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Archiv 14. Legislaturperiode
Bundesumweltminister Jürgen Trittin
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Titel: Die Energiewende: Erneuerbar, effizient, sparsam
- Untertitel: Der Atomausstieg - Chance für Klimaschutz und Energiepolitik
- Redner/in: Bundesumweltminister Jürgen Trittin
- Anlass: Fachtagung "Energiewende - Atomausstieg und Klimaschutz"
- Datum/Ort: 16.02.2002, Berlin Deutsches Architektur Zentrum
Meine Damen und Herren,
Einleitung und Begrüßung
ich begrüße Sie alle sehr herzlich. Einige Teilnehmer möchte ich ganz besonders willkommen heißen: Ich begrüße Hans-Dieter Harig, den Vorstandsvorsitzenden der E.On Energie und ich begrüße Wolfgang Ehmke, den Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Ich freue mich, dass Sie, Angelika Zahrnt vom BUND und Jochen Flasbarth vom NaBu hier sind und dass Kollege Ehrhard Ott von der Energiegewerkschaft Ver.Di, gekommen ist. Er wird mit Wolfgang Mayer, dem Bürgermeister der Gemeinde Gundremmingen, darüber beraten, wie es weitergehen soll an den jetzigen AKW-Standorten. Diese Tagung führt Sie, Professor Jochem vom Fraunhofer Institut in Karlsruhe, mit Jürgen Kreusch von der Gruppe Ökologie Hannover, und mit Wolfram König, dem Präsidenten des Bundesamtes mit Strahlenschutz, zusammen.
Der Atomkonsens ist noch kein Energiekonsens
Eine Tagung in dieser Besetzung wäre noch vor zwei Jahren sehr viel schwieriger gewesen. Aber vielleicht hat mit dem Atomausstiegsgesetz (AtG) eine neue Zeit begonnen.
Hinter uns liegen Jahrzehnte, in denen der energiepolitische Dialog miteinander oft leider zu kurz kam.
Wir wollen zu einem neuen gesellschaftlichen Konsens über die Energiepolitik in diesem Lande kommen. Bisher haben wir eine Vereinbarung zwischen den Großen der Energiewirtschaft sowie neue Rahmenbedingungen auch für die Kleinen der Energiewirtschaft erreicht - aber das ist noch kein
gesellschaftlicher Konsens. Aber die Vereinbarung und die neuen Rahmenbedingungen haben zu einem neuen Klima geführt. Ich wünsche mir, dass auch diese Fachtagung einen Beitrag dazu leistet.
Weltweit beachtete Energiewende in Deutschland
Dies ist keine atompolitische Fachtagung. Es geht um die Frage, wie das Energiekonzept der Zukunft aussieht. Es geht um Ausstieg und Einstieg, es geht um den Abbau alter Kapazitäten und den Aufbau neuer. Es geht darum, wie wir Energie einsparen, und wie wir Energie anders erzeugen können. Kurz: Es geht um Bilanz und Perspektive der Energiewende.
Auf keinem Gebiet wurde nach 1998 so sichtbar eine Wende eingeleitet wie in der Energiepolitik. Der schrittweise Ausstieg aus der Atomenergie und der Einstieg in die Erneuerbaren Energien sind international ohne Beispiel.
Der Kern des Atomkonsenses
Die Basis des Energiekonsenses ist mit der Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen gelegt worden.
Die Energieversorgungsunternehmen respektieren die Entscheidung der Bundesregierung und des Gesetzgebers, die Atomenergienutzung im Hinblick auf ihre Risiken neu zu bewerten. Das Ergebnis dieser Neubewertung bestätigt, wovon viele Fachleute und Politiker seit langem überzeugt waren: Die Nutzung der Atomenergie ist wegen ihrer hohen Risiken auf Dauer nicht vertretbar.
Erstmalig wird mit Zustimmung einer Industrie die Nutzung einer bestimmten Technologie befristet und ihre bisher praktizierte Anwendung gesetzlich untersagt.
Erreicht wird dies durch die Befristung der Betriebslaufzeiten und das Verbot der Errichtung neuer Atomanlagen - und durch einen von den Betreibern erklärten Klageverzicht dagegen.
Für die Restlaufzeiten gilt ein hohes Sicherheitsniveau. Zum ersten Mal gibt es obligatorische Sicherheitsüberprüfungen nach Standards, die sich am jeweiligen Stand von Wissenschaft und Technik zu orientieren haben. Der 11. September hat auch den AKW-Betreibern klargemacht, dass es bei der Atomkraft einfach kein vernachlässigbares Restrisiko gibt.
Bei den Entsorgungsfragen standen in der letzten Zeit die Transporte im Blickfeld. Wir haben alles getan, um die Zahl der Transporte deutlich zu reduzieren.
Der Königsweg zum Atomausstieg ist auch hier die Laufzeitbegrenzung. Wir beenden die Wiederaufarbeitung und kommen schon dadurch im Verhältnis zum klassischen Entsorgungspfad - Transport in die Wiederaufarbeitung, Rücktransport in die Zwischenlagerung, Transport ins Endlager - zu einer Reduzierung der Transporte auf ein Drittel.
Eine weitere erhebliche Reduzierung schaffen wir durch die dezentrale Zwischenlagerung. Zwar muss der Atommüll aus Frankreich und Großbritannien weiterhin in das Transportbehälterlager Gorleben gebracht werden, dass das einzige genehmigte Zwischenlager in Deutschland für diese Art hochradioaktiver Abfälle ist. Durch den Verzicht auf innerdeutsche Transporte in Zwischenlager aber entlasten wir die bisherigen zentralen Zwischenlagerstandorte in Gorleben und Ahaus gewaltig.
Für Gorleben heißt das: Von den bereits genehmigten 280 Stellplätzen für abgebrannte Brennelemente werden voraussichtlich nur ein Drittel in Anspruch genommen werden. Entlastung für Gorleben: fast 70 %. Nach Ahaus gibt es zur Zeit keine Transporte.
Eine weitere Entlastung stellt das Moratorium für die Endlagererkundung in Gorleben aus den bekannten Gründen dar.
Wir müssen außerdem eine wissenschaftlich fundierte und für die Menschen akzeptable Lösung für die Endlagerung des Atommülls finden. Wir haben für diese Frage kompetent besetzte Gremien geschaffen.
Der schnellste Ausstieg weltweit
Kein Land steigt aktuell so schnell aus der Atomenergie aus wie Deutschland. Die durchschnittlichen Laufzeiten deutscher Atomkraftwerke betragen von heute an weniger als 12 Jahre.
Wir sind schnell, aber nicht allein. Wir steigen nicht im Alleingang aus.
- Belgien begrenzt die Laufzeit auf 40 Jahre.
- Schweden operiert mit einem Stufenplan.
- In den Niederlanden geht es nur noch um den Zeitpunkt - nicht mehr um das Ob der Stillegung.
- Für Bulgarien und Litauen waren definierte Stillegungszeitpunkte Voraussetzung für die Beitrittsverhandlungen zur EU.
- Selbst das Atomland und Gasproduzent Großbritannien setzt in seiner Energiepolitik nicht auf neue Atomkraftwerke, sondern auf den massiven Ausbau Erneuerbarer Energien.
Der Roll-Back droht aus Bayern
Der Kandidat aus Wolfratshausen gibt sich sacht, so sacht, dass sich schon einige verwundert die Augen reiben. Aber selbst in dieser Kreidezeit ist Edmund Stoiber immer eindeutig.
Wenn Stoiber Kanzler wird, will er zurück in die Energiepolitik der Siebziger Jahre. Dafür will und muss er den Ausstieg rückgängig machen.
Damit ist auch klar, um was es bei der anstehenden Bundestagswahl geht.
- Es geht um die Frage, ob die Uraltreaktoren Stade und Obrigheim wirklich 2003 vom Netz gehen.
- Es geht um die Frage, ob der deutsche Atommüll über 2005 hinaus weiter in die teure und nordseeverschmutzende Wiederaufarbeitung transportiert werden darf.
- Und es geht um die Frage, ob bayerischer, baden-württembergischer oder hessischer Atommüll wieder in Ahaus oder Gorleben entsorgt wird.
Der Einstieg in die solare Zukunft hat begonnen
Die Bundesregierung hat 1998 eine umfassende Energiewende eingeleitet. Die einzelnen Maßnahmen können hier nur stichpunktartig genannt werden - vom 100 000 Dächer Foto-Voltaik-Programm mit über 500 Millionen € seit 99 über das Marktanreizprogramm für erneuerbare Energie - finanziert aus der Ökosteuer - mit ab diesem Jahr 200 Millionen €. Ihre gesetzliche Grundlage bekamen die Erneuerbaren mit dem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), ergänzt durch die Biomasse-Verordnung.
Das EEG war nicht nur überaus erfolgreich - es hat sich auch zu einem der Exportschlager der Bundesrepublik entwickelt. Vergleichbare Einspeiseregelungen gibt es nun in Spanien, in Griechenland - und selbst im atomversessenen Frankreich.
Und es wird weiter geforscht. Die Bundesregierung finanziert in den Jahren 2001 bis 2003 mit 150 Mio. € zusätzliche Forschungen in den Bereichen solarthermische Stromerzeugung, Erdwärmenutzung, Brennstoffzellen, Offshore-Windenergienutzung, energetische Optimierung von Altbauten und Antriebstechnologien mit neuen regenerativ erzeugten Antriebsmitteln.
Europameister bei der Sonne
Ein beispielloser Boom der Photovoltaik wurde mit diesen Instrumenten ausgelöst: Jetzt wird in Hameln die vierte neue Solarfabrik gebaut.
Im ländlichen Raum boomt die Biomasse.
Schon jetzt haben wir innerhalb Europas mit fast 114 Megawatt im Jahr 2000 mit Abstand die meisten Fotovoltaik-Anlagen installiert. Wir sind Europameister - und trotzdem erst kurz hinter der Startlinie. Am Anfang der Nutzung eines riesigen Potentials.
Energiepolitik darf nicht auf Stromerzeugung reduziert werden. So ist es etwa ineffizient, mit Strom zu heizen. Die Solarthermie ist anders als die Foto-Voltaik jetzt schon nahe an der Wirtschaftlichkeit. Die Kollektorfläche in Deutschland hat sich seit 1990 verzehnfacht. Sie nimmt rapide zu. Allein in 2001 kam mit erstmalig mehr als 1 Mio. m² neu installierter Kollektorfläche dreimal soviel hinzu wie im Jahr 2000.
Bei der Windkraft sind wir Weltmeister
Es ist gelungen, in drei Jahren Rot-Grün zu einer Verdreifachung der Windstromkapazität zu kommen: 8750 MW. Allein im letzten Rekordjahr 2001 wurde fast soviel neue Leistung ans Netz gebracht, wie in all den Jahren vor 1998: 2600 MW. Heute wird 1/3 des Windstroms der Welt in Deutschland hergestellt.
Boombranche Biomasse
Gerade im ländlichen Raum boomt die Biomasse. Über 50 Terawattstunden Strom und Wärme werden inzwischen jährlich aus Biomasse erzeugt. Auch hier ist das Potential noch längst nicht ausgereizt.
Mehr Effizienz auch bei den "Fossilen"
Die Substitution von Atomanlagen kann zur Zeit noch nicht ausschließlich durch Erneuerbare Energie erfolgen. Der Ausbau muss begleitet werden durch eine Strategie der Effizienzsteigerung bei der Nutzung endlicher Ressourcen.
Wir haben deshalb eine umfassende Modernisierung der Kraft-Wärme-Kopplung eingeleitet und stabile Marktbedingungen für die Marktdurchsetzung der stationären Brennstoffzellen sowie kleiner Blockheizkraftwerke geschaffen. Das allein erspart der Bundesrepublik bis 2010 23 Mio. t CO2.
Wir haben für mehr Wettbewerbsgleichheit gesorgt. Der Vorteil der Atomkraftwerke aus den immensen Rückstellungen wurde durch die Steuerreform um 20 Mrd. gemindert. Die steuerliche Benachteiligung von hocheffizienten Gas- und Dampfkraftwerken gegenüber uneffizienten Atom- und Kohlekraftwerken wurde von uns in einer zähen Auseinandersetzung beendet.
Energiesparen dank Ökosteuer
Die Ökosteuer zeigt Erfolg. Erstmals seit langer Zeit ist in den letzten beiden Jahren der Kraftstoffverbrauch gesunken: um 1,3% im Jahr 2000 und 2001 sogar um 1,8%. Auch die CO2-Emissionen des Verkehrssektors sanken damit, obwohl sie bis 1999 stets deutlich anstiegen. Zudem wurde dank Ökosteuer auf schwefelfreie und -arme Kraftstoffe umgestellt, und 3- und 5-Liter- sowie Erdgas-Autos haben deutlich zugelegt.
Rollback in Dänemark: Das CSU-Vorbild
Was uns in der Bundesrepublik droht, wenn Herr Stoiber die Macht übernimmt, können wir in Dänemark sehen. Dänemark stand lange mit uns im Wettbewerb um die ambitioniertesten Klimaziele in der EU, - 21 %, oder um die Vorreiterrolle bei der Windenergie. Leider müssen wir nun auf diesen Wettbewerb verzichten.
Dänemark will der Ratifizierung des Kyoto-Protokolls nicht zustimmen, wenn es keinen Nachlass auf sein Klimaschutzziel gibt. Gleichzeitig kürzt Dänemark Programme zur Förderung der Erneuerbaren Energien und der Windkraft - um den Verzicht auf die Ökosteuer zu finanzieren. Die Folge: die ersten Off-Shore-Parks wurden von den Investoren schon gestoppt.
Leider hat Dänemark hier von Bayern gelernt - und das heißt bei der Windenergie verlieren lernen. Bayern ist - auch unter den Binnenländern - Schlusslicht bei der Windkraft.
Das Ziel der Energiewende: Erneuerbarkeit, Effizienz und Sparsamkeit
Energiepolitik kann man nicht national denken. Sie findet in einem europäischen und einem globalen Zusammenhang statt. Wenn der Johannesburger Weltgipfel ein Gipfel nachhaltiger und nicht bloß nachholender Entwicklung werden soll, dann müssen wir mit unserer deutschen und europäischen Energiepolitik rasch Erfolge vorweisen, die sich in Euro und Cent niederschlagen.
Sieben Monate vor dem Weltgipfel von Johannesburg müssen wir uns fragen, wie wir eine solche Energiewende auch für Länder wie Ägypten, Marokko, Äthiopien, Nepal, Myanmar, den Jemen und Bolivien erreichbar machen. Aber mit der von uns eingeleiteten Energiewende sind wir auf dem Weg, um globale Gerechtigkeit in der Energieversorgung zu realisieren.
Wir sind uns wohl alle über das Ziel einig:
Wir wollen eine ressourcenschonende, effiziente und flexible Energieversorgung, die von der Bevölkerung akzeptiert wird und dazu beiträgt, den schon begonnenen Klimawandel abzumildern.
Im Prinzip geht es darum, ineffiziente CO2- und Atommüll-Produzenten durch effiziente Energieumwandlung zu ersetzen. Es geht darum, das große Potential des Energiesparens zu nutzen.
Die Irrtümer der alten Energiepolitik
Die Energiewende ist geprägt davon, dass in einem Zeitraum von 20 Jahren der Ausstieg aus dem Atom ebenso organisiert wird, wie der Aufbau einer Kapazität von gut 20 % Erneuerbarer Energie an der Stromversorgung, verbunden mit einer Strategie der Effizienzsteigerung bei der Energieumwandlung wie beim Verbrauch.
Dabei sind Irrtümer zu überwinden.
Irrtum 1: Atomausstieg und Klimaschutz gehen nicht zusammen
Auf diesen Gedanken kann nur kommen, wem als Alternative zu den ineffizienten Atomkraftwerken nichts besseres einfällt als sie durch veraltete Kohlekraftwerke zu ersetzen. Nachdenklich sollte auch stimmen, dass ein Staat mit mehr als 100 Atomkraftwerken ein Viertel aller CO2-Emissionen der Welt zu verantworten hat - die USA.
Wer hingegen - womit die Bundesregierung begonnen hat - die Rahmenbedingungen dafür schafft, dass Effizienzpotenziale z. B. bei der Kraft-Wärme-Kopplung oder im Baubereich genutzt werden, dass die Verschleuderung von Energie durch Leitungsverluste und Uralt-Technik beendet wird, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien forciert wird, muss zu einem diametral anderen Ergebnis kommen: Der Atomausstieg ist das Schwungrad, die technologische Effizienzrevolution und damit Energiewende und Klimaschutz voranzubringen.
Irrtum 2: Versorgungssicherheit ist nur mit einem nationalen Kohle-Sockel gewährleistet
Auch die deutschen Kohlevorräte sind endlich. Zur Versorgungssicherheit können Sie höchstens noch für eine kurze Übergangsphase beitragen. Versorgungssicherheit gibt es auf Dauer nur, wenn wir zu einer wirklich nachhaltigen Energieversorgung kommen.
Der Schlüssel zur Versorgungssicherheit liegt allerdings darin, die Energieerzeugung langfristig ressourcenneutral und das heißt regenerativ zu gestalten. Und es ist auch ein Irrtum, dass dies wegen der Lastschwankungen und der unterschiedlichen Verfügbarkeit der Erneuerbaren nicht möglich wäre. Schon heute kann und wird Biomasse in den Bereichen eingesetzt, die die Stromversorger Grundlast nennen. Auch die Geothermie ist dazu in der Lage.
Es trifft auch nicht zu, dass die Erneuerbaren sich nur durch Subventionierung am Markt halten. Richtig ist vielmehr, dass sie schon heute nur noch in geringem Maße durch Umlage gefördert werden. Rechnen wir die in diesem Sinne für erneuerbare Energien gezahlte Vergütung auf die gesamte Stromproduktion um, dann liegen wir nur noch bei einer Erhöhung um 0,2 ct pro kwh im Jahre 2001. Die Steinkohle wird -als echte Subvention - mit 0,5 ct pro kwh gefördert.
Irrtum 3: Grundlast muss durch Grundlast ersetzt werden
Atomkraftwerke sind nicht flexibel. Man kann sie nicht mal eben rauf- oder runterfahren, weil gerade mehr oder weniger Energie gebraucht wird. Deshalb ist auch der Ansatz der KOM ein Widerspruch in sich; die von uns sehr begrüßte Ausbauregelung für Erneuerbare Energien wird konterkariert durch das Festhalten an der Atomenergie.
Frau de Palacio übersieht die strukturelle Starrheit der Atomtechnologie, die einen verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien verhindert. Atomkraft und Erneuerbare konkurrieren miteinander, sie ergänzen sich aber nicht. Wer an der Atomenergie festhält, wird die gesamte Infrastruktur an die technischen Begrenzungen der sog. Grundlast anpassen müssen.
Um deutlich zu machen, was das heißt: Eines der größten Probleme, vor dem derzeit die Planer von Offshore-Windparks stehen, ist die Tatsache, dass die mit ihnen um Netzkapazität konkurrierenden Atomkraftwerke - die nach derzeitiger Philosophie wegen ihrer kontinuierlichen Stromerzeugung für die sog. Grundlast gebraucht werden - gerade eine flexiblere Netzsteuerung verhindern, weil sie auf Angebotsschwankungen aus dem Windbereich nicht flexibel genug durch Zurückfahren reagieren können.
Dass das real und nicht utopisch ist, sehen wir bereits in den norddeutschen Bundesländern. In Schleswig-Holstein etwa kann schon jetzt 28 % des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gedeckt werden (in Mecklenburg-Vorpommern 21 und in Niedersachsen 10 %).
Es ist daher zukunftsweisend, sich gedanklich von dem Begriff "Grundlast" zugunsten einer flexiblen, modernen Versorgungsstruktur zu verabschieden, die just-in-time ausreichend Energie zur Verfügung stellt!
Wir werden durch die Kombination von EEG - Priorität für erneuerbare Energien und AtG - Übertragbarkeit von Reststrommengen eine andere energiepolitische Landkarte bekommen. In Schleswig-Holstein wird die Hauptstrommenge künftig von den Erneuerbaren erbracht werden, flexible und effiziente Gaskraftwerke und Biomasseanlagen werden sie unterstützen.
Mecklenburg-Vorpommern (21 % des Stroms aus Windenergie) und Niedersachsen (10 %) haben durch ihre Möglichkeiten der Offshore-Nutzung ebenfalls gute Chancen, zu solchen Vorreiter-Regionen zu werden.
Irrtum 4: Zentrale Energieumwandlung - dezentraler Verbrauch
Die Energiestruktur von morgen wird eine dezentralere sein, mit kleinen Blockheizkraftwerken, Brennstoffzellen und Erneuerbaren Quellen. Die Trennung zwischen Umwandlung und Verbrauch wird schwinden. Konsumenten werden Produzenten sein. Wer ein Niedrigenergiehaus mit einer gut gewarteten Fotovoltaikanlage hat, kann sogar Nettoeinspeiser werden und an seinem Haus verdienen.
Ziele für die Zukunft
Mit unseren CO2-Emissionen von 8 Tonnen pro Kopf und Jahr liegen wir Europäer zwar weit unter den Amerikanern (20,5 Tonnen), aber weit über dem weltweiten pro-Kopf-Anteil von 3,8 Tonnen. Da die Erde ein endlicher Lebensraum ist und die sozialen und wirtschaftlichen Menschenrechte für alle Menschen gleich gelten, müssen wir einen gleichen pro-Kopf-Anteil weltweit anstreben.
Weltmeister beim Klimaschutz
Deutschland hat mit über 180 Mio. t CO2 (Äquivalente) so viel Treibhausgase eingespart wie kein anderes Land der Erde. Selbst nach Abzug der - übrigens mit viel Staatsschulden und Arbeitslosigkeit bezahlten - wall-fall-profits hat es mit gut 100 Mio. t ungefähr soviel eingespart wie die ganze EU (unter Einschluss Deutschlands).
Die mit dem nationalen Klimaschutzprogramm und der Energiewende eingeleiteten Maßnahmen zeigen Wirkung. Als die jetzige Regierung antrat, lagen die CO2-Emissionen der privaten Haushalte bei 7,7 % über 1990. Jetzt liegen sie 11,5 % unter diesem Niveau - ein Minus von 18 Prozentpunkten in vier Jahren.
Ziele der Energiewende
Wir wollen dabei nicht stehen bleiben. Die Bundesrepublik hat sich zu einer nachhaltigeren Energiepolitik verpflichtet. Auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung wollen wir uns auf eine Strategie der Nachhaltigkeit festlegen:
- Halbierung der Energieintensität bis 2020 gegenüber 1990
- Bis 2010: Minderung der Kyoto-Gas-Emissionen um 21%
- Erhöhung des Anteils der erneuerbaren Energien am Primärenergieverbrauch auf 4,2% und am Stromverbrauch auf 12,5% bis 2010 gegenüber 2000 (Verdoppelung bis 2010)
In der Folge ist eine Herausforderung bis zum Jahre 2050 die Hälfte der Energie aus Erneuerbaren Quellen zu beziehen. Das setzt gewaltige Anstrengungen voraus - etwa beim Ausbau der Windenergie - vor allem Off-Shore. Deren Anteil muss dann bis 2030 25 % des Stromes von 1998 erzeugen.
Erneuerung in einem Markt mit Überkapazitäten
Was also ist zu tun? In den nächsten 20 Jahren werden Kraftwerke mit einer Leistung von 40.000 bis 60.000 Megawatt vom Netz gehen - schlicht aus Überalterung (incl. 19 AKW). Das Ziel ist, Energie grundsätzlich effizienter zu nutzen und einen Teil sogar ganz einzusparen. Aber wir müssen auch neue Anlagen bauen, um Energie zu erzeugen. Die Frage ist also: welche?
Die Instrumente unser Energiepolitik von EEG über das Markteinreizprogramm bis zum KWK-Gesetz zielen darauf, in einem von Überkapazität geprägten Markt neue Kapazitäten zu bringen, um so einen möglichst frühen technologischen Wandel herbeizuführen und dabei Altanlagen - wie Atomkraftwerke - frühzeitiger vom Markt zu nehmen.
Ausbau der Erneuerbaren
Mit intelligent zugeschnittener Förderung könnte die Kollektorfläche von derzeit 4,3 Mio. qm auf 10 Mio. qm im Jahr 2010 gesteigert werden. 800 Mio. qm Dachfläche wären in Deutschland für Solarkollektoren und Fotovoltaik geeignet. Für Fotovoltaik können darüber hinaus auch Fassaden genutzt werden.
Aber die Zeiten sind vorbei, in denen sich nur ein paar umweltbewusste Studienräte einen Sonnenkollektor aufs Dach ihres Einfamilienhauses montieren ließen und man deshalb mit dieser improvisierten Hobbylösung klar kam. Wir müssen schnellstens eine wirklich große Produktion für Solarsilizium aufbauen.
Wir beginnen jetzt, das Offshore-Potential zu nutzen. Das Interesse ist groß. Es wurden bereits 22 Anträge für die Ausschließliche Wirtschaftszone der Nordsee und sieben Anträge für Offshore-Windparks in der Ostsee eingereicht. Die beantragte Leistung nach dem Endausbau beträgt für alle 29 Windparks 63.100 Megawatt. Was vor kurzem noch Vision war, nimmt bereits sehr konkrete Züge an.
Mehr Effizienz
Wir werden uns nicht auf nur eine Energieart beschränken können. Neben den noch längst nicht ausgeschöpften erneuerbaren Energien brauchen wir weiter auch fossile Energien. Wir werden für Jahrzehnte Übergangstechnologien brauchen. Allerdings müssen die Anlagen zur Energieumwandlung sehr viel effizienter werden. Zur Zeit gehen bei uns 58 % der Energie beim Umwandlungsprozess verloren. Obwohl es inzwischen moderne Gas- und Dampf-Kraftwerke mit Wirkungsgraden von weit über 70 % gibt. Die wir sogar in Deutschland produzieren und nach Kalifornien exportieren.
Wir brauchen außerdem moderne Gaskraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung. Die clean-coal-Technologie macht es auch möglich, Kohle weiter einzusetzen - und trotzdem unsere Klimaschutzziele zu erreichen.
Zukunftstechniken
Den Energiemix von morgen wird neben effizienterer Umwandlungstechniken eine Verschiebung unter den Energieträgern auszeichnen.
Erdgas ist eine klimaschutzpolitisch sinnvolle Übergangslösung. Wir könnten in vielen Bereichen Strom durch Erdgas substituieren. Zum Heizen, zum Kühlen. Das Geld jedenfalls, das wir zur Zeit in den Aufbau einer Infrastruktur für Erdgas einsetzen, wird uns noch nach der Erdgasära nutzen. Denn die Infrastruktur ist auch für reinen Wasserstoff geeignet.
Mit der Brennstoffzelle steht eine neue effiziente Energieumwandlungstechnologie kurz vor dem Durchbruch, die sowohl fossile Rohstoffe, vor allem Erdgas, aber naturgemäß eben auch regenerativ erzeugtes Methan und auch reinen Wasserstoff verwenden kann.
Als gut speicherbarer Energieträger gehört dem Energieträger Wasserstoff sicher die Zukunft. Allerdings muss er unter Einsatz erneuerbarer Energien produziert werden. Es ist durchaus denkbar, dass Brennstoffzellen in Gebäuden einmal ihren Überschussstrom in das Elektrizitätsnetz einspeisen. Auch sie würden Teil des virtuellen Kraftwerks, das ich vorhin schon im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien erwähnte.
Erdwärme steht im Prinzip weltweit ausreichend zur Verfügung und zwar beständiger als Sonnenenergie oder Wind. Sie wäre damit eine gute und verlässliche Komponente im Energiemix der Zukunft.
Ein globaler Markt für eine nachhaltige Energiepolitik
Dabei werden die erneuerbaren Energien eine immer tragendere Rolle spielen. Diesen Prozess bei uns rasch zu bewerkstelligen, ist die Voraussetzung dafür, dass auch in den Ländern des Südens eine Energiewende möglich wird. Es besteht ein globales Interesse daran, dass Industrieländer wie die Bundesrepublik den Einstieg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien forcieren.
Was wir bisher dort aufzubauen helfen, ist oft ungeeignet, teilweise kontraproduktiv. Unser zentralistisches Kraftwerks- und Netzsystem ist selbst in Deutschland mit seinen 230 Einwohnern pro qkm fragwürdig - in Bolivien mit einer Bevölkerungsdichte von 6 Einwohnern pro qkm ist es eine Fata Morgana. Die Konsequenz: Die Städte im Süden werden von großen Energiekonzernen an die fossile Energiekette gelegt und dafür mit Licht und Strom belohnt. Die Menschen auf dem Land bleiben von Energie, von Strom und damit von Bildungsmöglichkeiten, von Informationen und von Produktionsmöglichkeiten abgeschnitten.
Das Verhältnis der Ausgaben für Energieimporte zu den Exporteinnahmen verschlechtert sich im Süden von Jahr zu Jahr, in Brasilien von 1960 bis 1985 von 11% auf 37 %, in Syrien von 16 % auf 76 %.
Deshalb geht es bei der Förderung der Fotovoltaik nicht nur darum, dass wir Deutschen unsere Klimaziele erreichen. Sondern es geht darum, die Fotovoltaik weltweit konkurrenzfähig zu machen. Eine preisgünstige Siliziumproduktion aufzubauen, hier - aber auch in Ländern beiderseits des Äquators.
Wenn wir Deutschen nun aber zügig die erneuerbaren Energien über die Massenproduktion so verbilligen, die Fotovoltaik beispielsweise um die Hälfte, dann würde sie im Süden konkurrenzfähig. Sie wäre konkurrenzfähiger als die vielfach maroden Kraftwerke in den Städten. Auch kein Dieselgenerator auf dem Land wäre billiger. Wenn die sog. Entwicklungsländer, statt unsere Fehlentwicklung nachzumachen, mit uns direkt ins Zeitalter der erneuerbaren Energien einsteigen könnten, fiele es ihnen sogar wesentlich leichter, nicht nur Schulden, sondern auch Bildung, Krankenversorgung und eine Infrastruktur für Wasser zu bezahlen.
Aber dafür brauchen wir Massenproduktion für die erneuerbaren Energien - und die erreichen wir nur durch den Ausstieg aus der Atomkraft.
Es gelingt uns nur , wenn wir die Instrumente zur Gewinnung erneuerbarer Energien durch Massenproduktion derart verbilligen, dass sie auf einem tendenziell selbsttragenden Markt national wie international konkurrenzfähig werden.
Die Energiewende ist eine Chance für Wirtschaft und Arbeitsplätze
Klimaschutz und Atomausstieg schaffen neue Arbeitsplätze.
Die erneuerbaren Energien sind bereits heute eine Jobmaschine. Hier arbeiten bereits 100.000 Menschen in dieser Branche. Einem Vergleich mit der Atomindustrie hält sie locker stand.
Meine Amtsvorgängerin hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, wie sich der Arbeitsmarkt in Deutschland ändert, wenn wir bis 2020 40 % unserer CO2-Emissionen einsparen. Leider ist Frau Merkel nicht davon ausgegangen, dass in diesem Zeitraum auch alle Atomkraftwerke stillgelegt sein werden und entsprechende Alternativen vorliegen müssen. Dies hat natürlich Konsequenzen - sowohl für die Maßnahmen zur Erlangung des Klimaziels wie für die Zahl der wegfallenden Arbeitsplätze. Ich habe es den Gutachtern von prognos also schwerer gemacht. Ich habe Frau Merkels Gutachten-Auftrag geändert. Das Ergebnis:
Mit Ausstieg und Klimawende werden bis 2020 netto 194 000 neue Arbeitsplätze in Deutschland entstehen.
Wir wollen den Aufbruch in die energiepolitische Zukunft. Wir machen Energiepolitik aus einem Guss. Erneuerbare Energien, mehr Energieeffizienz, Energieeinsparung und der Atomausstieg sind die Ecksteine einer verantwortungsvollen und zukunftsfähigen Energiepolitik.
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