• Titel: Investitionen in erneuerbare Energien

  • Untertitel: Perspektiven für den Mittleren und Nahen Osten, Nordafrika und Europa
  • Redner/in: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel
  • Anlass: Eröffnung der 3. arabischen Regionalkonferenz MENAREC 3
  • Datum/Ort: 12.06.2006, Kairo

Minister Hassan Younes,
Minister Maged George,
Exellenzen,
Kollegen, meine Damen und Herren,

Es ist mir eine große Ehre, heute bei der Eröffnung der 3. arabischen Regionalkonferenz - MENAREC 3 - zu Ihnen sprechen zu können. Ich habe mich sehr über die Einladung an die Ufer des Nils gefreut.

Die alleinige Tatsache, das dies mittlerweile schon die 3. Regionalkonferenz ist - nach den beiden vorangegangenen Konferenzen in Sana'a und Amman - zeigt die wachsende Bedeutung der erneuerbaren Energien in der arabischen Region.

Mit über 3000 Stunden Sonneneinstrahlung pro Jahr - in Deutschland sind es lediglich 800 - und mit einem signifikanten Windenergiepotential - allein in Ägypten über 20.000 MW - ist Ihre Region privilegiert für die Nutzung der erneuerbaren Energien. Technisch gesehen, könnte Ägypten alleine bei optimaler Ausnutzung seines Solarpotenzials den Weltenergiebedarf decken. Natürlich sind das Visionen von morgen. Aber was können und was müssen wir heute machen, um diese Chancen wirtschaftlich zu nutzen?

  • Es müssen mit dem notwendigen politischen Willen politische Rahmenbedingungen geschaffen werden.
  • Es müssen ausreichende und auf Projekte zugeschnittene Finanzierungsmechanismen zur Verfügung stehen.
  • Und: Es müssen die richtigen Technologien angewendet werden. Forschung und Entwicklung, nicht nur am High-Tech-Ende der Anlage sondern auch bei der Anpassung von Technologien in ihrem jeweiligen Umfeld und auf die Bedürfnisse, z.B. zur Trinkwassergewinnung; hierbei spielt Capacity Building eine große Rolle.

Anrede

Wir alle stehen heute vor zwei großen Herausforderungen: in jeder Stadt, in jeder Region und in jedem Land dieser Welt.

Die erste Herausforderung besteht darin, die Lebensumstände der 2 Milliarden Menschen zu verbessern, die keinen Zugang zu moderner Energie haben. Sie brauchen Zugang zu Elektrizität - zur Beleuchtung und zum Kochen, für Rundfunk und Kommunikation -, um ihren Lebensstandard zu erhöhen.

Die zweite Herausforderung besteht darin, die Deckung dieses Bedarfs sicherzustellen ohne dabei dem Klima oder der Umwelt zu schaden. Wir können die Energie für diese 2 Milliarden Menschen nicht so erzeugen, wie wir das in den letzten 50 Jahren getan haben. Die Vorteile der erneuerbaren Energien - den am stärksten wachsenden Energieträgern - liegen auf der Hand:

1. Wirtschaftliche Entwicklung

Erneuerbare Energien können dezentral den Zugang zu Energie ermöglichen und damit einen entscheidenden Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten. Sie sind Zukunftstechnologien und können signifikante Investitionen auslösen - immerhin weltweit über 30 Milliarden US $ im Jahr 2005. Schließlich schafft der Ausbau der erneuerbaren Energien einen neuen wirtschaftlichen Sektor und damit Arbeitsplätze, bei uns in Deutschland alleine 170.000.

2. Umwelt- und Klimaschutz

Nicht nur die Inselstaaten, auch Europa, Amerika und die arabischen Länder leiden mittlerweile unter dem Klimawandel. Insbesondere erhöhte Temperaturen, aber auch geringere Niederschläge und der Meerwasseranstieg führen schon jetzt zu zunehmenden Problemen.

In den kommenden Jahrzehnten werden weder Human- noch Finanzkapital den Engpass für wirtschaftliche Entwicklung darstellen.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien und die effiziente Nutzung der vorhandenen Energieträger, u.a. durch den Einsatz energiesparender Klimaanlagen, Beleuchtung, energetischer Gebäudesanierung und effizienterer Kraftfahrzeuge, können einen wichtigen Beitrag leisten. So kann der Anstieg der Temperatur weltweit auf 2 Grad begrenzt werden. Die Konsequenzen des bereits stattfindenden Klimawandels würden auf ein zu bewältigendes Maß beschränkt.

Über die im Kyoto- Protokoll verankerten flexiblen Mechanismen, insbesondere den Clean Development Mechanismus (CDM), können Projekte zusätzlich gefördert werden. Deutschland setzt sich sehr dafür ein, diesen Mechanismus weiter zu aktivieren. Voraussetzung dafür ist natürlich immer, daß es ein eigenes Engagement aus dem betreffenden Land für das jeweilige Projekt gibt. Zwischenstaatliche Absprachen - etwa in Form eines MoU - können dann zu geeigneten Rahmenbedingungen beitragen. Deutschland hat erste solche MoUs abgeschlossen, und wir sind sehr daran interessiert, dies mit weiteren Staaten zu tun.

Anrede,

Die arabische Region ist eine sehr heterogene Region: einige Länder haben schon große Fortschritte im Ausbau der erneuerbaren Energien gemacht, andere haben mit Sicherheit die finanziellen Möglichkeiten, in den nächsten Jahren signifikante Fortschritte zu machen. Regionale Zusammenarbeit biete hier eine große Chance. Gemeinsam können Erfahrungen in der Politikentwicklung, Finanzierung und Technologieentwicklung ausgetauscht werden. Wir sollten dies auch aktiv in der EU - Mittelmeerzusammenarbeit verankern.

Schon jetzt gibt es erste Netzverbindungen zwischen Europa und der MENA-Region - v.a. zwischen Spanien und Marokko. Derzeit wird allerdings noch Strom aus Europa nach Nordafrika exportiert. Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Vernetzung ausgebaut wird und wir eines Tages Strom aus erneuerbaren Energien von der MENA-Region nach Europa importieren. Technisch ist dies machbar, und mit politischer Weitsicht kann heute ein Einstieg in die Technologie und die Effizienz moderner Energieversorgung von morgen gelingen. Ich hoffe, dass diese Konferenz dazu beiträgt, solche zukunftsweisende Projekte engagiert in Angriff zu nehmen.

Wir befinden uns in einem günstigen Moment: Nächstes Jahr müssen wir im Rahmen der Vereinten Nationen - bei der CSD 15 - entscheiden, wie wir mit dem Energiethema international weiter umgehen wollen. Quatar wird dann den Vorsitz übernehmen. Ein klares Signal aus der MENA-Region wird da sicherlich sehr hilfreich sein.

Wir können jedoch nur dann gemeinsam den Ausbau der erneuerbaren Energien erreichen, wenn die politischen Rahmenbestimmungen stimmen. Dazu gehört auch eine Chancengleichheit unter den Energieträgern und die Berechnung ihrer wahren Kosten. Subventionen für einzelne, häufig fossile, manchmal nukleare Energieträger verzerren das Bild und behindern den Ausbau der Erneuerbaren. Verläßliche Rahmenbedingungen für die Erneuerbaren, die Investitionssicherheit bieten, ermöglichen andererseits durchschlagenden Erfolgt. Mit Einspeisetarifen für Strom aus Erneuerbaren, wie sie mittlerweile weltweit über 35 Länder geregelt haben, konnten wir ausgezeichnete Erfahrungen machen.

Ich würde mich freuen, wenn hier von dieser Konferenz in Kairo eine Botschaft ausgeht:

  • Erneuerbare Energien bieten enorme Vorteile ebenso für europäische wie auch für die arabischen Länder;
  • Wir werden gemeinsam die regionale und internationale Zusammenarbeit - auch mit Hinblick auf die CSD - weiter voranbringen;
  • Der CDM bietet hervorragende Möglichkeiten der Modernisierung von Energiesystemen, und diese Möglichkeiten wollen wir nutzen

Ich wünsche mir, dass in den nächsten 2 Tagen möglichst viele konkrete Vorschläge hierzu erarbeitet werden.

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