• Titel: Energie- und klimapolitische Ziele des BMU und die Rolle der Brennstoffzelle in einer nachhaltigen Energieversorgung

  • Untertitel: Woher kommt der Wasserstoff?
  • Redner/in: Parlamentarischer Staatssekretär Michael Müller
  • Anlass: Workshop des BMU am 14.03.2007
  • Datum/Ort: 14.03.2007, Berlin

Die heutige Veranstaltung folgt einem ganz persönlichen Anliegen. Revolutionäre Verränderungen, d.h. drastische Reduzierungen bei der Nutzung von Ressourcen und Energie sind erforderlich, um auch unserer Nachwelt einen bewohnbaren Planeten Erde zu hinterlassen. Im Moment steuern wir ungebremst in die Katastrophe. Das hat uns gerade der jüngste IPCC-Bericht wieder deutlich vor Augen geführt.

In Magdeburg auf dem Gelände der Bundesgartenschau kann der Besucher im Jahrtausendturm einen Gang durch 6.000 Jahre Wissenschafts- und Technikgeschichte der Menschheit vornehmen. Dabei kann er auch sehen, wie in den jeweiligen Epochen Energie genutzt wurde. Würde man die Entwicklung des weltweiten Energiebedarfs über diesen Zeitraum grafisch darstellen, brauchte man mindestens ein logarithmisches System. Anders ließe sich die explosionsartige Entwicklung in den letzten Jahrzehnten nicht auf einer Tafel unterbringen. Doch selbst diese 6.000 Jahre sind in der Geschichte der Menschheit nur ein Augenblick.

Heute diskutieren wir über Reichweiten von fossilen oder nuklearen Energieträgern von - wenn überhaupt - mehreren hundert Jahren und nehmen gleichzeitig das Wort Nachhaltigkeit in den Mund. Zugleich zitieren wir die IEA, die selbst im "Alternative Policy Scenario" einen weiteren Anstieg des Energiebedarfs bis 2030 auf 140 % des heutigen Bedarfs annimmt. Diesem Szenario liegen Maßnahmen zugrunde, die zwar in der politischen Diskussion, jedoch noch nicht beschlossen oder gar umgesetzt sind.

Wenn wir 6.000 Jahre zurückblicken sollten wir auch 6.000 Jahre vorausschauen. Wovon leben die Menschen dann? Welche Ressourcen stehen ihnen zur Verfügung? Auch diese Menschen sollten in der Lage sein das zu nutzen, was die Natur über Abermillionen von Jahren geschaffen hat.

Ressourceneffizienz und Klimaschutz sind zwei Seiten einer Medaille.

Ein wichtiger Pfad zur Energieeinsparung ist die effiziente Umwandlung von Energieträgern in die "besonders edle" Endenergie Elektrizität. Brennstoffzellen mit ihren hohen elektrischen Wirkungsgraden sind hier eine wichtige Zukunftsoption, die wir konsequent erschließen müssen.

Wir wissen auch, ihr idealer Brennstoff ist der Wasserstoff. Das Knallgas steht uns als natürliche Ressource allerdings nicht zur Verfügung. Die zweite wichtige Zukunftsoption ist daher, den Wasserstoff klimafreundlich zu erzeugen. Aus Umweltsicht bedeutet dies, er muss aus erneuerbaren Energien erzeugt werden. Ich bin mir aber bewusst, dass anfangs auch fossiles Erdgas im stationären und fossiler Wasserstoff im mobilen Bereich oder Methanol bzw. Ethanol bei portablen Geräten eingesetzt werden, um den Anlauf zu sichern.

Im Rahmen des Energiegipfelprozesses wollen wir die Antwort auf die Herausforderungen geben. Für den Zeithorizont bis 2020 entwickeln wir ein integriertes energiepolitisches Gesamtkonzept, das durch mehr Energieeffizienz - wir wollen die Energieproduktivität bis 2020 gegenüber 1990 verdoppeln - und den Ausbau der erneuerbaren Energien auf weit über 20 % bei Strom den Bedarf an fossilen Ressourcen deutlich reduziert. Dadurch sichern wir nicht nur das Erreichen der anspruchsvollen nationalen Klimaschutzziele. Unter Einbeziehung einer breiten Diversifizierung der Energieträger sichern wir zugleich die Versorgung mit bezahlbarer Energie.

An dem Atomausstieg bis 2020 halten wir konsequent fest.

Unter Federführung des BMU wurde der Aktionsplan Energieeffizienz erarbeitet. Er wird derzeit weiter konkretisiert und quantifiziert. Der Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung ist darin ein wichtiges Element. Stationäre Brennstoffzellen müssen Stütze dezentraler Energiesysteme werden.

Die angekündigte Novellierung des KWK-G sollte nicht nur die deutliche Verfehlung des CO2-Minderungsziels von 20 Mio. t/a in 2010 (Selbstverpflichtung der deutschen Wirtschaft und KWK-Gesetz) abwenden, sondern auch den Zubau der hocheffizienten und klimafreundlichen Kraft-Wärme-Kopplung mittel- und langfristig sichern. Ich könnte mir bis 2020 einen KWK-Anteil von 25 % an der Stromversorgung vorstellen.

Unser Ziel ist es, dass die globale Oberflächentemperatur der Erde nicht mehr als 2 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit ansteigt. Dazu müssen wir die CO2-Emissionen weltweit bis 2050 halbieren.

Nunmehr bieten die beiden Präsidentschaften EU und G8 Deutschland die Chance, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen und die drängenden Fragen einer Lösung zuzuführen. Hierzu gehört insbesondere die Fortführung des Klimaschutzprozesses nach 2012. Unser Ziel lautet 20 / 20 / 20. D.h. wir wollen bis 2020 innerhalb der EU und G8 die CO2-Emissionen und den Energiebedarf um 20 % senken und zugleich den Anteil der erneuerbaren Energien am Primärenergieverbrauch auf 20 % erhöhen.

Auf dem EU-Gipfel letzte Woche sind wir ein gutes Stück vorangekommen! Neben dem unilateralen Ziel von minus 20 % bei den Treibhausgasen will die EU die Treibhausgase um 30 % senken, wenn auch andere Industriestaaten vergleichbare Anstrengungen unternehmen und Schwellenländer einen angemessenen Beitrag leisten. Damit hat auch der Emissionshandel nach 2012 eine klare Perspektive.

Nun gilt es, auf dem G8-Gipfel im Juni in Heiligendamm ebenso "historische" Entscheidungen herbeizuführen.

Noch vor zwanzig Jahren konnte man in einem guten Konversationslexikon unter dem Stichwort "Brennstoffzelle" keinen Eintrag finden. Vor zehn Jahren erlebte sie einen ungeahnten Höhenflug. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre avancierte sie fast zu einer "eierlegenden Wollmilchsau": Mit regenerativem Wasserstoff betrieben, sollte sie den Auto-Antrieb, den Kraftwerkspark, den Batteriemarkt innerhalb weniger Jahre erobern.

Mittlerweile ist unser Blick auf die Brennstoffzelle differenzierter geworden. Auf der einen Seite hat sich die Entwicklung der Brennstoffzelle in allen Einsatzbereichen verzögert. Statt 2004 ist der Markteintritt in den großen Märkten erst für 2012, 2015 ja zum Teil erst 2020 geplant. Dafür gibt es eine Reihe von gewichtigen Gründen - wir werden im Lauf dieser Tagung davon hören. Da geht es um Kostenreduktion und Wirkungsgrade, um Lebensdauern und - last but not least - gerade für den mobilen Einsatz um die Frage, welche Kraftstoffe wir in Zukunft tanken wollen und wie wir eine völlig neue Wasserstoff-Infrastruktur aufbauen.

Doch trotz dieser Verzögerung bleibt die Brennstoffzelle eine sehr viel versprechende Technologie: hohe elektrische Nutzungsgrade, niedrigste Schadstoffemissionen, hohe Brennstoff-Flexibilität: das sind Eigenschaften, die in der gegenwärtigen Diskussion um Klimaschutz und Versorgungssicherheit nicht hoch genug eingeschätzt werden können.

Vom Milliwatt bis zum Megawatt finden Brennstoffzellen wichtige Einsatzbereiche; schon heute gibt es erste Nischen, in denen sie sich wirtschaftlich rechnen - wir werden von diesen "frühen Märkten" hören. Im Kraftwerksmarkt hingegen können Brennstoffzellen einen Beitrag leisten, um dezentrale Systeme und Kraft-Wärme-Kopplung voran zu bringen. Denn gerade auf Grund ihres modularen Aufbaus eignen sich Brennstoffzellen hervorragend, um als kleine Haus-Heizkraftwerke oder mittelgroße Blockheizkraftwerke Strom und Wärme zugleich zu produzieren.

Diese Vorteile sind auch der Grund, warum sich die deutsche Bundesregierung ebenso wie die Länder und die privatwirtschaftlichen Akteure im Bereich Brennstoffzellen und Wasserstoff engagieren. Deutschland hat eine hervorragende Ausgangsposition für die Entwicklung von Brennstoffzellen und Wasserstofftechnologien. Diese Tradition reicht bis weit in die 1980er Jahre, als Projekte wie "Hysolar" - des solaren Wasserstoffkreislaufs, der in Stuttgart und Saudi-Arabien aufgebaut wurde - weltweit Bekanntheit erlangten. Wir haben heute für alle wichtigen Brennstoffzellentypen rege Forschungsaktivitäten in den verschiedenen Einrichtungen. Wir haben wichtige Hersteller von Brennstoffzellenstapeln und -systemen, und, nicht weniger wichtig, wir haben eine ganze Reihe von "konventionellen" Firmen - Heizkesselhersteller, Automobilunternehmen, Turbinenentwickler - , die sich im Bereich Brennstoffzelle engagieren.

Die Bundesregierung hat das "Nationale Innovationsprogramm Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie" auf den Weg gebracht. Es ist Teil der High-Tech-Strategie der BReg. Die aktuelle Version ist ausgelegt. Das Programm wird im Lichte der Ergebnisse der Sitzung des Strategierates Wasserstoff und Brennstoffzellen am 8. März fortentwickelt. Es ist an den europäischen Implementation Plan, der in der European Hydrogen and Fuel Cell Technology Platform erarbeitet wurde, angelehnt. Dieser Implementation Plan wird mit der in Gründung befindlichen Joint Technology Initiative und dem 7. Forschungsrahmenprogramm der EU umgesetzt.

Das Programm soll Förderschwerpunkte benennen, Auswahlkriterien für Projekte definieren und Leitplanken vorgeben, innerhalb derer sich die Entwicklung dieser neuen Technologielinie bewegen soll.

Ziel ist, die Spitzenstellung der deutschen Industrie und Wissenschaft bei Brennstoffzellen und Wasserstoff weiter auszubauen. Dazu wird die Bundesregierung in den kommenden 10 Jahren zusätzlich 500 Mio. € bereitstellen. Die Industrie will sich mindestens in dem gleichen Umfang beteiligen. Insgesamt werden 1,4 Mrd. € für Forschung, Demonstration und Marktvorbereitung zur Verfügung stehen. Es werden derzeit Projektanträge über 2,1 Mrd. € erwartet. Die "Überzeichnung" ist gewollt.

Die Abwicklung des Programms wird durch die Programmgesellschaft NOW (Nationale Organisation für Wasserstoff und Brennstoffzellen), die nach Notifizierung des Programms durch KOM gegründet wird, erfolgen.

Federführend ist BMVBS, die weiteren Akteure der BReg sind BMWi, BMBF und nunmehr auch das BMU. BMVBS treibt dabei die Strategiefindung und die Marktvorbereitung voran, BMWi und BMBF arbeiten arbeitsteilig an der Grundlagenforschung und der Lösung von F&E-Fragen sowie an der Materialentwicklung, Fertigungsprozessen und H2-Produktionstechnologien.

Das Bundesumweltministerium möchte seine Erfahrungen bei Information und Motivation einbringen und sieht wichtige Ansatzpunkte für die Zusammenarbeit bei der Erzeugung von Wasserstoff aus erneuerbaren Energien insbesondere mit Blick auf die beabsichtigte Bildung von Clustern bei der Markteinführung im mobilen Bereich sowie in der Speicherforschung.

In unserem heutigen Fachworkshop möchten wir dreierlei erreichen:

Wir möchten Sie und uns über den Status informieren, wir möchten eine Bestandsaufnahme durchführen: Wie ist der technische Stand in den einzelnen Anwendungsgebieten? Welche Erfolg versprechenden Systeme und guten Beispiele gibt es?

Der zweite Schritt ist eine Einordnung, eine Bewertung der Rolle von Brennstoffzellen. Schließlich muss diese neue Technologie reüssieren in einem Markt, in dem es bereits erfolgreiche - oder auch Erfolg versprechende - konkurrierende Technologien gibt. Wie ist die Brennstoffzelle dabei einzuordnen? Und vor welchen Hemmnissen steht sie noch?

Schließlich interessiert es uns als Ministerium natürlich: Was müssen wir tun, um die Brennstoffzelle in Deutschland zu etablieren, und um auch - umgekehrt - Deutschland im Brennstoffzellenmarkt zu etablieren, und vor allem: was müssen wir wann tun? Welche Zwischenschritte, welche Brückentechnologien benötigen wir, um den allmählichen Übergang zu einer - stark von erneuerbaren Energien geprägten - Brennstoffzellen- und Wasserstoff-Infrastruktur zu bewältigen? Welche politischen Instrumente brauchen wir dazu?

Wir haben ein strammes Programm, weil es uns wichtig war, viele Facetten aufzunehmen. Ich hoffe, dass Sie viel mitnehmen, dass Sie aber auch uns an Ihrem Wissen teilhaben lassen in den Diskussionsblöcken, und möchte nun das Wort weitergeben an Wolfgang Müller, der den ersten Block dieser Fachtagung moderieren wird.