• Titel: Umweltrelevanz moderner Informations- und Kommunikationstechnologie

  • Untertitel: Schlüsseltechnologien einer ökologischen Industriepolitik
  • Redner/in: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel
  • Anlass: Jahreskonferenz "Klimaschutz und Ressourceneffizienz“
  • Datum/Ort: 14.02.2008, Bundespresseamt Berlin

Sehr geehrter Herr Jetter (Vorsitzender d. Geschäftsführung IBM Deutsch-land,Mitglied BITKOM Präsidium).
Meine sehr geehrten Damen und Herren,

aus mindestens zwei Gründen freue ich mich sehr, dass ich diese Konferenz, die BITKOM, das Umweltbundesamt und das Bundesumweltministerium gemeinsam organisieren, eröffnen kann.
Einerseits ist es immer noch nicht so ganz selbstverständlich, dass umweltpolitische Akteure zusammen mit Industrieverbänden lösungsorientierte Konferenzen auf hohem fachlichem Niveau ausrichten.

Und andererseits zeigt das heutige Programm, dass wir schon einiges zusammen erarbeitet haben und eine gute Grundlage für praktische Lösungen gelegt haben, die ökologische und ökonomische Vorteile für alle Beteiligten bringt. Auch ist dies hier nicht die erste Veranstaltung zu diesem Thema, die wir mit BITKOM gemeinsam ausrichten und es wird auch nicht die letzte sein.

Ich glaube, unsere Zusammenarbeit hat viel dazu beigetragen, dass wir heute nicht nur feststellen, dass die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) einen großen Beitrag zu Klimaschutz und Energieeffizienz leisten kann, sondern dass wir schon sehr detailliert darüber disku-tieren können, wie dieser Beitrag aussehen kann, welche Potenziale für Effizienzgewinne bestehen und wie die Umwelt, die Verbraucher und nicht zuletzt die Branche davon profitieren können. Dass wir hier kein Nischenthema behandeln, zeigt sich auch daran, dass "Green IT“ ein thematischer Schwerpunkt der diesjährigen CeBIT sein wird.

Und wie notwendig solche praktischen Lösungen sind, führt uns der Klimawandel und nicht zuletzt auch der wachsende Strombedarf allein des Internets fast täglich vor Augen. Eine Studie, die wir beim Borderstep Institut in Auftrag gegeben haben, geht davon aus, dass allein die rund 50.000 deutschen Rechenzentren im Jahr 2006 ca. 8,67 Terawattstunden Strom verbraucht haben. Die dadurch bedingten CO2-Emissionen entsprechen rund 5,6 Mio. Tonnen.

Ein weiteres Beispiel: Ein Unternehmen in dem beispielsweise 1000 Prozessoren laufen, sei es im firmeneigenen Rechenzentrum oder in Arbeitsplatz-PCs, verbraucht pro Jahr rund 6000 Megawattstunden Strom ungefähr soviel wie 200 durchschnittliche Familienhaushalte.

Handlungsbedarf

Die Fakten sind eindeutig. Die globale Temperatur steigt, die Weltbevölkerung nimmt zu, die Weltwirtschaft und das Internet erfassen jeden Winkel dieser Erde. Damit steigen der weltweite Energiehunger und - inzwischen auf breiter Front - die Energiepreise. Von 2000 bis heute hat sich der Ölpreis verdreifacht und der Gaspreis verdoppelt und wie jeder von uns weiß, steigen auch die Strompreise ständig.
Die anwesenden Experten wissen es, aber vielen, vor allem privaten Nutzern ist nicht bewusst, dass beispielsweise das Internet noch ein unbekannter, aber enorm wachsender Stromverbraucher ist, ein regelrechter "Stromfresser“. Denn die damit zusammenhängenden Netzinfrastrukturen gehören zu den am schnellsten wachsenden Stromverbrauchern.

Meine Damen und Herren,

dieser Trend ist auch klimapolitisch äußerst relevant. Bereits im Jahr 2004 entsprach der IKT-bezogene Stromverbrauch in Deutschland bereits über 28 Mio. Tonnen CO2. Damit lagen die Emissionen dieser Branche über denen des Luftverkehrs in Deutschland. Auch liegt der auf die IKT entfallende Strombedarf derzeit bei ca. 8 Prozent am gesamten Stromverbrauch der Endenergiesektoren. Allein der Stromverbrauch des Internets beläuft sich auf über zwei Prozent. Die fortschreitende Durchdringung des Alltags durch das Internet, besonders der Trend, ständig "online“ zu sein, lassen infolge des wachsenden Bestands an Geräten und Anwendungen und des Ausbaus der dafür notwendigen Infrastrukturen einen weiteren steigenden Stromverbrauch erwarten.

Auf der anderen Seite – und das müssen wir noch viel stärker nutzen - kann man mit moderner IKT auch Energie, Rohstoffe und Material ein-sparen. Videokonferenzen können Reisen und damit CO2-Emissionen überflüssig machen. Modernes und ressourceneffizientes Gebäudemanagement, das für die Verbesserung der Energie- und Rohstoffproduktivität in Deutschland eine sehr große Rolle spielt, ist ohne ITK nicht mehr denkbar.

Angesichts dieser aufgezeigten Chancen und Risiken ergeben sich mit Blick auf Klimaschutz und Ressourceneffizienz neue Herausforderungen für Unternehmen, Politik und Konsumenten. Deshalb wollen wir gemeinsam mit Ihnen überlegen, wie wir negative Trends stoppen und eine effiziente und klimafreundlichere Nutzung moderner IKT und beispielsweise des Internets erreichen können.

Warum uns Ressourceneffizienz wichtig ist.

Das Thema "Klimaschutz und Ressourceneffizienz“ ist für mich nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Verringerung des Stromverbrauchs und der damit zusammenhängenden klimaschädlichen Emissionen von zentraler Bedeutung. Ich bin überzeugt, dass man mit intelligenten IKT-Infrastrukturen und -Geräten einen enorm positiven Beitrag für den Schutz der Umwelt aber auch für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und damit auch für den Erhalt von Arbeitsplätzen leisten kann.

Meine Damen und Herren,

die Steigerung der Ressourceneffizienz ist ein Schwerpunktthema der gegenwärtigen Regierung und des Bundesumweltministeriums. Aus Umweltsicht geht es darum, immer knapper werdende natürliche Ressourcen, die unsere Lebensgrundlage bilden, durch die Steigerung der Ressourceneffizienz zu schützen und möglichst auf Dauer zu erhalten.

Für Sie als Hersteller und Nutzer von IT-Hardware und Software ist das Thema von großer Relevanz, weil sich der Kostendruck durch knapper werdende Ressourcen bzw. weiter steigende Stromkosten häufig direkt auf die Produktpreise, die Wettbewerbsfähigkeit und damit auch auf die Standortsicherheit und den Erhalt von Arbeitsplätzen auswirkt.

Unser gemeinsames Ziel sollte es deshalb sein, diese Herausforderungen in positive Synergien umzuwandeln, die die Ressourceneffizienz steigern, natürliche Ressourcen schützen, Kosten senken, Innovationen hervorbringen und Arbeitsplätze erhalten und neu schaffen. Um diese ökonomischen und ökologischen Herausforderungen zu meistern, brauchen wir neue technologische und organisatorische Lösungen.

Im Bundesumweltministerium haben wir für diese Zielsetzung jüngst den Begriff der ökologischen Industriepolitik in die Diskussion eingebracht. Das ist eine Industriepolitik, die es schafft, Umweltverschmutzung zu bekämpfen, den Energiebedarf zu begrenzen und ökologische Folgeschä-den der industriellen Produktion von vornherein zu mindern. Eine solche ökologische Industriepolitik leistet über ambitionierte Standards, innovative Produkte und Produktionsverfahren einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Modernisierung und zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Sie macht den Standort Deutschland fit für die Zukunft. Und die IKT-Branche spielt aufgrund ihrer Bedeutung für die Entwicklung ressourceneffizienter Produktionsverfahren, Produkte und Dienstleistungen hierbei eine zentrale Rolle.

Moderne Rechenzentren, die mit Hilfe von energieeffizienten Geräten, intelligenten Kühlungskonzepten und Virtualisierung, Strom äußerst effizient nutzen, sind hierfür ein gutes Beispiel. Und auch wenn die Geräte größtenteils nicht hier hergestellt werden, haben wir die Möglichkeit, durch die Nachfrage nach energie- und materialeffizienten Geräten das Angebot in unserem Sinne zu beeinflussen. Ein aktuelles Beispiel ist das immer besser werdende Angebot bei ressourceneffizienten Computerchips. Früher zählte in diesem Bereich nur die Leistung. Mit steigenden Energiepreisen, wird vor allem für Großkunden der Stromverbrauch ein wichtiges Thema. Da die Computerchips und ähnliche Komponenten durchaus noch in Europa und Deutschland entwickelt und hergestellt werden, sollten wir auch daran arbeiten, wie wir dieses technische Know-how erhalten und weiter ausbauen können.

Innovations- und Ressourceneffizienzpotenzial der IT-Branche

Meine Damen und Herren,

für das Bundesumweltministerium ist die Informations- und Kommunikationstechnik nicht nur als dynamisches Innovationsfeld und als eigenständiger Sektor relevant, sondern auch, weil sie als Querschnittstechnik alle Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche durchdringt. Die Relevanz der IKT mit Blick auf grüne Zukunftsmärkte und eine ökologische Industriepolitik zeigt sich sowohl an der steigenden wirtschaftlichen als auch an der zunehmenden umweltpolitischen Bedeutung. Während die Branche 1994 noch 4,7 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitrug, waren es 2005 bereits 6,8 Prozent.

Mit Blick auf Innovation und Ressourceneffizienz ist der Stromverbrauch ein zentraler Faktor. Bei der Betrachtung von Lebenszykluskosten der IKT-Produkte zeigt sich immer wieder die große Bedeutung der Senkung des Energieverbrauchs während der Nutzung. Der durch IKT verursachte Elektroenergieverbrauch betrug im Jahr 2001 rund 38 Terawattstunden (TWh). Das entsprach immerhin 7,1 Prozent des gesamten Elektroenergieverbrauchs im Jahr 2001 in Deutschland. Prognosen für das Jahr 2010 gehen von einer Zunahme auf 55 TWh aus.

Weiterhin zeigen Untersuchungen, dass der relevante Energieverbrauch in Zukunft nicht nur bei den Endgeräten, sondern vor allem in der IT-Infrastruktur liegen wird. Dabei gehören Server und Rechenzentren ("Büro-Infrastruktur“) zu den besonders stark wachsenden Stromverbrauchern innerhalb der Informations- und Kommunikationstechnik. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Anzahl installierter Server und Geräte von 2001 bis 2010 um 50% anwächst. Wenn sich dieser Trend wie bisher fortsetzt, dann werden ohne zusätzliche Effizienzanstrengungen der Stromverbrauch und die CO2- Emissionen von Rechenzentren in Deutschland bis 2010 um ca. 50 Prozent ansteigen.
Werden aber die heute bereits verfügbaren und bei Vorreitern bereits eingesetzten energieeffizienten Technologien auf breiter Front angewendet, könnten im Zeitraum von 2007 bis 2010 insgesamt ca. 20 Terawattstunden bzw. 13,5 Mio. t CO2 eingespart werden. Die Betreiber von Rechenzentren in Deutschland könnten auf diese Weise bis 2010 rund 2,5 Mrd. € an Stromkosten einsparen. Wesentliche Maßnahmen dabei sind der Einsatz energieeffizienter Geräte und intelligente Kühlungskonzepte der Rechenzentren.

Dabei handelt es sich überwiegend um leicht realisierbare Maßnahmen, die - gemessen an den üblichen Ersatzinvestitionen - keine oder nur geringe zusätzliche Investitionen erfordern.

Meine Damen und Herren,

es ist nicht nur eine Sache der Ökologie, sondern es gibt durchaus gute wirtschaftliche Gründe, die Energieeffizienz von Rechenzentren und IKT-Infrastrukturen zu verbessern. Wir versuchen Anreize hierfür zu setzen und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit über Ressourceneffizienz nachgedacht wird und diese sich noch stärker lohnt:

  • Gemeinsam mit BITKOM erarbeiten wir einen Leitfaden zu effizienten Rechenzentren und ergänzen diesen durch eine "Best-Practice"- Broschüre mit Beispielen u. a. aus dem Silikon Valley.
  • Wir arbeiten daran, Haushalte bzw. Privatkunden für das Thema zu sensibilisieren und unter dem Stichwort "Grüner Surfen" entwickeln wir Maßnahmen für Verbraucher mit hohem Umweltentlastungspotenzial. Gerne kooperieren wir dabei auch mit Anbietern auf dem deutschen Markt.
  • Zudem versuchen wir als Bundesumweltministerium vorbildlich zu handeln. Nicht ohne einen gewissen Stolz kann ich Ihnen berichten, dass wir im Bundesumweltministerium selbst am Aufbau einer energie- und materialeffizienten IKT-Infrastruktur arbeiten. In einem ersten Schritt haben wir in unserem Bonner Rechenzentrum durch die Optimierung von Anwendungen die Anzahl der Server von 66 auf 24 verringert und diese dann durch modernere Geräte ausgetauscht. Dadurch können wir den Stromverbrauch voraussichtlich um rund 60.000 Kilowattstunden pro Jahr reduzieren, was einer Einsparung von ca. 40 Prozent bzw. rund 40 Tonnen CO2 pro Jahr entspricht.
  • Unsere Videokonferenzanlagen sind zu fast 100% ausgebucht.
  • In einem kleinen Gemeinschaftsprojekt mit BITKOM ermitteln wir weiteres Optimierungspotenzial für unsere IKT.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns eine erfolgreiche Tagung und spannende Diskussionen.
Vielen Dank!

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