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Archiv 16. Legislaturperiode
Parl. Staatssekretärin Astrid Klug
Stand: 27.11.2008
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Titel: Grußwort zur DTV-Konferenz (Deutscher Tourismusverband)
- Untertitel: Tourismus, Biodiversität und Klimawandel
- Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Astrid Klug
- Anlass: DTV-Konferenz (Deutscher Tourismusverband)
- Datum/Ort: 27.11.2008, Berlin, Steigenberger Hotel
Anrede,
der Tourismus ist in seiner ökonomischen sowie ökologischen Bewertung ein nach wie vor deutlich unterschätzter Bereich. Im Hinblick auf seine ökonomische Bedeutung meine ich damit über 360 Millionen Übernachtungen in Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen und auf Campingplätzen in Deutschland und einen Gesamtumsatz in der Querschnittsbranche von 233 Mrd. Euro unter Berücksichtigung direkter und indirekter Effekte. Dem Tourismus können zudem unmittelbar und mittelbar etwa 2,8 Mio. Arbeitsplätze zugeordnet werden.
Allerdings darf der Tourismus nicht alleine auf seinen ökonomischen Wert reduziert werden. Umwelt spielt hier in mehrfacher Weise eine wichtige Rolle. Zwischen Tourismus und Umwelt besteht eine Wechselwirkung, die deutlich ausgeprägter ist, als in vielen anderen Lebensbereichen.
Der Tourismus ist in besonderem Maße auf eine intakte Umwelt angewiesen. Er stellt eine wichtige Nutzungsform von Natur und Landschaft dar. Das erkennen Sie auch an der stetig steigenden Nachfrage im Bereich Naturtourismus. Eine Umfrage hat ergeben, dass das Naturerleben für vier von fünf Touristen wichtig bis sehr wichtig ist. Umweltschäden oder Klimawandel lassen maßgebliche regionale wie globale Veränderungen erwarten. Dies kann ganze Tourismusströme verändern.
Tourismus kann - wenn er nicht nachhaltig gestaltet ist - aber selbst zur Schädigung der Natur und der Umwelt beitragen. Der Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen durch tourismusbedingte Aktivitäten wird von der UNWTO auf rund 5% geschätzt. Diese Schätzung spiegelt noch nicht die vom IPCC dargestellte erhöhte Klimawirksamkeit der CO2-Emissionen wider, die von Flugzeugen in großen Höhen ausstoßen werden. Die tatsächliche Bedeutung des Tourismus wird für das Klima dadurch noch deutlich größer. Es ist wohl nicht zu erwarten, dass dieser Anteil zurückgeht, da das Interesse an Flugreisen ungebrochen groß ist und sogar weitere Steigerungsraten prognostiziert werden. Bei langen Flugreisen macht alleine die Anreise zum Urlaubsort und zurück rund 90% des Anteils der durch die Reise insgesamt verursachten Klimaemissionen aus. Ein 14-tägiger Urlaub in Mexiko erzeugt so fast 30-mal soviel klimaschädliche CO2-Emissionen, wie ein gleichlanger Urlaub auf der Insel Rügen.
Weltweit, auch schon in Deutschland, sind die Auswirkungen des Klimawandels auf die Natur und den Verlust an biologischer Vielfalt bereits durch zahlreiche Beobachtungen aus den verschiedensten Lebensraumtypen vom Meer bis ins Hochgebirge erkennbar. Dabei sind die bisher nachgewiesenen Klimaveränderungen noch deutlich geringer als die, die für die nächsten Jahrzehnte erwartet werden. Diese Auswirkungen werden sich deutlich durch Veränderungen und in vielen Fällen auch durch den Rückgang der biologischen Vielfalt, besonders in den Alpen, im nordostdeutschen Tiefland und im Bereich des Oberrheingrabens zeigen. Der Erhalt der biologischen Vielfalt stellt deshalb eine ebenso große Herausforderung dar, wie die Bewältigung des Klimawandels selbst.
Die 9. Vertragsstaatenkonferenz zum Übereinkommen über die biologische Vielfalt im Mai dieses Jahres in Bonn hat sehr deutlich bekräftigt, dass wir unsere Anstrengungen in den kommenden zwei Jahren intensivieren müssen. Wir haben uns dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2010 den Verlust an biologischer Vielfalt in Deutschland zu stoppen. Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt ist unser Handlungsprogramm, um hier entscheidend voranzukommen. Darin haben wir als eines der Strategieziele beschlossen, bis zum Jahre 2020 die natürliche CO2-Speicherkapazität der Landlebensräume um 10 % zu erhöhen, z.B. durch die Zunahme naturnaher Wälder und durch Wiedervernässung und Renaturierung von Mooren.
In dem Prozess um Klimawandel und Biodiversität wird es Gewinner und Verlierer geben. Der Klimawandel wird die Ausbreitung Wärme liebender Arten begünstigen. Arten, die früher eher im Mittelmeerraum zu finden waren, werden künftig verstärkt auch bei uns auftreten. Dazu gehören zum Beispiel verschiedene Libellenarten wie die Feuerlibelle, deren Vorkommen sich seit den 80-er Jahren vom Oberrheintal aus bis nach Nordhessen und Nordrhein-Westfalen ausgeweitet haben.
Auf der anderen Seite steht wohl jetzt schon fest, dass die Ostsee-Ringelrobbe ein besonderer Verlierer des Klimawandels sein wird. Sie benötigt für die Aufzucht ihrer Jungen mindestens zwei Monate lang eine feste Eisschicht mit Schneebedeckung. Aufgrund der Klimaszenarien ist zu erwarten, dass von den Aufzuchtgebieten in der Ostsee mit jeweils eigenen Populationen künftig nur eines übrig bleiben wird. Insgesamt gehen wissenschaftliche Prognosen davon aus, dass in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten 5-30% der derzeitigen Tier- und Pflanzenarten durch Klimaänderungen aussterben könnten. Es bleibt zu klären, wie die Ökosysteme mit dieser Veränderung umgehen werden.
Es werden sich aber auch ganze Landschaftsbilder verändern. Der Anstieg der Schneefallgrenze wird Winterlandschaften ebenso verändern, wie die erwartete Abnahme der Sommerniederschläge, die die - ohnehin schon durch menschliche Eingriffe belasteten - Feuchtgebiete noch stärker gefährden werden. Die tatsächliche Wechselwirkung zwischen klimatischen Veränderungen und den Auswirkungen auf die biologische Vielfalt lässt sich heute noch gar nicht genau abschätzen.
Anrede,
sie sehen bereits anhand dieser Beispiele, wie eng Klimawandel und biologische Vielfalt miteinander verknüpft sind und in welcher direkten Beziehung hierzu der Tourismus steht.
Die Elemente Klimawandel, Tourismus und Biodiversität waren bereits Grundlage verschiedener Konferenzen. Bislang wurden aber immer nur zwei Bereiche verknüpft und das Zusammenwirken aller drei Themenbereiche nur wenig vertiefend behandelt. Was wir mit dieser Konferenz erreichen wollen ist, einen Dreiklang herzustellen. Wir wollen die wechselseitige Beeinflussung aller drei Elemente `Klimawandel, Tourismus und Biodiversität` beleuchten.
Zunächst soll es eine Bestandsaufnahme geben. Wir wollen wissen, wo wir stehen und welche Forschungsergebnisse uns aktuell vorliegen. Welches sind bisher die wesentlichen Erkenntnisse. Es geht um die Verknüpfung der Themen als Ausgangspunkt zur Entwicklung von Zukunftsszenarien einschließlich der notwendigen und möglichen Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen. Diese Tagung soll ferner dazu dienen, weiteren Forschungsbedarf zu identifizieren.
Dazu müssen wir mit den verschiedenen, besonders betroffenen Ökosystemen beginnen (Berge, Inseln, Küsten). Unsere Fragestellungen müssen auch aus der Perspektive von Ziel- und Quellmarktländern, sowie Industrie- und Entwicklungsländern betrachtet werden. Hier erwarte ich neue Erkenntnisse aus nationalen aber auch aus internationalen Fallstudien, die theoretische Annäherungen mit praktischen Beispielen aufzeigen werden.
Es geht doch um die Frage: wie verändert Klimawandel die biologische Vielfalt und welche Auswirkungen hat dies auf touristische Destinationen. Wie verändern sich Tourismusströme unter Berücksichtigung einer sich möglicherweise ändernden biologischen Vielfalt. Vielleicht ergeben sich auch neue Chancen für die Natur und den Naturschutz. Wie können sich Tourismus und Naturschutz und Klimawandel begegnen? Welche Synergien oder welche Konflikte werden entstehen?
Anrede,
Sie sehen, wir stehen vor sehr komplexen Fragestellungen für die wir heute Antworten suchen wollen. Ich hoffe sehr, dass die Konferenz dazu beitragen kann, einige Antworten zu finden und darüber hinaus den Forschungsbedarf zu erkennen.
Anrede,
ich wünsche Ihnen viele kreative, umsetzbare Ideen und der Konferenz einen guten Verlauf.
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Weitere Informationen:
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Pressemitteilung vom 27.11.2008: Klimawandel fordert Tourismuswandel
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www.tourismus-klima.de: Internetseite zur Konferenz




