• Titel: Umwelt und Gesundheit – wir tun was!

  • Redner/in: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel
  • Anlass: BMU-DGB-Konferenz "Die soziale Dimension von Umwelt und Gesundheit - Perspektiven für gesunde Arbeits- und Lebenswelten"
  • Datum/Ort: 11.11.2008, dbb Forum, Berlin

Sehr geehrter Herr Hexel, sehr geehrte Frau Buntenbach, sehr geehrte Frau Weber-Mosdorf, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder der Einzelgewerkschaften des DGB, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich freue mich, gemeinsam mit dem DGB in dieser Veranstaltung ein Thema aufzugreifen, was uns allen sehr wichtig ist: Umwelt und Gesundheit.

Manche werden sich vielleicht fragen, warum gerade dieses Thema. Andere liegen doch viel näher: Die Schaffung von Arbeitsplätzen durch Umweltschutz – das Thema Ressourceneffizienz - unser Engagement für eine dritte industrielle Revolution usw. Im Vergleich dazu wirkt das Thema Gesundheit auf den ersten Blick viel weniger attraktiv – und wo ist eigentlich der Bezug zur Gewerkschaftsarbeit?

Wie viele von Ihnen vielleicht wissen, haben wir Themen wie "Gute Umwelt durch gute Arbeit" bereits in gemeinsamen Veranstaltungen und Initiativen mit den Gewerkschaften aufgegriffen. Wir wollen auf diese Weise deutlich machen, dass Umweltpolitik und gewerkschaftliches Engagement eine Menge Gemeinsamkeiten haben. Und diese Gemeinsamkeiten gehen über das Thema "Gute Umwelt durch gute Arbeit" hinaus. Sie finden ihre Basis darin, dass es der Umweltpolitik ebenso wie Gewerkschaftsarbeit um die Lebensqualität der Menschen in diesem Land geht.

Wir arbeiten dafür, dass es den Menschen gut geht. Jetzt und auch in Zukunft.

Lebensqualität hat dabei viel mit gesunder Luft, sauberem Wasser, einer intakten Natur und einer gesicherten Zukunft zu tun. Lebensqualität hat damit zu tun, dass unsere Arbeit und unsere Umwelt uns nicht krank machen. Lebensqualität hat damit zu tun, dass wir uns in unserer Haut wohl fühlen. Ohne Gesundheit wäre vieles in unserem Leben nichts wert.

Aus Gewerkschaftssicht ist das Thema Gesundheit und Krankheit traditionell mit dem Arbeitsschutz verbunden. Hier haben die Gewerkschaften sehr viel erreicht. Gute Arbeit ist sichere Arbeit – die Arbeitsbedingungen haben sich in Jahrzehnten, in denen die Gewerkschaften sich hier engagiert haben, enorm verbessert.

Auch für den Umweltschutz ist Gesundheit kein neues Thema. Ganz im Gegenteil. Klassische Bereiche der Umweltpolitik wie die Luftreinhaltung, der Lärmschutz, die Chemikalienpolitik, der Strahlenschutz und der Naturschutz tragen ebenso maßgeblich zum Gesundheitsschutz bei wie die relativ neuen Themen des Schutzes der Biodiversität und des Klimas.
Umweltschutz setzt dabei traditionell außerhalb des Arbeitsplatzes an. Arbeit darf die Menschen "draußen" - außerhalb der Betriebe und Unternehmen - nicht krank machen.

Dabei ist das eine ohne das andere nicht denkbar. Wenn Menschen an Arbeitsplätzen arbeiten, die sie krank machen, dann machen diese Arbeitsplätze in aller Regel auch andere krank – weil Schadstoffe emittiert werden oder Produkte erzeugt werden, die bedenkliche Inhaltsstoffe haben. Oder anders herum: Was nützt es den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, wenn zwar ihr Arbeitsplatz in Ordnung ist, aber sie zu Hause krank werden, weil ihr Betrieb oder andere Unternehmen die Umwelt zu stark belasten.

In jedem Fall gilt: Unser Gesundheitssystem zahlt die Zeche. Das heißt: Wir zahlen die Zeche. Wir die Allgemeinheit. Durch immer höhere Krankenversicherungsbeiträge zum Beispiel. Und – nicht zu vergessen – durch die Beschwerden und Erkrankungen, die wir erleiden.

Positiv formuliert heißt das aber auch: Umweltschutz leistet enorm viel für die Gesundheit der Menschen. Er hat dies in der Vergangenheit getan und er wird dies auch in Zukunft tun müssen, weil es trotz aller Fortschritte immer noch zahlreiche ungelöste Probleme gibt. Manchmal gerät das in Vergessenheit. Manchmal geht es in der öffentlichen Diskussion nur um – scheinbar – bedrohte Arbeitsplätze und – angebliche – Wettbewerbsnachteile für die deutsche Industrie. Manchmal geht es nur darum, dass eine bestimmte Lobby ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen versucht. Manchmal denken wir nicht darüber nach,

  • dass jede Art von Staub – gerade auch der Dieselruß - zu vielfältigen Atemwegserkrankungen bis hin zum Lungenkrebs führt,
  • dass unsere alltägliche Belastung mit unzähligen Chemikalien in Zusammenhang mit der wachsenden Zahl an Allergien, Störungen des Hormonhaushalts und zahlreichen anderen Erkrankungen gebracht wird,
  • dass wir erst jetzt – durch REACH - beginnen, systematisch die gesundheitlichen Auswirkungen von Chemikalien zu erfassen,
  • dass Lärm krank macht,
  • dass neue Krankheiten auf dem Vormarsch sein werden, wenn es uns nicht gelingt, den Klimawandel wirksam zu bekämpfen.

Als Willi Brandt 1961 forderte, der Himmel über der Ruhr müsse wieder blau werden, litten die Menschen unter jeder Art von Atemwegserkrankungen; in den 50er Jahren hatte sich die Lungenkrebsrate im Ruhrgebiet glatt verdoppelt. Vor lauter Rauchschwaden aus den Schornsteinen und Kaminen, die damals den wirtschaftlichen Aufschwung verdeutlichten, konnten die Menschen im Ruhrpott die Sonne kaum noch sehen. Ihre Lebenserwartung war deutlich geringer als in anderen Teilen des Landes. Inzwischen haben wir ähnliche Verhältnisse in China und anderen Ländern, die unsere industrielle Entwicklung nachzuholen versuchen.

Heute ist der Himmel über der Ruhr und über den anderen Ballungsräumen in Deutschland wieder blau. Wir haben enorm viel für die Gesundheit der Menschen erreicht. Und ganz nebenbei exportieren wir heute die Technologien, die maßgeblich zu diesen Verbesserungen geführt haben, erfolgreich in die ganze Welt.

Das nenne ich eine echte win-win-Situation. Wir haben nicht nur die Gesundheit der Menschen in diesem Land verbessert, sondern auch durch den Aufbau einer florierenden Umweltindustrie dafür gesorgt, dass die Menschen in diesem Land Lohn und Brot haben. Diese Umweltindustrie gibt wiederum Menschen in anderen Ländern die Chance, gesund zu leben.

Aber wir sind mit dem Thema „Umwelt und Gesundheit“ hier zu Hause noch nicht zu Ende. Sonst bräuchten wir zum Beispiel keine Luftreinhaltepläne, die uns die nicht allzu beliebten Umweltzonen bescheren. Die Staubbelastung ist zwar insgesamt – was die Gesamtmenge betrifft – zurückgegangen. Deshalb ist auch der Himmel über der Ruhr wieder blau geworden. Aber der Staub, der uns umgibt, ist wesentlich feiner geworden. Jede Art von Rußpartikel ist dabei gesundheitlich besonders bedenklich. Der Staub bleibt jetzt nicht mehr nur in den Atemwegen und der Lunge hängen. Er verbreitet sich im ganzen Körper. Überall. Wir finden ihn z.B. auch im Gehirn, was den Verdacht aufkommen ließ, er könne zur Entstehung von Alzheimer beitragen. Das ist auch eine Krankheit, die immer weiter auf dem Vormarsch ist.

Ich gebe Ihnen mal eine Größenordnung, die Ihnen verdeutlicht, was die Feinstaubbelastung gesundheitlich für uns bedeutet: Das Helmholtz-Zentrum in München, das sich schwerpunktmäßig mit Umwelt und Gesundheit befasst, hat ausgerechnet, dass die Feinstaubbelastung jeden von uns durchschnittlich 10 Monate seines Lebens kostet. Das ist eine Menge Zeit!

Ich nenne Ihnen ein anderes Beispiel, das heute in einem der Foren angesprochen werden wird: Lärm. Lärm macht krank. Nach Schätzungen des Umweltbundesamtes können rund 4000 Herzinfarkte im Jahr auf den Straßenverkehrslärm zurückgeführt werden. Eine andere Untersuchung des Umweltbundesamtes besagt, dass von nächtlichem Fluglärm Betroffene häufiger den Arzt aufsuchen müssen. Ihnen werden deutlich mehr Herz-Kreislauf-Medikamente sowie Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben. Weitere Studien besagen, dass Fluglärm das Risiko von Bluthochdruck erhöhen kann. Wir alle kennen Lärm. Wir alle sind ihm in unterschiedlichem Maße ausgesetzt. Wenn wir es uns leisten können, leben wir in lärmarmen Gegenden – an wenig befahrenen Straßen und in großer Entfernung von Flugschneisen. Aber nicht alle können das. Auch deshalb ist der Lärm nach wie vor ein großes Problem.

Und lassen Sie mich noch ein drittes Beispiel aus dem Bereich Chemikaliensicherheit erwähnen, der ebenfalls in einem der heutigen Foren thematisiert wird: Es besteht der Verdacht, dass bestimmte Chemikalien, die hormonähnlich wirken und von denen wir im Alltag in vielfältiger Form umgeben sind, dafür sorgen, dass immer mehr Paare ungewollt kinderlos bleiben. Jetzt mag man angesichts des rasanten Wachstums der Weltbevölkerung der Ansicht sein, dass dies im Weltmaßstab nicht unbedingt das größte Problem darstellt. So zynisch kann man aber nur sein, wenn man nicht weiß, wie viel Unzufriedenheit und Leid mit unerfüllten Kinderwünschen verbunden ist und wie sehr unsere Gesellschaft darauf angewiesen ist, dass wir mehr und nicht weniger Kinder bekommen.

Diese und andere Themen sind bei den Menschen in diesem Land angekommen. Sie machen sich Sorgen. Umfrageergebnissen zufolge sieht etwa ein Viertel der Deutschen für sich selbst immer noch eine starke Gesundheitsbelastung durch die schlechte Qualität der Umwelt. Die Einschätzung für künftige Generationen fällt noch ungünstiger aus. Laut einer Umfrage des Umweltbundesamtes aus 2006 befürchten sogar drei Viertel aller Deutschen, dass die Gesundheit ihrer Kinder und ihrer Enkelkinder durch Umweltfaktoren stark oder sogar sehr stark belastet sein wird.

Die Verbindung von Umwelt und Gesundheit ist offensichtlich ein Thema mit Zukunft.

Dabei will ich nicht verhehlen, dass viele Menschen auch durch unseriöse Schlagzeilen und Medienberichte verunsichert sind und sich Sorgen machen, wo keine wirklichen Gesundheitsrisiken bestehen. Und ich will auch nicht verhehlen, dass Gesundheit von vielen Faktoren abhängt, die wir selbst bestimmen können - zum Beispiel der Art wie wir uns ernähren, ob wir rauchen und wie viel wir uns bewegen. Aber reale Umweltbelastungen erzeugen reale Gesundheitsprobleme und dies will ich zukünftig stärker als bisher thematisieren.

Dabei wird es immer wieder darum gehen müssen, was uns unterlassener Umweltschutz kostet. In der Klimadebatte hat der Stern-Report diesbezüglich Maßstäbe gesetzt: Ein großer Beitrag dazu war der Report von Sir Nicholas Stern und seine Berechnung, dass uns unterlassener Klimaschutz bis zu 20 Prozent unseres Bruttosozialproduktes kosten könnte. Nicht-Handeln kostet also Substanz! Wirtschaft und Gesellschaft brauchen für Ihre Meinungsbildung das Wissen über die Kosten unterlassenen Umweltschutzes. Denn auch die Gegenseite argumentiert wirtschaftlich: Die Industrie behauptet, Umweltschutz sei nicht bezahlbar. Dabei gibt es genügend Untersuchungen, die belegen, dass regelmäßig mit völlig überzogenen Zahlen argumentiert wird. Es gibt auch genügend Untersuchungen, die belegen, dass die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland regelmäßig durch die Nähe zu neuen Märkten und niedrigere Lohnkosten motiviert ist und nicht durch strengere deutsche Umweltregelungen hervorgerufen wird. Wo also kommen die Kosten unterlassenen Umweltschutzes an? Bei uns allen. Und ganz besonders bei den kleinen Leuten.

Das führt mich zum Thema Umweltgerechtigkeit, das heute ebenfalls in einem der Foren erörtert werden wird. Hier geht um die soziale Verteilung gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen. Hier geht es um die Menschen, die den Gewerkschaften ebenso wie der Sozialdemokratie besonders am Herzen liegen. Wir alle wissen, dass Menschen die arm sind, häufiger erkranken und früher sterben. Weniger bekannt ist aber, dass Menschen mit einem niedrigen Sozialstatus tendenziell stärkeren Umweltbelastungen ausgesetzt sind als andere. Dies gilt vor allem für Belastungen durch Luftschadstoffe und Lärm. Dies gilt aber auch für bestimmte chemische Belastungen.

Wir müssen unsere Kenntnisse über diese Zusammenhänge noch verbessern. Deshalb hat das Bundesumweltministerium letzten Monat eine Fachtagung zu dieser Thematik organisiert, der weitere Veranstaltungen folgen werden. Aber schon jetzt wissen wir, dass in der Gesundheitsförderung, in der ökologischen Stadtgestaltung und in nachhaltiger Mobilität große Chancen für Maßnahmen bestehen, die die Lebensqualität und die soziale Integration gerade der wirtschaftlich schwächeren Teile unserer Bevölkerung verbessern. Wir wissen aber auch, dass wir unsere Informations- und Öffentlichkeitsarbeit verbessern müssen, um gerade diejenigen zu erreichen, die am stärksten durch Umweltfaktoren belastet sind. Sie brauchen dringender als andere Informationen darüber, wie man Risiken für sich selbst und für die Allgemeinheit vermeidet.

Dennoch wird der Umweltpolitik häufig vorgeworfen, sie benachteilige die sozial Schwächeren in diesem Land unverhältnismäßig hoch. Ihnen würden zum Beispiel zu hohe Kosten aufgebürdet. Diese Sichtweise greift zu kurz! Die gesundheitlichen Probleme, die durch umweltbelastende Produktions- und Konsummuster erzeugt werden, kommen gerade bei den kleinen Leuten an. Gerade sie sind mehr als andere belastet. In der öffentlichen Diskussion fehlt dieser Aspekt völlig.

In den USA wird das Thema Umweltgerechtigkeit übrigens mit sehr viel mehr politischem Nachdruck diskutiert. Dort sind die Benachteiligungen der sozial Schwachen auch wesentlich größer, weil die Gesellschaft dort wesentlich stärker polarisiert ist. Dass dies in Deutschland nicht der Fall ist, ist auch der Verdienst der Gewerkschaften, die es schon immer als Ihre Aufgabe begriffen haben, zu verhindern, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Die Gerechtigkeitsfrage war und ist für die Gewerkschaften deshalb von zentraler Bedeutung.

Meine Damen und Herren,

Umweltpolitik ist präventive Gesundheitspolitik. Eine konsequente und am Vorsorgeprinzip ausgerichtete Umweltpolitik dient uns allen. Jede Erkrankung, die vermieden wird, erspart nicht nur persönliches Leid, sondern auch Geld. Und wie wir alle wissen, wird unser Gesundheitssystem in Zukunft nicht mehr bezahlbar sein, wenn wir nicht mehr als bisher auf Prävention setzen.

Deshalb muss es darum gehen,

  • den gesundheitlichen Nutzen der Umweltpolitik stärker als bisher in den Vordergrund zu stellen.
  • Umweltpolitik in den Bereichen voranzutreiben, in denen der gesundheitliche Nutzen besonders hoch ist und
  • unklare Zusammenhänge zwischen Umwelt und Gesundheit weiter aufzuklären, um den Gesundheitsschutz zu verbessern.

Weil Umweltschutz in den Betrieben und Unternehmen anfängt, geht es uns darum, gemeinsam mit den Gewerkschaften das Thema Umwelt und Gesundheit voranzubringen. An der Schnittstelle zwischen Umwelt-, Gesundheits- und Sozialpolitik wollen wir das Verständnis für die Zusammenhänge erhöhen und gemeinsam dafür sorgen, dass es den Menschen in diesem Land gut geht und sie mit Zuversicht in die Zukunft blicken können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen interessante Diskussionen und einen lebhaften Austausch.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


Bundesumweltminister Sigmar Gabriel bei seiner Rede auf der gemeinsamen Konferenz \'Die soziale Dimension von Umwelt und Gesundheit\' des Bundesumweltministeriums und des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).Bundesumweltminister Sigmar Gabriel bei seiner Rede. (Foto: Thomas Köhler / photothek.net)
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