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Archiv 16. Legislaturperiode
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel
Stand: 31. Oktober 2007
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Titel: Ressourceneffizienz - Strategie für eine ökologische Industriepolitik
- Redner/in: Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Sigmar Gabriel
- Anlass: Zweite Innovationskonferenz des BMU
- Datum/Ort: 31.10.2007, dbb-Forum, Berlin
- Es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her, dass wir uns - jedenfalls etliche von Ihnen - an diesem Ort zu unserer 1. Innovationskonferenz getroffen hatten - "Leitmärkte der Zukunft". Worum ging es damals? Es ging darum, deutlich zu machen, dass sich mit den großen ökologischen Herausforderungen, vor denen wir stehen, dem Klimawandel, der sich im globalen Maßstab ausbreitenden Umweltverschmutzung und dem Verlust an Biodiversität, auch Chancen verbinden: wirtschaftliche Chancen für Deutschland.
Wir müssen auf die ökologische Frage eine ökonomische Antwort geben. Und umgekehrt: Die großen ökonomische Frage mit denen wir konfrontiert sind - eine veränderte internationale Arbeitsteilung, neue Wettbewerber, wachsende Nachfrage, begrenzte Ressourcen, ansteigende Rohstoffpreise - müssen wir ökologisch beantworten. Nur umweltverträglich lassen sich diese Bedarfe befriedigen. Wenn wir das ökonomische Knappheitsprinzip mit dem ökologischen Prinzip des schonenden Umgangs mit Ressourcen verbinden, erschließen wir die Leitmärkte der Zukunft.
Das haben wir vor einem Jahr hier im dbb-Forum diskutiert und die Potentiale ausgelotet, die in vier wichtigen Zukunftsmärkten liegen: in der Mobilität, der Energieerzeugung, den Lebenswissenschaften und den Effizienztechnologien.
Um diese Potentiale zu erschließen - das war damals die These, die ich vertreten habe - müssen wir die Umweltpolitik so weiterentwickeln, dass sie Innovationen vorantreibt. Wir brauchen eine innovationsorientierte Umweltpolitik als eine intelligente Form der Wirtschaftspolitik, eingebettet in eine ökologische Industriepolitik. In einem Memorandum hatten wir diese Überlegungen konzeptionell aufbereitet.
Meine Damen und Herren,
im vergangenen Jahr ist viel passiert. Wir wollen heute nach vorne schauen, und sitzen nicht in einer Bilanzpressekonferenz. Ich will mir deshalb eine ausführliche Rückschau sparen. Nur soviel: Dass Bewusstsein dafür, dass Umweltschutz kein Widerspruch zu wirtschaftlicher Entwicklung ist, sondern geradezu zur Voraussetzung für ökonomischen Erfolg und für eine nachhaltige Entwicklung wird, hat sich inzwischen weit über den Kreis der üblichen Verdächtigen hinaus in der Gesellschaft und in der Wirtschaft herumgesprochen. In einem für mich wirklich überraschenden Tempo. Nicht nur bei uns, auch in der EU und in der USA. Besonders freue ich mich, dass die Europäische Kommission und Günter Verheugen, jetzt einen Aktionsplan für eine "nachhaltige Industriepolitik" entwickeln.
Das zeigt, dass inzwischen wirklich einiges in Bewegung geraten ist. Dazu hat in einer nicht zu unterschätzenden Weise der Stern-Bericht beigetragen. Sie wissen: der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank taxierte die ökonomischen Kosten für unterlassenen Klimaschutz auf 5 bis 20 % des Weltsozialproduktes. Im schlechtesten Falle also auf etwa 6 Billionen Euro pro Jahr. Das ist etwa das Doppelte des deutschen Bruttoinlandsproduktes. Das hat viele überzeugt.
Wenn Sie die Wirtschaftspresse der vergangenen Monate verfolgt haben, wird ihnen nicht entgangen sein, dass es kaum ein relevantes Medium gibt, das den grünen Märkten nicht einen hohen Stellenwert eingeräumt hat. Umwelttechnik - made in Germany hat eine Aufmerksamkeit wie kaum zuvor. Und die Special Issues von Wirtschaftswoche oder Economist tragen dem Rechnung. Denn gerade deutsche Unternehmen sind in vielen wichtigen umwelttechnologischen Zukunftstechnologien Markt- und Technologieführer. In einem Umwelttechnikatlas hat das Bundesumweltministerium die Branche bei uns mal von den Unternehmensberatern von Roland Berger kartografieren lassen. Sie finden das Buch zur Ansicht auch draußen im Foyer. Es lohnt den Blick.
Meine Damen und Herren,
es ist einiges in Bewegung geraten. Aber wir wollen noch mehr bewegen und wir müssen mehr bewegen. Deshalb sind Sie, deshalb sind wir heute hier.
Mit unserer zweiten Innovationskonferenz wollen wir anknüpfen an unsere Debatte vor einem Jahr und wir wollen Sie in einem sehr wichtigen Punkt vertiefen und konkretisieren: Beim Thema Ressourceneffizienz. Der effiziente Umgang mit Energie und Material ist das zentrale Element einer ökologischen Industriepolitik. Wir streben eine signifikante Steigerung der Energie- und Materialeffizienz an. Das ist unsere Antwort auf die gegenwärtigen und zukünftigen ökologischen und ökonomischen Herausforderungen eines Industrielandes wie Deutschland.
Sie wissen es besser als ich: Die Preise für Energie und für etliche Rohstoffe steigen unaufhörlich. Oder aber wir erleben ein und kaum noch nachzuvollziehendes Auf und Ab des Preises, was für die wirtschaftliche Kalkulation mindestens eine ebensolche Herausforderung ist. Beim Kupfer haben wir Preissteigerungen von Januar bis April dieses Jahres von 45%. Nach Schätzungen von Analysten dürfte allein China in 2007 den Kupferverbrauch um 12% gesteigert haben. Der globale Nickelverbrauch ist um 30% gestiegen, die Produktionskosten haben sich seit 2000 verdreifacht.
Insgesamt sind die Weltmarktpreise für importierte Rohstoffe im Euro-Raum zwischen den Jahren 2000 und 2005 um 81 Prozent gestiegen. Besonders deutlich waren die Preissteigerungen auch bei unterschiedlichen Stahlarten, die sich allein im Jahr 2004 zwischen 40 und 60 Prozent verteuerten. Und auch die Energiepreise sind explodiert. Aber wir gehen mit Energie weiter so um, als ob sie nichts kostet. Allein die Leerlaufverluste durch stand-by Betriebe von Privathaushalten und Büros summieren sich jährlich auf insgesamt rund vier Milliarden Euro. Dies entspricht rund 22 Milliarden Kilowattstunden - mehr als die Städte Berlin und Hamburg zusammen verbrauchen oder zwei Großkraftwerke wie die Kernkraftwerke Brokdorf und Biblis-A pro Jahr produzieren - jedenfalls dann, wenn sie mal am Netz sind.
Über 40 Prozent der Kosten im Produzierenden Gewerbe in Deutschland sind heutzutage Materialkosten. Die Lohnkosten liegen deutlich unter 25 Prozent! Ich sage das, weil es auf ein Missverhältnis hinweist: Wir tun in der öffentlichen Debatte so, als ob Löhne und Lohnnebenkosten, Beschäftigte und Sozialleistungen die einzigen Stellschrauben in globalen Preis- und Standortwettbewerb sind. In Wahrheit gibt es noch viele andere Hebel, die Produktivität der Industrieproduktion in Deutschland zu steigern: beim Umgang mit Rohstoffen und mit Energie. In der Automobilbranche machen die Materialkosten mehr als die Hälfte aus.
Fazit: Unser Umgang mit den Energie und Rohstoffen ist noch nicht ökonomisch genug!
Meine Damen und Herren,
derzeit verbraucht ein Viertel der Weltbevölkerung, die Menschen in den Industrieländern, rund 80 Prozent der produzierten Energie und Rohstoffe. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Mitteleuropäern an natürlichen Ressourcen ist rund 10 mal höher als der von Afrikanern oder Vietnamesen. Und der steigende Rohölpreis macht schon heute die wirtschaftliche Entwicklung in ärmeren Ländern zunehmend unmöglich, da Rohölimporte dort bis zu 80 % der Devisen kosten. Die Ölpreissteigerungen des Jahres 2004 fraßen bereits die Summe der geleisteten Entwicklungshilfe auf. Das ist unmoralisch und nicht gerecht.
Fazit: Unser Umgang mit den Ressourcen ist oft nicht sozial.
Dass unser gegenwärtiger Verbrauch und die gegenwärtige Erzeugung von Energie eine wesentliche Quelle für den Klimawandel ist, das wissen inzwischen die meisten Menschen. Die vergangenen Monate waren davon glücklicherweise davon geprägt, dass dem Reden endlich Taten folgen: Die Beschlüsse von Meseberg, Beschlüsse des Europäischen Rates im März 2007 und der Gipfel in Heiligendamm sind wichtige Wegmarkierungen. Aber die Herausforderung bleibt und sie wird noch größer. Der Aufwuchs des Internets hat beispielsweise zu einem dramatischen Anstieg der Energienachfrage geführt. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass im Jahr 2006 die rund 50.000 Rechenzentren in Deutschland rund 8.67 Terawattstunden Strom verbrauchten. Das entspricht einer Jahresstromproduktion von drei mittelgroßen Kohlekraft-werken! Wenn wir nichts tun, wird bei dem gegenwärtigen Wachstums-trend der Strombedarf der deutschen Rechenzentren bereits bis 2010 um rund 50 % auf dann über 11 Terawattstunden ansteigen.
Die klimatischen Folgen unseres herrschenden Umgangs mit Energie und Rohstoffen beginnen die Menschen zu erahnen. Aber viele andere ökologische Folgen sind noch außerhalb des gesellschaftlichen Bewusstseins. Zu dem tatsächlichen "Verbrauch" beispielsweise von Nahrungsmitteln, Verpackungen oder Konsumgütern ist der Verbrauch an Ressourcen zu rechnen, der während des Produktionsprozesses und eventuell bei der Entsorgung anfällt. Dieser Faktor wird auch "ökologischer Rucksack" genannt. Und diese Rucksäcke können sehr schwer sein. Für einen Goldring von 10 Gramm Gewicht werden durchschnittlich 3,5 Tonnen Erdreich bewegt. Um 1 Tonne reinen Kupfers aus dem Gestein zu gewinnen, benötigt man einen Energieeinsatz von 14.000 bis 28.000 kWh, so viel verbraucht ein Zweipersonenhalt in Deutschland über einen Zeitraum von 4 bis 8 Jahren.
Fazit: Unser Umgang mit den Ressourcen ist alles andere als ökologisch.
Meine Damen und Herren,
In der Ressourcenfrage haben sich ökonomische, soziale und ökologische Aspekte untrennbar ineinander verwoben. Die Kapazität unseres Planeten zur Bereitstellung von Energie, Lebensmitteln, sauberer Luft und Fläche ist begrenzt. Wenn wir - was sicher unser aller Wunsch ist - sicherstellen wollen, dass die wachsende Weltbevölkerung und zukünftige Generationen eine insgesamt ausreichend gute Lebensqualität haben, können wir unsere Rohstoffverschwendung und traditionelle Nutzungsgewohnheiten nicht aufrechterhalten.
Mehr Menschen wollen und müssen am Wohlstand teilhaben.
- Heute beherbergt die Erde 6 Milliarden Menschen, 2050 bereits 9 Milliarden.
- Die Schwellenländer industrialisieren sich in atemberaubendem Tempo. Sie brauchen für ihre Entwicklung Energie und Rohstoffe.
- Erstmals in der Geschichte der Menschheit leben heute mehr als die Hälfte der Menschen in Städten. 2020 werden es bereits 60 Prozent sein.
- Heute leben 1,4 Milliarden Menschen in Industriegesellschaften, 2050 werden es 4 Milliarden sein,
- Die internationale Investmentbank Goldman Sachs rechnet in den so genannten BRIC-Staaten - also Brasilien, Russland, Indien und China - mit einer Verdopplung der kaufkräftigen Mittelschichten bereits in den kommenden drei Jahren. Bis 2050 wird die Mittelschicht in den BRIC-Staaten von heute weniger als einer halbe Milliarde Menschen auf über 3 Milliarden angewachsen sein.
Anrede,
Das vermittelt uns eine Ahnung über die Entwicklung der "Nachfrage" nach Ressourcen, die oft heute bereits knapp sind. Wir brauchen eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch. Wenn uns diese Abkopplung nicht gelingt, gerät nicht nur der Planet an den Rand seiner physischen Auszehrung. Dann gerät auch die Basis der industriellen Produktion von Gütern schnell an ihre Grenzen.
Die gute Nachricht ist, dass diese Entkopplung ökonomisch sinnvoll und machbar ist.
Modellbetrachtungen für Deutschland zeigen, dass eine Steigerung der Energie- und Materialeffizienz in der deutschen Wirtschaft um 20 Prozent sogar kurzfristig gelingen kann. Und diese Effizienzsteigerung geht bei normaler Lohnniveauentwicklung, so hat es die Kathy Bays Stiftung errechnen lassen, mit der Schaffung von bis zu 760.000 Arbeitsplätzen einher.
Aber um diese Potentiale zu erschließen brauchen wir eine konsistente und konsequente Strategie und dürfen die Dinge nicht einfach Laufen lassen. Wir haben unsere Tagung daher auch unter das Thema "Strategie Ressourceneffizienz" gestellt. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen gemeinsam aber auch jede und jeder für sich zu mehr Ressourceneffizienz beiragen. So können wir diese Strategie zum Erfolg führen.
Gerade in den Unternehmen gibt es erhebliche Potentiale für Effizienzsteigerungen. Und das Interessante ist, dass es oft gar keiner großen Veränderungen bedarf um diese Potentiale zu realisieren. Mit modernen Lackierverfahren und wasserbasierten Lacken lassen sich Lösemittel und die Frischwasser einsparen und gleichzeitig die Menge des aufwändig und teuer zu entsorgenden Sondermülls reduzieren. Es gibt Beispiele, wo eine einmalige Investition von 13.500 Euro zu einer jährlichen Kostenersparnis von 24.000 Euro geführt hat.
Manchmal ist der Aufwand etwas umfassender und es bedarf auch finanzieller Investitionen. Das ist aber Geld, das sich rechnet. Viel wäre bereits gewonnen, wenn der Stand der Technik flächendeckend zur Anwendung käme. Denken Sie an die Umwälzpumpen. Herkömmliche Pumpen in Heizungsanlagen setzen nur etwa 10 bis 15% der elektrischen Energie in Pumpleistung um. Seit kurzem gibt es optimierte Umwälzpumpen, die mit einer um ca. 70 % geringeren Leistungsaufnahme die gleiche hydraulische Förderleistung erbringen. Das Potential für Einsparungen im privaten und gewerblichen Bereich ist enorm - nicht nur Euros, auch CO2.
Die internationale Energieagentur schätzt, dass in der Fertigungsindustrie weltweit 18-26 Prozent Effizienzsteigerungen möglich sind. Würde dieses Potential ausgeschöpft, käme das bereits einer Einsparung des Gesamtenergieverbrauchs von fünf bis sieben Prozent gleich und könnte die weltweiten Kohlendioxidemissionen um acht bis zwölf Prozent senken.
Und wenn Sie sich an mein Beispiel mit den Rechenzentren erinnern, kann ich Ihnen auch hier eine gute Nachricht überbringen: aktuelle Berechnungen zeigen, dass wir den Strombedarf von Rechenzentren trotz Wachstum der Branche unter den heutigen Bedarf senken könnten, wenn die schon heute verfügbaren Effizienztechnologien auf breiter Front angewendet würden.
Anrede,
Wir haben das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie gebeten, uns einmal zusammenzustellen, wo sie in der Wirtschaft welches Potential sehen. Welche Rolle technologische Aspekte spielen und was mit organisatorischen und institutionellen Veränderungen zu erreichen ist. Mit Instrumenten, die vielen von ihnen z.B. ohnehin aus der Managementliteratur bekannt sind - nur das dort eben bisher die Ressourceneffizienz und der Verbrauch von Wasser, Energie und Rohstoffen keine wirkliche Rolle spielte.
Das Ergebnis dieser Recherche des Wuppertal-Instituts ist mit eingeflossen in das Papier, das Sie in ihren Unterlagen finden und das wir für diese Konferenz erstellt haben. Sie werden da einen ganzen Strauß von möglichen Stellschrauben finden. Und jene von Ihnen, die in betriebli-cher Verantwortung stehen werden da hoffentlich auch ein paar Impulse und Anregungen bekommen, im Betrieb mal gründlicher nachzuschauen.
Es gibt da natürlich keine Patentrezepte. Das Potential variiert im Einzelfall und muss die konkreten betrieblichen Rahmenbedingungen ebenso in Rechnung stellen wie das konkrete Marktumfeld. Aber die Studie gibt doch ein paar wertvolle, neue Hinweise. Die identifizierten Stellschrauben reichen von der Rohstoff- und Werkstoffauswahl, über die Produktionsprozessoptimierung, das Design von Produkten, die größtenteils wieder verwertbar sind bis hin zur verstärkten Forschung und Entwicklung von Effizienztechnologien.
Meine Damen und Herren,
Ich möchte ausdrücklich anerkennen, dass in der Industrie schon Anstrengungen - insbesondere bei der Verbesserung der Energieeffizienz von Produkten und Produktionsprozessen - unternommen und wesentliche Effizienzgewinne realisiert wurden. Trotzdem werden insgesamt die Potenziale zur weiteren Steigerung der Ressourceneffizienz als Faktor der Kostenersparnis noch zu wenig beachtet. Das Handeln hinkt - wie so oft - der Einsicht oft hinterher.
Wir wissen zum Beispiel, dass im Bereich der Metallbranche bei einem Materialeinsatz im Wert von 18,6 Mrd Euro (im Jahr 2002) sich bis zu 0,8 - 1,5 Mrd. € einsparen ließen. Im Elektrogeräte- und -anlagenbau mit einem Materialeinsatz im Wert 10,2 Mrd. € sind es sogar 1,5 - 3 Mrd. € pro Jahr.
Da müssen wir ran. Aber es geht dabei nicht nur ums Sparen, sondern auch darum, ressourcenleichter zu produzieren und die wirtschaftliche, soziale und ökologische Gesamtbilanz zu optimieren. Wir müssen den "ökologischen Rucksack" unserer Wirtschaftsweise abschichten. Wer zu einer langen Reise aufbricht, sollte das mit möglichst wenig Ballast tun.
Dämmstoffe werden zum Beispiel angesichts hoher Energiepreise gerade in unseren Breiten eine wachsende Nachfrage erfahren. Das ist gut, denn es spart Energie und schützt das Klima. Aber Dämmstoffe können nicht nur aus relativ energie- und rohstoffintensivem Material wie Mineralwolle hergestellt werden, sondern auch aus Abfallprodukten wie Holzspänen. Durch intelligente Lösungen kann bei Dämmstoffen aus Holz ein Faktor 4 an Energie- und Materialeffizienz erreicht werden, ohne dass baurechtliche Sicherheitsvorschriften verletzt werden. Das Beispiel zeigt, dass wir komplex denken müssen und dass wir umfassende Ansätze brauchen, die ökonomisches und ökologisches Denken integrieren.
Hohes Potential liegt im Design der Produkte und auch im Schließen von Materialkreisläufen. Eine neuere Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft zur "gesamtwirtschaftlichen Bedeutung von Sekundärrohstoffen" präsentiert einige beeindruckende Zahlen über die finanziellen Größenordnungen der bestehenden Einsparpotenziale. Das Institut hat eine Kostenersparnis durch Recycling und Wiederverwertung von insgesamt 3,7 Mrd. Euro allein im Jahr 2005 für die Verwendung von so genannten Sekundärrohstoffen errechnet. Dieser Wertschöpfungseffekt geht übrigens mit einem direkten Beschäftigungseffekt von rund 60.000 Arbeitsplätzen einher!
Meine Damen und Herren,
die Wirtschaft und die Unternehmen sind gefordert. Aber natürlich muss auch die Politik dazu beitragen, dass wir Innovationen fördern und dass wir die vorhandenen und neuen technischen Möglichkeiten schneller in die Anwendung bekommen. Das ist eine Frage der Rahmenbedingungen und von staatlicher Unterstützung.
Wir brauchen eine Effizienzrevolution, und wer eine Revolution will, darf sich nicht auf die Evolution verlassen - und auch nicht auf den Markt alleine.
Meine Damen und Herren,
Im Rahmen einer ökologischen Industriepolitik wollen wir mit einer integrierten Ressourceneffizienzpolitik dazu beitragen.
Was heißt das konkret?
Wir haben uns wichtige Ziele gesetzt: In der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung haben wir uns darauf verständigt die Energie und Rohstoffeffizienz bis 2020 zu verdoppeln (gemessen am Basisjahr 1990 bzw. 1994). Im Augenblick sieht es allerdings so aus, dass wir dieses Ziel nicht erreichen. Das BMU entwickelt deshalb zurzeit ein mehrjähriges Aktionsprogramm zur Steigerung der Ressourceneffizienz.
Im März dieses Jahres haben wir das Netzwerk Ressourceneffizienz gegründet. Das im Aufbau befindliche Netzwerk soll für eine ökologisch ausgerichtete Industriepolitik die dafür wichtigen Akteure und Aktivitäten zur Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz in Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Gruppen in einem Kompetenzverbund zusammenführen und bündeln. Viele von Ihnen sind heute hier. Ihnen möchte ich an dieser Stelle für ihre Bereitschaft zur Mitarbeit danken.
Das Netzwerk verfolgt über die direkte Einbindung von Unternehmen und Verbänden einen "Bottom-Up"-Ansatz, um in der Praxis neue Ideen zu initiieren und mit konkreten Schritten zu verwirklichen. Unser Ziel ist es, so eine große Informationsplattform zu schaffen, die allen Interessierten oder Betroffenen praktische Tipps gibt, wie man Ressourceneffizienz im privaten und gewerblichen Bereich verbessern kann, welche technologischen und organisatorischen Möglichkeiten es gibt. Gleichzeitig wollen wir das Netzwerk nutzen, um mit Ihnen, den Unternehmen, Verbänden und Verbrauchern im Gespräch zu bleiben, um zu erfahren, wie wir die Rahmenbedingungen gestalten müssen, damit wir die bestehenden Effizienzpotenziale so gut wie möglich heben können.
Meine Damen und Herren,
Politik und Wirtschaft sind gefordert - aber natürlich auch die Gesellschaft als Ganzes und die Menschen als Verbraucher. Die millionenfachen, täglichen Entscheidungen am Markt geben letztlich die wichtigsten und entscheidendsten Impulse.
Sparsamkeit ist eine Tugend. Geiz nicht. Allemal dann nicht, wenn er dazu führt, dass in Baumärkten oder anderswo Produkte aus dem Ausland angeboten werden, die nicht einmal die gesetzlich festgelegten Effizienzstandards einhalten. Ein ressourcenbewusstes Konsumieren und ein innovationsförderndes Einkaufsverhalten sind auch deshalb wichtig, weil uns in vielen Fällen, politische nationale Alleingänge verweht sind und wir Recht nur europäisch setzen können.
Das heißt nicht, mit dem Finger auf die Konsumenten zu zeigen und auf Sie Verantwortung abzuwälzen. Nein, wir müssen überlegen, wie wir das Thema der Ressourceneffizienz besser kommunizieren und deutlich machen, dass sich ökoeffiziente Produkte rechnen - für jede und jeden einzelnen. Bis zu 1.000 Euro, so haben Studien im Auftrag der Europäi-schen Kommission ergeben, kann ein durchschnittlicher Haushalt in der EU sparen, wenn effizienter mit Energie umgegangen wird.
Aber Erhebungen zeigen eben auch, dass sich ressourceneffiziente und umweltverträgliche Produkte schlecht verkaufen, wenn sie in der Anwendung weniger praktisch sind als herkömmliche Produkte oder wenn sie teurer sind. Welche Anreize können wir also den Verbrauchern zum Kauf von ressourceneffizienteren Produkten gegeben? Wie schaffen wir es Ressourceneffizienz als modernen, positiven Begriff und als eine Chance für eine gute Zukunft zu propagieren statt auf moralisch begrün-dete Verzichtsappelle zurückgreifen zu müssen? Und wir kann auch der Staat als Konsument und Nachfrager dazu beitragen, ressourceneffiziente Produkte zu fördern. Die Verwaltung in Deutschland durch die Beschaffung ressourceneffizienter Produkte ein Motor für Innovation sein - das mag vielen eine abwegige Vorstellung sein. Ich finde das eine gute Vorstellung. Im Rahmen des im Sommer beschlossenen integrierten Energie- und Energieprogramms arbeiten deshalb an der Entwicklung von Leitlinien für die Beschaffung besonders umweltfreundlicher (weil energieeffizienter) Produkte und Dienstleistungen.
Außerdem setzen wir uns auf europäischer Ebene für die die unverzügliche Festlegung von ambitionierten Effizienzstandards für Geräte und Produkte in der Ökodesign-Richtlinie ein, die unserer Meinung auch regelmäßig nach oben angepasst werden müssen.
Um all das soll es heute gehen. Sie finden viele der angesprochenen Punkte auch noch mal in den zusammenfassenden Thesen unseres Ar-beitspapiers in ihren Unterlagen. Ich freue mich sehr, dass Sie so zahlreich erschienen sind - trotz des Feiertages in vielen Bundesländern.
Meine Damen und Herren,
wir haben interessante Referenten und Referentinnen gewonnen, die mit uns gemeinsam diskutieren wollen. Ihnen herzlichen Dank. Ich würde mich freuen, wenn von der Veranstaltung heute das Thema Ressouceneffizienz neue Impulse bekommt und nicht mehr nur ein Thema der Umweltpolitik bleibt. Und wenn dabei deutlich wird, das es dabei nicht nur um die Energieeffizienz geht, sondern auch um Material und Rohstoffe.
Eine Zukunft der industriellen Produktion in Deutschland und die Chance auf neues Wachstum und neue Beschäftigung gibt es nur, wenn wir diese radikal effizienter einsetzen und wo immer es geht, endliche Ressourcen durch nachwachsende substituieren. Es führt kein Weg daran vorbei: Wir müssen Ressourcenverbrauch und Wachstum entkoppeln und unseren Materialeinsatz auch in absoluten Zahlen senken.
Wer heutzutage allein darauf setzt, den Zugang zu Rohstoffen strategisch zu sichern, mag kurzfristig die Interessen des Industriestandortes bedienen, eine Strategie für die Zukunft ist damit nicht verbunden. Denn das bietet keinen Ausweg aus dem strukturellen Dilemma, dass die Ressourcen dieser Erde begrenzt sind und die Nachfrage nach ihnen immer weiter steigen wird. Wir sollten uns nicht in Verteilungskonflikten einrichten oder danach trachten, unsere Probleme zu lasten der nachwachsenden Generationen oder der weniger entwickelten Regionen zu lösen. Wir sollten versuchen, das strukturelle Dilemma zu überwinden. Dafür brauchen wir Innovation, Fortschritt und die Bereitschaft mitzumachen - auch wenn das bedeutet, lieb gewonnene Gewohnheiten zu überprüfen. Wir brauchen den gemeinsamen Willen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, neue Wege in der Ressourcenpolitik einzuschlagen und das zu machen, was eigentlich so nahe liegt: Mehr aus weniger.
Ich danke Ihnen.
Weitere Informationen:
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Bilder von der Konferenz
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Arbeitspapier: Strategie Ressourceneffizienz
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Thesenpapier: Für eine ressourceneffiziente und umweltverträgliche Ökonomie
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Pressemitteilung vom 31.10.2007: Ressourceneffizienz ist Schlüssel zu mehr Wettbewerbsfähigkeit - Bundesumweltminister eröffnet Konferenz
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www.bmu.de/wirtschaft
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