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Archiv 16. Legislaturperiode
Parl. Staatssekretärin Astrid Klug
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Titel: Verantwortung braucht Führung
- Untertitel: Innovation durch CSR
- Redner/in: PSt’in Astrid Klug
- Anlass: Globales Wirtschafts- und Ethikforum
- Datum/Ort: 11.05.2009, Berlin
- Es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir stehen vor enormen Herausforderungen – ökonomisch, ökologisch und sozial. Diese Herausforderungen sind die Nagelprobe für unser Zusammenleben weltweit.
Wie Umfragen (Bertelsmann-Stiftung) zeigen, schwindet die Unterstützung für die soziale Marktwirtschaft. In der jetzigen Krise spiegelt sich dies auch daran, dass die Soziale Marktwirtschaft Deutschlands beim Thema soziale Gerechtigkeit derzeit nur noch wenigen als vorbildlich gilt. Nur noch fünf Prozent der Bürger nennen Deutschland als dasjenige Industrieland, das ihren Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit am nächsten kommt.
Verschiedene Megatrends bringen ökonomische, soziale und ökologische Herausforderungen, aber auch Chancen mit sich:
- Wir erleben einen gewaltigen weltwirtschaftlichen Wachstums- und Industrialisierungsschub. Das Weltsozialprodukt wird sich innerhalb der kommenden 25 Jahre auf mehr als 60 Billionen Dollar annähernd verdoppeln.
- Die Bevölkerung wächst und die Urbanisierung schreitet voran. Heute bevölkern 6,6 Milliarden Menschen den Planeten, 2050 werden es bereits 9,2 Milliarden sein.
- Auch die Mobilität wird weiter wachsen. Prognosen gehen davon aus, dass sich allein der Luftverkehr bis 2020 verdoppeln wird. Auch der weltweite Bestand an Kraftfahrzeugen wird rapide zunehmen.
- Die Energiehunger der Welt wird wachsen. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass sich der CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2050 verdoppeln würde, wenn wir jetzt nicht gegensteuern. Der Klimawandel würde sich entsprechend beschleunigen.
Diese Beispiele machen deutlich: Bei den großen globalen Problemen haben sich ökonomische, ökologische und soziale Aspekte untrennbar ineinander verwoben. Wie wir produzieren, wie wir mit den natürlichen Ressourcen und dem Ökosystem umgehen - das ist zu einer existentiellen Menschheitsfrage geworden.
Die Internationalisierung bietet gerade für ein exportstarkes Land wie Deutschland mit innovativen Unternehmen enorme Chancen. Die Globalisierung bringt aber auch verschiedene einschneidende Veränderungen mit sich:
- Globalisierung bedeutet eine Internationalisierung von Absatzmärkten, Produktionsstätten und teils von Anteilseignern. Darüber droht die nationale, regionale und lokale Verwurzelung von Unternehmen verloren zu gehen.
- Die zeitliche Reichweite ökonomischer, ökologischer und sozialer Entscheidungen wird größer. Mit den Entscheidungen, die wir heute treffen, präjudizieren wir die Art und Weise, wie künftige Generationen auf der Erde leben werden. Der Einfluss von Unternehmen auf die Entwicklung der Volkswirtschaften hat sich erhöht. Durch die größere Reichweite heutiger Entscheidungen haben wir auch eine größere Verantwortung. Das gilt für die Politik, aber auch für die Unternehmen und den einzelnen Verbraucher.
- Die Globalisierung der Märkte hat den Wettbewerb verschärft. Der Wettbewerb darf nicht auf dem Rücken der Natur und auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen werden. Rückgriff auf Kinderarbeit und Raubbau an der Natur führen angesichts einer kritischen Öffentlichkeit zu erheblichen Imageschäden. Die Welt schaut zu. "Reden ist Silber, Handeln ist Gold". "green"- und "bluewashing" zahlt sich für Unternehmen nicht aus.
- Im Rahmen der Globalisierung verändern sich die Lieferketten grundlegend. Die globalen Lieferketten machen Unternehmen verletzlich. Konsumenten brauchen Verlässlichkeit über ökologische und soziale Standards, wenn sie beispielsweise Kinderspielzeug oder Sportschuhe einkaufen. Die moderne Lieferkette von heute muss nach ökologischen und sozialen Kriterien geschmiedet werden.
Letzten Endes verstärkt die Globalisierung die Erwartung an unternehmerische Verantwortung. Angesichts der Globalisierung, ihrer Auswirkungen und Härten, sehnen sich die Menschen nach Vorbildlichkeit und Glaubwürdigkeit in der Unternehmensführung.
Die Öffentlichkeit, die Verbraucher und die Finanzmärkte fragen nicht mehr nur danach, wie hoch Gewinne sind, was Unternehmen mit ihren Gewinnen machen, sondern auch wie sie ihre Gewinne erzielen. Unternehmen sollten - gerade in Zeiten der Globalisierung - nicht fragen, was die Gesellschaften für sie tun können, sondern was sie für die Gesellschaft tun könnten, wie sie zur nachhaltigen Entwicklung lokal, regional und auch national beitragen können.
Auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2002 in Johannesburg wurde dies klar formuliert: Unternehmer haben die Pflicht, zur Entwicklung von gerechten und nachhaltigen Gemeinschaften und Gesellschaften beizutragen.
Wirtschaft und Nachhaltigkeit sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten ein und derselben Medaille. Nachhaltigkeit ist schon lange nicht mehr das "Gutmenschentum" der Vergangenheit, Nachhaltigkeit ist mehr als Müsli und Jute.
Wer den schnellen Euro machen will, der kann auf CSR verzichten. Wer aber langfristig auf den Märkten bestehen will, muss auf Nachhaltigkeit setzen. CSR zahlt sich aus. Unternehmen, die Umweltschutz, Wohlergehen ihrer Mitarbeiter sowie nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft berücksichtigen, handeln aus einem ganz vitalen Eigeninteresse heraus.
Wir brauchen national wie international, eine neue Ära des Wirtschaftens. Dazu schaffen wir mit unserer Umweltpolitik den Rahmen.
- Es geht "nicht nur" um den Aufbau einer florierenden Umwelttechnikbranche. Es geht um die grüne Transformation konventioneller Geschäftsmodelle. Die Unternehmen sollten die Speerspitze des Wandels sein, anstatt von den Entwicklungen getrieben zu werden.
- Wir brauchen eine Rückbesinnung auf reales Wirtschaften, auf unsere industrielle Basis, eine Würdigung strategischer und langfristiger Unternehmensführung, eine Renaissance der Werte an sich.
- Nachhaltiges Wirtschaften und das Geschäft mit der Nachhaltigkeit sind ein klarer Business Case:
- Sie machen sich fit für die Herausforderungen der Zukunft: einen rasanten Strukturwandel und verschiedene Megatrends. Unternehmen, die sich frühzeitig darauf einstellen, erschließen Wettbewerbsvorteile, mindern Risiken und sichern Unternehmensbestand. Unternehmen können nachhaltig Geld verdienen, aber vor allem mit Nachhaltigkeit Geld verdienen.
- Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen stärkt die Innovationskraft: Sie verhindert Unternehmensautismus und bezieht die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit all ihren Fähigkeiten ein.
- Es kann zum Wettbewerbsvorteil werden, wenn ein Wettbewerb um qualitative Aspekte der Produkte besteht. CSR stärkt die Innovationskraft von Unternehmen.
- Gesellschaftlich verantwortliche Unternehmen haben es leichter, qualifizierten Nachwuchs zu rekrutieren und zu binden. Und das „Gold in den Köpfen“ ist entscheidend für die Zukunft der Unternehmen.
- Wer Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement ernst meint, dem traut man zu, auf die Anforderungen der Zukunft vorbereitet zu sein. Nur bei solchen Unternehmen ist man bereit, in die Zukunft zu investieren. Konventionelle Bilanzen spiegeln die Unternehmenswerte immer weniger wieder.
Entscheidend für die Ausgestaltung der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen ist:
- CSR basiert auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Gleichzeitig brauchen wir verbindliche Standards - zumindest eine "(triple-) bottom-line" - die Unternehmen vergleichbar machen. Die Politik kann diese Entwicklung unterstützen. Die neue ISO Norm 26000 (Gesellschaftliche Verantwortung von Organisationen) könnte dazu einen wichtigen Beitrag leisten, der allerdings voraussichtlich erst 2010 vorliegen wird.
- CSR muss auf Kontinuität angelegt, im Unternehmen strategisch verankert und in ein systematisches Management eingebunden sein. In Zukunft muss Nachhaltigkeit nicht nur in der Politik sein. Auch in den Unternehmen sollte Nachhaltigkeit als roter Faden, als Langfriststrategie und Querschnittsaufgabe wahrgenommen werden.
- Unternehmen müssen nicht nur die erforderlichen organisatorischen Ablaufprozesse schaffen, sondern sollten auch die entsprechenden Personalkapazitäten und Mittel bereitstellen.
- Für CSR ist der regelmäßige Dialog mit den Stakeholdern wesentlich. Der Dialog hilft den Unternehmen auch, Megatrends zu erkennen und zu bewerten und vor allem angemessen auf sie zu reagieren.
- Zu den wichtigen Handlungsfeldern von CSR zählen die Arbeitsbedingungen der eigenen Mitarbeiter und zunehmend auch bei den Lieferanten.
Viele klassische Familienunternehmen übernehmen die Verantwortung, ohne von Nachhaltigkeit oder CSR zu sprechen. Der Wunsch, das Unternehmen über die Generationen hinweg zu erhalten, impliziert eine langfristige Sicht. Damit verbunden sind häufig starke regionale und lokale Wurzeln und eine Unternehmensethik des "Teilens", nicht etwa eine Unternehmensethik des "bloßen Mehrens".
Um die ökologischen und sozialen Herausforderungen zu bewältigen und die ökonomischen Chancen der Megatrends zu nutzen, stehen Unternehmen, Zivilgesellschaft und Staat gemeinsam in der Pflicht.
Die ökologische Industriepolitik ist die Antwort des Bundesumweltministeriums auf die großen ökonomischen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Sie setzt auf ein kluges Zusammenspiel von Staat und Markt, auf einen Instrumentenmix und auf den angebots- und nachfrageseitigen Umbau der Märkte.
Wir stehen vor einem radikalen Umbau der Industriegesellschaft. Dieser Umbau bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine neue industrielle Revolution. Es geht nicht um die Abschaffung der Industriegesellschaft. Vielmehr geht es um einen Umbau der Industriegesellschaft, damit die Industriegesellschaft wettbewerbsfähiger wird, damit sie ökologischer wird und damit der soziale Frieden gewahrt bleibt.
Fazit:
- Unternehmen sind keine "Spielbälle" globaler wirtschaftlicher Entwicklungen. Unternehmen haben Spielräume in ihrer Unternehmensführung.
- Die Welt braucht, wenn sie eine Zukunft haben will, gesellschaftlich verantwortliche Unternehmen.
- Unternehmerische Verantwortung bedeutet mehr als nur Shareholder Value, mehr als den kurzfristigen Profit. Unternehmerische Verantwortung bedeutet auch Public Value.
- Moral ist keine Privatsache, Moral muss ein praktizierter Bestandteil der Unternehmensführung sein. Johannes Rau sagte einmal (2003): "Ich habe Sorge, dass eine junge Generation heranwächst, die von allem den Preis und von nichts den Wert kennt".
- Die Zukunft wird aber den Unternehmen gehören, die mit Nachhaltigkeit Geld verdienen und nachhaltig Geld verdienen.
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