Stand: 30.03.2009


  • Titel: "Offshore-Windenergie - maritimer Wachstumsmarkt für Energie, Klimaschutz und Arbeit"

  • Redner/in: Parlamentarischer Staatssekretär Michael Müller
  • Anlass: Abschlussplenum der 6. Nationalen Maritimen Konferenz
  • Datum/Ort: 30.03.2009, Rostock

Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Kollegin Wöhrl,
meine Damen und Herren,

die Schlüsselfrage, um die es im Augenblick geht, heißt, wie wir die Finanz- und Wirtschaftskrise einschätzen. Ist es eine Krise, die jetzt ein Krisenmanagement verlangt, um die Finanzkreisläufe zu stabilisieren - sicherlich. Aber aus meiner Sicht ist es viel mehr:

Wir erleben das Ende einer Epoche. Und es ist schon sehr interessant, dass beispielsweise schon in der Wirtschaftskrise, mit der die heutige verglichen wird, also die große Depression Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre, John Maynard Keynes gewarnt hat: Der großen Fehler, den wir heute machen, ist, dass wir nur über das Altersrheuma einer maroden Ordnung reden, aber viel zu wenig über die Geburtsschmerzen einer neuen Epoche.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Epoche der Finanzökonomie, die ihren Anfang in den 70er Jahren mit der Inflationierung der Weltwirtschaft genommen hat und damit der Aufkündigung des Systems von Bretton Woods einerseits und dann den enormen Umwälzungen, die stattgefunden haben im Zuge der beiden Ölpreiskrisen andererseits, dass diese Epoche jetzt an ein Ende kommt. Aber das verlangt natürlich von der Politik in besonderem Maße auch Antworten zu geben, wie eine neue Epoche auszusehen hat.

Deshalb ist es ganz wichtig zu erkennen: wo liegen denn die großen Knappheiten der Zukunft? Welches sind die Herausforderungen, die wir jetzt bewältigen müssen und deren Bewältigung darüber entscheidet, wie sich in Zukunft unsere wirtschaftliche Kraft, wie sich Beschäftigung und Wohlstand entwickeln. Dies halte ich für den eigentlichen Kern der Auseinandersetzungen, um die es geht: Wie wird die Krisenbewältigung verbunden mit dem Aufbau einer sich immer deutlicher herausbildenden - ich begründe es gleich - ökologischen Epoche.

Ich will dies an ein paar Punkten deutlich machen, um herauszuarbeiten, welche Aufgaben sich im Zusammenhang mit der Nutzung der Meere, speziell auch mit dem Ausbau der Meeresenergie und insbesondere mit Offshore-Windanlagen, stellt. Erste Aufgabe: Wir haben vor wenigen Tagen die neuen Untersuchungen des Weltklimarates über den Anstieg von Kohlendioxid, dem wichtigsten "trockenen" Treibhauseffekt bekommen. Danach betrug der Anstieg im letzten Jahr fast 3,8 %. Was das Erschreckende ist: Dieser Wert lag deutlich höher als in allen Prognosen vorhergesagt wurde. Der Weltklimarat selbst ging in seinen bisherigen Analysen nur von rund 2 % bis 2,5 % aus. Rechnen wir den nun festgestellten Anstieg um 3,8 % hoch, müssen wir davon ausgehen, dass sich die Konzentration von Kohlendioxid um 2,3 ppm pro Jahr erhöht. Um klar zu machen, was das heißt: Noch vor 10 Jahren hatten wir lediglich einen Anstieg von 1,2 ppm zu verzeichnen. Jetzt - wie gesagt - 2,3 ppm. Sollte die Konzentration in diesem Tempo weiter ansteigen bedeutet dies auf der heutigen Ausgangsbasis - in der Troposphäre werden 384 ppm gemessen - dass wir in etwa 25 Jahren ca. 450 Teile Kohlendioxid auf 1 Mio. Luftteile erreichen werden. Dies ist gleichzusetzen mit einer Erwärmung um 2 Grad.

Sie wissen ja, dass wir im Augenblick alles versuchen, dass die Weltgemeinschaft unter dieser Schwelle von 2 Grad bleibt, schon das ist problematisch. Denn die Erwärmung wirkt sich in verschiedenen Meeresregionen in ganz entscheidenden Unterschieden aus, wobei insbesondere im Nordatlantik bis nach Grönland die stärksten Erwärmungsprozesse auftreten. Sie wissen: Im Weltdurchschnitt haben wir 0,8 Grad Erwärmung verzeichnet. Über Grönland ist dieser Erwärmungsprozess bereits bei 3,2 Grad angelangt.

Also, wir müssen alles tun, um die Erwärmung um 2 Grad Celsius nicht noch zu übersteigen. Allerdings haben bereits die 2 Grad - das darf ich an einem anderen Beispiel deutlich machen - gravierende Auswirkungen. In der Anden-Region in Lateinamerika hat in den letzten 17 Jahren die Gletscherbildung um 23 % abgenommen. Und wenn man weiß, dass das Klimasystem einen zeitlichen Vorlauf von etwa vier bis fünf Jahrzehnten hat, dann bedeutet das in der Konsequenz, dass schon heute ein Abschmelzen der Anden-Gletscher um bis zu 70 % nicht mehr zu verhindern ist. Davon hängen aber, um die Tragweite klar zu machen, ungefähr 100 Mio. Menschen in der Trinkwasserversorgung bzw. in der Energiebereitstellung ab. Also es sind enorme Probleme, die selbst mit den 2 Grad schon verbunden sind. Auch für Europa befürchten wir gravierende Konsequenzen; z. B. in den Alpen: Dort haben wir heute 661 schneesichere Gebiete. Eine globale Erwärmung um 2 Grad bedeutet wahrscheinlich für die Alpen eine Erwärmung um 4 Grad, oder konkret : Eine Reduktion der Alpenschneegebiete auf etwa 200 bis 220 Gebiete, die schneesicher sind. Ähnlich gravierende Prozesse erleben wir in der Nordsee oder im Nordatlantik. Diese Meeressysteme geraten unter doppelten Stress: einerseits durch die Erwärmung und andererseits durch die Versauerung. Auch diesen Versauerungsprozess sehen wir mit großer Sorge, weil er die Speicherfähigkeit der Meeressysteme drastisch reduziert und damit den Erwärmungsprozess noch beschleunigt.

Warum sage ich das? Weil aus meiner Sicht die Konsequenz daraus ist, die übrigens auch der Weltklimarat aufzeigt, dass große Ökosysteme wie die Meere auf der einen Seite sehr viel mehr geschützt werden müssen und wir auf der anderen Seite alles tun müssen, um den Klimawandel zu reduzieren, insbesondere durch die Nutzung von mehr Effizienz - Stichwort Energiedienstleistungen - und erneuerbare Energien. Wir stehen vor der großen Herausforderung, meine Damen und Herren, gerade auch hier in Europa, beides miteinander zu verbinden.

Wir müssen die Meeressysteme besser schützen, aber wir müssen auch die gewaltigen Potenziale, so auch die der Meere, - etwa bei der Energieerzeugung - nutzen. Damit meine ich nicht, um auch das klar zu sagen, beispielsweise solche Überlegungen wie Methanhydrate verstärkt zu nutzen. Ich sehe dort eher große Probleme.

Aber ich bin sehr dafür, die Windenergie stärker voranzubringen. Sie müssen wissen, dass die globale Sonnenenergie im Umfang von 4 % in die kinetische Energie der Winde umgesetzt wird. Wenn davon nur ein Tausendstel genutzt würde, entspricht dies dem doppelten Weltstrombedarf. Da sind gewaltige Potenziale vorhanden. Und fast 90 % dieser kinetischen Windenergie liegt auf dem Meer.

Um es für die Nordsee zu konkretisieren: Würden wir die verträglichen Standorte mit weniger als 55 m Wassertiefe nutzen - das ist jetzt eine theoretische Zahl, ich weiß, man könnte sie nicht alle nutzen, schon aus Naturschutzgründen. Aber ich nehme diese theoretische Zahl, dann wären wir in der Lage, den doppelten Strombedarf der Europäischen Union zu erzeugen.

Daran wird klar, dass eine sichere Energieversorgung in Europa, die nicht mehr auf der Basis der fossilen Energieträger erbracht wird, an dem großen Potenzial der Windenergie nicht vorbeikommt. Wir brauchen mehr Windenergie.

Ich kann mir beispielsweise durchaus vorstellen, dass insbesondere für die Bereitstellung des Grundlastbedarfs mit der Kopplung von drei erneuerbaren Energiequellen große Möglichkeiten bestehen, nämlich: erstens mit Solarthermie aus dem Mittelmeerraum, wo wir jetzt die große Initiative gestartet haben, um diese Energie besser zu nutzen, zweitens mit der Meeresenergie und drittens mit der Windenergie. Damit könnten wir den Grundlastbereich, verbunden durch transeuropäische Netze, ohn Schwierigkeiten absichern.

Wir haben nicht das Problem, dass wir das nicht können. Wir haben das Problem, dass wir es bisher nicht gemacht haben. Das ist der entscheidende Punkt.

Wir wollen diesen Weg verstärkt gehen. Dann wird der Ausbau von Offshore das zweite Standbein der marinen Wirtschaft. Und nutzen Sie dieses Standbein. Aber nutzen Sie es so, dass es ökologisch verantwortlich bleibt. Unser Haus, das Bundesumweltministerium, gibt viel Geld aus, um die ökologische Begleitforschung voranzutreiben. Es gibt viel Geld aus, um die gesamten Naturschutzfragen mit einzubeziehen. Es gibt viel Geld aus, um durch eine Ausweitung der Forschung über das Bundesamt für Naturschutz noch offenen Fragen zu klären, um so zu einer verantwortbaren Nutzung zu kommen.

Im Übrigen haben wir das im Erneuerbare-Energien-Gesetz so geregelt, dass es in Naturschutzgebieten keine Vergütung für Windenergie gibt. Also: Wir wollen in einer verantwortbaren Weise diese großen Chancen nutzen, zum Vorreiter der Windenergie, auch Offshore, zu werden. Daraus können Systeme entwickelt werden, damit es schnell geht mit der Ablösung des heutigen fossilen Energiesystems.

Deshalb, meine Damen und Herren, nutzen Sie die Chance zum Aufbau eines ökologischen Jahrhunderts. Wir wissen aus den großen Arbeiten von Joseph Schumpeter und Nikolai Kondratjeff, dass jede wirtschaftliche Periode eine Basisinfrastruktur braucht. Es spricht alles dafür, dass die nächste Epoche, die jetzt aufgebaut werden muss, die ökologische Basisinfrastruktur braucht, weil nämlich das der Knappheitspunkt ist. Nicht nur aus Klimagründen, sondern auch weil die Ressourcen knapp und teurer werden, denn: durch die Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum der Welt werden Energie und Rohstoffe künftig ganz anders nachfragt als das heute der Fall ist.

Also: Ein solcher Weg ist ein Weg, der sich auszahlt. Deshalb sollten wir die Gemeinschaftsanstrengungen verstärken, um schneller und besser zu werden. Und lassen sie mich deshalb sagen: Ich unterstütze die drei Punkte, die die zuständige Arbeitsgruppe genannt hat. Sie sind völlig richtig. Wir müssen in der Frage der Netze das Tempo erhöhen, bei der Hafeninfrastruktur zu Verbesserungen kommen, und wir brauchen auch das Sicherheitskonzept an den Küsten.

Ich will aber noch zwei weitere Punkte nennen: Es wäre völlig falsch, dass beispielsweise die Banken durch Veränderungen bei der Kreditvergabe solche Projekte erschweren. Ich kann nur auffordern, dass die Banken und Finanzinstitute solche Gemeinschaftsprojekte gerade jetzt verstärkt unterstützen. Und das Zweite: Die meisten Lizenzen für Offshore-Windanlagen liegen bei den vier großen Energiekonzernen. Ich kann nur bitten: Erhöhen Sie das Tempo. Nehmen Sie sich ein Beispiel an den vielen kleinen Windfirmen, die Unglaubliches geleistet haben, weil sie im Sinne Schumpeters Initiative gezeigt haben.

Bitte jetzt nach vorne gehen für die Infrastruktur der Zukunft. Dann gehört uns nicht nur die bessere Zukunft, die uns weltweit zur führenden Nation in der Nutzung von erneuerbaren Energien gemacht hat, sondern sie schafft auch Hoffnung, weil sie die Krise überwindet und eine neue Epoche aufbaut. Und dazu können wir beitragen.

Vielen Dank.