• Titel: Wir haben erste konkrete Handlungsraster

  • Untertitel: Wasserversorgung und Entwicklung verbinden
  • Redner/in: Bundesumweltminister Jürgen Trittin
  • Anlass: Abschluss der Süßwasserkonferenz
  • Datum/Ort: 07.12.2001, Bonn

Es gilt das gesprochene Wort

Excellencies,
Ministers,
Heads of Agencies,
Colleagues,
Ladies and Gentlemen,

Erst einmal danke ich Ihnen, Frau Margaret Catley-Carlson, für den ausgezeichneten Bericht über die Handlungsempfehlungen ("Recommendations for Action"). Diese konkreten und praktischen Handlungsempfehlungen und die verabschiedete Ministererklärung bringen diese Konferenz zu einem sehr erfolgreichen Abschluss.

Wir haben jetzt erste konkrete Handlungsraster in der Hand. Je schneller und je besser wir sie nun jeder im eigenen Land umsetzen, desto glaubwürdiger können wir in Johannesburg auftreten. Ich hoffe, dass Sie den konstruktiven Geist, mit dem Sie hier verhandelt haben, mit nach Hause nehmen und Ihre Regierung, Ihr Unternehmen, Ihre NGO davon überzeugen, dass die hier vorgeschlagenen Verfahren langfristig allen nutzen. Vier besonders wesentliche Aspekte möchte ich herausheben:

  1. Effiziente Wasserbewirtschaftung ist der Schlüssel zu Armutsbekämpfung und nachhaltiger Entwicklung.
  2. Effiziente Wasserbewirtschaftung hängt wesentlich von good governance ab.
  3. Die sog. Kleine Lösung hat große Vorteile. Effiziente Wasserbewirtschaftung kann dezentral am besten gewährleistet werden. Denn die Menschen vor Ort haben das größte Interesse daran, dass Wasser langfristig fließt.
  4. Alle Betroffenen müssen beteiligt werden. Der Dialog zwischen Regierung und Privatunternehmen, zwischen Regierung und Verbänden ist außerordentlich wichtig. Kooperation und Partnerschaft zwischen der Regierung und den unterschiedlichen Gruppen der Zivilgesellschaft sind notwendige Vorrausetzung für eine nachhaltige Wasserbewirtschaftung. Vor allem müssen alle Zielgruppen, Männer und Frauen, einbezogen werden. Wenn für dieses integrierende Vorgehen eine Fortbildung von Mitarbeitern nötig ist, dann soll sie stattfinden. Effiziente Wasserversorgung kann man nicht am grünen Tisch planen. Und auch nicht über die Köpfe der Menschen hinweg. Sondern nur mit dem Detailwissen der Nutzer und Nutzerinnen.

Nur so können wir Fehler der Vergangenheit vermeiden.

Jeder Eingriff von außen verändert das soziale Gleich- oder Ungleichgewicht vor Ort. Das gilt ganz besonders für den Wassersektor. Wir müssen deshalb die Heterogenität der lokalen und regionalen Bevölkerung und die Verschiedenheit der Geschlechterrollen von vorn herein beachten. Wir müssen simulieren, ob die geplante Maßnahme die Ungleichheit eher vergrößert oder ob sie tatsächlich den bisher Benachteiligten kurz- und langfristig neue Chancen eröffnet.

Wasserprojekte sind, wenn sie richtig zugeschnitten werden, hervorragend geeignet, um Frauen und Mädchen freie Zeit für Bildung und auch Einkommensmöglichkeiten zu geben. Wichtig ist, dass dieser Prozess im Konsens mit der Bevölkerung durch Gleichstellungspolitik auch in anderen Bereichen flankiert wird. Beispielsweise im Land- und im Erbrecht.

Wasserprojekte enthalten die Chance, dass Frauen und Mädchen sich selbst eine öffentliche Rolle erobern.

Ich setze auf Ihr Engagement, dass wir bis zur Konferenz in Johannesburg und bis zum Weltwasserforum in Kyoto im Jahr 2003 ermutigende Beispiele für die Verbindung nachhaltiger Wasserbewirtschaftung und Frauen-empowerment präsentieren können.

Als Minister eines Industrielandes möchte ich aber auch über die Hausaufgaben sprechen, die diese globale Konferenz uns gestellt hat. Wir müssen unsere ökologischen Fußstapfen verringern, damit die 1,2 Milliarden Menschen im Süden, die an mangelhaftem Zugang zu Wasser leiden, Entwicklungschancen bekommen.

Wir hier im Norden müssen deshalb intensiv mit produzierenden Unternehmen, mit dem Handel und mit Marketingfirmen, mit Lokalen Agenden, Nichtregierungsorganisationen, Kirchen und Gewerkschaften zusammenarbeiten, um nachhaltige Konsummuster zu etablieren. Ein Beispiel: Baumwolle zu tragen ist gesund - aber es ist nicht gesund für die Erde, so viel Baumwolle zu produzieren, wie die Menschen im Norden als T-Shirts und Jeans im Schrank liegen haben wollen.

Es reicht nicht, mit großer Betroffenheit Filme über die Felder in Usbekistan und den immer kleiner werdenden Aralsee anzusehen. Wir müssen das Hobby, shoppen zu gehen, neu gestalten: Das schön gestaltete und hochwertige Unikat muss an die Stelle der Massen- und Wegwerfware treten. So erhalten wir Arbeitsplätze und unsere Lebensgrundlage: die Erde.

Wir alle werden nachher Bonn verlassen mit vielen Anregungen und Plänen im Kopf. Besonders freue ich mich, dass Nitin Desai die auf dieser Süßwasser-Konferenz praktizierte Art der Zusammenarbeit im Rahmen des Multi-Stake-Holder-Dialogs als Modell für die Vorbereitung des Weltgipfels in Johannesburg vorschlagen will. Allen Teilnehmern, die mit ihren Beiträgen diese Konferenz vorangebracht haben, danke ich herzlich.

Großer Dank gilt Ihnen, Herr Desai. Sie haben durch Ihre aktive Teilnahme dieser internationalen Vorbereitungskonferenz sehr viel Gewicht gegeben und sie enger in den UN-Vorbereitungsprozess einbezogen, als wir das hätten tun können. Herzlich danken möchte ich auch den Mitgliedern des Internationalen Steuerungskomitees, die uns vor und während der Konferenz kompetent unterstützt haben. Last but not least danke ich den Dolmetschern, die vor allem bei den Dialogsitzungen (dialogue sessions) eine lebendige und sehr belastbare Brücke zwischen den Teilnehmern waren. Ich wünsche Ihnen allen eine gute Heimreise und hoffe, dass wir uns in Johannesburg wiedersehen.

Lesen Sie hier die entsprechende Pressemitteilung vom 07.12.2001.