• Titel: "abgetaucht"

  • Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Astrid Klug
  • Anlass: Eröffnung der Riffe-Ausstellung "abgetaucht"
  • Datum/Ort: 08.04.2008, Berlin

Anrede,

ab heute ist Berlin um ein Ereignis reicher: Für die nächsten sechs Monate kann man mitten in der Großstadt eintauchen in die Welt der Riffe. Wer einen Blick in die Tiefen der Meere und Ozeane wagt, entdeckt im Ökosystem Riff eine faszinierende, im Laufe von Jahrtausenden gewachsene Unterwasserwelt, die in ihrer Vielfalt einzigartig ist. Was sonst unter der Wasseroberfläche verborgen bleibt, können wir uns dank der Sonderausstellung "abgetaucht" nun aus aller Nähe anschauen und kennen lernen. Nicht jeder hat die Möglichkeit, zu den Riffen dieser Welt zu reisen und das schillernde Ökosystem Riff im Tauchgang zu erleben. Daher ist die Schönheit der Riffe oftmals nur wenig bekannt – genauso wie ihr vielfältiger Nutzen für den Menschen oder ihre akute Bedrohung. Diese Lücke möchten wir gerne schließen.

Die Ausstellung "abgetaucht" ist Teil der Aktivitäten rund um das Internationale Jahr des Riffes 2008, dem die deutsche Bundesregierung besondere Bedeutung beimisst und dessen Schirmherrschaft Bundesumweltminister Sigmar Gabriel deshalb übernommen hat. Das Thema Biodiversität liegt uns dabei aktuell ganz besonders am Herzen: Im Internationalen Jahr des Riffes wird Deutschland Gastgeber der 9. UN-Konferenz der Konvention über die biologische Vielfalt sein. Zu der in Bonn stattfindenden UN-Konferenz werden Delegierte aus über 190 Staaten erwartet, um gemeinsam Lösungen für die Erhaltung der Artenvielfalt zu erarbeiten - ein geeigneter Anlass auch auf die besondere Schutzbedürftigkeit der natürlichen Vielfalt an Ökosystemen, Tier- und Pflanzenarten unterhalb des Meeresspiegels hinzuweisen. Die Ausstellung "abgetaucht" soll Sie locken, sich auf das Abenteuer Riff einzulassen - auf seine Schönheit und Kostbarkeit, auf seine Verletzbarkeit und seine Geschichten.

Zu entdecken gibt es dabei reichlich: In diesen "Regenwäldern der Meere" tummeln sich alle Gruppen des Tierreichs - von primitiven Einzellern über Muscheln und Schnecken bis hin zu Fischen, Reptilien und sogar Säugetieren wie Delphinen und Seekühen. 3.800 Korallenarten leben hier sowie immerhin ein Viertel aller weltweit vorkommenden Fischarten. Rund 60.000 verschiedene Arten von Riffbewohnern wurden bislang identifiziert. Dabei schätzen Meeresbiologen, dass insgesamt rund eine Million Tier- und Pflanzenarten hier gut organisiert zusammenleben. Diese „Unterwasserstädte“ säumen die Küstenstreifen ganzer Kontinente, wobei sich häufig gleich mehrere Kilometer hohe Gesteinskomplexe aufeinander türmen. Ein Beispiel der Superlative ist hier das Große Barrier-Riff in Australien: Mit 2.000 Kilometern Länge ist es eine der lebenden Strukturen, die selbst vom Weltraum aus erkannt werden kann.

Doch die funktionierende Wunderwelt der Riffe ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Artensterben hat es zwar immer gegeben. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch, dass die aktuelle Rate 100 bis 1000 mal höher liegt als zu vorindustrieller Zeit und klar von Menschen verursacht ist. Die Problematik ist also dringlicher denn je und betrifft in besonderer Weise das Ökosystem Riff: Zusammen mit den arktischen Ökosystemen und den alpinen Zonen zählen Riffe zu den empfindlichsten Opfern des Klimawandels überhaupt. Auch unsachgemäße Fischfangmethoden, Meeresverschmutzung und zunehmender Tourismus tragen zur fortschreitenden Zerstörung der Riffe bei. Weltweit wurden in den vergangenen Jahrzehnten 20 Prozent der Riffe unwiederbringlich zerstört, weitere 20 Prozent sind stark beschädigt. Wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass bis zum Jahr 2030 rund 60 Prozent der Korallenriffe absterben könnten.

Dabei sind Riffe nicht nur von größter Bedeutung für die Natur, sondern auch für den Menschen: Allein die asiatischen Riffe ernähren mindestens 250 Millionen Menschen. In Indonesien garantiert der biologische Reichtum der Riffe Arbeitsplätze für etwa 10.000 Fischer. Die in den Riffen beheimateten Tier- und Pflanzenarten bilden die Grundlage für eine Vielzahl von Medikamenten und auch der touristische Wert der Riffe ist enorm: Im Jahr 2006 kamen 5,5 Millionen ausländische Besucherinnen und Besucher zum australischen Barrier-Riff; der touristische Wert der Karibik-Riffe wird auf 140 Milliarden Dollar jährlich geschätzt. Darüber hinaus wirken Riffe als Wellenbrecher und bieten empfindlichen Küstenregionen einen unersetzlichen Schutz vor Naturgewalten. Die Bedeutung von Riffen als natürlicher Küstenschutz wird zudem weiter wachsen: Für das Jahr 2030 geht man davon aus, dass rund zwei Drittel der Weltbevölkerung in küstennahen Gebieten wohnen werden.

Anrede,

der Schutz der Natur beginnt mit ihrer Wertschätzung - und gerade beim Lebensraum Riff zeigt sich oft: Was wir nicht kennen, liegt uns fern zu schützen. Wenn es die Ausstellung "abgetaucht" schafft, die Neugier auf das unersetzliche und bedrohte Ökosystem Riff zu wecken - und davon bin ich überzeugt! - dann haben wir daher einen bedeutenden Schritt zu seinem Schutz getan. Zum Nachlesen gibt es übrigens ein eigenes Magazin zur Ausstellung und bald auch ein Begleitbuch. Ich danke Herrn Professor Leinfelder und seinem Team, dass sie dieses Thema so kompetent und ansprechend aufgegriffen haben und diese fantastische Ausstellung realisiert haben. Dank auch dem Bundesamt für Naturschutz für die fachliche und organisatorische Unterstützung bei der Realisierung.

Ich freue mich, die Ausstellung heute eröffnen zu können und wünsche ihre viele Besucherinnen und Besucher und Ihnen nun viel Spaß beim Ab- und Eintauchen in die Welt der Riffe.

Herzlichen Dank.


Astrid Klug mit Museumsdirektor Leinfelder (Foto: Naturkundemuseum)
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