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Archiv 14. Legislaturperiode
Bundesumweltminister Jürgen Trittin
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Titel: Genuss und Vernunft
- Untertitel: Für einen naturverträglichen Tourismus
- Redner/in: Bundesumweltminister Jürgen Trittin
- Anlass: Eröffnung des 12. Reisepavillons
- Datum/Ort: 18.01.2002, Hannover
Sehr geehrter Herr Frangialli,
sehr geehrte Frau Professor Müller,
liebe Anke Biedenkapp,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
der Tourismus ist wie Feuer: Man kann seine Suppe damit kochen, man kann aber auch sein Haus damit abbrennen!
Tourismus kann eine Chance für die ökonomische, soziale und ökologische Entwicklung einer Region sein - wenn sich alle der Risiken des Tourismus bewusst sind.
Eines der beliebtesten Urlaubsziele für Deutsche ist die Insel Mallorca. Zwischen 1960 und 1999 stieg dort die Zahl der Touristen von jährlich 360.000 auf neun Millionen. Heute haben die Balearen das höchste Pro-Kopf-Einkommen der iberischen Halbinsel. Der Tourismus hat Wohlstand gebracht. Viele andere Länder des Südens sehen darin den Königsweg.
Aber die Besucher brachten nicht nur Einkommen und Wohlstand, sondern wie jeder Massentourismus Probleme: Mallorca hat nicht nur andauernde Süßwasserprobleme. Der Strand in Mallorca verliert Sand. Die Insel ist jedoch vor allem wegen ihres Strands so beliebt. Die Insel investiert deshalb Millionen, um außerhalb der Saison Sand in den Buchten aufzuschütten. Eine Sisyphosarbeit, bei der ein großer Teil der Einnahmen wieder dahinschwindet.
Die Nachbarinsel Menorca dagegen hat sich entschlossen, von vornherein Genuss und Vernunft zusammen zu bringen. Menorca hat erfolgreich die Anerkennung als Biosphärenreservat beantragt. Menorca ist heute ein von der UNESCO anerkanntes Großschutzgebiet. Die Beschränkung des Tourismus ist zugleich die Chance für eine nachhaltige touristische Entwicklung.
Das Jahr 2002 soll 10 Jahre nach dem Erdgipfel von Rio die Wende zu einer weltweit nachhaltigen Entwicklung einleiten. Ein Baustein dieser neuen Erdpolitik ist das Jahr des Internationalen Ökotourismus, das wir in Deutschland mit dem Reisepavillon eröffnen.
Mehr als 250 Aussteller aus der ganzen Welt zeigen, dass umweltorientiertes Reisen kein Nischenprodukt mehr ist, sondern immer mehr Anhänger findet. Der "Marktplatz für anderes Reisen" hat außerdem eine wichtige Funktion als Wissensbörse für Fachleute und Reiselustige. Das Bundesumweltministerium nutzt den Reisepavillon für ein Symposium zum nachhaltigen Tourismus in Schutzgebieten. Denn Tourismus in Schutzgebieten - das ist kein Widerspruch in sich.
Nur Natur, die wir Menschen erleben können, lernen wir auch schätzen und schützen. Die Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes geht deshalb sogar noch einen Schritt weiter: Künftig kann auch dann ein Nationalpark ausgewiesen werden, wenn der angestrebte Zustand erst noch entwickelt werden muss.
Manche lehnen die Ausweisung eines Großschutzgebietes ab, weil sie Nutzungseinschränkungen fürchten. Das Gegenteil ist der Fall. Beispiel: Menorca. Beispiel: Nationalpark Bayerischer Wald. Dorthin kommen pro Jahr zwischen 1 und 1,2 Millionen Besucher. Allein im Landkreis Freyung arbeiten 33.000 Menschen im Tourismus, davon 8.000 ganztags.
Wer reist, kauft ein. Geschenke - für sich und andere. Im Bayerischen Wald kaufen Urlauber allein für jährlich bis zu 35 Mio. Euro Glasprodukte. Rechnen Sie das um auf Arbeitsplätze! Für einige Glasfabriken ist der Direktverkauf zur wichtigsten Einnahmequelle geworden. Bei einer Umfrage unter Urlaubern gaben 31 Prozent an, dass sie nur wegen des Nationalparks gekommen seien. Für weitere 56 Prozent war der Nationalpark immerhin ein wichtiger Entscheidungsfaktor. Großschutzgebiete können also erheblich zur regionalen Entwicklung strukturschwacher Gebiete beitragen.
Der Tourismus in diese oft sensiblen Gebiete wird noch wachsen. Die Bundesregierung setzt sich deshalb seit Jahren dafür ein, im Rahmen des Übereinkommens über die Biologische Vielfalt international verbindliche Richtlinien für einen nachhaltigen Tourismus in sensiblen Gebieten zu verabschieden.
Im Juni 2001 haben wir auf einem internationalen Workshop einvernehmlich Richtlinien entworfen, die der Kommission für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen nun zur Diskussion vorliegen. Damit liegt eine konkrete Handlungsanweisung für die nachhaltige Entwicklung touristischer Infrastruktur auf dem Tisch. Empfohlen wird außerdem
- Demonstrationsprojekte zu initiieren,
- internationale Geberorganisationen für die Beachtung der Richtlinien zu gewinnen, und
- die Richtlinien auch auf andere, sog. nicht sensible Gebiete anzuwenden.
Das Bundesumweltministerium wird diese Empfehlung aufgreifen und die praktische Erprobung der Richtlinien in deutschen Großschutzgebieten unterstützen.
Wir haben bereits die "Europäische Charta für nachhaltigen Tourismus in Schutzgebieten" in zwei deutschen Naturparks umgesetzt: im Steinhuder Meer und im Frankenwald.
Wir erhöhen damit auch die Attraktivität unserer Großschutzgebiete für den Inlandstourismus. Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen. In den nächsten zehn Jahren wird die Zahl der Urlaubsreisen mit mehr als drei Übernachtungen voraussichtlich um 27 Prozent wachsen. Allerdings profitiert der Inlandstourismus davon wahrscheinlich wenig, hier vermutet man ein Wachstum von nur 10,5 Prozent. Fernreisen dagegen werden wahrscheinlich um 86 Prozent zunehmen.
Diese Zahlen sind eine Herausforderung für die Umweltpolitik.
Hier in Niedersachsen haben das die Grünen im Landtag erkannt. Sie haben zum Internationalen Jahr des Ökotourismus Initiativen gestartet zur Förderung des Reitens in der Natur, der Förderung naturverträglichen Mountainbike-Fahrens oder eines die Natur respektierenden Kletter- und Bergsports. Gerade die Möglichkeit, umweltgerecht Sport zu treiben, ist ein Hauptmotiv für Tourismus. Dem naturnahen Sport hat die Bundesregierung im neuen Bundesnaturschutzgesetzes erstmalig Anerkennung gezollt - leider wird dieser Fortschritt im Bundesrat immer noch - auch von der niedersächsischen Landesregierung blockiert. Wen wundert es?
Die Bundesregierung hat sich der Herausforderung des Tourismus auch auf andere Weise gestellt. Wir müssen es schaffen, die bestehenden Konsummuster - beim Urlaub möglichst kurz möglichst weit wegzufliegen etwa - im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu verändern. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Umweltdachmarke Viabono, die wir - nach Diskussionen über einen Zeitraum von zehn Jahren - im gerade zu Ende gegangenen Jahr auf den Weg gebracht haben.
Viabono ist ein Markenzeichen, das Maßstäbe in der Tourismusbranche insgesamt setzen könnte. Es könnte umweltorientiertes Reisen für breite Verbraucherschichten attraktiv machen. Es ist vor allem ein Zeichen für alle touristischen Dienstleistungen in Deutschland und bietet damit dem Verbraucher erstmals eine echte Orientierungshilfe.
Obwohl Viabono eine Umweltdachmarke ist, taucht das Wort "Umweltschutz" weder im Motto - "Reisen natürlich genießen", noch in Broschüren oder auf der Website auf. Sondern wir richten den Blick auf Qualität, Komfort, Erlebnis und Genuss. Denn das erhofft sich jeder von einem schönen Urlaub - und naturnaher Urlaub bietet genau das.
Empirische Untersuchungen haben belegt, dass das Thema Umwelt im Zusammenhang mit Reisen bei den Verbrauchern jedoch eher negativ besetzt ist. Noch immer wird umweltorientiertes Reisen von vielen vor allem mit Verzicht auf individuelle Freiheit, Komfort und Spaß in Verbindung gebracht.
Das ist natürlich Unsinn. Viabono soll zeigen, dass individuelle Wünsche und Umweltansprüche gut zueinander passen. Wir haben mit diesem Konzept die rund 20 beteiligten Umwelt-, Tourismus-, Verbraucher- und Kommunalverbände überzeugen können. Es gibt auch bereits Lizenznehmer.
Ich finde es interessant, dass der Begriff "Umwelt" im Zusammenhang mit Reisen eher negativ besetzt ist - während der Begriff "Natur" sehr positiv aufgenommen wird. Ein Teilnehmer der Studie hat es auf den Punkt gebracht: "Natur ist Idylle, Umwelt ist Realität."
Aber ohne intakte Umwelt gibt es keine idyllische Natur. Wir sollten das Internationale Jahr des Ökotourismus nutzen, um das klar zu machen. Auch der Reisepavillon wird hierzu erneut seinen Beitrag leisten. Ich wünsche der Messe viel Erfolg.
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