• Titel: Netzwerk Ressourceneffizienz

  • Untertitel: Ein wichtiges Element des ökologischen New Deals
  • Redner/in: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel
  • Anlass: Auftaktkonferenz Netzwerk Ressourceneffizienz
  • Datum/Ort: 12.03.2007, Berlin

Sehr geehrter Herr Dr. Flatz (Geschäftsführer Zouk Ventures ltd.)
Sehr geehrter Herr Dr. Fuchs, (Direktor/geschäftsführendes Mitglied des Präsidiums der VDI) Meine Damen und Herren,

Ich möchte Sie alle sehr herzlich zu dieser Auftaktkonferenz zur Gründung des Netzwerks Ressourceneffizienz begrüßen. Ich freue mich sehr, dass diese Konferenz bei Ihnen auf so großes Interesse gestoßen ist. Das zeigt mir, dass wir mit unserer Initiative ins Schwarze getroffen haben. Die Veranstaltung sollte im kleinen Kreis wirklich Interessierter stattfinden. Dieser Kreis ist größer als gedacht. Es besteht offensichtlich eine große Bereitschaft und Notwendigkeit, darüber zu diskutieren, wie man die Ressourceneffizienz steigern kann und wo die konkreten Ansatzpunkte liegen.

Meine Damen und Herren,

Warum brauchen wir ein Netzwerk Ressourceneffizienz?
Der Umgang mit Energie, Material und Rohstoffen ist eine Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts. Wir müssen uns darauf einstellen, dass

  • knapper werdende Ressourcen (erheblich) teurer werden; Insgesamt sind die Weltmarktpreise für importierte Rohstoffe im Euro-Raum zwischen den Jahren 2000 und 2005 um 81 Prozent gestiegen. Besonders deutlich waren die Preissteigerungen bei unterschiedlichen Stahlarten, die sich allein im Jahr 2004 zwischen 40 und 60 Prozent verteuerten.
  • zu spät geleisteter Klima- und Ressourcenschutz den Volkswirtschaften hohe Folgekosten aufbürdet. Im "Stern-Report" des ehemaligen Chef-Ökonomen der Weltbank werden die Kosten des Klimawandels für das Jahr 2050 auf wenigstens 5 % der globalen Weltwirtschaftsleistung geschätzt, falls nicht gehandelt wird. Und wenn man eine breitere Palette von Risiken und Einflüssen berücksichtigt, könnten die Schäden auf 20 % oder mehr des Bruttoinlandsprodukts ansteigen.
  • die nachholende Industrialisierung großer Regionen dieser Erde (China, Indien, Brasilien) die Energie- und Rohstofffrage zuspitzen und gravierende Folgen für die Weltwirtschaft haben wird.

Derzeit verbrauchen 25 % der Weltbevölkerung, das sind hauptsächlich wir in den Industrieländern, fast 80 % der Weltenergiereserven. Wenn wir dem Rest der Welt nicht sein legitimes Recht auf Entwicklung und ein Leben in relativem Wohlsstand versagen wollen, brauchen wir entweder mehrere Planeten, um den Bedarf an Rohstoffen, Luft, Boden und Wasser dafür zu decken, oder wir müssen um ein Vielfaches effizienter und nachhaltiger mit unseren Ressourcen umgehen.

Unsere Antwort auf diese Probleme muss deshalb die schnelle und umfassende Steigerung der Nutzungseffizienz und die forcierte Durchsetzung erneuerbarer Rohstoffe sein.

Dies bringt einen doppelten Vorteil:

  • Zum einen hätten wir eine Vorreiterrolle auf den wichtigsten technologischen Zukunftsmärkten; und das sind die Zukunftsmärkte.
  • Zum anderen hätten wir neue Wettbewerbsvorteile durch eine höhere Produktivität in der Wirtschaft.

Hier stehen wir zweifellos vor großen Herausforderungen. Denn um die Potenziale im Bereich der Energie- und Ressourceneffizienz zu realisieren, müssen wir die technisch möglichen Verbesserungen genauer definieren und strukturelle Veränderungen in Produktionsprozessen sowie in den Konsumgewohnheiten durchsetzen.

Damit ich nicht missverstanden werde: Es geht nicht darum, Bedrohungsszenarien aufzubauen. Es geht nicht darum, Askese zu predigen, zum Verzicht aufzufordern nach dem Motto 'weniger Wachstum, weniger Verbrauch' im Sinne von Rückschritt in der Lebensqualität. Sondern Ziel ist, geeignete Instrumente des technischen Fortschritts zu nutzen, um Entwicklung in allen Teilen der Erde möglich zu machen ohne damit den Klimawandel unverantwortlich voranzutreiben und weiter Ressourcen zu verschwenden.

In Zukunft geht es mehr denn je darum die Energie- und Ressourceneffizienz entlang der gesamten Produktions- und Wertschöpfungskette maßgeblich zu verbessern. Die fortschreitende wirtschaftliche Globalisierung und der hohe internationale Wettbewerbsdruck erschweren solche Veränderungsprozesse zusätzlich.

Aber meine Damen und Herren
gerade der Kostendruck und steigende Rohstoffpreise stellen auch einen Anreiz für die dauerhafte und systematische Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz dar. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Immer wenn die Rohstoffpreise in kurzer Zeit enorm in die Höhe geschnellt sind, war als Gegenreaktion dazu eine Verbesserung der Effizienz zu beobachten. Entsprechende Entwicklungen in den 1970er Jahren im Kontext der damaligen Ölkrisen sind hierfür ein gutes Beispiel.

Leider führten diese Verbesserungen bis heute nicht zu der notwendigen absoluten Entkopplung des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftswachstum. Im Unterschied zu damals wissen wir jetzt aber, dass wir so nicht mehr weiter machen können, wenn wir unsere lebensnotwendigen Ökosysteme und damit auch unsere wirtschaftlichen Grundlagen dauerhaft erhalten wollen.

Wir müssen Effizienztechnologien als Zukunftsmärkte verstehen und unsere Wirtschaftssysteme danach ausrichten. Und wir müssen die richtigen Rahmenbedingungen für die Entwicklung und Marktdurchdringung solcher Technologien schaffen.

Das kann uns nur gelingen, wenn wir das Thema Energie- und Ressourceneffizienz nicht nur mit neuem Elan, sondern auch umfassender und systematischer angehen, indem die relevanten Akteure viel stärker als bisher in die Diskussion und Umsetzung einbezogen werden.

Diese Akteure sind Sie!

Wir wollen Unternehmen, Ingenieure, Entwickler, Forscher, Wissenschaftler, Ausbilder, Verbände und andere Multiplikatoren wie Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen ansprechen und anregen, das Thema der effizienten Nutzung der Ressourcen in seiner ganzen Vielfalt und noch stärker als bisher im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Alltag zu verankern und umzusetzen. Um dies zu erreichen, brauchen wir das Netzwerk.

Das Netzwerk ist ein Teil der ökologischen Industriepolitik

Meine Damen und Herren,
viele von Ihnen wissen bereits, dass das Bundesumweltministerium mittlerweile eine ganze Reihe von Aktivitäten gestartet hat, um das Thema Material- und Energieeffizienz im Rahmen einer ökologischen Industriepolitik in den Vordergrund der Nachhaltigkeitspolitik zu rücken.

Die von uns initiierten Experten- und Branchendialoge, Konferenzen zum Thema Ressourceneffizienz, Innovation und Beschäftigung und Forschungsvorhaben zur Ermittlung der konkreten wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Potenziale einer Ressourceneffizienzsteigerung sind Beispiele dafür. Sie stehen für den hohen politischen Stellenwert, den wir diesem Thema beimessen. Um diesen Ansätzen zum Erfolg zu verhelfen, müssen sie jedoch noch viel breiter in der öffentlichen Diskussion und insbesondere auf der betrieblichen Ebene verankert werden. Ressourceneffizienz darf kein theoretisches Thema bleiben, sondern muss praktisch in allen Bereichen der Produktion von Gütern und Dienstleistungen und des Konsums dieser Produkte umgesetzt werden.

Um eben dies zu erreichen, sollen die Aktivitäten zur Energie- und Ressourceneffizienz im Sinne einer neuen ökologischen Industriepolitik durch ein Netzwerk von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Gruppen ergänzt werden. Wir wollen einen „New Deal“.

Das Bundesumweltministerium versteht sich hier als Impulsgeber. Denn sowohl in der Güter- und Dienstleistungsbereitstellung als auch im Konsum müssen wir eine effiziente Ressourcennutzung und höhere Wertschätzung für die Ressourcen erreichen. Dafür brauchen wir einen branchenübergreifenden Meinungs- und Erfahrungsaustausch.

Jeder, der sich für die Idee des Netzwerks interessiert, soll sich beteiligen und das Netzwerk mit gestalten können. Das ist mir wichtig. Denn das möchte ich von Beginn an deutlich machen. Wir wollen nicht die Inhalte vorgeben, sondern eine Plattform für den Dialog und den Informationsaustausch anbieten, die im Idealfall zu konkreten Kooperationsprojekten zwischen den Netzwerksteilnehmern führt. Die weitere inhaltliche Ausgestaltung sollten vielmehr Sie als Netzwerkakteure aktiv mitbestimmen.

Meine Damen und Herren,
Was ist unser Ziel?
Der Leitgedanke für das Netzwerk Ressourceneffizienz soll sein:
Unser Land soll bis zum Jahr 2020 zur ressourceneffizientesten Volkswirtschaft der Welt und Vorreiter beim schonenden und umweltverträglichen Umgang mit Energie und Rohstoffen werden. "Die Märkte der Zukunft sind grün".

Es soll dazu beitragen, dass wir auf den Märkten von morgen erfolgreich mitwirken können. Diese Märkte werden nach einer Studie von Roland Berger noch einen viel stärkeren Umweltbezug haben als heute. Ziel des Netzwerks soll es aus meiner Sicht sein, einen strategischen, für alle Interessierten offenen Kompetenzverbund zu schaffen. Dieser soll Wissen generieren und transferieren. Dieser soll Synergien zwischen Ökonomie und Ökologie identifizieren und nutzbar machen. Dieser soll eine Verbindung zu den Maßnahmen herstellen, die im Kontext der ökologischen Industriepolitik die Zusammenhänge zwischen Ressourcenschutz, Innovation und Beschäftigung konkretisieren.

Zusammen mit anderen Bundesministerien wollen wir ökoeffiziente Innovationen fördern und dafür den technischen Fortschritt auf eine dauerhafte Basis stellen.

Mit dem Netzwerk wollen wir ausdrücklich auch institutionelle Akteure ansprechen, die als Multiplikatoren in betriebliche und wissenschaftliche Bereiche hinein wirken. Sie sollen die Notwendigkeit der Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz auf der Ebene der Umsetzung vermitteln. Das Netzwerk verfolgt damit einen "Bottom-Up"-Ansatz, um neue praktische Ideen zu initiieren und die schon bestehenden "Top-Down"- Ansätze spezifischer Zielvereinbarungen - wie z.B. in der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung - zu ergänzen.

Aus meiner Sicht sollte das Netzwerk auch die Ideen der ökologischen Industriepolitik – des Leitmarktes Effizienztechnologien – vorantreiben. Dabei geht es im Wesentlichen um zwei Dinge:

  • Erstens, die Förderung des Informationsaustausches, insbesondere mit Blick auf kleinere und mittlere Unternehmen, und
  • zweitens, die Formulierung von konkreten Anregungen im Hinblick darauf, wie die politischen Rahmenbedingungen zur Steigerung der Ressourceneffizienz verbessert werden können.

Darüber hinaus soll das Netzwerk auch dazu beitragen, die Messung des tatsächlichen Ressourceneinsatzes zu verbessern. Wir hoffen, dass es durch den Input der Netzwerksakteure möglich wird, eine genauere Analyse der spezifischen Wertschöpfungsketten mit dem mittelfristigen Ziel durchzuführen, Märkte für innovative Produkte, Dienstleistungen und Technologien auch mit Exportpotenzial zu schaffen. Und ein letzter Punkt, der mir sehr am Herzen liegt, ist die Rolle des Netzwerks im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Hier gibt es meiner Ansicht nach noch viel zu tun. Obwohl die meisten Unternehmen heute mit der Frage konfrontiert sind, wie sie aus Kosteneinsparungsgründen die Produktion effizienter gestalten, wird meistens nur an der Schraube der Arbeitsproduktivität gedreht. Dies liegt auch daran, weil Ingenieure, Techniker und Berater heutzutage immer noch nicht ausreichend im Bereich der Material- und Energieeffizienz ausgebildet werden. Aber dort liegen, wie bereits erwähnt, die größten Einspar- und Entlastungspotenziale.

Deshalb ist es wichtig, dass Netzwerksteilnehmer ihre Multiplikatorfunktion zur Verbreitung der Chancen, Möglichkeiten und Vorteile der massiven Verbesserung der Energie- und Ressourceneffizienz nutzen, um diese Idee in die Unternehmen und Ausbildungsinstitutionen zu tragen. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass sie die Hinweise auf strukturelle Hemmnisse bei der Umsetzung dieser Zielvorgaben zusammentragen, damit wir diese möglichst schnell und umfassend aus dem Weg räumen können.

Meine Damen und Herren,
Was sind also die konkreten Aufgaben des Netzwerks?

Aus meiner Sicht - und verstehen Sie das bitte nur als Vorschlag - sollte das Netzwerk sich folgender Aufgaben annehmen.

  1. Es fördert sowohl in der Entwicklung, Produktion und Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen als auch im Konsum eine effizientere Ressourcennutzung und eine höhere Wertschätzung für die Ressourcenschonung;
  2. Es führt die für eine ökologisch ausgerichtete Industrie- und Innovationspolitik relevanten Akteure und die Aktivitäten in Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Wissenschaft zusammen und bündelt dies in einem Kompetenzverbund;
  3. Es verbessert den Erfahrungsaustausch über die konkrete Machbarkeit der Ressourceneffizienz;
  4. Es entwickelt Vorschläge für innovative Rahmenbedingungen, auch um Hemmnisse abzubauen, Bürokratie zu verringern und Anreize zu geben.

Das Netzwerk sollte fachübergreifend und praxisorientiert angelegt sein. Angesprochen sind insbesondere Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler auf allen Entwicklungs-, Produktions- und Vermarktungsstufen. Diese wollen wir als Antreiber und Multiplikatoren gewinnen.

Das Netzwerk kann Vorschläge zur Effizienzsteigerung über die gesamte Wertschöpfungskette sammeln. Es sollte dazu beitragen, Hemmnisse gegen die Steigerung der Ressourceneffizienz abzubauen und eine breite Akzeptanz für die ökologische Modernisierung zu erreichen.

Das Netzwerk kann Anregungen geben, wie im Themenfeld Ressourceneffizienz innovative Produkte, Dienstleistungen und Technologien besser gefördert können werden. Deutsche Umwelttechnologie ist schon jetzt ein Exportschlager. Wir sind Weltmeister in dieser Disziplin. Diesen Titel wollen wir natürlich verteidigen und wir wollen noch mehr - am besten auch noch Olympiasieger werden.

Ich bin überzeugt, dass wir unsere Exporte in diesem Bereich sogar noch steigern können, wenn wir die Weiterentwicklung von Effizienztechnologien systematisch vorantreiben. Das Netzwerk kann beispielsweise ein Ort sein, an dem Instrumente wie das Top-Runner-Konzept, das hocheffiziente Technologien zum Maßstab macht, diskutiert und zur Umsetzungsreife gebracht werden können.

Ganz konkret sollte das Netzwerk als Ideenplattform genutzt werden, das den Erfahrungsaustausch fördert, zum Beispiel durch

  • regelmäßige Netzwerkkonferenzen,
  • gezielte Informationen und Hilfen für Klein- und Mittelbetriebe,
  • Bekanntmachung von best practice-Aktivitäten,
  • Expertenveranstaltungen zu ausgewählten Themenschwerpunkten,
  • Informationskampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit über den "Wert von Rohstoffen",
  • Einrichtung einer Internetplattform zur Ressourceneffizienz.

Ich erhoffe mir auch, dass Sie das Netzwerk zur wissenschaftlichen Untermauerung der Energie- und Materialeffizienz nutzen. Dies kann beispielsweise geschehen durch:

  • Die Konzipierung und Finanzierung von Studien zu ausgewählten Fragestellungen (z. B. Rolle von Arbeitnehmern bei der Umsetzung von Effizienzmaßnahmen),
  • Entwicklung von Finanzierungsformen, die den Kriterien der Nachhaltigkeit gerecht werden,
  • Konzipierung und Durchführung von Pilotvorhaben zur Steigerung von Energie- und Materialeffizienz.

Meine Damen und Herren,
sie sehen, wir haben uns einige Gedanken gemacht, welche Aufgaben das Netzwerk übernehmen kann, so dass es einen echten Mehrwert für Sie als Teilnehmer erbringt. Das soll aber nicht heißen, dass sich das Netzwerk auf die von mir skizzierten Aktivitäten beschränken sollte. Der Erfolg und Nutzen des Netzwerks hängt auch maßgeblich davon ab, inwieweit es den Bedarf an Informationsaustausch oder Kooperation erfüllen kann. Diesen Bedarf kann es aber nur erfüllen, wenn die Ansprüche und Erwartungen deutlich formuliert werden.

Ich möchte Sie deshalb auffordern, mit uns zu diskutieren und Vorschläge und Wünsche zu äußern, wie das Netzwerk ausgestaltet werden soll. Wir sind bereit, die Plattform zu bieten und Ihre Anregungen aufzugreifen. In diesem Sinne, bin ich sehr gespannt auf die nachfolgenden Beiträge und Diskussionen und wünsche der Konferenz und dem Netzwerk viel Erfolg.

Vielen Dank!

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