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Archiv 14. Legislaturperiode
Bundesumweltminister Jürgen Trittin
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Titel: Das Zukunftsinvestitionsprogramm
- Untertitel: Neuer Forschungsschwerpunkt des BMU zu Erneuerbaren Energien
- Redner/in: Herr Minister Trittin
- Anlass: Fachtagung zu aktuellen F u E - Schwerpunkten des BMU im Bereich "Umwelt und Erneuerbare Energien" am 04. Februar 2002
- Datum/Ort: 04.02.2002, Berlin
Es gilt das gesprochene Wort
Anrede,
wir haben Sie heute eingeladen, um Ihnen die vom BMU im Rahmen des ZIP-Programmes und unseres Umweltforschungsplans initiierten Forschungs- und Entwicklungsprojekte aus dem Bereich Erneuerbare Energien vorzustellen und mit Ihnen darüber zu diskutieren.
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Entwicklung der Energienutzung unterscheidet zwei aufeinanderfolgende historische Phasen. Heute befinden wir uns am Beginn einer neuen, einer dritten Phase.
Bis weit in das 18. Jahrhundert lebten die Menschen in einer ersten solaren Zivilisation. Ausschließlich Erneuerbare Energien wurden genutzt: Holz zum Kochen, zum Heizen und für die Brennöfen der Manufakturen. Wind trieb die Kornmühlen an und die Segelschiffe auf Flüssen
und Meeren. Wasserkraft diente der Flößerei und den Sägewerken.
Zuletzt lebte eine Milliarde Menschen in dieser ersten solaren Zivilisation. Sie richteten ihr Verhalten nach dem zeitlich und örtlich veränderlichen Energieangebot der Sonne und ihrer Sekundärprodukte. Ihr technisches Wissen um die Energiewandler - wie Wasserräder, Dämme
und Wehre, Segel für Windmühlenräder und Segelschiffe - war der Schlüssel ihrer Existenz.
Dies änderte sich, als die fossile Energieära und mit ihr die Industrialisierung begann. Im England des 18. Jahrhunderts wurde erstmals Kohle industriell geschürft. Das Erbohren von Erdöl und Erdgas folgte im 19. und 20. Jahrhundert. Und es ist erst fünfzig Jahre her, dass die bergmännische Gewinnung von Uran begann. Das Energiesystem änderte sich radikal:Erstmals trat Erschöpflichkeit an die Stelle von Erneuerbarkeit. Die Bereitstellung von Energie bedeutete fortan Energieumwandlung und zusätzlich Stoffumwandlung, mit allen umwelt- und klimaökologischen Konsequenzen. Die fossil-nukleare Energieära kann deshalb nicht ewig dauern.
Bislang wird der Löwenanteil der geförderten Energierohstoffe von den Industrieländern verbraucht. Hier lebt mit 1,5 Milliarden Menschen aber nur der kleinere Teil der Menschheit. Die Entwicklungsländer werden im Zuge ihrer Industrialisierung den größeren Anteil
beanspruchen. In ihnen leben heute 4,5 Milliarden Menschen. Acht, vielleicht zehn Milliarden werdenes einmal 2050 sein.
Lange, bevor die fossilen Energieressourcen erschöpft sein werden, könnte es zu Verteilungskämpfen kommen: Mehr als zwei Drittel aller Erdölvorräte lagern im Nahen Osten. 45Prozent der Erdgasvorkommen in Ländern der GUS. Auch die wirklich großen Kohlevorkommen
lassen sich an den Fingern abzählen - Australien, China, GUS, Nordamerika, Südafrika;Europa kommt in dieser Aufzählung nicht vor.
Noch bevor diese Ressourcen knapp werden, droht uns der Klimawandel. Die atmosphärische Mitteltemperatur nimmt derzeit um ein Zehntel Grad pro Jahrzehnt zu. Klimaänderungen beeinflussen Niederschlagsmengen und Niederschlagshäufigkeit und damit die Nahrungsmittelproduktion. Der ansteigende Meeresspiegel bedroht die Siedlungsflächen von derzeit einer Milliarde Menschen. Migrationsströme ungekannten Ausmaßes wären die Folgen. Schon heute gibt es mehr Umweltflüchtlinge als Kriegsflüchtlinge.
Vieles spricht dafür, dass der fossil-nuklearen Energieära ein zweites solares Zeitalter folgen wird. Es wird hoch technisiert sein. Erneuerbare Energiequellen sind ein wichtiger Bestandteil des Zukunftsinvestitionsprogramms der Bundesregierung.
Im Zukunftsinvestitionsprogramm des BMU stehen von 2001 bis 2003 insgesamt rd. 30 Mio € zur Verfügung: Für solarthermische Kraftwerke, geothermische Stromerzeugung sowie ökologische Begleitforschung in den Sparten Windenergienutzung auf See, Biomassenutzung und
Brennstoffzellen.
Es wurden rd. 50 Projektvorschläge in Höhe von insgesamt über 130 Mio. DM eingereicht. Das BMU mit UBA, BfN und den Projektträgern (Kreditanstalt für Wiederaufbau für den Bereich solarthermische Stromerzeugung, Projektträger Jülich für die übrigen
Vorhaben) hat rund 20 Projekte ausgewählt. Leider konnten wir hier bei weitem nicht alle sinnvollen Anträge und auch nicht alle förderungswürdigen Antragsteller berücksichtigen.
Auch außerhalb des ZIP-Programms: Die Bundesregierung fördert die nichtnukleare Energieforschung, um die Entwicklung neuer Techniken und Verfahren zu beschleunigen. Das stärkt den Klimaschutz und den Technologiestandort Deutschland.
Wir haben im Zeitraum von 1998 bis 2001 an Projektfördermitteln rund 489 Mio. € und für die institutionelle Förderung rund 208 Mio. € aufgewandt. Wir haben die Entwicklung effizienter Techniken und Verfahren zur Nutzung Erneuerbarer Energien, Erhöhung der Energieproduktivität zum rationellen Energieeinsatz sowie fortschrittliche Kraftwerkskonzepte mit hohen Wirkungsgraden gefördert. Die Erneuerbaren Energien sind deshalb so wichtig für uns, weil sie ein wirksamer Klimaschutz sind, die Wirtschaft ankurbeln und gleichzeitig Arbeitsplätzeschaffen.
Ich erinnere nur an die investive Expansion der Windbranche in den letzten Jahren. Wir hatten 2001 mit 2.660 MW neu installierten Windkraft ein neues Rekordjahr. Insgesamt sind damit bis Ende 20018.750 MW Windkraftleistung in Deutschland installiert. Diese liefern 16 Terrawattstunden Strom pro Jahr, mit denen 13 Mio t CO2 eingespart werden. Aber die Bundesregierung möchte mehr:
- Die Verdopplung Erneuerbarer Energien am Stromverbrauch von rund 6,3 im Jahr 2000 auf mindestens 12,5 % im Jahr 2010,
- Die Verdopplung des Anteils am gesamten Primärenergieverbrauch von rund 2,1 % im Jahr 2000 auf mindestens 4,2 % im Jahr 2010.
Das BMU will erreichen, dass 2050 die Hälfte der Primärenergie mit Erneuerbaren Energien gewonnen wird. Bei einem so forcierten Ausbau gewinnen Fragen der ökologischen Verträglichkeit eine größere Bedeutung. Das BMU Forschungsprogramm widmet sich verstärkt diesen Fragen. Damit werden sich heute die beiden ersten Vorträge als übergreifende und Querschnittsvorhaben beschäftigen.
Meine Damen und Herren,
das Worldwatch-Institut bescheinigt der Bundesregierung, mit ihrer Politik auf dem Weg zur Einhaltung der im Kyoto-Protokoll vereinbarten Ziele international mit gutem Beispiel voranzugehen. Ich teile die Einschätzung des Worldwatch-Instituts, dass die Klimaschutzziele am wirksamsten mit einem
Instrumentenbündel erreicht werden können - insbesondere auch durch klare,wirtschaftlich orientierte Maßnahmen, die innovationsfreudige Unternehmen belohnen und die Stellung deutscher Firmen auf dem Weltmarkt stärken.
Die Bundesregierung hat mit ihrer aktiven Klimaschutzpolitik schon wichtige Meilensteine erreicht: Wir haben bis 2001 eine Minderung der 6 Kyoto- Klimagase von ca. 18 Prozent gegenüber 1990 erreicht. Dank einer Vielzahl konsequenter Maßnahmen - wie dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, dem 100.000 Dächer Photovoltaik-Programm, dem Markteinführungsprogramm für Erneuerbare Energien und der Biomasse-Verordnung - haben wir den Erneuerbaren Energien zum Durchbruch verholfen. Deutschland ist mittlerweile zum Windenergieweltmeister geworden. Allein im Bereich der Erneuerbaren Energien sind bereits rd. 100.000 Menschen in Deutschland beschäftigt, davon 35.000 im Windbereich. Da liegen noch bedeutende Reserven für die Zukunft.
Meine Damen und Herren,
wir brauchen alle Sparten der Erneuerbaren Energien. Der Entwicklungsstand ist auf der Zeitachse unterschiedlich. Keinesfalls dürfen aber deshalb Erneuerbare Energien gegeneinander ausgespieltwerden. Gleichwohl wissen wir, dass vor dem Hintergrund der Wirkung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes
in Deutschland derzeit vor allem die Windkraft und zunehmend auch die Biomasse kräftig zulegen. Trotzdem müssen wir auch die Sparten der Erneuerbaren Energien voranbringen, die derzeit noch kleine Beiträge liefern, damit sie in die Lage versetzt werden, später entsprechend
große Potentiale zu erschließen.
Vorreiter - Branche ist die Windenergie in Deutschland. Neben den Landstandorten müssen auch die Seestandorte erschlossen werden.
Das BMU hat federführend für die Bundesregierung eine Strategie zur Windenergienutzung auf See bearbeitet. Danach ist es möglich, dass bis etwa 2025/2030 zwischen 20.000 und 25.000 MW Windenergieleistung auf dem Meer errichtet werden könnten. Das entspricht 85 Terawattstunden.
Das wiederum sind 15 % der Stromerzeugung. Insgesamt - an Land und auf See - können wir damit bis 20025/20030 allein mit der Windenergie in Deutschland rd. ¼ des Strombedarfs decken.
Und vielleicht gelingt es uns noch in diesem Jahr in Deutschland aus geothermischer Energie Strom zu gewinnen. Die im Erdinnern gespeicherte Energie, hauptsächlich eine Folge des kontinuierlichen Isotopenzerfalles, ist unerschöpflich. Weder von Tages- noch von Jahreszeiten abhängig,
kann daraus Grundlaststrom produziert werden, der rund ein Viertel des derzeitigen deutschen Strombedarfes weitgehend emissionsfrei substituieren könnte. Aus geothermischer Energie lässt sich neben Strom auch Nutzwärme und in besonders effizienten Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen
auch beides gleichzeitig gewinnen.
Besonders betonen möchte ich die solarthermische Stromgewinnung. Mit Parabolrinnenkraftwerken, Solarturmkraftwerken und Solarschüsselanlagen fördert das BMU Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im Bereich der solarthermischen Kraftwerke. Diese Technologie gewinnt besondere Bedeutung
für den globalen Klimaschutz im Hinblick auf die flexiblen Instrumente des Kyoto-Protokolls. Obwohl solche Anlagen nur in südlichen Ländern realisiert werden, zählen heimische Firmen als auch Forschungsinstitute global zur Spitze in diesem bislang noch wenig realisierten Bereich
Erneuerbarer Energien. Diese Spitzenstellung wollen wir mit dem ZIP-Programm weiter ausbauen.
Auch die Energiewandlung mittels Brennstoffzellen im stationären und mobilen Bereich ist eine vielversprechende Arbeitsrichtung, wobei besonders im mobilen Bereich noch viel zu tun ist. Brennstoffzellen weisen im Vergleich zu konventionellen Verbrennungsaggregaten höhere elektrische Wirkungsgrade bei geringeren Emissionen auf. Zudem ermöglicht das günstige Teillastverhalten und die modulare Bauweise eine große Bandbreite von Einsatzbereichen von der Laptopversorgung bis hin zu Kraftwerken im Megawattbereich. Durch vernetzte, dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungs-Anwendungen im Gebäudesektor bietet sich darüber hinaus die Möglichkeit zum Betrieb sogenannter virtueller Kraftwerke. Brennstoffzellen können mit unterschiedlichen Brennstoffen betrieben werden. Sie eignen sich besonders gut für einen fließenden Übergang von fossilen zu erneuerbaren Brennstoffen. Damit bilden sie einen wichtigen Baustein auf dem Weg zu einer nachhaltigen Energieversorgung.
Meine Damen und Herren,
bisherige praktische Erfahrungen zeigen, dass trotz vergleichsweise günstiger ökonomischer Rahmenbedingungen viele Ansätze zur Umsetzung regenerativer Energieprojekte bereits in einer sehr frühen Phase scheitern. Diese aus Sicht einer schnellen und kostengünstigen Umsetzung
der politischen Zielvorgaben unerwünschte Situation ist unter anderem auf die vielen Hürden im Bereich der gesamten Projektentwicklung und sehr komplexen Zusammenhänge bei der Entwicklung von regenerativen Energieprojekten zurückzuführen.
Von der heutigen Fachtagung zur Forschung, Entwicklung und Nutzung Erneuerbarer Energien erhoffe und erwarte ich neue Impulse für deren weitere Entwicklung.
Ich werde mich weiterhin mit aller Kraft dafür einsetzen, dass die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten des BMU im Bereich Erneuerbare Energien auch über das Jahr 2003 hinaus in derjetzigen Größenordnung fortgesetzt werden können.
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