Stand: 10.06.2006


  • Titel: 8. Geo-Tag der Artenvielfalt

  • Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Astrid Klug
  • Anlass: Geo Tag der Artenvielfalt
  • Datum/Ort: 10.06.2006, Bremerhaven, Alfred Wegener Institut

Sehr geehrter Herr Prof. Thiede,
sehr geehrte Frau Prof. Wiltshire,
lieber Herr Meister,

man kann nur gratulieren – zum 8. GEO-Tag der Artenvielfalt, zu dem wunderbaren Wetter in Bremerhaven und dem engagierten Kooperationspartner in diesem Jahr, dem Alfred-Wegener-Institut. Mit dieser hervorragenden Initiative geben sie eines der besten Beispiele für das "Deutschland der Ideen". Und mit der biologischen Vielfalt kümmern sie sich um ein Thema, das eines der faszinierendsten Phänomene auf unserem Erdball ist und mit dem dramatischen Rückgang gleichzeitig auch eine unserer größten Sorgen.

Den Rückgang der Artevnvielfalt zu stoppen, verlangt den Einsatz aller Gruppen in unserer Gesellschaft. Der Staat ist gefragt und steht bereits seit 100 Jahren in der Verantwortung. Vor zwei Wochen haben wir in Bonn das hundertjährige Jubiläum des staatlichen Naturschutzes gefeiert. Staatlicher Naturschutz allein reicht aber bei weitem nicht aus. Ohne die vielen ehrenamtlich Engagierten kann im Naturschutz nicht viel gelingen. Die Arbeit der von einer Sache begeisterten Menschen kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Der Staat wäre total überfordert, wenn er auch nur ansatzweise versuchen wollte, das ehrenamtlich Geleistete selbst mit eigenem Personal und Geld durch zu führen.

Aber auch Staat und Ehrenamt reichen nicht. Wir brauchen auch die Mitwirkung, Unterstützung und Hilfe der Unternehmen und der Medien. Und genauso sehen wir den Geo-Tag der Artenvielfalt – als wichtige Unterstützung und als Rückenwind für unsere Arbeit. Ich bin ausgesprochen dankbar dafür, dass GEO-Verlag und Redaktion sich die Artenvielfalt auf Ihre Fahnen geschrieben haben. Sie schaffen es jetzt schon zum achten Mal, viele Experten zusammen zu holen und die Bevölkerung ins Gelände zu bringen. Denn man muss nicht in die Ferne schweifen, keinen tropischen Dschungel ansteuern oder ferne Gebirge erobern, um die biologische Vielfalt zu erleben. Das Leben beginnt im wahrsten Sinne des Wortes vor der eigenen Haustür. Man muss nur lernen hinzuschauen.

Dieses Hinschauen zu befördern und zu ermuntern, in der reichhaltigen Natur die Vielfalt zu entdecken, die möglicherweise ganz versteckt existiert, das ist das Verdienst dieser inzwischen schon zur Institution gewordenen Tage der Artenvielfalt.

Mir sind dabei zwei Aspekte besonders wichtig. Zum einen das Zusammentragen von Beobachtungen, Daten und neuen Erkenntnissen. Zum anderen aber der pädagogische Aspekt. Das eigene Erleben der Vielfalt mit allen Sinnen, das ist es, was wir vor allem jungen Leuten vermitteln müssen. Artenvielfalt, Natur und Landschaft wird so zu einem hochspannenden Entdeckerthema. Das ist wichtig, denn wenn man manche Umfragen und Studien zu den Einstellungen von Jugendlichen zu Naturschutzthemen liest, dann wird einem angst und bange. Vielen jungen Leuten fehlt heute der direkte Bezug zu Tieren und Pflanzen. Und das ist nicht nur schade, sondern ein Schaden. Denn nur was man kennt, schätzt man. Und nur was man schätzt und wertschätzt, schützt man. Das lässt sich allerdings nicht mit der Brechstange erzwingen. Biologische Vielfalt kennen zu lernen erfordert Lust und Laune. Und die verbreitet der GEO-Tag der Artenvielfalt – hier an der Küste, aber auch an den vielen anderen Orten, wo sich zahlreiche Menschen und Initiativen beteiligen.

Im Bundesumweltministerium nehmen wir das Thema biologische Vielfalt sehr ernst. Es ist eines der Schwerpunkte für diese Legislaturperiode und wichtige Ereignisse werfen bereits ihre Schatten voraus. Deshalb hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel auch gerne die Schirmherrschaft über diesen Tag der Artenvielfalt übernommen. Leider kann er heute nicht hier sein, weil er mit einer Delegation im Nahen Osten unterwegs ist, um neue Bündnispartner für mehr Klimaschutz zu gewinnen. Aber ich soll Sie ganz herzlich von ihm grüßen.

In zwei Jahren wird Deutschland Gastgeber der 9. Vertragstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt sein. Wir werden dann Experten und Politiker aus über 180 Staaten der Erde in Bonn zu Gast haben. Wir wollen unsere Gastgeberrolle nutzen, um dem weltweiten Naturschutz möglichst viel neuen Schwung mitzugeben und effektive Maßnahmen durchsetzen, um den Rückgang der biologischen Vielfalt zu stoppen. Dabei geht es vor allem um den Schutz noch vorhandener Urwälder, die Sicherung der Ausgleichsfunktionen naturnaher Wälder für unser Klima, den Aufbau eines weltweiten Schutzgebietsnetzes und die Beteiligung der ärmeren Länder an den Vorteilen, die wir aus der Nutzung der biologischen Vielfalt ziehen.

Die Herausforderung ist immens. Aber klar ist auch: Wir dürfen nicht von anderen fordern, auf die Nutzung von Naturressourcen zu verzichten – während wir selbst im eigenen Land oder über globale Konsumketten Raubbau betreiben. Wir sind zuerst selbst gefordert, unsere Hausaufgaben zu machen!

Wir müssen unser eigenes Nationales Naturerbe sichern. Deshalb überträgt der Bund in dieser Legislaturperiode 125.000 Hektar bundeseigene Flächen in eine Stiftung und an die Länder, um sie dem Naturschutz zur Verfügung zu stellen, Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu erhalten und zurück zu erobern. Und wir werden in diesem Jahr eine Nationale Biodiversitätsstrategie vorlegen.

Ich will auch noch auf zwei ganz konkrete und erfolgreiche Aktivitäten hinweisen. Seit mehr als 25 Jahren gibt es eine sehr feine und effektive Zusammenarbeit mit Dänemark und den Niederlanden hinsichtlich des Schutzes des Wattenmeeres. Was als bescheidene Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Forschung angefangen war, hat sich zu einer engen und in der Tat politischen Zusammenarbeit entwickelt. Ohne rechtliches Übereinkommen, sondern allein aufgrund der Einsicht in die Notwendigkeit einer gutnachbarschaftlichen Zusammenarbeit zum Schutz dieses einmaligen und grenzüberschreitenden Lebensraumes. Übrigens waren auch hier die Verbände von Anbeginn in diese Zusammenarbeit eingebunden.

Das zweite Beispiel sind die Naturdetektive, sozusagen der kleine Bruder des Tages der Artenvielfalt. Das ist eine Initiative unseres Bundesamtes für Naturschutz. Im Internet können insbesondere Schüler ihre Beobachtungen austauschen. Sei es, dass sie über die ersten Schneeglöckchen oder die Ankunft der Störche ihre Einträge machen. Man merkt, dass man gemeinsam mit scheinbar kleinen Beiträgen etwas Großes schaffen kann. Diese Naturdetektive mausern sich inzwischen sogar zum Exportschlager: Es gibt sie schon in verschiedenen Ländern und Sprachen. Beides, der Tag der Artenvielfalt und die Naturdetektive sind eine wunderbare Symbiose eingegangen.

Mit vielen solcher Initiativen, die Lust an den Entdeckungen in der Natur machen, kommen wir unserem Ziel – Erhalt der Artenvielfalt - immer wieder ein Stück näher. Denn nur wer etwas kennt bemerkt auch, wenn es fehlt, und nur diese Menschen werden sich überzeugend dafür einsetzen können, es nicht zu verlieren.

Bei der Artenvielfalt geht es nicht nur um etwas unglaublich Schönes und Wertvolles, sondern auch um etwas sehr Existenzielles – für uns Menschen, für unsere Kinder und deren Kinder.

Deshalb danke ich GEO für den Tag der Artenvielfalt, dem Alfred-Wegener-Institut für die Unterstützung als diesjähriger Kooperationspartner und allen Teilnehmern, die in den letzten Tagen unterwegs waren, beobachtet, gezählt und bestimmt haben. Ich bin auf die Ergebnisse gespannt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Weitere Informationen: Pressemitteilung vom 09.06.2006: Astrid Klug: Artenschutz geht alle an