Stand: 14.04.2009


  • Titel: "Grüne Karte zeigen"

  • Untertitel: Nachhaltiger Tourismus - Chancen und Herausforderungen
  • Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Astrid Klug
  • Anlass: Kommunal- und Fachkonferenz am 14. April 2009
  • Datum/Ort: 14. April 2009, Bitterfeld-Wolfen, Sachsen-Anhalt

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Ministerin Wernicke, sehr geehrter Herr Minister Dr. Haseloff, sehr geehrter Herr Abgeordneter Zimmer, sehr geehrte Herren Landräte, sehr geehrte Frau Pieper, meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Reisen in und nach Deutschland wird immer beliebter. Selbst in dem wirtschaftlich schwierigen Jahr 2008 konnte gegenüber dem Vorjahr insgesamt eine deutliche Zunahme bei den Übernachtungen in Deutschland verzeichnet werden. Der Zuwachs bei den ausländischen Gästen ist dabei sogar noch größer als bei den Gästen aus Deutschland. Ich finde diesen Trend ausgesprochen erfreulich, vorausgesetzt, bei der Erschließung neuer touristischer Angebote wird auf nachhaltigen Tourismus gesetzt. Daran besteht in Deutschland ein hohes Interesse und es besteht ausreichendes Potential. Schließlich setzen die Deutschen - lt. der aktuellen Reiseanalyse - bei den Konsumprioritäten die Urlaubsreisen auf die erste Stelle! Urlaub ist ihnen noch wichtiger als das Wohnen, das Auto, Kleidung oder die Ernährung.

Wer in Deutschland Urlaub macht, sucht Erholung und nicht nur Strand. Urlauber in Deutschland wollen die schöne Natur genießen, aktiv sein, wandern, Rad oder Kanu fahren, Kultur erleben. Was der Urlauber bei uns sucht ist Naturtourismus. Hier hat unser Land sehr viel zu bieten. Rund 190.000 km markierte Wanderwege bilden ein flächendeckendes Netz für das Wandervergnügen in sehr reizvollen und abwechslungsreichen Landschaften.

Außerdem sprechen 40.000 km mit dem Kanu befahrbare Fließgewässer und ein touristisches Radwegenetz mit ausgeschilderten Radrouten von rund 76.000 km in Deutschland wohl für sich.

Wenn es um Fahrradtourismus geht, ist Sachsen-Anhalt nach einer gerade veröffentlichten Studie des DTV besonders attraktiv. Immerhin erreicht das Land mit einem Anteil fahrradtouristischer Tagesreisen an den Tagesreisen insgesamt 6,9% und damit den zweithöchsten Wert in Deutschland (hinter Brandenburg mit 10,7%).

Der Trend einer stetig steigenden Nachfrage an Naturtourismus ist ungebrochen. Die Entwicklung touristischer Angebote, bei denen die vielfältige Natur und Landschaft genutzt wird, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Allerdings müssen wir darauf achten, dass die Natur durch die touristische Nutzung nicht geschädigt wird. Dabei ist es einerseits wichtig, einmalige Naturlandschaften, wie z.B. die Alpen, das Wattenmeer, große, noch erhaltene Buchenwälder oder die Elbe - als eine der letzten naturnahen Flusslandschaften Mitteleuropas - natürlich zu schützen. Andererseits sollten solche Landschaften aber auch nachhaltig für den Menschen erlebbar gemacht werden. Die Menschen sind eher bereit, sich für den Schutz der Natur einzusetzen, wenn sie die Schönheit, die Einmaligkeit und den Wert dessen kennen und somit wahrnehmen, was sie schützen sollen. Außerdem müssen charakteristische Landschaften durch Nationalparke, Biosphärenreservate oder Naturparke gesichert werden. Dies ist in einem dicht besiedelten, hoch industrialisierten Land wie Deutschland ökologisch und ökonomisch wichtig. Es trägt zudem deutlich zur Wertschöpfung einer Region bei und schafft dort Arbeitplätze. Ländliche Bereiche sind hier daher besonders angesprochen und gefordert.

Um die Bedeutung dieser besonderen Landschaften für unser Land zu unterstreichen, haben wir unsere Nationalparke, Biosphärenreservate und Naturparke unter dem Namen "Nationale Naturlandschaften" zusammengefasst. Deutschlandweit zählen wir inzwischen über 100 solcher Schutzgebiete. Alleine sechs Naturparke, ein Nationalpark (Harz) und das Biosphärenreservat Mittelelbe liegen hier in Sachsen-Anhalt. Dieses Biosphärenreservat gehört im Übrigen mit zu den ältesten in Deutschland (neben dem BR Vessertal) und ist eines der beiden Biosphärenreservate, das das diesjährige Jubiläum "30 Jahre Biosphärenreservate" in Deutschland begründet. Zu Recht kann Sachsen-Anhalt so auf eine hohe Attraktivität mit einer großen Zahl von Natur- und Landschaftsschutzgebieten verweisen, die sich durch unverwechselbare Landschaften auszeichnen. Ich denke da an den Nationalpark Harz/Hochharz, den Drömling mit seinen tausend Gräben als Rückzugsgebiet für gefährdete und vom Aussterben bedrohte Arten oder die Dübener Heide, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Mit den "Nationalen Naturlandschaften" sind neben den für die Umwelt sehr positiven Einflüssen zusätzlich große regionalökonomische Effekte verbunden, wie eine aktuelle Studie von Prof. Job, Universität Würzburg, in unserem Auftrag gezeigt hat. Touristische Aktivitäten tragen nicht nur direkt zu einer höheren Lebensqualität bei, sondern auch zu Arbeit und Wohlstand einer Region. Die Vermarktung regionaler Produkte auch an Touristen erhöht die Wertschöpfung in den Nationalen Naturlandschaften und eröffnet den dort lebenden Menschen eine zusätzliche wirtschaftliche Perspektive. Mit Nationalparken als touristischen Highlights beispielsweise werden nach seiner Berechnung bei rund 50 Millionen Besuchern pro Jahr circa 2,1 Mrd. € Umsatz erwirtschaftet. Pro Jahr! Das entspricht 69.000 Arbeitsplätzen (genauer: einem Vollzeitbeschäftigungsäquivalent von 69.000 Personen). Diese Zahlen beruhen keineswegs auf vagen Schätzungen. Sie sind vielmehr das Ergebnis einer Hochrechnung, in die detaillierte Untersuchungen aus 7 der 15 in Deutschland existierenden Nationalparke eingeflossen sind.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie sehen, es ist ernst gemeint mit dem Schutz und der nachhaltigen Nutzung unserer Landschaften und auch damit, die einheimische Bevölkerung an dem mit der Nutzung der Natur verbundenen Ertrag zu beteiligen.

Der Tourismus unterliegt aber auch neuen Herausforderungen. Klimawandel und Verlust an biologischer Vielfalt stehen dabei ganz oben auf der Liste und werden künftig die Entwicklung im Tourismus maßgeblich beeinflussen. Tourismus - Klimawandel und biologische Vielfalt - das ist ein wahres Spannungsfeld. Um den Tourismus weiter entwickeln zu können, müssen wir die Natur und ihre Vielfalt schützen und den Klimawandel aufhalten.

Es lässt sich bis heute nicht sicher abschätzen, welchen weiteren Anstieg des Meeresspiegels wir durch den Treibhauseffekt in den nächsten Jahren zu erwarten haben. Bereits heute sind Inselgruppen von dem Anstieg des Meeresspiegels bedroht, Auswirkungen des Klimawandels sind auch in den Alpen bereits sichtbar. Der Handlungsbedarf steht somit außer Zweifel.

Was wir aber abschätzen können sind die Auswirkungen des Temperaturanstiegs auf die Artenvielfalt. Je höher die Temperaturen steigen, desto höher werden die Verluste sein. Während sich bei einem Temperaturanstieg von bis zu 2 Grad Verluste und Gewinne noch die Waage halten, werden bei 4 Grad Anstieg deutlich höhere Verluste an Arten auftreten, als dass neue Arten hinzukommen. Aber selbst die Auswirkung durch Wanderung und Verlagerung verschiedener Arten ist nicht abschätzbar.

Unsere Vision ist es deshalb, den Anstieg der mittleren globalen Erwärmung auf maximal 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten zu begrenzen. Die Auswirkungen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt in Deutschland (z.B. Verschiebung der Vegetationszonen, Veränderung des Vogelzugverhaltens, Gefährdung kälteliebender Arten) wären damit abgepuffert bzw. minimiert. Empfindliche Arten und Lebensgemeinschaften werden auf die klimabedingten Veränderungen durch räumliche Wanderungen reagieren und somit erhalten bleiben.

Um diese Vision in die Tat umsetzen zu können, müssen wir den CO2-Ausstoß reduzieren. Auch der Tourismus trägt - und zwar nicht unerheblich - zur CO2-Gesamtemission bei. Die UNWTO (UN world tourism organisation) schreibt dem Tourismus rund 5% der weltweiten CO2-Emissionen zu. Der wahre Klimaeffekt ist allerdings weit höher, da der größte Teil dieser Emissionen durch den Flugverkehr und damit in großer Höhe entsteht. Dort wirken sich die Kohlendioxidemissionen stärker auf das Klima aus als am Boden.

Und deshalb hat der Tourismus innerhalb Deutschlands einen weiteren positiven Effekt für die Umwelt: er schützt vor Klimagasemissionen durch Vermeidung einer langen Anreise vom Heimatort. Ein 14-tägiger Urlaub in Mexiko erzeugt fast 30-mal soviel klimaschädliche CO2-Emissionen, wie ein gleichlanger Urlaub in Sachsen-Anhalt. Eigentlich müssten wir einer solchen Fernreise dafür die "rote Karte" zeigen. Aber dafür sind wir heute nicht zusammengekommen. Heute soll es darum gehen, die "Grüne Karte zu zeigen".

Mit der heutigen Fachkonferenz und dem Auftakt der Baumpflanzaktion am Großen Goitzschesee möchten Sie erreichen, dass die Urlauber künftig ihre Reise nach Sachsen-Anhalt klimaneutral stellen können. Die durch die Reise entstehenden CO2-Emissionen sollen in einem Baum gebunden werden, so dass sie den Treibhauseffekt nicht mehr anheizen können. Ich begrüße diesen Ansatz. Deshalb hat Bundesumweltminister Gabriel auch gerne die Schirmherrschaft für Ihre Kampagne „Grüne Karte zeigen“ übernommen.

Wichtig ist, dass Ihre Kampagne mit all ihren Zielen, die über eine reine Baumpflanzaktion weit hinausgeht, mit breiter Unterstützung umgesetzt werden kann. Zum Aufbau eines nachhaltigen Tourismus stehen viele Handlungsfelder offen. Viele davon finden sich erfreulicherweise in Ihrer Projektausführung. Als Ziel müssen Sie sich immer wieder vor Augen halten:

Tourismus der Zukunft braucht eine unzerstörte Natur!

Bei Ihren Anstrengungen zur Ausweitung eines nachhaltigen Tourismus in Sachsen-Anhalt wünsche ich Ihnen dazu viel Erfolg. Der Kampagne und der heutigen Fachkonferenz wünsche ich einen guten Verlauf.