sollen sowohl die Industrie- als auch die Entwicklungsländer ausreichend vertreten werden. Nachdem die Auswahl der Autoren und Begutachtungseditoren feststeht, kann die tatsächliche Arbeit mit den Arbeitsgruppeberichten und dem Synthesebericht beginnen.
Für den Zeitraum des AR5 wird IPCC auch zwei Sonderberichte erstellen. Der eine Bericht behandelt die erneuerbaren Energien und ihre Rolle im Klimaschutz und wird im Februar 2011 veröffentlicht. Der Sonderbericht zu Risikomanagement von Extremereignissen und Katastrophen zur Förderung der Anpassung an den Klimawandel soll voraussichtlich Ende 2011 veröffentlicht werden.
Neu gegenüber vorherigen Sachstandsberichten ist im Bericht der Arbeitsgruppe I die intensivierte Betrachtung von Klimaänderungen auf der regionalen Skala, verstärkt durch elektronisches Kartenmaterial. Es gibt erstmalig eigene Kapitel zu Aerosolen und Wolken, zu Änderungen des Meeresspiegels, zum Kohlenstoffzyklus und zu kurz- und längerfristigen Projektionen.
Die vorgeschlagene Struktur des Arbeitsgruppe II-Berichtes hat sich gegenüber dem AR4 deutlich fortentwickelt: Das Inhaltverzeichnis weist eine bessere Integration der wissenschaftlichen Grundlagen von Klimaänderungen und ihrer Auswirkungen auf. Letztere sind breiter gefasst, Extrema und Katastrophen stärker berücksichtigt und Fragen der Anpassung besser integriert. Regionale Aspekte von Klimaänderungen finden eine umfassendere Behandlung in einem eigenen Teilband und die Ozeansysteme und sozialen Aspekte werden besser berücksichtigt.
Der Bericht der dritten Arbeitsgruppe zeigt wesentliche Verbesserungen im Vergleich zu AR4: Ein ganzes Kapitel wird den sozialen, ökonomischen und ethischen Aspekten des Klimawandels gewidmet, die hier übergreifend diskutiert werden sollen. Darüber hinaus wird den politischen, institutionellen und finanziellen Themen deutlich größere Bedeutung zugemessen. Auch im Arbeitsgruppe III-Bericht sollen regionale Aspekte stärker berücksichtigt werden, vor allem in Bezug auf Entwicklung.