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Archiv 16. Legislaturperiode
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel
Stand: 29.01.2007
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Titel: Die neue Rolle der erneuerbaren Energien
- Untertitel: Impulse für eine integrierte Klima- und Energiepolitik
- Redner/in: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel
- Anlass: 2007 European Renewable Energy Policy Conference
- Datum/Ort: 29.01.2007, Brüssel
Eure Königliche Hoheit Prinz Laurent,
sehr geehrte Frau Kollegin Morgan,
meine sehr geehrter Kollege Martin Bursik, Vizepremier und Umweltminister der Tschechischen Republik,
Herr Kollege Andre Vizjak, Wirtschaftsminister von Slowenien,
Herr Mohamed Boutaleb, Energieminister aus Marokko und
unser Freund und Kollege Jan Szyszko, der polnische Umweltminister.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, Herr Rüte und Herr Professor Savros, herzlich willkommen auf unserer Konferenz.
Ich freue mich sehr, dass bei der gemeinsamen Veranstaltung von EREC, der Kommission und dem Bundesumweltministerium aus der Bundesrepublik Deutschland so viele von Ihnen unserer Einladung gefolgt sind und vor allen Dingen auch viele Kolleginnen und Kollegen aus den europäischen Mitgliedsstaaten zu uns gekommen sind.
Wir stehen ja vor einer außerordentlich schwierigen, aber auch interessanten Herausforderung in Europa, aber nicht nur in Europa. Wir müssen in den kommenden Jahren zwei entscheidende Fragen lösen müssen. Zwei Fragen, die jeden Menschen auf dieser Erde betreffen, die ihn beeinflussen, die alle Regionen dieser Welt gleichermaßen herausfordern.
Die erste Frage, die erste Herausforderung lautet: Wie versorgen wir die Menschheit, mit ausreichend und bezahlbarer Energie. Die internationalen Klimaschutzverhandlungen beginnen in der Regel nicht mit der Frage, was können wir über Klimaschutz gemeinsam erreichen, sondern die erste Frage lautet, was tut Ihr in Europa, in Amerika, in den industrialisierten Ländern dieser Erde, um den rund 2 Mrd. Menschen auf unseren Planeten, die heute keinerlei Zugang zu Elektrizität haben, keinen Zugang zu Energie besitzen, was tut ihr, um ihnen diesen Zugang zur Energie zu verschaffen.
Erst danach wird die zweite große Frage gestellt:
Was können wir miteinander tun, damit der Energieverbrauch in Zukunft keine so katastrophalen Folgen für das Klima und für das Leben auf unserem Planeten hat, wie wir das in den letzen Wochen und Monaten ja oft genug in allen Teilen Europas erlebt und diskutiert haben.
Die erste Frage hat natürlich etwas mit dem wirtschaftlichen Wachstum, dem sozialen Wohlstand, einem besserem Leben in vielen Teilen dieser Erde zu tun, dafür braucht man in der Regel Zugang zur Energie.
Niemand in den industrialisierten Regionen dieser Welt, in Europa, wird es anderen Menschen, in anderen Teilen der Erde verbieten können, ein genauso angenehmes und gutes Leben anzustreben, wie wir es seit vielen Jahren erreicht haben.
Damit verbunden ist eine wachsende Nachfrage nach Energie. Wir leben heute mit 6 ½ Mrd. Menschen auf unserem Planeten. In wenigen Jahren und Jahrzehnten werden es mehr als 9 Mrd. Menschen sein. Würden wir in gleichem Maße Energie und Rohstoffe in den nächsten 50 Jahren verbrauchen, wie wir sie in den letzten 50 Jahren verbraucht haben, dann bräuchte man vermutlich zwei Planeten, um die Menschen versorgen zu können. Wir haben aber nicht zwei Planeten und trotzdem wird die Anzahl der Weltbevölkerung wachsen und mit ihr die Nachfrage an Energie und Rohstoffe.
Heute leben 1,4 Mrd. Menschen in industrialisierten Gesellschaften auf unserer Erde. Dann, in wenigen Jahren und Jahrzehnten werden es wohl 4 Mrd. sein: Sie werden Kraftfahrzeuge fahren wollen, Stahl produzieren und bessere Lebensbedingungen für sich in Anspruch nehmen. Eine gigantische Nachfragesteigerung an Energie und Rohstoffen ist damit verbunden.
Ich glaube, dass diese beiden Herausforderungen nach sicherem Zugang zu Energie und nach Klimaschutz nur gemeinsam gelöst werden können. Eine wirklich gutes Anzeichen, gerade bei uns in Europa, ist, dass die Europäische Kommission in den letzten Wochen, mit dazu beigetragen hat, dass die bislang häufig getrennt stattfindende Debatte über Energie einerseits und Klimaschutz andererseits zusammengeführt wird. Auf dem Tisch der Europäischen Beratungsgremien liegen weit reichende Vorschläge sowohl für die Verbesserung der Versorgungssicherheit, dem Zugang zu Energie, der Preisstabilität im Energiesektor als auch Vorschläge, die uns helfen sollen, Energie in Zukunft nicht mehr in dem Maße klimabelastend zu produzieren wie in der Vergangenheit. Die Kommission hat gute Vorschläge vorgelegt und die deutsche Ratspräsidentschaft hat ein großes Interesse daran, diese Vorschläge in ihrer Strategie und Linie zu unterstützen.
Meine Damen und Herren, ich glaube, dass Europa als Kontinent geeignet ist, um beide Herausforderungen, die Frage nach Energieversorgung und die Frage nach Klimaschutz anzunehmen und Lösungen dafür zu erarbeiten. Der Grund dafür liegt darin, dass beide Herausforderungen nur mit den Chancen der Technologieentwicklung bewältigt werden können.
Wir werden die Probleme der wachsenden Industriegesellschaften nicht mit den Methoden der Agrargesellschaften lösen können, sondern wir brauchen Investitionen in Forschung und Technologieentwicklung, um Energiesicherheit einerseits und Klimaschutz andererseits gewährleisten zu können. Und die Region, die über die größte Erfahrung verfügt, deren ganzer Wohlstand, deren wirtschaftliche, soziale, kulturelle und ökologische Entwicklung in den letzten 200 Jahren mit der Entwicklung von Technologie, Forschung und Entwicklung zu tun hatte, ist Europa.
Unser Kontinent hat seine Erfolge auf der Grundlage von Qualifikation erreicht, gut ausgebildete Menschen, Forscher, Techniker, Ingenieure, Facharbeiter, Kaufleute, Angestellte, das ist die Grundlage der europäischen Entwicklung und der Lösung der Herausforderungen in der Vergangenheit und deshalb sicher auch in der Zukunft.
Deswegen steht die Lissabonstrategie für Wachstum, Beschäftigung und für wirtschaftliche Entwicklung. Dazu muss aber auch die Technologieentwicklung im Energiebereich und im Klimaschutzbereich gehören.
Ein deutsches Wirtschaftsberatungsunternehmen hat gerade Zahlen vorgelegt nach denen es davon ausgeht, dass der weltweite Umsatz für Energietechnologie und Umweltschutztechnologien in den kommenden Jahren sich verdoppelt wird auf 2200 Mrd. Euro bis zum Ende 2030. Wir erleben in meinem Land, dass die Branche der erneuerbaren Energien bereits den größten Anteil hat. Ich kenne in Deutschland keine Branche, in der in den letzten Jahren in kurzer Zeit 170.000 neue Arbeitsplätze entstanden sind. Ich könnte Ihnen eine Menge Branchen nennen, in denen 170.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind, aber neue entstanden?
Diese Zahl von Arbeitsplätzen ist ausschließlich im Bereich der erneuerbaren Energien entstanden, aber es gab eine Voraussetzung dafür und darüber wollen wir in den nächsten zwei Tagen aber auch in den nächsten sechs Monaten während der europäischen Ratspräsidentschaft reden.
Die Voraussetzung für
- die Entwicklung von Industriezweigen,
- die Investition von Unternehmen in Erneuerbare Energien,
- dass sich heute ein großer Teil der Stahlproduktion an Erneuerbaren Energien orientiert,
- dass fast 70% der deutschen Windenergieproduktion inzwischen in den Export geht,
sind verlässliche Rahmenbedingungen.
Eine sichere Zukunftsperspektive hätte es ohne das Erneuerbare Energiengesetz (EEG), hätte es ohne die Klarheit darüber, wie sich der Staat welche Ziele setzt und mit welchen Instrumenten er diese Zeile erreichen will, nicht gegeben.
Dieser enorme Aufschwung eines neuen Industriezweiges mit 170.000 Beschäftigten wäre nicht möglich gewesen.
Und wir wissen, dass wir noch nicht am Ende unserer Ausbauziele sind. Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 20% am Stromsektor durch erneuerbare Energien zu stellen. Wir vermuten, wir schaffen sogar 25%. Das heißt, die Zahl der Beschäftigten wird sich eher verdoppeln.
Es freut mich auch besonders, dass durch das große Engagement der Unternehmen ein europäisches, wie deutsches Problem - die Jugendarbeitslosigkeit - angegangen wird. Diese Branche wird in unserem Land in den kommenden zwei Jahren 5000 zusätzliche Ausbildungsplätze für junge Leute zur Verfügung stellen. Das heißt, sichere Rahmenbedingungen in diesem Bereich bieten nicht nur Antworten zur Energieversorgung und zum Klimaschutz, sondern gleichzeitig die Chance, Beschäftigung zu sichern.
Ich glaube, dass die beiden großen technologischen Felder, über die wir in den kommenden Jahren reden werden, zum einen das Thema Energieeffizienz ist. Denn wir brauchen einen besseren und klügeren Umgang mit Energie. Prinz Laurent hat eben ein sehr gutes Beispiel dafür geliefert. Wir sollten mehr über die Frage nachdenken, wie wir auch alte Gebäude energieeffizienter machen und dies nicht nur in Neubauten zum Maßstab nehmen.
Ich glaube, dass dort sowohl ein enormes Beschäftigungspotenzial, als auch ein technologisches Potenzial liegt, dass wir nutzen müssen.
Es werden in Zukunft 9 Mrd. Menschen auf der Erde leben. Bei aller Effizienz beim Umgang mit Kohle, Gas und Öl würde es am Ende nicht ausreichen, lediglich effizient damit umzugehen, wir verlängern damit den Zeitraum der Nutzung fossiler Brennstoffe, aber am Ende sind sie eben doch endlich.
Deswegen ist die zweite große Herausforderung, neben der Steigerung der Energieeffizienz, der Ausbau der erneuerbaren Energien in den Mitgliedsstaaten und die Entwicklung von Technologien, die uns ermöglicht, erneuerbare Energietechnologien auch in andere Länder der Welt zu exportieren. Ich glaube, dass bei einer nachhaltigen, zukunftsweisenden Energieversorgung die erneuerbare Energien eine Reihe von Vorteilen bieten, die sonst niemand bieten kann:
- Erneuerbare Energien tragen maßgeblich zum Klima und Umweltschutz bei, sie sind CO2 neutral.
- Erneuerbare Energien erhöhen die Versorgungssicherheit. Natürlich wissen wir, dass Europa eine hohe Abhängigkeit von Energieimporten hat. 2020 könnte die Europäische Union bereits zu 70% von Importen abhängen. Gleichzeitig werden die klassischen Energieversorgungsstrukturen immer unsicherer - wenn Sie mir die Bemerkung gestatten - weniger wegen staatlicher Auseinandersetzung, sondern wegen der Knappheit der Rohstoffe. Um es etwas zugespitzt zu formulieren: Mich sorgen weniger mögliche Auseinandersetzung zwischen dem heutigen Energieproduzenten Russland und früheren Mitgliedstaaten der Sowjetunion, als eine zweite Pipeline nach China. Denn die würde bedeuten, dass die Nachfrage größer wird. Die Ressourcen sind aber begrenzt, mit der Folge, dass die Preise steigen werden. Das hat Konsequenzen für unsere Bevölkerung, aber natürlich auch für die europäische Wirtschaft, weil sie eine exportabhängige Wirtschaft ist, die auf Preisstabilität achten muss.
- Erneuerbaren Energien schaffen Arbeitsplätze und technische Innovation, aber vor allen Dingen,
- Erneuerbare Energien sind ein Angebot an die Länder der Erde, die an die europäische Union die Frage stellen, welche Energietechnologie sollen wir für unser wirtschaftliches Wachstum nutzen und damit Wachstum und CO2 Emission, wirtschaftlichen Erfolg und Zerstörung des Klimas voneinander entkoppeln?
Das sind die wichtigsten Fragen, die wir beantworten müssen, sonst werden wir keinen Erfolg in den internationalen Klimaschutzverhandlungen haben, beispielsweise mit China, mit Brasilien, mit Indien, Mexiko, aber auch den ganzen G 77 Staaten. Diese Länder fordern natürlich zu Recht von uns eine technologische Antwort auf die Frage, wie man wirtschaftliches Wachstum von der Zerstörung der Erdatmosphäre, sprich CO2 entkoppeln kann. Und wenn die europäische Union, als Zentrum der Technologieentwicklung diese Antwort nicht liefern kann, wird niemand bereit sein, mit uns in internationale Klimaschutzverhandlungen voranzukommen, deswegen glaube ich, dass wirklich eine der guten und klugen Initiativen der Kommission, die Entwicklung des „Global Energy Efficiency and Renewable Energy Fund (GEEREF)“ gewesen ist, mit dem wir weit über eine Mrd. Euro zur Verfügung stellen können, um Investitionen in Effizienz und erneuerbare Technologien in Schwellenländern und in den Entwicklungsländern zu finanzieren. Ich weiß, dass das etwas ist, was wir in den kommenden Jahren ausbauen müssen.
Ich danke an dieser Stelle nochmals auch meinen polnischen Kollegen, Jan Szyszko, der in Nairobi mit mir und einigen anderen, verabredet hat, dass wir diesen Fonds weiter ausbauen wollen. Denn er ist eine wirkliche Antwort auf die Herausforderungen und weil wir natürlich wissen, dass erneuerbare Energien auch in Europa oftmals noch knapp oberhalb der Preise konventioneller Energieproduktion liegen.
Denn wir werden von keinem Entwicklungsland erwarten können, dass es uns erneuerbare Energien abnimmt, wenn wir Ihnen nicht gleichzeitig, sozusagen in der Produktivität, bessere und kostengünstige Alternativen anbieten. Ich glaube, dass wir das in den kommenden Jahren schaffen müssen.
Der Wettbewerber auf dem Markt sind inzwischen die Vereinigten Staaten. Möglicherweise weniger aus Interesse am Umweltschutz, sondern mehr aus strategischem Interesse an der Unabhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten, setzt die USA massiv auf den Ausbau erneuerbaren Energien. Ich glaube, dass Wettbewerb auch im Bereich der erneuerbaren Energien, ein Motor der Produktivitätsentwicklung sein wird, der Kostensenkung und des Erreichens der Economy of Scale, um diese Technologien tatsächlich im Weltmarkt etablieren zu können.
Die europäische Union muss also mithalten, das Ausbauziel von 12% für das Jahr 2010 wird voraussichtlich nicht ohne weiteres erreichbar sein, gerade deswegen wird ein langfristiger politischer Rahmen extrem wichtig.
Die Bundesregierung und die Ratspräsidentschaft unterstützen daher den Ansatz der Kommission eines EU-weiten Ziels von 20% der erneuerbaren Energien an der Energieversorgung bis 2020, also am Primärenergieanteil in der Europäischen Union. Dies bedeutet, dass einige Staaten aufgrund Ihrer geografischen Situation unterhalb dieses Ziel liegen werden und andere darüber, also burden-sharing existiert. Ich glaube das ist allen absolut klar.
Das Gesamtziel müssen wir in verbindliche nationale Ziele mit einer anschließenden Aufteilung in die einzelnen Sektoren übersetzen. Im Strombereich sind in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt worden, insbesondere bei der Windenergie und der Biomasse. Enorme Potenziale liegen allerdings beim Ausbau der Windenergie auf dem Meer.
Die Verbesserung der Rahmenbedingungen für den Ausbau der Wind-Offshore Energie ist aus unserer Sicht außerordentlich wichtig. In unserem Land gelingt dies, wir erwarten in Deutschland eine installierte Leistung von bis zu 25.000 Megawatt bis zum Jahre 2030. Europaweit ist das Potenzial der Offshore-Windenergie noch weitaus größer. Über 50.000 Megawatt installierter Offshoreleistung hält die Kommission bis zum Jahre 2020 für möglich. Die Vorstellung ist wirklich Bahn brechend, sie bedeutet, dass wir in 20 bis 30 Jahren einen ganz beträchtlichen Teil unserer Energien auf den Meeren herstellen können und uns nicht ausschließlich auf landgestützte Kraftwerke konzentrieren müssen.
Um über diese Potenziale zu reden, wollen wir im Februar zu einer weiteren Veranstaltung einladen, deren Ergebnisse in einem zukünftigen Aktionsplan Offshore-Windenergie einfließen können. Wir brauchen dabei die Unterstützung der Kommission. Die erneuerbaren Energien sind ein hochinnovatives Feld. Damit wir das gewaltige Potenzial das in den Naturkräften steckt, ausschöpfen können, benötigen wir intelligente Instrumente und Konzepte, vor allem Dingen bei der Verbesserung der Produktivität der Stromnetze. Denn wir müssen stark fluktuierende Strommengen aufnehmen und verteilen. Die Speicherung von Strom im großen Stil ist ebenfalls ein wichtiges Thema.
Wenn es gelingt, das zu entwickeln, eröffnet sich übrigens ein weiteres Feld, dass in Nordafrika häufig auf Konferenzen der erneuerbaren Energien diskutiert wird, ein Stromnetz zwischen Nordafrika und Europa.
Ich meine, wir alle wissen, dass uns manchmal Visionen über politische Entwicklung fehlen, und wir im Tagesgeschäft zu stark verankert sind. Die Amerikaner haben in den 60er Jahren einmal in einer schwierigen Phase deshalb eine solche Vision entwickelt und haben sie das „Man to the Moon“ Projekt genannt, einen Mann auf den Mond schicken. Ich finde, ein Man to the Moon Projekt könnte sein, sich vorzustellen, die Sonne der Sahara in Nordeuropa im Strombereich zu nutzen.
Ich weiß, wir sind weit davon entfernt, aber warum eigentlich nicht. In meinem Land erlebt die Photovoltaik einen großen Boom, aber Deutschland hat trotz Klimawandel ganze 860-900 Stunden Sonne im Jahr. Das mag sich bei der Erderwärmung ein bisschen verbessern, ich vermute aber eher nicht. Demgegenüber gibt es aber in Ägypten und in den nordafrikanischen Ländern die Sonne über 4000 Stunden im Jahr. Es macht, glaub ich, mehr Sinn, die intelligente Technologie der Photovoltaik bei uns herzustellen und zu produzieren, aber über ihre Nutzung auch in anderen Teilen der Welt zu diskutieren. Und es ist eine Perspektive für Energieproduktion in Nordafrika, die weit über die Gasfelder und Ölfelder hinausgehen. Ich glaube, die Restlaufzeiten der Gas- und Ölfelder sind vielleicht 100 Jahre oder 200. Die Restlaufzeit der Sonne sind 4 Mrd. Jahre. Ich denke, das ist eine gute Investition in die Zukunft.
Meine Damen und Herren, ein großer Handlungsbedarf besteht auch bei der Nutzung von Wärme und Kälte aus erneuerbaren Energien. Das ist der schlafende Riese unter den erneuerbaren Energien. Es existiert ein enormes Potenzial, dass mit den etablierten Technologien am kostengünstigsten zu realisieren ist. Im Norden wird der Großteil der Energie für das Heizen von Gebäuden und Prozesswärme verbraucht, im Süden müssen im Sommer, Gebäude energieintensiv gekühlt werden. Spanien wird durch sein Solargesetz bald ein Vorreiter bei der Wärmenutzung sein, Portugal und andere Länder ziehen nach. In Deutschland werden wir noch in diesem Jahr versuchen auch in einem Wärmegesetz stärker in den Mittelpunkt dieser Entwicklung zu gehen.
Meine herzliche Bitte an die Kommission, die auf europäischer Ebene - trotz intensiver politischer Diskussion - existierende Lücke zu füllen. Es gilt, wirklich einen Riesen zu wecken, um seine Kraft für uns nutzbar zu machen.
Die Bundesregierung und die Präsidentschaft begrüßen daher ausdrücklich den Vorschlag einer übergreifenden Richtlinie für erneuerbare Energien, der die nationalen Gesamtziele enthält. Und es sollte verbindlich sein, jeder Mitgliedstadt muss dann selbst entscheiden, wie er in der Nation den Aktionsplan vorlegt und die Sektorziele umsetzt. Trotz der wichtigen Rolle der EU kommt es allerdings auch auf den politischen Willen der einzelnen Mitgliedsstaaten an, wir haben viele Möglichkeiten selber tätig zu werden.
Ich glaube allerdings, dass wir noch einen Schritt weiter gehen müssen, im Bereich Forschung und Entwicklung, weil wir natürlich bereits jetzt Konkurrenzen im Bereich erneuerbarer Energien erleben. Wir wollen Strom produzieren aus erneuerbaren Energien, Wärme und Kälte, Kraftstoffe für den Transport und natürlich brauchen wir auch eine Menge an Anbauflächen für Nahrungsmittel.
In der letzten Woche gab es Zeitungsmeldungen, dass das Maisbrot für die arme Bevölkerung in Mexiko um 60% teurer geworden ist, weil Mais in den Vereinigten Staaten im wesentlichen zur Herstellung von Biokraftstoffen als Ersatz von Diesel und Benzin genutzt wird. Wir können natürlich den Einsatz von Biomasse nicht vorantreiben, wenn es solch katastrophale Folgen für die ärmsten der Armen hat.
Deswegen glaube ich, dass wir in Zukunft wesentlich stärker über die Frage sprechen müssen, wie wir aus der einzelnen Pflanze mehr herausholen. In der traditionellen Petrochemie ist es absolut üblich, ein qm3 Gas oder ein Liter Erdöl zu Beginn der Produktion aufzuspalten. In den Bestandteil, den man zur Energieerzeugung braucht, in den Bestandteil, der für Kraftstoffe sinnvoll ist und in die Bestandteile, aus denen man Zellulose oder Textilien herstellen kann. Wir machen das bei der Nutzung nachwachsender Rohstoffe häufig anders.
Die erste Pflanze subventionieren wir, um daraus Strom zu erzeugen. Die daneben stehende zweite Pflanze subventionieren wir, um daraus Kraftstoff zu erzeugen und die dritte nutzen wir und geben Technologieförderung, wenn daraus Zellulose entsteht. Ich glaube bei der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung müssen wir uns überlegen, wie wir aus der einzelnen Pflanze mehr herausholen, um solche Nutzungskonkurrenzen in Grenzen zu halten.
Wir brauchen die Forschung und die Entwicklung für Bioraffinerien, übrigens etwas, was die Vereinigten Staaten von Amerika auch in den Mittelpunkt ihrer Entwicklung gestellt haben. Wir müssen mehr in Forschung und Entwicklung investieren, um solche Konkurrenzen einerseits zu vermeiden, andererseits dazu beizutragen, dass wir technologisch schneller vorankommen, die Produktivität schneller erreichen und die Wettbewerbsfähigkeit sichern.
Meine Damen und Herren, ich glaube, dass das ein Konzept ist, bei dem Europa enorme Chancen hat und sich auf seine Kernkompetenz beziehen kann.
Man kann ja in einem etwas plastischen Bild fragen, wenn China die Werkbank der Welt wird, Brasilien der Farmer der Welt, Indien der Dienstleister und Russland die Zapfsäule der Welt, was ist dann Europa. Was ist die Rolle unseres Kontinents in einer solchen globalen Arbeitsteilung.
Ich glaube, die Rolle ist die, die wir schon immer inne hatten, wir sind die Ingenieure und die Techniker der Welt. Das ist die eigentliche Kompetenz, die Kernkompetenz unseres Kontinents und die zu entwickeln, hilft Antworten zu finden, auf die Fragen der Energieversorgung ebenso wie auf die Fragen des Klimaschutzes und den Einsatz der Erneuerbare Energien.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Weitere Informationen:
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Informationen zur Konferenz sowie Brüsseler Deklaration
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Pressemitteilung vom 29.01.2007: Gabriel für neue Energie- und Klimapolitik Europas
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Pressemitteilung vom 10.01.2007: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel begrüßt Energie- und Klimapaket der EU-Kommission
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www.bmu.de/energieeffizienz
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www.erneuerbare-energien.de
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