• Titel: 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt CBD

  • Untertitel: One Nature – One World – Our Future
  • Redner/in: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel
  • Anlass: Eröffnungsrede der 9. VSK
  • Datum/Ort: 19.05.2008, Bonn, Maritim Hotel

Sehr geehrter Herr Botschafter Magno,
Sehr geehrter Herr Exekutivsekretär Dr. Djoghlaf,
Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Dieckmann,
Sehr geehrter Herr Minister Uhlenberg,
Exzellenzen,
sehr geehrte Delegierte und Beobachter,
liebe Gäste,

Ich heiße Sie in Bonn, der Stadt der Vereinten Nationen, ganz herzlich zur neunten Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt willkommen. Lassen Sie uns zusammen arbeiten unter dem Motto "One Nature - One World - Our Future"! Mit Dank und großer Freude nehme ich ihr Vertrauen entgegen. Ich bin mir der großen Verantwortung meiner neuen Aufgabe sehr bewusst. Und ich brauche dazu die Unterstützung der gesamten CBD-Familie. Nehmen wir unsere Verpflichtungen gegenüber der CBD und dem 2010-Ziel ernst? Natürlich werde ich mich mit meiner ganzen Kraft dafür einsetzen, dass wir ehrgeizige Entscheidungen zur Erreichung unserer Ziele treffen. Aber allein wird mir das nicht gelingen; wir brauchen bei der CBD einstimmige Beschlüsse, die wir nur erreichen können, wenn wir einander zuhören, Flexibilität zeigen und nicht nur auf die Defizite der anderen verweisen, sondern auch deren Erfolge würdigen. Manchmal hilft es, wenn wir uns einfach einmal in die Lage unseres Gegenübers versetzen. Versuchen wir, den Standpunkt des anderen zu verstehen. Lassen Sie uns alles daran setzen, gemeinsame Positionen zu finden.

Deutschland übernimmt den Staffelstab des CBD-Vorsitzes von Brasilien, das uns vor zwei Jahren in Curitiba ein so exzellenter und warmherziger Gastgeber war. In diesen zwei Jahren wurde die CBD von Brasilien, von Marina Silva, umsichtig und mit größtem Engagement geführt. Mich hat der Rücktritt von Marina Silva sehr berührt. Ich glaube, dass es vielen Umweltministern in der Welt schlaflose Nächte bereitet, wie man eigentlich die völlig offenkundige Kluft zwischen dem, was gemacht werden muss und dem was getan wird, überwinden kann. Und es ist in der Tat eine Herkulesaufgabe, die Weltgemeinschaft insgesamt, aber auch jedes einzelne Land auf den richtigen Pfad der Nachhaltigkeit zu bringen. So wie es in meinem Land eine äußerst schwierige Aufgabe ist unsere gewachsene Chemie-, Energie- und Autoindustrie so zu organisieren, dass die ökologischen Grenzen insbesondere im Klimaschutz eingehalten werden, so fällt es anderen Ländern nicht leicht, ein Entwicklungsmodell zu verändern, dass seit Jahrzehnten auf der Umwandlung von Wald oder anderen Ökosystemen in Agarflächen beruht. Um das alles zu schaffen brauchen die Umweltminister in der ganzen Welt neben dem eigenen inneren Engagement viel Unterstützung. Von Regierungschefs, von anderen Fachministern - vor allem aber aus der Bevölkerung. Herr Botschafter, wir verstehen, dass der neu ernannte Minister, Carlos Minc, heute nicht an dieser Eröffnung der 9. Vertragsstaatenkonferenz teilnehmen kann, weil erst morgen seine Amtseinführung stattfindet. Bitte übermitteln Sie ihm unsere besten Wünsche. Wir sind überzeugt, dass er ein hervorragender Partner in unserer gemeinsamen Arbeit bis 2010 sein wird.

Meine Damen und Herren,

Die CBD ist nicht nur eine Naturschutz-Konvention. Sie ist sehr viel mehr als das. Es geht darum, wie wir auf der Erde leben wollen. Es geht um den Schutz der Natur, die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt und nicht zuletzt um den Zugang zu genetischen Ressourcen und die gerechte Beteiligung an den Vorteilen aus ihrer Nutzung - das so genannte "Access and Benefit Sharing", ABS. 16 Jahre nach Rio ist für das Leben auf der Erde ein entscheidender Punkt erreicht. Die Aussterbensrate von Arten ist hundert- bis tausendfach höher als die natürliche Aussterbensrate. Wir überfischen unsere Meere in solch einem Ausmaß, dass Fischbestände zusammenbrechen und im Jahr 2050 keine kommerzielle Fischerei mehr möglich sein wird! Die Wälder der Welt sind unter immensem Druck! Stellen Sie sich vor, dass die Welt jedes Jahr eine Urwaldfläche verliert, die dreimal so groß ist wie die Schweiz!

Meine Damen und Herren,

die Weltgemeinschaft hat 2002 in Johannesburg beschlossenen, den Verlust an biologischer Vielfalt bis 2010 entscheidend zu verringern. Um ehrlich zu sein: Dieses Ziel war schon nicht sehr hoch gesteckt. Die Wahrheit im Jahr 2008 ist: Wir sind immer noch auf dem falschen Weg. Wenn wir diesen Weg weiter gehen, ist absehbar, dass wir das Ziel nicht erreichen. In Johannesburg haben die Staats- und Regierungschefs auch ihr Engagement für die Einrichtung eines ABS-Regimes bekräftigt. Wenn mich jemand fragte, ob ich den Unterschriften von jetzt 191 Staaten unter einem Übereinkommen der Vereinten Nationen traue, dann würde ich sicher ja sagen. Ich sage aber auch, dass 16 Jahre nach dem Erdgipfel in Rio de Janeiro die Konvention über die biologische Vielfalt an einem Scheideweg steht. Wir müssen unbequeme Fragen beantworten: Produzieren wir weiterhin Berge von Papier mit wenig Inhalt, oder fangen wir an, unsere Verantwortung ernst zu nehmen? Die Zerstörung der biologischen Reichtümer der Welt ist nicht einzig eine Sorge von Naturromantikern. Sie betrifft vor allem das Leben der Ärmsten und die Grundlagen ihres Überlebens. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das ich von Pavan Sukhdev übernommen habe, der für uns eine Studie zum ökonomischen Wert der Biodiversität durchführt. 550 Millionen Inder sind unmittelbar von intakten Ökosystemen abhängig. Und wenn die Fischbestände zusammenbrächen, wie ich es eben ausgeführt habe, würde das eine Milliarde der ärmsten Menschen der Welt ihrer einzigen Proteinquelle berauben.

Ein amerikanischer Biologe hat die biologische Vielfalt einmal als das Handbuch für das Funktionieren unseres Planeten bezeichnet. Mit unserem Tun vernichten wir jeden Tag eine Seite dieses Handbuchs. Vielleicht sind einige davon weniger wichtig. Wenn wir jedoch so weitermachen, bedeutet dies, dass wir irgendwann das Wissen über entscheidende Vorgänge auf unserem Planeten verlieren. Wenn unsere Kinder auf das Handbuch zurückgreifen müssten, würden sie feststellen, dass ihre Eltern und Großeltern lebenswichtige Informationen vernichtet haben. Vor etwa 30 Jahren zerstörte ein aggressives Virus die komplette Reisernte von Indien bis Indonesien. Wissenschaftler untersuchten daraufhin 6273 Reisarten. Sie fanden eine einzige, die gegen das Virus resistent war. Stellen Sie sich die Katastrophe vor, wenn dies eine der Seiten gewesen wäre, die wir aus dem Handbuch der Erde herausgerissen haben.

Meine Damen und Herren,

Mein Land ist zuversichtlich, dass diese Konferenz ein Erfolg wird. Über 6000 Teilnehmer werden hier am Rhein über den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt und den gerechten Vorteilsausgleich debattieren. Unsere Verhandlungen werden von sehr vielen Bürgern in Bonn, in Deutschland und auf der ganzen Welt aufmerksam begleitet werden. Die Erwartungen der Öffentlichkeit an diese Konferenz sind hoch und ich hoffe, dass es uns gemeinsam gelingt, ihnen zu entsprechen. Ein wichtiger Aspekt sind Fortschritte beim Thema ABS, Access and Benefit Sharing. Die Entwicklungsländer bezeichnen es zu Recht als Biopiraterie, wenn Industrienationen sich im Regenwald genetischer Ressourcen unerlaubt bedienen, daraus Medikamente machen, aber keinen Cent zurückzahlen. Wir brauchen im Sinne des Access and Benefit-Sharing einen Vorteilsausgleich. Die Ursprungsländer - in denen übrigens der Großteil der Biodiversität beheimatet ist - wollen, dass sie etwas zurückbekommen. Wie groß am Ende der wirtschaftliche Gewinn ist, den es zu teilen gilt, das weiß ich nicht. Vielleicht ist er riesig, wenn es den Forschern auf der Welt beispielsweise gelänge, Medikamente gegen die großen Menschheitsgeißeln zu finden. Vielleicht ist es auch weniger, als mancher von uns derzeit hofft, wenn nämlich Forschung und Entwicklung uns nicht oder nicht so schnell mit solchen Innovationen dienen können. Aber um das finanzielle Volumen geht es aus meiner Sicht auch gar nicht vorrangig. Sondern es geht um das Prinzip. Die Industrieländer müssen anerkennen, dass die Erträge aus biologischen Ressourcen gefälligst auch mit denen zu teilen sind, die sie bis heute für die Menschheit bewahrt haben. Darüber reden wir. Ich setze alles daran, dass wir in diesem Bereich in den nächsten zwei Wochen und in den nächsten zwei Jahren unter unserem Vorsitz deutlich vorankommen. 2010 muss es dieses Regime geben. Hierzu müssen wir die Voraussetzungen schaffen. Dazu brauche ich als ihr neuer CBD-Präsident ein klares Bonner Mandat, das mir erlaubt die Verhandlungen in den nächsten zwei Jahren erfolgreich zu organisieren!

Wir brauchen auch dringend eine ehrliche Diskussion zur Verbesserung der Finanzierung des globalen Biodiversitätsschutzes. Wir machen es uns viel zu leicht, wenn wir einfach die Menschen in den Entwicklungsländern aufrufen, die Abholzung der tropischen Regenwälder oder die Zerstörung andere Ökosysteme zu stoppen. Wenn diese Menschen keine andere Möglichkeit haben zu überleben, werden sie dies auch weiterhin tun. Es ist nicht schwer zu benennen, was notwendig ist, um die biologische Vielfalt zu schützen. Es ist auch nicht schwierig aufzuzählen, was getan werden sollte, um die Entwicklung der regionalen Wirtschaft zu fördern. Der schwierige Teil ist, diese Anforderungen zusammenzubringen.

Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, müssen wir die Logik verändern, die der andauernden Zerstörung der Biodiversität zu Grunde liegt. So langer es einträglicher ist, Profit aus der Zerstörung der Natur zu ziehen als sie nachhaltig zu nutzen, haben wir keine Chance, die biologische Vielfalt zu erhalten!

Die Verabschiedung einer Strategie zur Mobilisierung finanzieller Ressourcen ist hierbei von größter Bedeutung. Ich habe für Deutschland bereits Maßnahmen eingeleitet. Ab diesem Jahr wird erstmals mit 40 Mio. Euro ein Teil der Erlöse aus der Versteigerung von CO2-Zertifikaten auch für die Erhaltung kohlenstoffspeichernder Ökosysteme wie etwa Wälder, Moore oder Savannen genutzt. Einen Teil der Mittel werden wir auch zur Anpassung von Lebensräumen an den Klimawandel einsetzen. Beim Globalen Schutzgebietsnetz brauchen wir trotz aller bereits erzielten Erfolge eine neue Dynamik. Hierzu biete ich die "LifeWeb Initiative" an - ein Instrument zur beschleunigten Umsetzung eines weltweiten Schutzgebietsnetzes an Land und auf dem Meer, das ich auf dem Ministersegment der Konferenz präsentieren werde.

Die Hohe See ist trotz des Zieles, bis 2012 ein weltweites Schutzgebietsnetz auf dem Meer zu errichten, völlig ungeschützt. Meeresschutzgebiete sind notwendig, damit sich Fischbestände erholen können. Wir wollen Kriterien für die Auswahl schutzwürdiger Meeresgebiete verabschieden. So stellen wir sicher, dass solche Schutzgebiete am Ende auch dort entstehen, wo sie ökologisch am meisten gebraucht werden.

Sehr verehrte Damen und Herren,

aus meiner Sicht sind der Klimawandel und der Verlust der biologischen Vielfalt die alarmierendsten Herausforderungen auf der globalen Agenda. In keinem anderen Bereich besteht international so dringender Handlungsbedarf. Darüber hinaus sind diese beiden Themen miteinander verknüpft. Denn die biologische Vielfalt hilft uns, das Klima zu schützen. Umgekehrt brauchen wir einen erfolgreichen Klimaschutz auch deshalb, weil sonst der Artenschwund noch schneller als jetzt voran schreiten wird: den Eisbären schmilzt das Eis unter den Pfoten weg, und ganze Regionen und ihre Lebensräume drohen zu vertrocknen. Das heißt auf den Punkt gebracht: Naturschutz ist Klimaschutz und Klimaschutz ist Naturschutz. Das bedeutet, dass wir die Instrumente des Klimaschutzes für den Naturschutz nutzbar machen müssen und umgekehrt.

Meine Damen und Herren,

wir haben die nächsten vierzehn Tage ein anspruchsvolles Programm zur Gestaltung der globalen Biodiversitätspolitik vor uns. Die Konferenz ist von unserer Seite in bester Kooperation mit dem CBD-Sekretariat in Montreal vorbereitet worden. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, unserem Exekutivsekretär Dr. Ahmed Djoghlaf herzlichst für sein unermüdliches Engagement und für die herausragende Leistung seines Teams zu danken.

Ich hoffe, dass die Arbeitsatmosphäre hier in Bonn dazu beiträgt, den weltweiten Schutz der biologischen Vielfalt um entscheidende Schritte voranzubringen. Ich wünsche uns allen hierfür gutes Gelingen, konstruktive wie spannende Diskussionen und ehrgeizige Beschlüsse am Ende dieser Konferenz! Die Ausrichtung einer solche UN-Konferenz ist für jedes Land eine gewaltige Herausforderung und mit großen Anstrengungen verbunden. Ich darf Ihnen aber auch sagen, dass es uns sehr stolz macht, Ihr Gastgeber zu sein und der Weltgemeinschaft als CBD-Präsidentschaft zu dienen. Ich verspreche Ihnen, dass wir dies in größter Fairness gegenüber allen Beteiligten tun werden - mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften!

Vielen Dank!