Stand: Juni 2009
Zunehmende Durchschnittstemperaturen, vor allem milde Winter, begünstigen die Ausbreitung heimischer Infektionskrankheiten. Steigende Temperaturen sind förderlich für das Überleben von Vektoren, die Krankheitserreger auf den Menschen übertragen können. Zu den wichtigsten krankheitsübertragenden Vektoren im Zuge des Klimawandels gehören in Deutschland Zecken, Mücken und Nagetiere. Auch neue und teilweise gefährliche Krankheiten könnten in Deutschland heimisch werden. Treffen eingeschleppte Vektoren am Ankunftsort auf für sie passende Bedingungen, so können sie sich hier vermehren und die Verbreitung neuer Krankheiten befördern.
Die Schildzecke, auch Gemeiner Holzbock genannt, ist die häufigste in Deutschland anzutreffende Zecke. Seit einigen Jahren ist ein Anstieg der durch den Gemeinen Holzbock übertragenen Lyme-Borelliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) zu beobachten.
Der Gemeine Holzbock liebt es warm und feucht. Typische Lebensräume der Zecke sind hohes Gras und lichte Laubwälder mit Büschen, wo sie von Menschen oder Tieren als so genannte "Wegelagerer" von Blättern und Halmen abgestreift werden. Die häufig auftretende Meinung, dass sich Zecken von Bäumen oder Sträuchern auf Menschen oder Tiere herabfallen lassen, ist dagegen ein Irrglaube. Einmal auf einem menschlichen Körper angelangt, sucht sich die Zecke einen geeigneten Ort zum Blutsaugen, wie Achselhöhlen oder Kniekehlen. Milde Winter führen dazu, dass Zecken heute beinahe ganzjährlich aktiv sind.
Zecken ernähren sich von tierischem und menschlichem Blut. Dabei können sie Krankheitserreger, wie Viren, Bakterien und Protozoen, auf den Menschen übertragen, wenn sie diese zuvor bei einem infizierten Tier (Wirtstier) während ihrer Blutmahlzeit aufgenommen haben. In Europa sind das meist Nagetiere, Reh- und Rotwild, bei der FSME auch Vögel. Das Infektionsrisiko bei Lyme-Borreliose steigt mit der Dauer des Saugaktes. FSME wird in der Regel sofort mit dem Zeckenbiss übertragen. Zecken sind daher schnell und vollständig zu entfernen.
Die Lyme-Borreliose ist eine bakterielle Infektionskrankheit. Die Symptome sind sehr vielfältig. Nach einem Zeckenstich kann es an der Einstichstelle zu einer "Wanderröte" kommen. Sie tritt aber nicht bei allen infizierten Personen auf. Im weiteren Verlauf können Schmerzen, Hirnhautentzündung, Herzbeschwerden und im Spätstadium Gelenkentzündungen auftreten. Erkrankte Personen sind nicht ansteckend. Bei Verdacht auf Infektion ist umgehend der Hausarzt zu kontaktieren.
Die FSME ist eine virale Infektionskrankheit. Die meisten Infektionen verlaufen ohne Krankheitszeichen. In ca. 10 Prozent der Fälle treten Hirnhaut- und Gehirnentzündungen auf. Besonders bei älteren Menschen ist der Verlauf schwerer. Erkrankte Personen sind nicht ansteckend. Eine Therapie gibt es nicht, aber ein wirksamer Impfstoff steht zur Verfügung. Erkrankungsgipfel traten 2005 und 2006 auf. Insgesamt sind die Erkrankungszahlen weitaus geringer als bei der Lyme-Borreliose.
Weder bei der Lyme-Borreliose noch bei der Frühsommer-Meningoenzephalitis sind die Gründe für das beobachtete Ansteigen bzw. die Erkrankungsgipfel bekannt. Verbessertes Meldeverhalten der behandelnden Ärzte und gewachsene Aufmerksamkeit betroffener Personen sowie geändertes Freizeitverhalten können bedeutsam sein. Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass milde Winter die Überlebenschance sowie höhere Temperaturen und Feuchtigkeit allgemein die Lebensbedingungen für Zecken und Wirtstiere verbessert haben könnten.
Auf einem Expertensymposium im November 2008 hat das Bundesumweltministerium gemeinsam mit der Gesellschaft zur Förderung der Stechmückenbekämpfung e.V. die Gefahren einer Etablierung der Asiatischen Tigermücke erörtert. Sie ernährt sich wie die Zecke ebenfalls von Blut. Ihre Stiche sind im Vergleich zu den von heimischen Mücken schmerzhafter, jucken stärker und entzünden sich leichter. In ihrer feuchtwarmen Heimat ist sie als Überträger des gefährlichen Dengue-Fiebers und 20 weiterer Krankheiten gefürchtet. In Italien, Frankreich, Spanien und der Schweiz hat sich die Tigermücke bereits etabliert. In Italien kam es durch die Tigermücke bereits zu einem Ausbruch von Chikungunya-Fieber. Es erkrankten etwa 200 Personen mit Fieber, Kopf- und Gelenkschmerzen. Eine Ausbreitung der Tigermücke nach Deutschland ist bei weiterhin steigenden Temperaturen und verstärkten Starkniederschlägen nur eine Frage der Zeit.
Zunehmende Durchschnittstemperaturen, vor allem milde Winter, begünstigen auch das Überleben von Nagetieren. Von Interesse sind in den letzten Jahren die im Wald lebenden Rötelmäuse. Sie sind das Wirtstier für Hantaviren, die mit Speichel und Exkrementen ausgeschieden werden. Werden getrocknete Ausscheidungen beim Wandern oder auch bei Reinigungs- und Aufräumarbeiten aufgewirbelt, können die Krankheitserreger mit dem Staub eingeatmet werden. In Europa verursachen sie leichte bis schwere Nierenerkrankungen. Die meisten Infektionen bleiben aber unbemerkt oder verlaufen als fiebrige Erkrankung ohne auffällige Symptome. Eine spezifische Therapie oder Impfung gibt es noch nicht.
2007 traten besonders im Süden und Westen Deutschlands Krankheitshäufungen auf. Die Ausbrüche gingen mit einer ausgeprägten Zunahme der Population der Rötelmaus einher, begünstigt durch das reichliche Nahrungsangebot im Herbst 2006 und den darauf folgenden milden Winter. Der Virusnachweis bei vielen Rötelmäusen bestätigte einen hohen Durchseuchungsgrad.
Gegenwärtig weiß man noch wenig über die Verbreitung von krankheitsübertragenden Nagetieren und die Hantaviren, mit denen sie infiziert sind. Zur Aufklärung soll das interdisziplinäre Netzwerk Nagetierübertragene Pathogene beitragen. Darüber hinaus hat das Umweltbundesamt mit Mitteln aus dem Umweltforschungsplan des Bundesumweltministeriums im Jahr 2009 ein Vorhaben zur Gewinnung genauerer Informationen auf den Weg gebracht.