• Titel: Die Weichen richtig stellen

  • Untertitel: Für Ressourcenschutz und Innovation
  • Redner/in: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel
  • Anlass: Gemeinsame Tagung BMU - IG Metall " Ressourceneffizienz - Innovation für Umwelt und Arbeitsplätze"
  • Datum/Ort: 31.08.2006, Berlin - Hotel Schweizerhof

Begrüßung

Lieber Jürgen Peters,
sehr geehrter Herr Prof. Hennicke,
sehr geehrte Podiumsteilnehmer und Referenten,
meine sehr geehrten Damen und Herren

Diese gemeinsame Tagung der Industriegewerkschaft Metall mit dem Bundesumweltminister ist eine Premiere. Zwar gibt es schon seit langem gleichgerichtete Ziele zwischen Gewerkschaften und Umweltpolitik, aber wirklich gemeinsame Tagungen und Initiativen sind mir zumindest nicht bekannt.

Und man kann wohl - ohne jemandem Unrecht zu tun - auch sagen, dass gelegentlich die Diskussionen über einen engagierten und dann mit Auflagen verbundenen Umweltschutz bei Betriebsräten nicht immer helle Begeisterungsströme auslösen. Die Debatte um Ökologie und Ökonomie ist uns in den Gewerkschaften nicht fremd.

Was vielleicht den einen oder anderen überraschen mag: Es gibt trotzdem gemeinsame Wurzeln. Wurzeln, die bei der IG Metall und den deutschen Gewerkschaften früher zu wachsen begonnen haben, als dies in der Politik der Fall war und lange bevor das BMU gegründet wurde.

Am 11. April 1972 veranstaltete die IG Metall in Oberhausen einen Zukunftskongress unter dem Thema "Qualität des Lebens". Der Kongress war noch initiiert von Otto Brenner, einem der Vorgänger von Jürgen Peters in der IG Metall in der damals jungen Bundesrepublik und zugleich sein Vermächtnis, weil er wenige Tage vorher starb und selbst am Kongress nicht mehr teilnehmen konnte.

Ein ganzer Tagungsband widmet sich bei diesem Kongress dem Umweltschutz. Und hier nicht nur dem betrieblichen Umweltschutz, denn damals war der Himmel über der Ruhr noch nicht wieder blau, wie es Willy Brandt 1962 schon gefordert hatte.

Der Titel der Tagung "Qualität des Lebens" ist Programm für ein modernes Umweltministerium: Das Umweltministerium ist ein "Lebensministerium". Es geht uns um die Lebens- und Arbeitsbedingungen. Um die Qualität unseres Trinkwassers, unserer Lebensmittel, unserer Arbeitsplätze und dem Recht an Entscheidungen in Politik und Wirtschaft teilzuhaben und zwar nicht nur als Zuschauer, sondern als Mitgestalter. Das alles ist Lebensqualität. So will es übrigens auch unsere Verfassung. Auch wenn gelegentlich so getan wird, als sei das ein Relikt aus alten Zeiten.

Aber Qualität des Lebens ist noch mehr: Nicht nur an sich, sondern auch an die eigenen Enkel und Urenkel zu denken. Ihnen auch ein qualitätvolles Leben zu ermöglichen:

In seinem Grußwort an den IG Metallkongress sagte der damalige deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann:

"Wir stehen inmitten stürmischer industrieller Revolution und steigendem zivilisatorischen Wohlstandes in freilich nur begrenzten Bezirken unserer Welt. (…) Was wird das für ein Leben sein, wenn wir so weitermachen wie bisher? Haben wir insbesondere nicht viel zu lange manche Kosten unseres Wohlstandes in den Industrieländern auf die Umwelt abgewälzt, in der wir nun zu ersticken drohen? (…) Wir müssen uns der Frage stellen, ob die Erde nicht in einen katastrophalen Zustand geraten wird, wenn die Bevölkerungsexplosion anhält und wenn die Menschheit die nicht vermehrbaren Naturschätze weiterhin in steigender Beschleunigung so in Anspruch nimmt, wie sie es zu tun im Begriff ist. Das Tempo, das die unsere Luft, das Wasser, die Erde verseuchenden Einflüsse sowie der Abbau lebenswichtiger Rohstoffe angenommen haben, ist erschreckend."

Das, meine Damen und Herren, das ist 30 Jahre her und manches hat sich verbessert. Vor allem hier in Deutschland, aber in vielen anderen Staaten dieser Erde nicht. Immer noch verbrauchen 25 % der Weltbevölkerung fast 80 % der Weltenergiereserven. Und zur Zeit müssen die Völker Afrikas all das, was sie an Entwicklungshilfe bekommen, nur dafür ausgeben, dass sie die steigenden Ölrechnungen bezahlen können. Entwickungshilfe dient zur Zeit nicht den Ärmsten der Armen, sondern den Reichsten der Reichen, damit die Herren Ölprinzen noch ein bisschen mehr Geld in Europas Luxushotels verschleudern können.

ANREDE,

Immer wieder wird heute der Versuch unternommen, eine ambitionierte Umweltpolitik gegen eine erfolgreiche wirtschaftliche und soziale Entwicklung auszuspielen. Ob es der Katalysator war, die Begrenzung der Schwefeldioxidemissionen oder die Klimaschutzziele, immer war scheinbar die internationale Wettbewerbsfähigkeit bedroht. Im Ergebnis allerdings wuchs die deutsche Exportwirtschaft von Jahr zu Jahr und kein Mensch regt sich heute noch über die EU-Altfahrzeugrichtlinie auf oder über das Kreislaufwirtschaftsgesetz.

Im Gegenteil: Die in Deutschland Schritt für Schritt eingeführten Umweltstandards führten zu Produktivitätsschüben und erhöhten die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Parallel dazu entwickelte sich ein Markt der Umwelttechnologien, auf dem Deutschland weltweit führend ist.

  • Immerhin 19 Prozent unserer der Umwelttechnologien weltweit stammen aus Deutschland. Wir sind auch dort Exportweltmeister.
  • Mit 1,5 Millionen Beschäftigten ist die Umweltbranche zu einem echten Jobmotor geworden.
  • Und allein 170.000 neue Jobs - qualifizierte Facharbeiter, Handwerker, Ingenieure - sind im Bereich der erneuerbaren Energien entstanden.

Statt diese Chancen auszubauen, statt zu begreifen, dass wir hier mit deutschem Know-How einen Vorsprung ausbauen können, erleben wir immer wieder Angriffe auf engagierten Umwelt- und Gesundheitsschutz.

Die Globalisierung wird immer - wie in der Lohn- und Sozialpolitik, wie bei den Forderungen zur Einschränkung der Mitbestimmung oder des Kündigungsschutzes - auch und gerade im Umweltschutz immer wieder missbraucht, um alle Ansprüche auf eine demokratisch legitimierte Einflussnahme auf wirtschaftliche Prozesse zurück zu drängen. Vom Primat der Politik kann in weiten Teilen keine Rede mehr sein.

Die zweite Aufklärung: Trennung von wirtschaftlichen Interessen und staatlicher Gestaltungsmacht

Es ist wohl so: wir brauchen in Deutschland und Europa so etwas wie eine zweite Aufklärung: Nach der Trennung von staatlicher und religiöser Macht bei der ersten Aufklärung nun die Rückeroberung demokratischer Vorherrschaft vor der wirtschaftlichen.

Unser gemeinsames Ziel muss eine engagierte Umwelt- und Sozialpolitik sein. Deshalb ist Umweltschutz - ebenso wie gesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung in den Betrieben - nicht zu lösen von gesellschaftlichen Machtfragen. Oder ist es etwa keine Machtfrage, wenn Staat und Regierung vor der Androhung von Produktionsverlagerungen kapitulieren?
Mal mit dem Argument die Löhne seien zu hoch, mal mit dem Argument die Umweltstandards seien zu hoch.

Für mich als Sozialdemokraten ist der Erfolg einer ambitionierten Umweltpolitik deshalb natürlich Bestandteil der Auseinandersetzung um das Verhältnis von privatwirtschaftlicher Produktion und ihren ökonomischen Interessen zu demokratisch legitimierter Macht in Parlamenten und Regierungen.

Allemal vor dem Hintergrund weltweit existierender Märkte brauchen wir mehr denn je auch weltweite Spielregeln, die diesen Märkten Grenzen setzen. So brauchen die Spielregeln der WTO die Gleichberechtigung sozialer und ökologischer Standards.

Damit eben nicht die Lungen der Welt in den Amazonas-Wäldern brandgerodet werden für den Einfuhr von billigem Soja für die europäische Tierzucht. Und im Ergebnis uns Welt weit im wahrsten Sinne des Wortes die Luft ausgeht.

ANREDE,

auch im Umweltschutz gilt:
Das Ziel der Globalisierung ist Lebensqualität für alle und nicht nur Reichtum für wenige. Und weil das nicht ohne den zum Teil erbitterten Widerstand derjenigen durchzusetzen sein wird, die in Deutschland, Europa und überall auf der Welt zu den Wenigen gehören, geht es eben auch um politische Machtfragen. Um die Begrenzung wirtschaftlicher Macht, um die Rückeroberung des Vorrangs demokratischer Willensbildung vor ökonomischen Einzelinteressen.

Erhard Eppler hat auf dem Kongress der IG Metall dazu bereits 1972 in einer Rede gesagt:

"Was hier getan werden muss, kann nur ein funktionstüchtiger, ein starker Staat leisten. Ein Staat, der nicht mehr wäre als ein lächerlicher Spielball von Sonderinteressen, wird das Gesamtinteresse nicht wahrnehmen können." (Rede auf dem IG Metall Kongress "Qualität des Lebens", 11. April 1972 in Oberhausen)

Dieses Prinzip gilt auch heute noch, wenn auch die nationalen Staaten zumindest in Europa an Bedeutung verlieren. Gerade hier in der Umweltpolitik zeigt Europa seinen Mehrwert.

Epplers damaliges Fazit gilt ebenfalls noch heute:

"Weil über die Qualität des Lebens wie nie zuvor politisch entschieden werden muss, wird dies eine politische Epoche sein. Es wird gestritten werden um politische und gesellschaftliche Strukturen."

Dieser Streit ist nach Jahren der nur scheinbar objektiven Ideologie der Marktliberalen gerade aus sozialdemokratischer Sicht dringend notwendig. Und das nicht nur der Umweltpolitik wegen.

Ökonomie und Ökologie: Ein Scheinwiderspruch

Damit ich nicht falsch verstanden werde:

Es geht gerade nicht um den immer wieder zitierten Gegensatz von Ökologie und Ökonomie. Allenfalls für die kurzfristige und kurzsichtige shareholder-value-ideologie trifft dieser Gegensatz zu. Sie handelt nach dem Motto "das Hemd ist mir näher als der Rock".

Wie schnell allerdings das wirtschaftliche Hemd Risse bekommen kann, zeigen die ökonomischen Daten der deutschen Rückversicherer als Folge des Klimawandels. Die Schäden eines ungebremsten Klimawandels werden von Jahr zu Jahr teurer und führen zu rasant ansteigenden Prämien, die von den Unternehmen bezahlt werden müssen. Geld, das an anderer Stelle fehlt.

ANREDE,

Womit wir beim Thema angekommen wären, denn Klimawandel und Energieverbrauch stehen in direktem Zusammenhang:

Es gibt zwei große Menschheitsherausforderungen, die uns in den kommenden Jahren beschäftigen werden. Die jeden Menschen auf der Erde betreffen. Und die - wenn wir sie nicht lösen - vieles von dem, was wir heute als selbstverständlich erachten, hinweg fegen werden:

Die erste Herausforderung liegt in der Beantwortung der Frage, wie versorgen wir Menschen sicher und zu bezahlbaren Preisen mit Energie, Materialien und Rohstoffen? Denn die Zahl der Weltbevölkerung wächst und auch der Zugriff der Entwicklungs- und Schwellenländer auf Energie und Rohstoffe wächst.

Die zweite Herausforderung geht um die Frage, wie wir in Zukunft Energie und Materialien erzeugen und Rohstoffe gewinnen wollen.

Diese beider Herausforderungen anzunehmen ist die eigentliche Aufgabe von Politik und Wirtschaft. Die Sicherung einer bezahlbaren Energie- und Rohstoffversorgung für alle Menschen dieser Erde und die Rettung des Klimas und der Lebensbedingungen für unsere eigenen Kinder und Enkel.

ANREDE,

Aus Umweltsicht geht es vorrangig darum, immer knapper werdende natürliche Güter, die unsere Lebensgrundlage bilden, zu schützen. Für Gewerkschaften und insbesondere für die IG Metall ist das Thema von großer Relevanz, weil der Kostendruck durch knapper werdende Ressourcen häufig gegen den Erhalt von Arbeitsplätzen ausgespielt wird. Ich weiß, dass sich die IG Metall schon lange für umweltschonende Produktionsverfahren einsetzt. Jetzt kommt mit der Verbesserung der Materialeffizienz ein neuer Aspekt hinzu, der gerade in den Branchen, deren Mitarbeiter Sie vertreten - Automobil- und Maschinenbau - angesichts der steigenden Materialkosten immer wichtiger wird. Hier ist der Nachholbedarf auch am größten. Seit 1960 bis heute wurde zwar eine Steigerung der Arbeitsproduktivität um den Faktor 3,5 erreicht. Die Materialproduktivität stieg dagegen nur um den Faktor 2, die Energieproduktivität sogar nur um den Faktor 1,5.

Unsere gemeinsame Forderung ist, bevor über Personalabbau und den Rausschmiss von Arbeitern und Angestellten nach gedacht wird, um dadurch angeblich die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, ist es besser erst einmal die vielen klugen Ingenieure und Manager dazu aufzufordern Strategien zu entwickeln, wie die Material- und die Energieproduktivität erhöht werden kann.

Unser gemeinsames Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Ressourcenschutz und Kostendruck in positive Synergien umgewandelt werden können, die die natürlichen Rohstoffe erhalten, Kosten senken, Innovationen hervorbringen sowie Arbeitsplätze sichern und neu schaffen. Um diese ökonomischen und ökologischen Herausforderungen zu meistern, brauchen wir neue technologische Lösungen und Innovationen. Wir brauchen eine ökologische Industriepolitik, die es schafft, Energie- und Ressourcenverschwendung zu bekämpfen und ökologische Folgeschäden der industriellen Produktion von vornherein zu mindern.

Eine solche ökologische Industriepolitik leistet über ambitionierte Standards, innovative Produkte und Produktionsverfahren einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Modernisierung und zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Sie macht den Standort Deutschland fit für die Zukunft.

Denn es wird eine neue Messgröße für die Wettbewerbsfähigkeit von Standorten geben. Heute wird oft nur im internationalen Standortvergleich auf die Höhe von Steuern, Löhnen und Sozialabgaben geschaut. Ich bin sicher, die Analysten werden bei immer knapper und begehrter werdenden Rohstoffen eine neue Messgröße hinzufügen: Die Energieproduktivität. In welchem Land wird für die Produktion einer Einheit des Bruttoinlandsprodukts am wenigsten Energie gebraucht? Und diese Standorte werden die Standorte der Zukunft sein.

I. Warum Tagung zu Ressourceneffizienz?

ANREDE,

es ist höchste Zeit für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Ressourceneffizienz! Insgesamt sind die Weltmarktpreise für importierte Rohstoffe im Euro-Raum zwischen den Jahren 2000 und 2005 um 81 Prozent gestiegen. Besonders deutlich waren die Preissteigerungen bei unterschiedlichen Stahlarten, die sich allein im Jahr 2004 zwischen 40 und 60 Prozent verteuerten. Die jüngsten Preisentwicklungen bei Rohstoffen machen eine hohe Ressourceneffizienz und entsprechende Prozess- und Produktinnovationen zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor.

Hinzu kommt, dass mehr als 40 Prozent der Kosten im Produzierenden Gewerbe in Deutschland Materialkosten sind. Die Lohnkosten dagegen liegen deutlich unter 25 Prozent. Es ist daher bemerkenswert, dass die effizientere und umweltschonendere Nutzung der Ressourcen nicht in der öffentlichen Debatte gefordert wird, während die effizientere Nutzung des Faktors Arbeit täglich diskutiert wird. Dabei hat die Ressourceneffizienz als Handlungsfeld doch wesentlich mehr Potenzial für win-win-Optionen. Es wird jedoch viel zu einseitig die Höhe der Lohnkosten und die Erhöhung der Arbeitsproduktivität betrachtet. Das wollen wir ändern!
Es ist besser Megawattstunden arbeitslos zu machen als Menschen!
Erste Analysen zeigen, dass es sowohl ökologisch als auch ökonomisch interessante Potenziale zur Verringerung des Ressourceneinsatzes gibt. Insbesondere die Metallbranche und der Elektrogeräte- und -anlagenbau bieten bei einem Materialeinsatz im Wert von 18,6 Mrd.bzw. 10,2 Mrd. € (im Jahr 2002) je nach politischer Unterstützung Einsparpotenziale von 0,8 - 1,5 Mrd.bzw. 1,5 - 3 Mrd. € pro Jahr.

Hier stellt sich eine doppelte Aufgabe:
Wir müssen einerseits die Basis unserer Volkswirtschaft aktiv umgestalten und die industrielle Wertschöpfung über eine ressourcenschonende Produktion organisieren.

Andererseits gilt es, unsere Industrie jetzt optimal für die Märkte der Zukunft aufstellen. Die Knappheit von Energie und Rohstoffen und anhaltende Umweltverschmutzung z.B. in China und praktisch allen anderen Schwellenländern konstituieren nicht nur für klassische Umwelttechnik einen immensen Markt, sondern auch für ressourcen- und energieeffiziente Produkte und Verfahren. Daraus ergeben sich auch enorme zusätzliche Exportchancen.

II. Handlungsdruck und Chancen

Meine Damen und Herren,
wir in den Industrieländern - und wir sind nur ein Viertel der Weltbevölkerung - verbrauchen derzeit rund 80 Prozent der produzierten Energie und Rohstoffe. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Mitteleuropäern an natürlichen Ressourcen ist rund 10 mal höher als der von Afrikanern oder Vietnamesen.

Um 1 Tonne reinen Kupfers aus dem Gestein zu gewinnen, benötigt man einen Energieeinsatz von 14.000 bis 28.000 kWh, so viel verbraucht ein Zweipersonenhalt in Deutschland über einen Zeitraum von 4 bis 8 Jahren.

Aber die Kapazität unseres Planeten zur Bereitstellung von Energie, Lebensmitteln, sauberer Luft und Fläche ist begrenzt. Wenn wir - was sicher unser aller Wunsch ist - sicherstellen wollen, dass die wachsende Weltbevölkerung und zukünftige Generationen eine insgesamt ausreichend gute Lebensqualität haben, können wir unsere Rohstoffverschwendung und Nutzungsgewohnheiten nicht aufrechterhalten.

Und wenn wir wollen, dass uns Länder wie China und andere auf unserem Weg folgen, dann müssen wir in unseren Ländern zuerst zeigen, dass das auch geht.
Wirtschaftliches Wachstum mit weniger Energie- und Ressourcenverbrauch.
Das ist DIE technologische Aufgabe der kommenden Jahre.

Aus diesem Grund werden wir in der Bundesregierung auch einfordern, dass Thema wie Energieeffizienz ganz oben auf die Tagesordnung der EU- und der G8 Präsidentschaft Deutschlands im kommenden Jahr zu setzen.

ANREDE,

Die gute Nachricht ist, dass die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch nicht nur ökonomisch sinnvoll sondern auch machbar ist. Modellbetrachtungen für Deutschland zeigen, dass eine Steigerung der Energie- und Materialeffizienz in der deutschen Wirtschaft um 20 Prozent kurzfristig gelingen kann. Diese Effizienzsteigerung geht bei normaler Lohnniveauentwicklung mit der Schaffung von bis zu 760.000 Arbeitsplätzen einher (Quelle: Kathy-Beys-Stiftung).

An diesem Punkt ist die Wirtschaft gefordert, die Produkt- und Prozessentwicklung noch viel stärker als bisher am Kriterium der Ressourcenschonung und der Wiederverwendung der Bestandteile auszurichten. Dabei müssen sowohl das Design und die Produktion als auch der Nutzen und die Wiederverwertung berücksichtigt werden. Erforderlich ist eine optimale Nutzung der Materialien über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg. Was wir jetzt brauchen, ist eine "Input"- orientierte Politik!

III. Erste/nächste Schritte

Was werden wir als BMU also tun? Nach der Ermittlung der Effizienzpotenziale in wirtschaftlich wichtigen Sektoren, werden wir uns den einzelnen Branchen zuwenden und Anreizinstrumente entwickeln. Wir werden Maßnahmen vorschlagen, wie beispielsweise Kreisläufe bei Rohstoffen geschlossen oder Konsumentenwünsche und Ökodesign in Einklang miteinander gebracht werden könnten. Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass wir dabei nicht vorrangig an gesetzliche Regelungen denken. Vielmehr werden wir verstärkt dialogorientierte Mechanismen nutzen und Lernprozesse unterstützen, die die notwendigen Rahmenbedingungen auf der Grundlage praktischer Erfahrungen und Bedürfnisse formulieren.

Hierzu müssen wir dieses Thema jedoch noch viel stärker in die Öffentlichkeit tragen und sowohl die Wirtschaft, die Gewerkschaften und Umweltverbände als auch die Nutzer der Rohstoffe und die Bereitsteller von Grundstoffen einbinden. Im Rahmen des Aktionsprogramms sollen daher in so genannten Ressourcendialogen für ausgewählte Stoffströme und Branchen konkrete Lösungsmöglichkeiten gemeinsam mit allen betroffenen Akteuren erarbeitet werden.

Anrede,
Eine Ökonomie, die auf dauerhaften Erfolg angelegt ist wie die deutsche, wird die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen zum "bottleneck". Wenn eine wachsende Weltbevölkerung auf begrenzte Rohstoffe Zugriff nimmt, wenn Gletscher schmelzen und damit für die Menschen in Asien das Trinkwasser ausgeht und wenn die rasant schwindende Artenvielfalt den Ersatz der schwindenden fossilen Rohstoffe für die Wirtschaft unmöglich macht, wie soll dann wirtschaftliche Entwicklung und ein friedliches Miteinander auf dieser Erde möglich sein?

Der frühere Umweltminister Klaus Töpfer schreibt dazu:

"(…) Es ist unübersehbar geworden, dass nicht das Finanz- und nicht das Humankapital, sondern das Umweltkapital immer mehr zum Engpassfaktor für die weitere wirtschaftliche Entwicklung wird. Wasser, Böden, Artenvielfalt, Klima, Luftbelastung - die damit verbundenen Ökosysteme weisen weltweit zunehmend Erschöpfungserscheinungen auf."

Die Wiederentdeckung der Idee des technischen Fortschritts

ANREDE,

Die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft muss über eine innovationsorientierte Umweltpolitik intensiviert werden. Das ist die Antwort auf die Schlüsselfragen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im 21. Jahrhundert.

Ich bin davon überzeugt, dass die Renaissance der Umweltpolitik bereits begonnen hat. Aber diese wird sich hier bei uns in Deutschland und in den industrialisierten Staaten nicht wie einst in erster Linie aus dem Druck existierender Umweltprobleme weiter entwickeln, sondern sie entsteht schon heute aufgrund eines immer stärker werdenden wirtschaftlichen Drucks: Der Hunger von bald mehr als 9 Milliarden Menschen nach Energie und Ressourcen in den kommenden Jahren lässt sich nicht auf die gleiche Ressourcen verschwendende Art und Weise stillen, wie die Entwicklung von 1 Milliarde Menschen in den Industriestaaten der letzten 50 Jahre. Auch die ökologische Frage hängt mit der ökonomischen Frage untrennbar zusammen.

Wenn wir es nicht schaffen, wirtschaftliches Wachstum vom Ressourcenverbrauch abzukoppeln - radikal abzukoppeln - gerät nicht nur der Planet an einen Zustand seiner physischen Auszehrung. Dann gerät auch die Basis der industriellen Produktion von Gütern an ihre Grenzen.
Der Hinweis darauf, dass die Volksrepublik China schon heute ein Viertel der weltweiten Stahlproduktion und knapp die Hälfte des produzierten Zementes verbraucht, soll an dieser Stelle genügen.
Die Kernkompetenz unseres Landes liegt seit mindestens 200 Jahren in der Fähigkeit zur Innovation und zur Integration:

Das Erfinden neuer Produkte und Verfahren und ihre Integration in die vorhandene Produktions- und Dienstleistungsstruktur. Das ist Deutschlands Kernkompetenz.

Und exakt diese Kernkompetenz wird gebraucht, wenn wir Ländern wie China, Indien oder Brasilien zeigen wollen, dass wirtschaftliches Wachstum und ein höherer Wohlstand in den kommenden 50 oder 100 Jahren erreichbar sind, ohne dass dabei die Umwelt, das Klima, das Wasser und der Naturhaushalt derart zerstört werden wie in den letzten 50 oder 100 Jahren.

Was wir dafür brauchen ist die Wiederentdeckung der Idee des technischen Fortschritts. Nicht als blinde Fortschrittsgläubigkeit, sondern als Hilfsmittel zur Lösung der gewaltigen Aufgaben, die vor uns liegen.

Dass das ökologisch Gebotene auch das ökonomisch Vernünftige ist, gilt aber noch in einem ganz anderen Sinne. Die Nachfrage nach ressourcen- und energieeffizienten Produkten und Verfahren, das Erfordernis, endliche Ressourcen durch nachwachsende Rohstoffe zu substituieren und Mobilität nachhaltig zu gestalten - all das konstituiert Zukunftsmärkte ungeheuren Ausmaßes. Und hier sprechen wir nicht über abstrakte Visionen. Wir sprechen über ganz konkrete sich bietende wirtschaftliche Entwicklungschancen, über Chancen für mehr und qualitativ hochwertige Beschäftigung, über den Wohlstand unseres Landes!

Wenn uns das gelingt, legen wir zugleich die Grundlage für ein Wohlstands- und Entwicklungsmodell, das sich global verankern lässt. Das nicht nur für China und Indien gilt, sondern auch unseren Interessen entspricht. Mit dieser Mammutaufgabe verbinden sich wichtige Zukunftsmärkte und enorme Chancen für Wachstum und Beschäftigung. Gerade in Deutschland als "Hochlohnland".

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die gemeinsame Tagung "Ressourceneffizienz - Innovation für Umwelt und Arbeitsplätze" bildet den Auftakt für weitere gemeinsame Schritte von IG Metall und BMU zur Stärkung der Ressourceneffizienz. Ich bin gespannt, auf die Ergebnisse der Diskussionen und wie wir diese in gemeinsamen Aktivitäten umsetzen können, nicht zuletzt auch, um das Ziel der Verdoppelung der Ressourceneffizienz bis 2020 gemeinsam erreichen zu können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns viel Erfolg für die heutige Tagung und die Entwicklung der weiteren Aktivitäten.

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