• Titel: "Wer hat Angst vorm bösen Wolf?"

  • Untertitel: Vermittlung konfliktträchtiger Umwelt- und Naturschutzthemen
  • Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Astrid Klug
  • Anlass: Tagung "Wer hat Angst vorm bösen Wolf?"
  • Datum/Ort: 13.02.2007, Katholische Akademie, Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlich willkommen zur Tagung des Bundesumweltministeriums "Wer hat Angst vorm bösen Wolf?". Wir haben Sie heute hier in die Katholische Akademie eingeladen - nicht zu einer Märchenstunde, sondern um eine wirklich schöne Entwicklung zu würdigen und einen Beitrag zu leisten, dass diese Entwicklung ein gutes Ende nimmt. So wie das in Märchen eigentlich üblich ist, nur leider in der Regel nicht für den Wolf.

Seit einigen Jahren sind Wölfe in Deutschland wieder heimisch geworden. Im Jahre 2000 wurden in der Muskauer Heide in Sachsen erstmals seit fast 150 Jahren 4 Wolfswelpen geboren. Heute leben in der Lausitz zwei Wolfsrudel mit zusammen etwa 20 Tieren. Über Jahrhunderte wurden Raubtiere wie Luchs, Bär und Wolf unnachgiebig vom Menschen verfolgt und in ganz Mitteleuropa ausgerottet.

Damit war ein wichtiger Teil unseres Naturerbes verloren gegangen. Doch dank strenger Schutzbestimmungen konnten diese Arten nun wieder in Mitteleuropa Fuß fassen. Die Wölfe wurden dabei nicht etwa ausgesetzt und damit aktiv wieder angesiedelt, wie z. B. der Luchs, sondern sind selbstständig aus Polen nach Deutschland eingewandert. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung. Ebenso wie die Zunahme von Wanderfalke und Uhu, ist auch die Rückkehr des Wolfes ein gutes Zeichen dafür, dass der Verlust der Artenvielfalt durch geeignete Maßnahmen aufgehalten werden kann.

Weltweit dagegen schreitet das Artensterben bedrohlich voran. Der Schutz und Erhalt der biologischen Vielfalt ist neben dem Klimaschutz die zentrale Menschheitsherausforderung des 21. Jahrhunderts. Die Vereinten Nationen haben deshalb 1992 auf dem Weltgipfel in Rio de Janeiro das Übereinkommen über die Biologische Vielfalt (CBD) beschlossen. Um das darin formulierte Ziel zu erreichen, die Vielfalt zu erhalten, soll der Artenschwund bis 2010 wesentlich reduziert werden. Auch wir in Deutschland sind damit eine Verpflichtung eingegangen. Und im nächsten Jahr ist Deutschland Gastgeber der CBD-Vertragsstaaten-Konferenz, der 9. Weltnaturschutzkonferenz, zu der Bundesumweltminister Gabriel die Vertragsstaaten des Übereinkommens nach Bonn einlädt, um mit vielen Tausend Vertretern der Staatengemeinschaft Bilanz zu ziehen, wie weit wir auf unserem Weg zum Schutz der biologischen Vielfalt gekommen sind und um die Weichen für die Zukunft zu stellen.

Der Schutz von eindrucksvollen Großtieren wie Elefanten, Tigern und Wölfen ist dabei ein wichtiger Schritt von vielen.

Die Verantwortung für die Erhaltung solcher Arten liegt im Sinne einer Aufgabenteilung jeweils in den Händen jener Staaten, in denen diese Tiere leben. So wie wir erwarten, dass Indien das Überleben der letzten Tiger ermöglicht oder in Afrika die Elefanten vor Wilderern geschützt werden, tragen wir zum Beispiel die Verantwortung für das Überleben der europäischen Wölfe. Die Aufgabe, große Wildtiere zu schützen, kann durchaus mit gewissen Problemen verbunden sein. Während Elefanten schon mal eine Ernte vernichten können, fressen Wölfe gelegentlich auch Schafe. Als relativ wohlhabende Nation mit nur wenigen problematischen Arten haben wir da allerdings ein vergleichsweise kleines Päckchen zu schultern. Aber weil bei uns große Wildtiere lange ausgerottet waren, müssen wir das Zusammenleben erst wieder lernen.

Deshalb gehört bei uns zu einem verantwortungsvollen Umgang mit großen Raubtieren wie Wölfen, dass wir für die Probleme, die sich aus der Nachbarschaft von Mensch und Tier ergeben können, rechtzeitig Lösungen vorbereiten. Der Freistaat Sachsen, in dem die ersten Wolfsrudel leben, praktiziert zum Beispiel bereits mit großem Erfolg ein Wolfsmanagement, über das im Rahmen dieser Tagung noch berichtet wird. Sachsen ist damit ein wichtiger Pionier und ein positives Beispiel.

Von ganz entscheidender Bedeutung für ein Wolfsmanagement ist die Aufklärung der Öffentlichkeit und insbesondere der unmittelbar Betroffenen. Nachdem es so lange keine Wölfe in Deutschland gab, fehlen uns einfach die Erfahrungen im Umgang mit dem neuen Nachbarn. Isegrims Rückkehr nach Deutschland ist von vielen Menschen mit Begeisterung aufgenommen worden. Einige Menschen sind jedoch auch verunsichert oder haben Angst.

Nun fallen in die Zuständigkeit des Bundesumweltministeriums viele Themen, in deren Zusammenhang die Menschen besorgt nach den Risiken fragen. Atomenergie und Mobilfunkstrahlung sind nur zwei Beispiele. Doch kaum ein anderes Thema ist so sehr mit dem Begriff "Angst" gekoppelt wie der Wolf. Erst vor wenigen Tagen konnte man dies wieder in verschiedenen Tageszeitungen feststellen. Der Tagesspiegel titelte am 31. Januar "In der Lausitz wächst die Angst vor den Wölfen" und in einem Artikel in der Boulevardpresse Anfang Februar lautete die Überschrift schlicht "Wolfs-Angst". Jedes Jahr sterben in Deutschland einige Menschen durch Haushunde und das Risiko bei einem Waldspaziergang von einer Zecke gestochen zu werden und in der Folge an Hirnhautentzündung zu sterben ist sehr viel größer als die Gefahr von einem Wolf angegriffen zu werden. Dennoch ist es vor allem der Wolf, der Angst auslöst. Rationale Argumente, wie der Vergleich mit der Zecke, helfen dagegen nur wenig.

Die Ängste zu kritisieren ist keine Lösung. Ängste ernst zu nehmen und durch Information Ängste zu nehmen, das ist Teil der politischen Verantwortung, um diese Tiere zu schützen und ihnen Lebensräume zu geben. Diese Verantwortung wahrzunehmen bedeutet natürlich nach Möglichkeit, dort wo echte Risiken die Ursache sind, diese Gefahren zu beseitigen. Das ist einer der Gründe für den Ausstieg aus der Kernenergie. Es gilt jedoch andererseits überzogenen Ängsten durch gezielte Aufklärung zu begegnen. Wir möchten deshalb heute mit Ihnen als Betroffene, Fachleute und Multiplikatoren über diese Aufgabe der Aufklärung diskutieren. Die Frage lautet: "Wie können die richtigen Informationen am besten vermittelt werden?".

Diese Frage müssen wir nicht zuletzt vor dem Hintergrund unserer Medienlandschaft beantworten. Das zeigt deutlich ein Artikel, der Anfang Februar in der Boulevardpresse zu lesen war. Dort wurde mit dem Foto eines Bürgermeisters vor einem Zaun der Eindruck erweckt, dass sich die Menschen in der Lausitz mit Elektrozäunen gegen Wölfe schützen, während tatsächlich nur ein Wildgatter abgebildet war. In dem gleichen Artikel steht unter dem Foto eines zähnefletschenden Wolfes der Satz "Überall können die Wölfe mit ihren tödlichen Reißzähnen lauern". Damit wird suggeriert, dass die Lausitz-Wölfe auch Jagd auf Menschen machen. So entsteht ein vollkommen falsches und abwegiges Zerrbild vom Wolf, aber auch von den Menschen in der Region. Medien berichten eben nicht nur über Ängste, sie können diese auch schüren. Deshalb heißt unsere Tagung auch "Wer hat Angst vorm bösen Wolf?". Wie sehr Fernsehen, Radio und Zeitungen die Meinungsbildung mitbestimmen und auch zur Emotionalisierung einer Debatte beitragen können hat im vergangenen Sommer das Medienereignis "Bruno, der Bär" gezeigt. Ein einzelner Bär, der durch Bayern und Österreich gestreift ist, hat wochenlang ganz Mediendeutschland in Atem gehalten. Deshalb freuen wir uns besonders, dass wir für diese Tagung ausgezeichnete Medienexperten gewinnen konnten, die uns zu diesem Thema interessante Einblicke geben werden.

Die Rückkehr der Wölfe ist jedoch nicht nur ein Medienereignis. Betroffen sind vor allem die Menschen in der Lausitz. Für Menschen, die in Spreewitz, Mühlrose oder Rietschen leben, hat der Wolf eine andere Bedeutung als für die Bürger von Berlin oder in meiner Heimatstadt Homburg im Saarland. Obwohl viele Saarländer dank des berühmten Wolfsparkes von Werner Freund in Merzig immerhin Europäische Wölfe von Indischen Wölfen und Kanadische Wölfe von Sibirischen Wölfen unterscheiden können. Und Werner Freund hat mit seiner Arbeit eines geschafft: bei vielen Menschen Angst in Respekt und Interesse an einem wunderbaren Tier umzuwandeln. Werner Freund lebt mit den Wölfen. In freier Wildbahn sind es bestimmte Berufsgruppen wie Schäfer, Forstwirte und Jäger, die mit dem Wolf in der Lausitz als Nachbarn leben und für die sich tatsächlich etwas im Alltag ändert. Deshalb möchte ich die Vertreter dieser Gruppen hier besonders herzlich begrüßen. Sie tragen für das Verständnis für den Wolf, für seinen Schutz und seinen Lebensraum eine besondere Verantwortung. Im Dialog mit Ihnen wollen wir herausfinden, wie wir mit den Wölfen umgehen können.

Wir möchten mit der heutigen Tagung unsere politische Verantwortung für das Thema wahrnehmen und zu einer Versachlichung der teilweise stark emotionalisierten Debatte beitragen und nicht zuletzt auch eine vorbeugende Aufklärung leisten. Ihre besonderen Kenntnisse werden dabei sicherlich sehr hilfreich sein. Im Anschluss an die Tagung wird Bundesumweltminister Gabriel hier in der Katholischen Akademie ab 19:00 Uhr einen Empfang geben. Sigmar Gabriel wird dann ein ausführliches Gespräch mit der Pianistin Hélène Grimaud führen, die sich seit vielen Jahren für den Schutz der Wölfe engagiert und sehr interessant über ihre Erfahrungen erzählen kann. Zu diesem Empfang möchte ich Sie noch einmal herzlich einladen. Ich wünsche allen Beteiligten einen interessanten Tag und anregende Diskussionen - und dass das Märchen vom bösen Wolf in Zukunft korrigiert werden kann und wir Menschen uns als gute Nachbarn beweisen.

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