26.04.2002


  • Titel: Klimaschützer Haus ?

  • Untertitel: Energie intelligent nutzen - mit erneuerbaren Energien, Energieeffizienz, Energieeinsparung und Klimaschutz im Gebäudebereich
  • Redner/in: Bundesumweltminister Jürgen Trittin
  • Anlass: Fachmesse für Energie, Bauen und Umwelttechnik für Endverbraucher - Umwelt 2002 Göttingen
  • Datum/Ort: 26.04.2002, Göttingen

Anrede,

Häuser, Bürogebäude und Industrieanlagen baut man nicht für die nächsten zehn oder zwanzig Jahre, sondern für fünfzig, hundert oder mehr Jahre. Sie müssen für die Welt von morgen tauglich sein.

Die Gebäude, die uns heute beherbergen, haben große Defizite: Rund ein Drittel aller in Deutschland verbrauchten Energie wird nur zum Heizen und Kühlen von Gebäuden verbraucht. Der Klimawandel zeigt, wohin das führt.

Wir müssen wahrhaben, dass Gebäude heute nicht nur eine Funktion im lokalen, sondern auch im globalen Kontext haben. Sie können Aktivposten sein, sie können sich neutral verhalten - oder sie können die Natur beeinträchtigen.

Je weniger Natur ein Gebäude verbraucht - sei es in der Art der Baumaterialien, sei es im Betrieb - desto tauglicher ist es für die Zukunft. Ich denke dabei an Baumaterialien aus der näheren Umgebung, an zertifiziertes Holz, an optimale Wärmedämmung, an Strom aus Fotovoltaik, an Heizwärme und Warmwasser aus Solarthermie oder Biomasse, eine stationäre Brennstoffzelle, an ein intelligentes Nutzwassersystem, an Energiesparlampen, ressourcensparende Elektrogeräte und vieles mehr.

In der Zukunft wird man den Gesamtverbrauch von den Baumaterialien, über den Betrieb, die Sanierungskosten bis zum Abriss vorausplanen und berechnen können. Eine Verbrauchsberechnung für die gesamte Lebenszeit. Das Wuppertal-Institut arbeitet an der Entwicklung konkreter Berechnungen nach dem MIPS-Konzept: MIPS misst die Material-Intensität pro Serviceleistung. Ich plädiere sehr dafür, solche Berechnungsmodelle zu perfektionieren. Wenn sie anwendungsreif sind, werden sie uns helfen, weniger Natur zu verbrauchen und damit weniger Kosten zu verursachen. Ein solcher MIPS-Wert für jedes Gebäude würde einen Öko-Wettbewerb innerhalb jeder Sparte und konstruktivere Zusammenarbeit zwischen allen für den Bau relevanten Branchen bewirken. Wir könnten dann jedes Gebäude mit seinem individuellen MIPS-Wert auf den Markt bringen und damit Transparenz für Käufer und Mieter schaffen.

Vor allem im Energiebereich sind Optimierungen dringend notwendig - und möglich. Ziel ist ein Gebäude, das einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz leistet. Das mehr Energie produziert, als es verbraucht, und diese Energie ins Netz einspeist oder benachbarten VerbraucherInnen zur Verfügung stellt. Es wäre einer von vielen Standorten eines dezentralen, virtuellen Kraftwerks - eine menschenwürdige Alternative zu Atomkraftwerken.

Das ist keine Wunschvorstellung fern jeder Realität. Sondern das ist das Modell der Zukunft, das es heute vereinzelt auch schon gibt. Wir werden es in der Breite einführen können,wenn die Politik den richtigen Rahmen und Anreize gibt und wenn Sie sich darauf einstellen.

Die rot-grüne Bundesregierung hat mit dem Einspeisungsgesetz für Erneuerbare Energien (EEG), dem 100.000-Dächer-Programm und weiteren Maßnahmen innerhalb weniger Jahre einen Boom bei der Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien ausgelöst: z. B. hat sich die aus Windenergie und die mit Fotovoltaikzellen produzierte Strommenge verdreifacht. Mit Einnahmen aus der Ökologischen Steuerreform haben wir das Marktanreizprogramm zur Nutzung erneuerbarer Energien finanziert. Wir haben es geschafft, allein im letzten Jahr die Fläche an Sonnenkollektoren zu verdreifachen auf 1 Mio. m2. Im Jahr 2010 könnte der jährliche Zubau von heute 1 Mio. auf 10 Mio. qm steigen. Ein Vielfaches an ohnehin bebauter Fläche wäre geeignet: 800 Mio. qm Dachfläche warten auf Solarkollektoren und Fotovoltaik. Zur Erzeugung von Solarstrom könnte man auch Fassaden nutzen. Es gibt also ein enormes Potential. Das virtuelle Kraftwerk ist möglich.

So wie jedes Gebäude eine globale Funktion hat, so hat auch jeder Architekt eine Rolle als globaler Akteur. Genauso jeder Bauherr, jeder Bauunternehmer, jeder Installateur und jeder, der im Management, in der Entwicklungs- oder Marketingabteilung eines Zuliefererbetriebs arbeitet. Und jeder Bewohner, jede Bankangestellte, die Kredite zum Bau, zum Erwerb oder zur Sanierung eines Gebäudes vermittelt. Jeder von Ihnen. Klimaschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Klimaschutz ist ein Zukunftsmarkt, bei dem es sich wirtschaftlich lohnt, die Nase vorn zu haben. Auf europäischer Ebene bereiten wir gerade eine Gebäuderichtlinie vor, die europaweit einen Maßstab für die effiziente Nutzung von Energie in Gebäuden setzen soll. Wer dann die größte Erfahrung und die besten technischen Mittel hat, bekommt auch Aufträge im Ausland. Das europäische Ausland ist auch für mittelgroße Handwerksbetriebe interessant.

Die größten Potentiale des Klimaschutzes liegen zur Zeit in Effizienztechnologien, in der effektiveren Nutzung von Energie. Mit weniger Energie mehr Wohlstand erreichen - dieses Ziel haben wir uns vor allem im Baubereich gesetzt. Wir haben entsprechende Gesetze verabschiedet und Förderinstrumente geschaffen.

Altbauten verbrauchen etwa doppelt so viel Heizenergie wie Neubauten. Die Bundesregierung hat daher zusätzlich zu den bestehenden Programmen das CO2-Gebäudesanierungsprogramm bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau aufgelegt. Allein in den vergangenen 16 Monaten wurden aus diesem Programm mehr als 12.000 Krediteüber insgesamt 700 Mio. Euro für Modernisierungsinvestitionen in rund 40.000 Wohnungen zugesagt. Jeder Euro, der durch die Bundesförderung ausgezahlt wird, stößt dabei Investitionen von rund 7,5 Euro an. Das sichert und schafft Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft und im Handwerk. Die Ökologische Steuerreform ist für Immobilienbesitzer ein weiterer Anreiz, in die energetische Sanierung von Altbauten zu investieren.

Für Neubauten haben wir mit der vor zwei Monaten in Kraft getretenen Energieeinsparverordnung das Niedrigenergiehaus zum Standard gemacht. Der zulässige Heizenergieverbrauch wird gegenüber dem bisherigen Standard durchschnittlich um 30% reduziert. Der Maßstab ist nicht mehr der Heizwärmebedarf, sondern die eingesetzte Primärenergie. Mit dem Faktor Primärenergie haben wir einen Indikator, der der Idee des MIPS schon recht nahe kommt. Damit geben wir allen Immobilienbesitzern einen Anreiz, in Effizienztechnologien zu investieren.

Wer Gebäude baulich wesentlich verändert, muss an den betroffenen Außenbauteilen spezielle Wärmeschutzanforderungen einhalten. Nahezu alle vor dem 1. Oktober 1978 installierten Heizkessel müssen innerhalb der nächsten fünf Jahre ausgetauscht werden. Das sind etwa 2 Mio. Heizkessel.

Die Politik der Energiewende zeigt ihre Erfolg schon heute. Jahrelang war es ausschließlich die Industrie, die für die Klimaschutzerfolge der Bundesrepublik Leistungen erbrachte. In den privaten Haushalten und - durch die Auslagerung der Lager auf die rechte Spur der Autobahnen - im Verkehrsbereich stiegen die Treibhausgasemissionen. 1997 lagen die C02-Emissionen der privaten Haushalte gut 7 % über denen von 1990.

Seit Grüne die Klimaschutzpolitik verantworten, hat sich dies geändert. Heute liegen diese Emissionen 11,5 % unter denen von 1990. Ein Rückgang um 18 Prozentpunktein einer Wahlperiode. Ein Erfolg, der ohne Ökosteuer, ohne Altbausanierung, ohne den Boom der Sonnenenergie nicht möglich gewesen wäre.

Die Energieeinsparverordnung motiviert in vielfacher Hinsicht, Neubauten ökologisch sinnvoll zu planen. Zum einen begrenzt sie den Energieverbrauch von Gebäuden. Zum anderen gibt sie den Bauherren die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie sie den Primärenergieverbrauch niedrig halten wollen: durch eine sehr gute Wärmedämmung, durch eine effiziente Heizung oder durch den Einsatz von erneuerbaren Energien. Oder durch den idealen Mix all dieser Möglichkeiten.

Die Energieeinsparverordnung, die Investitionen in Wärmedämmung und die Ökologische Steuerreform begünstigen den Einsatz von erneuerbaren Energien, die damit für den Bauherrn noch attraktiver werden.

Als grüner Umweltminister setze ich mich dafür ein, das Problem noch von einer anderen, grundsätzlicheren Seite anzupacken: Bisher werden Ingenieure und Architekten anteilig zum Kostenvolumen honoriert. Das halte ich nicht für sinnvoll und zukunftsfähig. Welcher Wettbewerb um die energieeffizientesten und sparsamsten Gebäude würde entstehen, wenn das Honorar der Planer in dem Maße stiege, wie der Natur- und Ressourcenverbrauch durch den Bau und die Nutzung des Gebäudes sänke. Ich garantiere, dass in Kürze alle Neubauten Aktivposten wären: Nettoenergieproduzenten, dezentrale Standorte eines virtuellen Kraftwerks.

Sie, die Praktiker, wissen aus eigener Erfahrung, dass diejenigen morgen Marktvorteile haben, die sich heute auf den Markt von morgen einstellen. Wer sich vor zehn Jahren schon auf Wärmedämmung und Fotovoltaik, auf energiesparende Warmwassergeräte, ressourcensparende Klimaanlagen oder Holzhäuser spezialisiert hatte, der konnte sich, als die Nachfrage in den letzten Jahren plötzlich stieg, über volle Auftragsbücher freuen und Mitarbeiter einstellen.

Nicht nur die engagierte Klimaschutzpolitik der jetzigen Bundesregierung, sondern die Gewalt des Klimawandels selbst wird alle Industriestaaten dazu zwingen, z. B. Gebäude von Nettoverbrauchern zu Nettoproduzenten von Energie zu machen. Europa muss bis 2020 seine Treibhausgase um mindestens 20 % senken.

Deshalb: Es lohnt sich für Sie, sich jetzt darauf einzustellen. Sie sind die Berater Ihrer Kunden und damit wichtige Akteure des globalen Klimaschutzes.

Die Neuorientierung lohnt sich ohnehin für die Umwelt und die nächste Generation, der wir eine Umwelt hinterlassen wollen, in der man ungefährdet und gerne leben kann.

Wir sagen oft: "Das Hemd ist uns näher als der Rock." Die Erdatmosphäre, das Klima ist dieser Rock, der allen gemeinsam ist, auf den jeder angewiesen ist. Wird der Rock allzu dünn und löchrig, dann wärmt uns auch das Hemd nicht mehr. Denn Hochwasser steigt in den Keller und Feuchtigkeit zieht durchs Haus, Orkane decken das Dach ab und wirbeln Bäume und Autos durch die Luft, so dass Fenster eingeschlagen werden. Der Rock muss uns genauso nah werden wie das Hemd. Deshalb müssen wir Häuser planen, die zum Klimaschutz beitragen. Dazu wird diese Umweltmesse sicher einen Beitrag leisten.